Interrail III 2+1

1.Teil

Österreich,

Warum um Himmels Willen 2+1? Es ist doch kein Baby unterwegs oder bereits geboren worden! Nein, aber mein lieber Mann hat die Reise „Interrailtour III“ genannt, weil er bereits vor langen Jahren, als er noch unter 20 und Single war, zweimal per Interrail unterwegs war. Ich dagegen bin noch ein Neuling, obwohl ich mit meinen gerade erlangten 60 Jahren nun schon zu den Senioren auf der Schiene gehöre und im Gegensatz zu ihm sogar ermäßigt reise. Damit dieser Bericht nun also auf uns beide passt, habe ich aus Stefans Interrail III, 2+1 gemacht, ich war ja schließlich auch dabei.

Wie kommen denn so Oldies wie wir eigentlich auf die Idee, per Interrail durch Europa zu fahren? Das sind doch eigentlich immer diese jungen Leute, die mit ihren Rucksäcken in den Sommermonaten auf den Bahnhöfen hängen oder nachts irgendwo auf den Sitzen schlafen, oder? Geht das denn überhaupt für Senioren und können die das überhaupt?

Ein klares „Ja“, die können das auch! Seit ein paar Jahren wird das Interrailticket auch für alle über 27-Jährigen angeboten, allerdings für einen höheren Preis. Man hat inzwischen auch viel mehr Auswahlmöglichkeiten, so kann man zwischen 1-3 Monatstickets wählen, mit dem Global Ticket nahezu alle Länder Europas bereisen, oder nur bestimmte Ländertickets erstehen, oder statt täglich zu fahren auswählen, dass man nur an einer bestimmten Anzahl von Tagen pro Monat fährt. Seit einiger Zeit spielten wir schon mit dem Gedanken, mal umweltfreundlicher zu reisen, aber ich muss zugeben, auch ich war in dem Gedanken gefangen, dass das eventuell nicht mehr die richtige Art zu reisen ist in unserem Alter. Außerdem lag uns der doch recht hohe Preis von 902€ pro Person für drei Monate in der zweiten Klasse auf dem Magen. Dann kam Corona und an eine derart intensive Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel nur zum Vergnügen war überhaupt nicht mehr zu denken.

Im Frühjahr diesen Jahres aber, als wir beide geimpft und geboostert waren und überall Lockerungen bei der Einreise beschlossen wurden, feierte gerade zur rechten Zeit das Interrailticket seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass brachte die Bahn für nur wenige Tage das super Angebot heraus, einen dreimonatigen Global Pass für den halben Preis anzubieten und durch Zufall stieß ich gerade noch rechtzeitig auf das Angebot. Wir brauchten nicht lange zu überlegen, wir griffen umgehend zu, und das nicht nur einmal, sondern wir bestellten für jeden von uns gleich zwei Dreimonatstickets. Da Corona aber immer noch nicht vorbei ist und wir uns wenigstens etwas sicherer sein wollten, nicht unbedingt in überfüllten Zugabteilen eng an eng sitzen zu müssen, wählten wir 1. Klasse Tickets. Wir waren zuvor erst einmal in der 1. Klasse gefahren und das war bei einer betrieblich bezahlten Reise. Niemals hatten wir uns diesen Luxus bisher gegönnt. Im Anbetracht der Coronasituation erschien uns das aber eine sinnvolle Lösung.

Nun begannen wir das Internet zu durchforsten nach interessanten Strecken, Möglichkeiten, auch in den teuren Ländern bezahlbare Übernachtungen zu finden, denn wir konnten uns nicht wirklich vorstellen, ganze Nächte mit Maske im gefüllten Abteil zu übernachten. Wir überlegten hin und her, wann wir den ersten Trip beginnen wollten und in welche Richtung. Ein paar Eckpunkte waren klar, und zwar hatten wir zwei Termine in Deutschland, zu denen wir noch einmal zwischenzeitlich nach Hause mussten, sowie eine Verabredung mit unseren amerikanischen Freunden in Frankreich, die eingebaut werden musste. Wir entschieden uns, mit Osteuropa anzufangen. Unser Plan war eigentlich, entweder über Ungarn, Serbien runter nach Griechenland zu fahren, oder in die Türkei. Wir lernten aber schnell, dass bei einer solchen Reise Flexibilität gefordert ist und nicht alles ganz so einfach ist, wie die Werbung der Bahn es verspricht. Aber dazu später. Jetzt geht es erst einmal los:

Donnerstag, 19.5.2022 Abfahrt nach Österreich

Heute war unser erster Tag Interrailreise. Am Morgen ging es los ab Zorneding mit der S-Bahn nach Grafing, von dort mit Zug nach Rosenheim und mit einem weiteren Zug nach Salzburg. Bis dort fuhren wir per Bayern-Ticket, um uns die zwei erlaubten Fahrten innerhalb Deutschlands noch aufzuheben. In Salzburg haben wir dann das Interrailticket zum ersten Mal eingesetzt bis Linz. Wir fuhren 1.Klasse in einem Railjet der Österreichischen Bahn, was aber nicht besonders komfortabel war. In Linz haben wir einen kleinen Stadtbummel gemacht und uns erinnert, dass wir dort schon mal waren. Ich hatte es mit Graz verwechselt, weil mir meine Freundin damals eine Eisdiele empfohlen hatte und sie häufiger mit ihrem Mann in Graz ist. Der letzte Zug nach Wien war von der Westbahn und hier war die 1. Klasse ganz nett. Sie war über der 2.Klasse, nicht so überfüllt und es gab kostenlos Kekse und Mineralwasser zur Begrüßung. So konnte es weitergehen ;). Bemerkenswert war, dass alle Züge Verspätung hatten. Bei der Westbahn sagten sie durch, dass es an einer Verspätung der Verbindung der Deutschen Bahn läge.

Zu unserer Unterkunft war es ca. 30 Minuten Fußweg. An die Rucksackschlepperei musste ich mich erst gewöhnen. Ich hatte denselben Kofferrucksack mit, den ich immer für Ryanair nehme und er hatte auch nur 5,4 kg, aber trug sich nicht so super. Wir hatten wirklich sehr sparsam gepackt. Stefan hatte auch nur um die 6 kg mit. Die Unterkunft war ein 2-Bettzimmer in einer 3- Zimmer Wohnung. Alle drei Zimmer wurden touristisch vermietet, wie es schien. Ein Bad und eine Küchenzeile konnten gemeinschaftlich genutzt werden. Sie erwies sich als ganz ok, obwohl die Bewertungen bei Airbnb ziemlich mies waren. Vorab bekamen wir noch harsche Regeln mit Strafandrohungen zugeschickt, z.B. dass die Handtücher auch nur als solche zu nutzen und wie hoch die Strafe für Lärm etc. wären. Wir mussten Passkopien online schicken, so verlangten es die Behörden. Am folgenden Tag wollten wir die Stadt erobern. Wir waren beide zwar schon mehrfach in Wien, aber das war lange her.

Freitag, 20.5.22 Wien

Ein Tag Wien, das waren 26460 Schritte und diverse Fahrten mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus. Wir kauften uns morgens ein 24 Std-Ticket für 8€ p.P. für die öffentlichen Verkehrsmittel, da bei Interrail leider nur S-Bahnen inkludiert sind und die innerhalb von Wien uns nicht weiterbrachten. Unser erstes Ziel waren zwei Straßen, die laut Google sehr abwechslungsreich sein sollten, die Reindorf-Gasse und die Mariahilfer Straße. Letztere liefen wir zuerst westlich vom Westbahnhof hoch und fragten uns, wo hier die Fußgängerzone sein sollte und was besonders an der Straße war, später erwies sie sich in Richtung Donau aber doch als ganz abwechslungsreich. Danach fuhren wir raus auf den Zentralfriedhof und bestaunten die Grabsteine von Beethoven, Schubert und anderen Musikern, Schauspielern und Persönlichkeiten. Die werden wohl noch einige Generationen die Nachwelt an sie erinnern. Es gab hier aber auch bereits etliche alte Grabsteine, die markiert waren, weil sie den Sicherheitsbestimmungen nicht mehr genügten und demnächst abgebaut werden. Der Friedhof ist gigantisch, der größte Europas, und hat sogar einen Bezahlparkplatz auf dem Friedhofsgelände und man kann sich mit Pferdekutsche oder Führung die wichtigsten Gräber zeigen lassen. Wir sind auf eigene Faust herumgelaufen und Stefan konnte es sich nicht verkneifen, als wir auf der Bank saßen, Wolfgang Ambros‘ bissig- böses Lied über den Zentralfriedhof abzuspielen. Ich konnte ihn aber schnell daran hindern.

Wieder in der Einkaufsstraße besorgte er sich second hand ein neues Laufshirt und wir kühlten uns bei einem Café mit einem Eiskaffee etwas ab. Die Sonne schien den ganzen Tag und wir hatten ca. 25-27Grad. Abends entdeckten wir nahe dem Museumsquartier Zelte mit wissenschaftlichen Mitmachaktionen. Wir hatten das Glück, die Nacht der Wissenschaften zu erleben und außer den Ständen hatten auch etliche Museen ab 18 Uhr ihre Tore kostenlos geöffnet. Ins Mumox, dem Museum für moderne Kunst, konnten wir ebenfalls kostenfrei, weil gerade Ausstellungseröffnung von Wolfgang Tillmanns Ausstellung „Schall ist flüssig“ war. Hungrig begaben wir uns danach zum Naschmarkt in der Hoffnung, ein paar Kostproben naschen zu können, aber das war nichts. Es hatten zwar zahlreiche Restaurants geöffnet, aber die meisten Stände hatten schon geschlossen und es sah auch nicht so aus, als könnte man da sonst etwas testen. Wir holten uns bei der Kebabbude gegenüber zwei gefüllte Teigtaschen und stärkten uns für den letzten Programmpunkt, den Prater. Wie zu erwarten, war überall war viel los, denn es war ein lauer Freitagabend, ideal, um auszugehen. Wir fotografierten die bunt erleuchteten Fahrgeschäfte, beobachteten Leute und machten uns gegen 21:00 auf den Rückweg zu unserer Unterkunft.

Ungarn I

Samstag, 21.5.22 Ungarn

Heute war wieder ein Fahrtag, d.h., wir verließen  kurz vor 10 Uhr das Zimmer in unserem Appartement, fuhren mit unserem 24 Std Ticket vom Vortag zum Hauptbahnhof und schlossen für 2€ unsere beiden Rucksäcke dort im Schließfach ein. Davon können sich deutsche Bahnhöfe eine Scheibe abschneiden. Nicht nur, dass wir zuhause deutlich teurere Schließfächer haben, sie sind auch gerade mal halb so groß. 2€ pro Tag in Wien fand ich doch überaus fair. Es bot uns die Möglichkeit, unser 24-Std Ticket voll auszunutzen und am Morgen noch zum Stephansdom zu fahren. Auf der Rückfahrt schafften wir eine Punktlandung. Wir kamen genau in der Sekunde aus dem U-Bahn Bereich, als es auslief. Ich weiß nicht, ob wir das Risiko bei elektronischer Schranke gewagt hätten, aber so etwas hat Wien nicht. Da wir etwas zu früh wieder am Hauptbahnhof ankamen für unsere Fahrt nach Budapest, nutzten wir das tolle Angebot der Lounge für 1. Klasse Fahrgäste. Das hat sich gelohnt. Dort konnten wir uns kostenlos Kaffee/Tee/Kakao, Saft und Mineralwasser, sowie Obst und Käsebrötchen nehmen und fanden eine kostenlose, saubere Toilette und gemütliche Sitzecken. Pünktlich um 12:42 verließ der EC 145 mit uns den Wiener Hauptbahnhof. Wir hatten ein 6-er 1. Klasse Abteil für uns, aber weder Strom, um die Handys zu laden, noch WLAN funktionierte. Die meiste Zeit hatten wir unterwegs gar keinen Empfang, aber das Leiden kennt man ja aus Deutschland auch. Wir leben halt nicht in Asien, wo Digitalisierung selbstverständlich ist. Um 15:19 fuhren wir in Budapest-Keleti, dem wohl größten der drei Bahnhöfe der Hauptstadt ein. Als wir in die Eingangshalle kamen, war ich zuerst begeistert, weil das Kuppeldach eine recht majestätische Wirkung ausstrahlte, beim näheren Hinsehen konnten wir aber erkennen, wie fertig das Gebäude war. In den Nebenflügeln kam überall der Mörtel von der Decke, die Infoschalter, immerhin 4 oder 5, waren in einem kleinen Räumchen untergebracht, vor dem man Wartetickets am Automaten ziehen musste, je nach Auskunftsbereich. Da wir Nr. 225 hatten und wir gerade mal Nr. 124 aufgerufen sahen, erwarteten wir eine horrende Wartezeit. Es standen auch etliche Leute vor der Tür. Wir entschieden uns, uns erstmal um einen Tagespass o.ä. für öffentliche Verkehrsmittel in Budapest zu kümmern. Nachdem wir den Automaten dafür gefunden hatten und auch wussten, dass wir ein 72 Std Ticket wollten, weigerte der sich aber unsere Forint anzunehmen, die wir von einer früheren Reise mitgenommen hatten. Wir zahlten mit Karte die 4150 Forint (rd. 10,80€), um die nächsten Tage frei in der Stadt herumfahren zu können. Wieder zurück beim Infoschalter der Bahn begriffen wir, dass die Nummern wild durcheinander aufgerufen wurden, je nach Auskunftswunsch, und wir waren ruckzuck dran. Sehr schnell wurde uns klar, dass eine Verbindung nach Serbien nicht möglich war, wir also nicht über Belgrad nach Griechenland würden fahren können. Im Angebot war Bukarest. Von dort sollte es eine Verbindung über Sofia nach Thessaloniki geben. Wir entschieden uns für den Nachtzug nach Bukarest am 24.5. um 19:10, der uns am 25.5. ausgeschlafen ans Ziel bringen sollte. Für alle Züge nach Bukarest waren zuschlagspflichtige Reservierungen nötig. Da wir sowieso noch etwas draufzahlen mussten, entschieden wir uns für den ganz angenehmen Weg und buchten eine Zweibettkabine im Schlafwagen, allerdings 2. Klasse. Das war zwar echt teuer mit über 40€ pro Person, aber wir ersparten uns eine Nacht eine Unterkunft in Bukarest und würden hoffentlich frisch und ausgeschlafen und voller Tatendrang dort ankommen. Nachdem wir endlich die Formalitäten erledigt hatten, fuhren wir per Bus direkt bis vor unsere Unterkunft. Google sei Dank, dass diese Dinge mit Hilfe von Maps so einfach herauszufinden sind. Wir hatten ein Zimmer mit Küchenzeile, Bad und Balkon in eindeutigem Ost-Charme. Unser erster Eindruck von Budapest war, dass es baufälliger wirkte als Sofia, aber wir waren ja auch noch nicht in irgendwelchen touristischen Prachtstraßen. Genial fanden wir, dass ein Lidl 50 m entfernt war und wir uns so gleich eindecken und am Abend kochen und auf dem Balkon essen konnten.

Sonntag, 22.5.22 Budapest

Wir waren wandern im Pilisi Parkerd, einem National- oder Naturpark in der Umgebung Budapests. Wir konnten unser 72 Stunden-Budapest Ticket nutzen, um dorthin zu kommen, was wir absolut erstaunlich fanden, denn wir waren über eine Stunde mit Bussen unterwegs. Mit Hilfe von Komoot und Google Maps hat die An- und Rückfahrt super geklappt. Wir sind durch sehr schöne Natur mit vielen blühenden Blumen, Hagebuttenbüschen auf zumeist bewaldeten, schattenspendenden Waldwegen bergauf und bergab gewandert, vorbei an Resten einer Burganlage, die ein Nachbau der Burg von Eger darstellt und als Filmkulisse für eine Serie diente. Wir kamen an Felsen vorbei und erreichten auf 570 Metern einen schönen Ausblick auf die Landschaft rund um Budapest. 350 Höhenmeter mussten dafür überwunden werden. Es war sonnig, aber ein leichter Wind machte das Wetter ideal zum Wandern. Wieder zurück im Apartment ließen wir es uns bei einem Teilchen und Kaffee gutgehen. Wir hatten tags zuvor Teilchen beim Lidl gekauft, die nicht nur echt billig waren mit ca. 60 ct, sondern auch sehr lecker. Sie schienen landestypisch zu sein, denn wir haben sie zuvor noch nie beim Lidl gesehen.

Am Abend planten wir Langos essen zu gehen.

Montag, 23.5.22 Budapest

Ich lief fast 23000 Schritte kreuz und quer durch Budapest, obwohl wir gefühlt die meiste Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht haben. Unser Plan war, gleich am Morgen nach Szentendre im Norden von Budapest zu fahren, um Ort und Marzipanmuseum zu besuchen. Als wir bereits im Zug saßen, stellten wir fest, dass weder unser 72 Std Budapest Ticket noch unser Interrailpass für diesen Zug gültig war, zumindest nicht so weit draußen vor der Stadt. Wir stiegen also gleich wieder aus und fuhren zurück. Wir planten, uns am kommenden Tag uns ein Erweiterungsticket für den Außenbereich Budapests zu kaufen und die Tour nachzuholen. Wieder in der Stadt machten wir uns auf den Weg zum Burgviertel in Buda, wir selbst wohnten in Pest, auf der anderen Donauseite. Das Burgviertel ist die Altstadt und liegt auf einem Hügel. Wir brachten die Stufen zu Fuß hinter uns, statt die Standseilbahn zu nutzen. Von oben hat man einen schönen Blick über die Donau auf das Parlamentsgebäude und die Stadt. Es war allerdings sehr voll und touristisch dort oben. Dann machten wir uns auf die Odyssee, unsere alten Forint in neue zu tauschen. Man hatte uns gesagt, das ginge bei Post und Banken, die erste Post machte uns aber gleich klar, dass nur die Nationalbank den Umtausch durchführe. Sie gaben uns eine Adresse, aber ohne Hausnummer, weswegen wir auf Google zurückgriffen. Das hätten wir lieber gelassen, denn Maps führte uns zwar zur Bank, aber die war komplett eingerüstet und hatte geschlossen. Eine andere Bank gab uns dann die komplette Adresse und wir fuhren nochmals ein ganzes Stück mit öffentlichem Verkehr, bis wir endlich am Ziel waren und unsere neuen Scheinchen in Empfang nehmen konnten. Unterwegs wurden wir am Eingang der Metro zum ersten Mal kontrolliert. Stefans 72 Std Ticket war ein Fehldruck, aber man konnte die 72 Std und das Datum gut erkennen, sodass uns bei unserer ersten Fahrt vorgestern der Busfahrer sagte, das wäre so ok. Die Kontrolle an der Metro fand das heute nicht und schickte uns zwei Stationen weiter, um dort bei der Zentrale zu fragen. Dort war aber niemand und kein Bus- oder Straßenbahnfahrer schickte uns weg. Nun würde das Ticket wohl auch noch am kommenden Tag bis zur Abreise so ok sein. Wir erholten uns bei Palatschinken mit Hüttenkäse und Kirschen, bevor wir wiederum ein ganzes Stück mit dem Bus zum Memento Park fuhren. Hier hatte man alte Denkmäler aus der kommunistischen Zeit zusammengetragen und in einem Park aufgestellt. Interessanter als die Heldenstatuen war aber die Ausstellung mit einer Dokumentation von Beginn bis Ende des Kommunismus in Ungarn. Besonders beeindruckend, wenn auch bedrückend waren die Aufstände 1956/57, die letztendlich mit Moskaus Hilfe niedergeschlagen wurden und die viele Tote, Verletzte und Repressalien für die zumeist jungen Freiheitskämpfer brachte. Weiterhin wurde ein Lehrfilm gezeigt, der damals nur jungen Polizisten in der Ausbildung gezeigt wurde. Es war ein Lehrfilm darüber, wie Geheimagenten der Staatssicherheit und ihre IMs arbeiteten, also wie man richtig spioniert.

Vom Memento Park fuhren wir wieder in die Innenstadt, guckten uns von außen die Synagoge, die größte Europas, an und schlenderten durch ein nettes Viertel mit Ruin Bar und vielen veganen, koscheren und internationalen Bars und Restaurants. Ruin Bars sind in Budapest Trend. Es handelt sich um alte, heruntergekommene Häuser, die zu Bars umgebaut werden und mit alten Möbeln, Graffitis etc. ihren unkonventionellen Style erhalten. Damit endete unser zweiter und vorletzter Tag in Budapest. Am kommenden Abend würde unser Nachtzug nach Rumänien fahren und ich war schon sehr gespannt.

https://youtu.be/tIsIKSueJHU

Rumänien I,

Dienstag, 24.5.22 Nachtzugfahrt nach Bukarest

Gegen 10:20 Uhr verließen wir unser Zimmer in Budapest und begaben uns zum Bahnhof. Die kommende Nacht würden wir auf der Schiene in einem hoffentlich bequemen Bett verbringen. Viel schlechter als das Hotelbett konnte es nicht werden, da ich hier alle Federn im Rücken spürte. An sich war das Zimmer ok, aber es wurde abends unglaublich schnell stickig heiß darin, wenn wir nicht die Balkontür aufließen. Das bedeutete aber leider auch gelegentlich Rauch im Zimmer, weil unsere Zimmernachbarn auf ihrem Balkon qualmten. Die Lage des Hotels war hingegen spitze. Der Bus hielt genau vor unserer Tür und Lidl war 50m entfernt. Wir fuhren zum Bahnhof und schlossen unser Gepäck für ca. 2,50€ im Schließfach ein. Nun konnten wir nochmal auf Entdeckungsreise gehen.

Unser 72 Std Ticket hat sich vollkommen gelohnt. Wir sind in den drei Tagen kreuz und quer durch Budapest damit gefahren. Manchmal war es nicht ganz einfach herauszufinden, bis wohin wir mit dem Ticket fahren durften, da nirgends Pläne mit der Tarifgrenze ausgehängt waren. Ebenso erging es uns mit unserem Interrailticket nach Szentendre. Dass wir den Zug H5 der Vorortzuggesellschaft nicht nutzen durften, war klar, aber eine S-Bahn bis Rakos, auf der halben Strecke? Die Zugbegleiterin wusste es selber nicht. Für den Rest kauften wir uns noch Einzeltickets. Die Preise waren mit 1,80€ erträglich. Wir schlenderten durch den netten kleinen Ort Szentendre an der Donau. Nette kleine Häuschen und Geschäfte und vor allem Gastronomie. Es war ziemlich touristisch, aber zum Glück waren keine großen Touristenströme unterwegs. Zum Abschluss besuchten wir das Marzipanmuseum mit Konditorei. Man konnte beobachten, wie ein Marzipankunstwerk kunstvoll verziert wurde, besonders konnten wir aber super Kunstwerke bestaunen wie die Houses of Parliament, Märchenszenen, einen lebensgroßen Michael Jackson aus Marzipan und ein Tisch mit Stühlen mit feinster Spitze mit einer Etagentorte und Bildern von Chopin, Strauss und einer Dame (Sissi?), alles aus Marzipan! Das waren echte Kunstwerke.

Auf dem Rückweg beabsichtigten wir eigentlich noch das 3D- Museum zu besuchen, aber das hatte wegen einer privaten Veranstaltung geschlossen. Wir aßen ein letztes Mal Langos, kauften etwas Verpflegung für die Nachtfahrt und kehrten zum Bahnhof zurück. Unser Gepäck wartete brav im Schließfach. Mit Sack und Pack begaben wir uns in die Business Lounge mit unseren 1. Klasse Interrailtickets. Diese Möglichkeit erwies sich wirklich als ein toller Vorteil. Die Zugplätze waren bisher nicht so besonders, aber sich in einer gemütlichen Lounge verwöhnen zu lassen mit Snack und Getränken, das war schon toll. Kurz vor Abfahrt begaben wir uns zu unserem Zug. An jeder Tür stand ein Schaffner und wies einem den Weg zum richtigen Wagen. Dort gab man beim Einstieg sein Reservierungticket ab und das Interrailticket wurde erfasst, dann konnten wir in unsere Kabine. Stefan war enttäuscht. Er hatte etwas anderes erwartet für 40€ pro Person, aber ich war dennoch froh, ein Bett und eine Kabine für uns allein zu haben, besonders zu Zeiten von Corona. Drin ist auch noch ein Waschbecken, das zugeklappt ein Tisch ist und ein Spiegelschrank mit Stromanschluss, Licht und zwei Flaschen Wasser. Ich war gespannt, wie ich schlafe würde, wenn ich die ganze Zeit sanft geschüttelt würde. Ob wohl an der Grenze bei Loekoeshaza und Curtici die Pässe kontrolliert würden zwischen 22:45Uhr und 23:55Uhr? So lange sollten wir laut Fahrplan dort halten. Wir ließen uns überraschen.

Mittwoch, 25.5.22 Bukarest

Es dauerte in der Nacht etwas, bis ich einschlafen konnte, aber das lag zum einen daran, dass tatsächlich Passkontrollen durchgeführt wurden und das von Grenzern beider Länder. Außerdem wurden nochmals die Tickets kontrolliert und mit Spiegel und Licht in unserer kleinen Kabine rumgeguckt, ob wir auch niemanden versteckt hatten. Danach dauerte es noch eine ganze Weile, bis das Umkoppeln und sonstiges Gerumpel vorbei war. In Rumänien wurde die Zeit um eine Stunde vorgestellt, sodass ich erst gegen 1:30, als der Zug wieder gleichmäßig durch die Landschaft ruckelte, in den Schlaf fiel. Der war dann aber recht gut bis gegen 8:30Uhr. Am Morgen machten wir uns ein bescheidenes Frühstück mit unserer mitgenommenen Marmelade, Zopfbrot und Butter. Das erhoffte Frühstück, oder wenigstens Kaffee durch das Zugpersonal, das es wohl bei anderen Night Trains laut Internet gibt, blieb leider aus. Schade! Mit ca. 1 Std Verspätung zur angekündigten Ankunftszeit – ggf hing das mit der Zeitumstellung zusammen – erreichten wir Bukarest. Berichte im Internet darüber, dass man unterschiedliche Tickets für U- Bahnen und Busse/Straßenbahnen braucht, Stationen nicht angezeigt würden etc., erwiesen sich als Humbug. Der Nordbahnhof Bukarests war moderner als in Budapest. Wir fanden schnell einen Geldautomaten und konnten auch wieder ein 72 Std Ticket (7.09€) für alle Verkehrsmittel innerhalb der Stadt kaufen. Inzwischen gingen WhatsApps zwischen unserer Vermieterin und mir hin und her, wann wir beim Appartement ankämen und wie wir hereinkämen. Sie hinterließ uns einfach den Schlüssel im nicht verschlossenen Briefkasten. Mit Bussen erreichten wir ohne Probleme das Ziel, was fast am anderen Ende der Stadt lag. Wir fanden ein nettes Appartement in einem typischen Ost-Wohnblock vor mit kleiner Küche, Bad und Schlafzimmer. Wir hatten sogar wieder eine Waschmaschine und zahlten für zwei Nächte knapp 44€. Nach einem Kaffee machten wir uns auf den Weg zum Naturschutzgebiet Parcul Natural Väcäresti. Erst bekamen wir einen Schock. Vor uns tauchte ein riesiges, rundherum mit Betonwänden versehenes Auffangbecken auf, indem eine Grünfläche von Wegen durchzogen wurde. Im Hintergrund ein Industriegebiet mit rauchenden Schornsteinen und Hochhäuser. Was war das denn?! Als wir jedoch ins Grüne hinabgestiegen waren, erwies sich das Gebiet als außerordentlich abwechslungsreich mit unterschiedlichen Habitaten für Vögel und andere Tiere wie Schildkröten, Insekten und ich wäre sogar fast auf eine Ringelnatter getreten. Gerade in dem Augenblick, als ich darüber nachsann, dass hier zwar das Klima für Schlangen stimmte, aber sicher nicht innerhalb dieser städtischen Umgebung, da bewegte sich plötzlich die vermeintliche Schnur zwischen meinen Füßen! Nach dem Ausflug in die grüne Oase fuhren wir in die Innenstadt, um irgendwo etwas zu trinken. Dort am Stadtrand war die Umgebung zu hässlich und die Getränke hatten Preise wie bei uns an touristischen Stellen. Damit hätten wir nicht gerechnet. Wir landeten in der Altstadt, die uns mit historischen Bauten und vielen hippen Bars und Restaurants etwas an Plovdiv in Bulgarien erinnerte. Überhaupt erschien es uns, dass die Länder mehr Gemeinsamkeiten haben als mit Ungarn. Budapest hatte dort, wo wir waren, zumeist ein recht einheitliches Bild alter, häufig herrschaftlicher Gebäude, die wohl so aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts stammten. Reste der ehemaligen Monarchie, manchmal sehr prächtig, häufig aber auch mit hohem Renovierungsbedarf. Die typischen Plattenbauten sozialistischer Art fanden wir kaum. Hier in Bukarest mischten sich hypermoderne Gebäude mit klassischen Prachtbauten und Ost-Wohnblocks zu einem bunten Bild. Typisch waren hier auch wieder die vielen Parks innerhalb der Stadt, zumeist mit Wasserspielen. Die gab es hier sogar entlang einer scheußlich stark befahrenen, mehrspurigen Straße. Vielleicht sollten sie die Gemüter derjenigen abkühlen, die hier im Stau standen? Zumindest halfen sie etwas gegen den Feinstaub. Wir gingen Pizzaessen, kauften bei Lidl etwas ein und verbrachten den Abend im Appartement mit rauchenden Köpfen über Fahrplänen. Die Organisation der Fahrten von A nach B war alles andere als easy. Da ließen sich Züge, die es laut Google gab, nicht in der Interrail APP finden, weil anscheinend einige Länder ihre Züge nicht oder zu kurzfristig einstellten. Fast alle Züge waren kostenpflichtig zu reservieren und man musste immer wieder über irgendwelche Knotenpunkte fahren und häufig gab es nur Nachtzüge oder sie fuhren nur an bestimmten Tagen. Dummerweise hatte ich am 15.6. einen Termin in Göttingen und wir mussten Ende Juni pünktlich in Frankreich in Boulogne Sur Mer sein, um unsere amerikanischen Freunde zu treffen. Das vorzuplanen war wirklich knifflig. Wir wollten ja eigentlich runter bis Griechenland, aber fanden keine vernünftige Verbindung, da serbische Züge nicht angezeigt wurden. (erst später fanden wir heraus, dass das serbische Schienennetz anscheinend derartig marode ist, dass derzeit keinerlei internationale Verbindungen per Zug möglich sind) Nunja, wir würden sehen. Erst nahmen wir uns vor, einen Abstecher nach Moldawien zu machen.

Donnerstag, 26.5.22 Bukarest

26060 Schritte durch Bukarest! Der Tag begann mit einem Besuch in Ceaucescous Villa. Wir nahmen an der englischen Führung teil und konnten nur staunen, wie es der Diktator Nicolae Ceaucescou und seine Frau Elena während seiner 24-jährigen Herrschaft geschafft haben, ihre feudale Lebensweise vor ihrem bitterarmen Volk zu verstecken. Das Paar und ihre drei Kinder hatten nicht nur jeder ein Büro, ein Schlafzimmer, Ankleidezimmer, und ein äußerst exquisites Bad – Elena’s war sogar mit goldbelegen Wänden und Armaturen -, sondern es gab dasselbe auch für private Gäste. Es gab prächtige Aufenthaltsräume, in den 70-gern bereits einen überall begehrten Farbfernseher und einen Kinoraum im Keller, wo alle westlichen Filme zu sehen waren, während das Volk pro Tag nur ganze 2 Std Staatsfernsehen zu sehen bekam und meist nur Propaganda, oder eventuell mal einen Comicfilm. Abends wurde der Bevölkerung auch über Nacht der Strom abgestellt, und zu essen hatten die meisten nur einen Teil einer normalen Portion. Ceaucescous durften sich hingegen an allem Luxus erfreuen, schmückten ihre Villa mit hocherlesenen Geschenken anderer Staaten, die als Gastgeschenke mitgebracht wurden. Vasen, Orientteppiche, Leuchter und vieles mehr wanderte in ihren Besitz. In Deutschland kommen diese Gastgeschenke in ein Museum und es wird genau darüber Buch geführt, was private und was Staatsgeschenke sind. Im Keller der Villa war ein Wellnessbereich inklusive medizinischer Massagen. Das beeindruckendste fand ich aber das Schwimmbad, dessen Wände rundherum mit Bildern aus Millionen kleiner Mosaiksteine gestaltet waren. Von hier ging es direkt in einen sehr schönen Garten im Innenhof. Die Villa war während der kommunistischen Ära rundherum von der Staatssicherheit abgeschirmt. Als 1989 das Volk bei der Revolution die Villa stürmte, konnten die Menschen ihren Augen kaum trauen. Während Ceaucescous nur in erlesenen Möbeln und Kleidung von weltberühmten Designern lebten, gingen Bilder von den grauenhaften Zuständen in Rumäniens Kinderheimen um die Welt. Beim Umsturz kamen über 1000 Menschen uns Leben, über 3000 wurden verletzt. In einem Scheinprozess wurde das Ehepaar zum Tode verurteilt und erschossen. Von den drei Kindern lebt heute nur noch ein Sohn in normalen Verhältnissen in Bukarest. Ihm konnte keinerlei Mitschuld nachgewiesen werden. Bruder und Schwester starben an Krebs.

Nach unserem Weg in die kommunistische Zeit Rumäniens, besuchten wir den Bordei Park. Eigentlich ist es ein ganzes Gebiet aus verschiedenen Parks mit einem Wasserlauf und einem großen See. Um den See sind wir fast komplett herumgewandert. Es ist ein sehr schönes Naherholungsgebiet zum Wandern, Radfahren, mit Badestelle und Fähre, Yachtclub, Restaurants und Buden und dem Freilichtmuseum „Muzeul National Al Satului „Dimitrie Gusti“ mit vielen typischen Gebäuden aus den 19. Und 20. Jahrhundert, aus verschiedenen Gegenden Rumäniens. Ganz in der Nähe kamen wir zum rumänischen Arc de Triumph, der dem französischen nachempfunden ist. Bukarest galt ehemals als Paris des Ostens. Von hier fuhren wir zum Gara de Nord, dem Hauptbahnhof und reservierten unseren Zug nach Iasi für den kommenden Tag. Dafür mussten wir in einer von vier Schlangen lange warten. Die Frau am Ticketschalter kam mit unseren Online-Tickets nicht klar und holte erstmal Hilfe. Für diese idiotische Reserviererei bezahlten wir zusammen 1,42€! und angeblich hätte der Zug keine 1. Klasse, obwohl es im Internet stand. Da fast für jeden Zug eine Reservierung in Rumänien benötigt wurde, war das die reinste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und für die Fahrgäste nur nervig. Auf der Suche nach einer 1. Klasse Lounge mussten wir feststellen, dass sämtliche Warteräume im Bahnhof für ukrainische Flüchtlinge reserviert waren. Die brauchten das zugegebenermaßen auch mehr als wir, schade war es dennoch.

Mit der Metro fuhren wir zum Athenaeum, dem Opernhaus der Stadt und landeten nach dem Durchqueren der Macca- Villacross Passage wieder an einer Ecke der Altstadt, die wir vom Vortag wiedererkannten. Damit schloss sich der Kreis, und wir machten uns auf den Heimweg.

Freitag, 27.5.22 Fahrt nach Iași

Pünktlich um 9:45 Uhr kam unsere Vermieterin zur Wohnungsübergabe. Wir fuhren zwar erst um 12.07 Uhr ab Gara de Nord, aber um dahin zu kommen, mussten wir schon eine gute Stunde einrechnen, und wir wollten nochmals versuchen, doch noch Sitze in der 1. Klasse zu reservieren. Da wir uns zum ersten Mal in Bukarest auch noch verfuhren, war unsere Zeitplanung ganz passend. Erste Klasse durften wir dann aber doch nicht reisen, sie war laut Aussage der Bahnbeamtin ausgebucht. Der Zug Richtung Iasi war insgesamt sehr gut gebucht, zu Beginn standen sogar Leute in der zweiten Klasse. Vielleicht hatten wir also sogar Glück, überhaupt noch Plätze bekommen zu haben. Wir ließen fast durchgängig unsere Masken auf, weil immer wieder jemand hustete. Der Zug war der IR1663, vergleichbar mit unseren Interregios: Großraumwagen, Polstersitze nicht verstellbar, automatisch belüftet und er hielt relativ oft. Die Geschwindigkeit war bei uns zwischen 90-130, was auch angezeigt wurde. Er gehörte also schon zu den schnelleren Zügen und IR-Züge mussten meist reserviert werden. Die Strecke zwischen Bukarest und Iasi war nicht besonders aufregend. Zumeist führte sie an landwirtschaftlichen Flächen vorbei, kleine Dörfer am Wegesrand und das 6 ¼ Std lang. Die Stadt Iasi schien es jedoch in sich zu haben. Sie galt laut Internet als Brutstätte der organisierten Kriminalität. Es sollte sogar regelrecht eine Schule für Taschendiebe dort geben, die dann in Berlin und anderen Großstädten ihr Handwerk ausüben.

Inzwischen waren wir angekommen, hatten für zwei nächste Züge in drei Tagen Reservierungen für die erste Klasse! Das war aber auch wichtig, weil der eine ein Nachtzug zurück nach Bukarest war und wir danach noch weiter nach Brasov fahren wollten und alles in Sitzabteilen. Daher sollten die Sitze wenigstens bequem sein. Hoffentlich würden die Züge nicht wieder so voll sein, damit wir uns im Nachtzug wenigstens etwas ausbreiten könnten. Wir hatten fürs erste Türkei und Griechenland gestrichen. Die Zeit war einfach zu kurz für so eine lange und umständliche Fahrt, wenn wir spätestens am 12.6. wieder In Zorneding ankommen und nach Bad Harzburg fahren mussten. Wir beabsichtigten, uns im Anschluss an Moldawien, nach Brasov zu begeben und dort zu entspannen und zu versuchen, Abstecher in die Berge der Umgebung zu machen. Nach all der Stadt musste dann mal etwas Natur sein.

Moldawien

Samstag. 28.5.22 Fahrt per Bus nach Chisinau in Moldawien

Bevor wir unsere Pension in Iasi heute Morgen verließen, lud uns unsere Vermieterin Kristina zu einem Kaffee ein, und wir hatten ein sehr interessantes Gespräch. Da sie selber ähnlich reisebegeistert war wie wir, unterhielten wir uns über unsere Reise und was Corona für ein Einschnitt war, aber noch interessanter war, mit ihr über den Krieg zu reden. Sie hatte im Februar/März einige Flüchtlinge aus der Ukraine. Als die erste Frau mit Kind kam, bot sie ihr an, ihnen eine Pizza auszugeben und war zuerst recht konsterniert, als die Frau antwortete, dass sie lieber ein Bier und eine Maniküre hätte. Später realisierte Kristina, dass die Frau voll unter dem Fluchtschock stand und das Bier zur Beruhigung brauchte. Die Frau erklärte ihr später auch, dass sie sich eine Maniküre gewünscht hätte, um sich wieder sauber und als Mensch zu fühlen nach all dem Horror. Sie hatte mit Kind tagelang vor der Flucht im U-Bahn Tunnel ausgeharrt, bevor sie aufbrach. Sie bestätigte darüber hinaus Berichte aus dem Fernsehen, wo Geschwister in Russland und Ukraine telefonieren und die Russen ihrer eigenen Familie nicht glauben, dass das, was in der Ukraine gerade geschieht, ein Krieg ist und Putins Sprüche von der Niederschlagung der Nazis nachbeten. Eine ukrainische Stewardess wurde irgendwo im Ausland von einer Russin im Toilettenraum angemacht, dass sie, bzw. ihre Leute, Schuld hätten, dass alle jetzt schlecht über Russen redeten. Welche eine Verdrehung von Tatsachen, und wie muss es für die Ukrainerin gewesen sein, diesen Vorwurf von einer Russin zu hören! Kristina erzählte auch, dass ihre Großeltern, die den 2. Weltkrieg miterlebt und den Einmarsch der Deutschen und dann der Russen erlebt hatten, das heutige Drama kommen gesehen hätten. Sie glaubten nie an dauerhaften Frieden in Freundschaft mit Russland, weil es nicht nur einen Putin gäbe, sondern Millionen Russen, die hinter ihm stünden. Als die Deutschen damals Rumänien besetzten, hätten die Soldaten sich trotz Krieg in den meisten Fällen zivilisiert verhalten, die Russen dagegen hätten sich wie die Barbaren verhalten, zerstört und Frauen vergewaltigt. Über das Verhalten der deutschen Soldaten gibt es sicher auch andere Meinungen und Erfahrungen.

Leider haben wir selber auch nicht nur positive Erfahrungen mit Russen gemacht, sondern haben, während der 10 Tage in Russland 1988/89, mehrfach brutale Schlägereien beobachtet und ich selber fing mir grundlos eine Ohrfeige in der Straßenbahn ein.

Wir merkten hier in den ehemaligen Ostblockländern schon verstärkt die Angst vor dem russischen Nachbarn und die Solidarität mit den Ukrainern.

Uns führte der Weg dennoch heute weiter Richtung Osten, nach Chisinau in Moldawien. Moldawien war nicht im Interrailticket enthalten, daher fuhren wir mit einem Kleinbus, der mehrmals täglich Iasi in Rumänien mit der moldawischen Hauptstadt verband. Wir wollten nur Chisinau besuchen und auch nur für zwei Nächte. Noch vor einem halben Jahr war uns Transnistrien, ein russischer Scheinstaat innerhalb der moldawischen Grenzen, der laut Internet das frühere kommunistische Russland wie im Bilderbuch nachahmt, eigenes Geld und Pässe, sowie Grenzkontrollen hat, der aber von keinem Land der Welt anerkannt, sondern ehr als verschroben belächelt wird, als kurioses Reiseziel erschienen. Heute besteht die Gefahr, dass Putin diesen Scheinstaat als Grund für einen Einmarsch in ein weiteres Land der ehemaligen Sowjetunion zum Anlass nimmt.

An der Grenze wurden von beiden Seiten die Pässe eingesammelt und wir bekamen einen moldawischen Einreisestempel. Es ist ja auch eine EU Außengrenze, vielleicht ist das der Grund, dass ein deutscher Zöllner die rumänischen Kollegen unterstützte. Während LKWs Schlange standen, ging es für Autos und uns zügig. Wir hatten niemanden vor uns, aber die Passkontrolle dauerte insgesamt dann doch ca. 30 Minuten. Unsere Fahrt ging fast ausschließlich durch eine Landschaft mit bewaldeten oder grasbewachsenen Hügeln, Ackerland und Weinanbau. Die Gegend schien sehr fruchtbar zu sein. Die Orte bestanden meist nur aus ein paar Häusern und es sah noch ärmer aus, als das Hinterland Rumäniens. Chisinau zeigte sich dann plötzlich als lebhafte Stadt mit einem Busbahnhof, der einem südostasiatischen in nix nachstand. Zig Busse, buntes Gewusel von Marktständen, Betrunkene, die rumkrakelten, Armut. Ein paar Straßen weiter Universitäten, schöne Parks mit Wasserspielen, hypermoderne Malls, dann wieder zerfallenen Bruchbuden und Wohnblocks mit hunderten von Wohnungen. In einem gerade mal zwei Jahre alten haben wir jetzt für zwei Tage unsere Unterkunft. Sie ist super ausgestattet, der Stil ist aber der krasseste, den wir je hatten. Die Farben von Tapeten, Möbeln, Gardinen bissen sich nicht nur, sie hatten auch alle verschiedene Muster. Beleuchtet wurde das Ganze von einem unglaublichen Kronleuchter mit rosa Glasrosen. Wäre es nachts nicht dunkel, ich könnte bei dem Anblick kein Auge zu tun. Dennoch war die Wohnung klasse, weil sie sauber, geräumig und komfortabel ausgestattet war. Zum Abschluss dieses interessanten Tages, der gleichzeitig unser 37. Beziehungstag war, gingen wir lecker essen. Stefan schlug sich den Bauch mit Salat, Pizza und Grillgemüseplatte und anschließendem Käsekuchen voll. Eigentlich alles, was vegetarisch auf der Karte zu haben war. Ich hatte eine sehr leckere Grillplatte mit Gemüse und Lachs und ebenfalls Käsekuchen. Für das alles, inklusive zwei Cola und Trinkgeld zahlten wir 30€. Da die Lebensmittel im Geschäft uns nicht besonders billig vorkamen, konnte man schon auf ziemlich niedrige Löhne schließen. Am kommenden Tag wollten wir sehen, was die Stadt so zu bieten hat.

Sonntag, 29.5.22 Chisinau

Dieser Tag war unser „Park-Tag“. Angefangen mit dem Stefan Park zu Ehren von Stefan III oder auch Stefan dem Großen, einem der großen Herrscher des Landes, in dem sich genussvoll herumschlendern, ein Kaffee trinken und/oder live einem Orchester zuhören ließ, ging es weiter zum Kathedralen Park. Er war nicht sehr groß, bot aber auf kleiner Fläche eine Kathedrale und andere Bauwerke, unter anderem wieder mal einem Triumphbogen in bescheidenem Ausmaß. Von hier liefen wir weiter zum Valea Morilor Park, der zahlreiche Freizeitvergnügen ermöglichte. Ein großer See bot sich zum Angeln, baden, Bootfahren oder drumherum joggen, schlendern oder Radfahren an. Viele Familien mit Kindern waren hier unterwegs mit Rollern oder ausgeliehenen Kinderautos, Kettcars etc. Auch hier konnte man leckeren Genüssen frönen wie Eis oder Kaffeegetränken. Wir liefen einmal um den See und kamen zu einem kleinen Vergnügungspark mit Live-Musik, wo die Caritas ein Programm für ukrainische Flüchtlinge anbot. Es war natürlich gut, zu versuchen, gerade die Kinder mal für ein paar Stunden das Erlebte vergessen zu lassen, aber ob den Frauen und Kindern nach lauter Musik mit Polonaise zumute war, erschien mir fraglich. Es schien mir ehr eine gequälte Fröhlichkeit hervorzurufen. Wir steuerten von hier unseren letzten und größten Park, den Dendrarium Park an. Hier musste man Eintritt zahlen, was aber mit 50 ct pro Person ein Witz war. Nach all den lebhaften, auf Freizeitvergnügen ausgelegten Parks mit hübschen Blumenrabatten, Springbrunnen etc. erschien dieser ehr langweilig. Das Besondere waren hier wohl die unterschiedlichen Bäume. Es war uns zuvor nicht bekannt, dass es sich bei dem Park um eine Art Arboretum handelte und er auch eine wissenschaftliche Funktion hatte. Zwischen all den Parks kamen wir am Parlamentsgebäude, dem Präsidentenpalast und anderen Regierungsgebäuden vorbei, u.a. auch der Deutschen Botschaft. Die Gegenden waren teils sehr unterschiedlich, vom Villenviertel über ein ärmeres Gebiet mit Straßenhändlern, eine Straße mit kleineren bunten Häusern mit Geschäften und Ärzten, zu hochmodernen, verglasten Fassaden von Unternehmen und historischem Bauten von Theatern und Universität. Nachdem wir mit über 20000 Schritten die Stadt erkundet hatten, begaben wir uns auf die Suche, zu welchem Busbahnhof wir am kommenden Tag mussten. Der Bus sollte nämlich nicht dort abfahren, wo wir angekommen waren. Wir wollten vorsichtshalber bereits jetzt Tickets für die Rückfahrt nach Iasi kaufen, nicht dass wir am kommenden Tag hier festsäßen und unser reservierter Nachtzug nach Bukarest und von dort nach Brasov ohne uns führe. Herauszufinden, wo wir abfahren und wie wir dorthin kommen, war gar nicht so einfach. Wir hatten uns zwar bei Google Maps die Karte und die Verbindung zum Busbahnhof Süd in unserem Appartement mit WLAN heruntergeladen, aber gleich der erste Bus fuhr uns vor der Nase weg. Nun hatten wir kein Internet und konnten keine neue Verbindung herausfinden. Letztlich schafften wir den Hin- und Rückweg mit Umsteigen und ca. 30 Haltestellen bei überfüllten Bussen, indem wir einmal zwischendrin einen Kaffee trinken gingen, um WLAN zu bekommen. Trolleybusse fuhren hier häufig, waren aber dennoch immer voll. Man zahlte im Bus, wo sich eine arme Schaffnerin zum Kassieren durch den Gang quälte. Eine Strecke in der Stadt, egal wie viele Haltestellen, kostete immer 2 Lei pro Person, das sind nicht mal ganz 10 ct. In den Bussen fuhren gelegentlich auch Ukrainerinnen mit, mit einer Mappe mit Bildern von ihren Babys oder Kleinkindern und bettelten um Geld. Es gab kaum jemanden, der nichts gab, auch wir nicht. Gegen Abend hatten wir endlich unsere Tickets und kamen wieder bei unserer Unterkunft an. Wir überprüften, wieviel moldawisches Geld wir noch übrig hatten, legten ausreichend Kleingeld für tags drauf für die Fahrt zum Busbahnhof zurück und ließen uns für den Rest noch einmal eine Grillgemüseplatte und Kartoffelvariationen im Restaurant schmecken. Nun mussten wir gut vorschlafen, denn uns stand ein langer Tag mit 4 Std Busfahrt und danach eine Nachtfahrt von 6,5 und 2,5 Std in normalen Zug- Sitzabteilen bevor. Hoffentlich würde der lange Zug nach Bukarest leer sein.

Rumänien II

Montag. 30.5.22 Fahrt nach Brasov/Rumänien

Es klappte alles wie am Schnürchen. Wir verließen unser Appartement um 12:00 Uhr, fuhren endlos lang, sprich über eine Stunde mit zwei Trolleybussen zum Busbahnhof Süd von Chisinau und pünktlich um 15 Uhr starteten wir mit einem Kleinbus in Richtung Iasi. An der Grenze wieder das etwas grummelige Gefühl im Magen wie immer, wenn es um eine „echte“, d.h. kontrollierte Grenze geht, und dann waren wir wieder in Rumänien, in der EU. Nun hatten wir noch 4 Std Zeit bis zur Abfahrt unseres Zuges nach Bukarest. Wir liefen mit Rucksäcken in die Innenstadt von Iasi. zur Metropolitan Kathedrale und von dort, durch eine sehr schöne Fußgängerzone mit viel Blumenschmuck, zum prächtigen Kulturpalast. Er wirkte fast wie ein Schloss, besonders, als er abends beleuchtet wurde. Dahinter erstreckte sich ein Park mit Springbrunnen, künstlichem Wasserfall, leicht in Terrassen angelegtem Rasen, Trampolin und Karussell für Kinder. Daneben fanden wir Essensstände und eine hochmoderne und edel wirkende Einkaufsmall mit Kongresscenter. Wir kauften uns Brot, Käse und etwas Süßes und ließen es uns auf einer Bank bei lauer Abendstimmung und tollem Licht gutgehen. Gut 1 1/2Std vor Abfahrt gingen wir zum Bahnhof und saßen danach in der ersten Klasse Großraumabteil, das wahrscheinlich von Deutschland ausgemustert wurde. Es sah für erste Klasse echt fertig aus. Die Wagen der zweiten Klasse waren moderner. Nun hofften wir, dass wir wenigstens möglichst allein blieben, um Platz und Ruhe zum Schlafen zu finden. Lang würde die Nacht nicht, da wir um 5:13 Uhr in Bukarest umsteigen mussten nach Brasov. Dann mal gute Nacht.,

Dienstag, 1.6.22 Nachtfahrt Iasi – Bukarest

Die Nachtfahrt fand ich total doof. Unser Erste Klasse Abteil war ein Großraumabteil mit abwechselnd 3er und 2er Sitzen gegenüberliegend und dann wieder 2×2 gegenüber und auf der anderen Gangseite 2×1 gegenüberliegend. Wir hatten 2 Plätze am Fenster in einer 2×2 Nische. Erst war es fast leer in unserem Abteil, sodass sich Stefan eine Reihe weiter auf Dreiersitze legte zum Schlafen. Sein Rucksack, Schuhe etc lagen bei mir. Da ich kein direktes Gegenüber hatte und wir es geschafft hatten ein Fenster zu öffnen, wagte ich es, ohne Maske zu versuchen zu schlafen. Es gelang mir auch ca. 1Std mit Kopf auf dem Rucksack über zwei Sitzen liegend, Schlafmaske und Ohrenstöpsel. Als ich bei irgendeinem Halt wach wurde – der Zug hielt an jeder Milchkanne – saß mir plötzlich ein fremdes Paar gegenüber ohne Maske, auf dem Einzelsitz am Gang ein Mann mit OP-Maske unter der Nase, das Fenster war zu, das Licht blieb die ganze Zeit an, und es war ätzend warm. Ich versuchte, mit Maske weiterzuschlafen, aber es ging einfach nicht. Ich wechselte den Platz zu Stefans Nische, ließ aber seinen Rucksack und Schuhe unter meinem reservierten Sitz. Nun konnte ich wegen Luftnot nicht mit Maske, aber aus Angst mir etwas einzufangen auch nicht ohne Maske schlafen. Aus der Klimaanlage vorm Fenster blies mich heiße Luft an, die auch, nachdem ich darum gebeten hatte, nicht wirklich kühler gestellt wurde. Auf dem Klo gab es nicht mal Licht. Wie gut, dass das Handy eine Lampe hat! Ich wagte es ohne Maske wieder einzuschlafen und hoffte nun, mir nichts einzufangen. Tags zuvor gab es bereits im Bus eine kritische Situation. Mir setzte sich eine Mutter mit zwei kleinen Kindern gegenüber, natürlich ohne Masken. Der kleine Junge war total rot im Gesicht, was mir schon komisch vorkam, es hätte aber auch Sonnenbrand sein können. Dann fing er an zu husten, aber nicht in die Ellenbeuge, sondern voll in die Gegend. Stefan machte das Fenster auf und ich versuchte mir einen Stehplatz zu ergattern und drehte dem Jungen den Rücken zu. Viel Platz war nicht. Die Busse in Chisinau waren immer voll besetzt inkl. Stehplätzen. Nun konnten wir nur hoffen, dass unsere Masken uns gut geschützt hatten.

Gegen 5:13 Uhr erreichten wir Bukarest, und unser Anschlusszug war erfreulicherweise schon da. Wir teilten ein 1. Klasse 5-Personen Abteil mit einer Dame, die auch eine Maske trug, eine absolute Seltenheit. Stefan besorgte noch Kaffee und gegen 6:08 Uhr zuckelten wir ab nach Brasov, was auch Kronstadt genannt wird. Eine Erklärung dazu aus Wikipedia:

„Kronstadt wurde von den Ritterbrüdern des Deutschen Ordens im frühen 13. Jahrhundert als südöstlichste deutsche Stadt in Siebenbürgen unter dem Namen Corona gegründet (später auch Krunen genannt). 1225 mussten die Deutschordensritter ihre Komturei Kronstadt verlassen und ließen sich im Baltikum nieder. Kronstadt war über Jahrhunderte neben Hermannstadt das kulturelle, geistige, religiöse und wirtschaftliche Zentrum der Siebenbürger Sachsen, die seit dem 12. Jahrhundert auf Einladung des ungarischen Königs in der Region siedelten und bis ins 19. Jahrhundert hinein die Mehrheit der Stadtbevölkerung bildeten.“

Wir fanden den richtigen Bus zu unserer Unterkunft, die wir freundlicherweise schon am Morgen beziehen durften. Wir haben wieder ein kleines Apartment mit Küche, Bad und Balkon für 75€ für 3 Nächte. Während Stefan eine Runde schlief, bastelte ich erneut an unserer kommenden Strecke herum, weil er gerne noch nach Constanza am Schwarzen Meer wollte. Danach gingen wir einkaufen und machten uns etwas zu Mittag. Bevor wir uns auf Erkundungstour in die Stadt begaben, erwischte mich die Müdigkeit mit Wucht, sodass ich beschloss, doch erst einen Mittagsschlaf zu halten. Stefan nutzte die Zeit zum Joggen, Wäsche waschen und leckere Erdbeeren auf dem Markt vor unserem Haus zu kaufen, die wir dann gemeinsam auf dem Balkon genossen. Dann konnte es losgehen. Wir fuhren in die Altstadt und stellten fest, dass wir die letzte Bahn auf den Burghügel verpasst hatten. Um dort hochzuwandern, hatte ich aber nicht die richtigen Schuhe an und auch nicht genug Elan. Wir erkundeten also die Altstadt. Es war deutlich zu erkennen, dass an einigen Stellen schon Fassaden restauriert und Geld für touristische Infrastruktur in die Hand genommen worden war, es blieb aber noch einiges zu tun außerhalb der Fußgängerzone. Die Lage der Stadt am Rande der Karpaten ist sehr schön. Stefan durfte beim Joggen auch gleich um die 300 Höhenmeter hinter sich bringen. In dieser Gegend schienen die Menschen einen süßen Zahn zu haben. Die Anzahl an Bäckereien, Patisserien und Eisdielen war überwältigend, noch mehr der Geschmack der Strudel. Ich aß dort wohl den leckersten Quarkstrudel meines bisherigen Lebens. Sie wurden hier wie andere Gebäckstücke durch kleine Fenster von Bäckereien verkauft. Was uns sowohl in Ungarn, als auch Rumänien und Moldawien aber auch begeisterte, war der öffentliche Stadtverkehr. Niemand scherte sich hier groß um Abfahrtszeiten, wenn sie auch häufig durch digitale Anzeigen an den Haltestellen angezeigt wurden. Man wartete nie lange, um zu seinem Ziel zu kommen und es war fast immer mit ein bis zwei Bussen erreichbar, egal wo man war und wo innerhalb der Stadtgrenze man hin wollte. Die meisten Busse fuhren an Oberleitungen und fast alle hatten mindestens ein bis zwei Gelenke, waren also wirklich lang und dennoch gut gefüllt. Letzteres besonders in Moldawien. Da hatte man selten Glück, einen Sitzplatz zu erwischen, nicht wie bei uns, wo häufig Busse fast leer fahren. Mit Internet war es auch unkompliziert, sich Verbindungen zu suchen und im Bus die Strecke zu verfolgen. Wieviel einfacher ist das zu früheren Zeiten, wo man sich erst durchfragen, Busfahrpläne entziffern und dann im Bus jemanden finden, der einem Bescheid sagte wo man aussteigen musste

Mittwoch, 1.6.22 Wandertag Busteni

Auf unserem Weg von Bukarest nach Brasov kamen wir durch die Karpaten und sahen den kleinen Bahnhof von Busteni. Hier wollten wir hin zum Wandern. Wir begaben uns also an diesem Morgen zum Bahnhof und befürchteten, dass uns durch die dumme Reservierungspflicht der Zug vor der Nase wegfahren würde, er hatte aber 1 Std Verspätung und die Schalterbeamtin schickte uns zu einem anderen Zug auf Gleis 1. Erst kam keiner, dann sahen wir einen der Privatbahn ASTRA, den wir nicht nehmen durften. Wir fragten beim Busbahnhof, aber die schickten uns wieder zum Zug. Inzwischen war die Stunde Verspätung zusammengeschmolzen auf 20 Minuten, wir reservierten doch den ursprünglichen Zug und fuhren damit nach Busteni. Im Zug war eine ganze Reisegruppe Deutscher. Als wir in Busteni ankamen, war der Ort voll von wandernden Schulklassen oder Kinder-, Jugend- und Familiengruppen. Alle waren auf dem Weg in den Nationalpark. Stefan hatte eine Wanderung zum Wasserfall Urlatoarea bei Komoot ausgeguckt. Entgegen vorheriger Wetteraussichten hielt sich auch an diesem Morgen das Wetter. Es war sonnig und mit 27Grad fast zu warm. Der Weg war steil und teils rutschig, weil es wohl in den letzten Tagen geregnet hatte, aber er war noch gut zu bewältigen. Einen Bären haben wir leider (oder zum Glück) nirgendwo erblickt, was aber bei dem Aufkommen kreischender Kinder auch nicht zu erwarten war. Der Wasserfall war nett, wenn auch nicht überragend, es tat aber gut, mal wieder in der Natur zu sein. Der Ort lag sehr schön eingebettet in den Bergen, war aber auch sehr touristisch. Gerade als wir auf den letzten Metern zum Bahnhof waren, begann es zu regnen. Da wir nicht bis zum nicht reservierungspflichtigen Zug warten wollten, fragten wir bei dem gerade einfahrenden Privatzug nach dem Preis. Für 10 Lei (2,02€) konnten wir beide direkt nach Brasov fahren. 8 Lei hätten wir sonst schon für die Reservierung bezahlt und noch dazu fast 2 Std warten müssen. Wieder in Brasov kauften wir nochmals Gemüse auf dem Markt für unser Abendessen. Der Markt war wirklich groß und duftete verführerisch nach Kräutern. Es gab sogar ein ganzes Areal für Schnitt- und Topfblumen. Blumensträuße schienen hier sehr beliebt zu sein. Am letzten Sonntag gab es kaum eine Frau, die nicht mit einem Strauß unterwegs war, und auch sonst sah man häufig Leute mit Blumen im Bus oder auf der Straße. Was ebenfalls auffiel war, dass Rumänien sehr sauber ist. Da lag selten irgendwo Müll auf der Straße oder in Parks herum und man sah häufig die Müllabfuhr und auch Leute, die z.B. im Park Müll mit Saugern wegsaugten. Wie in Bulgarien und natürlich Asien zog man auch bei Unterkünften sofort die Schuhe aus. Meist standen bereits Badelatschen bereit.

Donnerstag, 2.6.22 Brasov

Wir ließen uns Zeit, bevor wir uns mit dem Bus wieder Richtung Zentrum aufmachten. Wir hatten noch zwei Punkte auf unserer To Do-Liste, das Landschaftsschutzgebiet Tampa auf dem Hügel in der Stadt und die Schnurgasse. Da Stefan beim Joggen am Morgen bereits mit dem steilen Aufstieg Erfahrung gemacht hatte, wählten wir die Gondelbahn zur Auffahrt auf den Tampa. Wir hatten 27Grad und von der Bergstation waren es noch ein paar Höhenmeter bis zur Spitze, sodass mir trotz bequemer Auffahrt der Schweiß lief. Ich war sehr froh, dass wir es nicht versucht hatten, zu laufen. Meine Knie waren noch von der Wanderung am Vortag wackelig. Von oben hatte man einen guten Blick auf die Stadt. Noch schöner wäre er vielleicht bei Sonnenauf– oder -untergang, aber da fuhr die Bahn nicht. Als wir wieder unten waren, besuchten wir die Schnurgasse, so genannt, weil sie sehr schmal war. Laut Schild war sie die drittengste Gasse in Europa. Die, für Notfälle wie Feuerbekämpfung im 17. Jahrhundert gebaute Gasse in der Kronstädter (Brasov) Festung, wurde in den letzten Jahren als Kunstobjekt initiiert und von jungen einheimischen Künstlern gestaltet. Wir liefen noch etwas durch die Stadt auf der Suche nach Crêpes oder ähnlich leckerer Süßspeise, aber für 180 gr. 6€ und mehr zu zahlen, fanden wir übertrieben und fuhren zu unserem Apartment zurück. Ich fühlte mich kaputt und sprang erstmal unter die Dusche, während Stefan Teilchen und leckere Erdbeeren besorgte. Es war echt fein, einen fest installierten Markt, der jeden Tag geöffnet hatte, vor der Haustüre zu haben. Wir schlemmten die Leckereien und machten uns einen faulen Nachmittag. Am kommenden Tag wollten wir weiterfahren ans Schwarze Meer nach Constanta.

Freitag, 3.6.22- Fahrt nach Constanta

Ca. 12:30 Uhr ging es von Brasov nach Constanta, also vom Gebirge ans Meer. Wir freuten uns, denn die zwei Züge konnten ohne Reservierung genutzt werden. Lange dauerte die Freude nicht an, denn „kann“ heißt nicht, dass auch niemand sonst reserviert! Es dauerte nicht lange, da mussten wir unsere Plätze zum ersten Mal verlassen, weil jemand sie reserviert hatte. Leider wurde das in rumänischen Zügen nicht angezeigt, also tappte man immer im Dunklen. Beim nächsten Stopp dasselbe Spiel, bis wir irgendwann getrennt voneinander irgendwo im 1. Klasse Wagen saßen. Immerhin fanden wir aber bis zum Zugwechsel in Bukarest immer einen Sitzplatz, und es gab auch ein 1 Klasse Großraumabteil, was mehr Beinfreiheit und bessere Federung bedeutete. In Bukarest überlegten wir erst, ob wir für den Anschlusszug noch schnell reservieren sollten, aber im Bahnhof war die Hölle los. Ob Pfingstverkehr oder bereits Ferien, keine Ahnung. Wir stiegen also wieder ohne Reservierung ein, mussten diesmal aber nur einmal weichen. Dafür fuhr der Zug erst mit 50 Minuten Verspätung ab. Leute stiegen ein und aus, es sammelten sich immer mehr auf dem Bahnsteig, im Zug wurde es heiß und die Luft zum Durchschneiden, weil keine Aircondition funktionierte wenn der Motor nicht lief. Draußen waren es um die 30Grad. Es muss wohl ein technisches Problem gegeben haben, denn irgendwann gab es einen kräftigen Ruck und kurz drauf ging es endlich los. Ich schätze, wir haben eine andere Lok bekommen. Als die Belüftung lief, ging es dann auch mit dem Klima und es war kein Schweißbad mehr hinter der Maske. In Constanta war im und vor dem Bahnhof ein Betrieb wie in Asien. Selbst die Taxifahrer versuchten, uns zu sich zu locken. Wir wussten aber von unseren Vermietern, welche Busnummer wir nehmen konnten. Zum ersten Mal auf der Reise fuhren wir erst in die falsche Richtung, merkten es aber gleich und stiegen an der nächsten Haltestelle wieder aus. Mit über einer Stunde Verspätung zur vereinbarten Check- in Zeit erreichten wir unsere Unterkunft. Gut, dass es möglich ist, die Vermieter per Handy einfach zu kontaktieren. Wir hatten wieder ein nettes Studio, also Schlafraum, Küche und Bad und auch wieder eine Waschmaschine. Wir nutzen sie bisher immer ohne Waschpulver, denn meist waren immer noch kleinere Reste in der Maschine und außerdem waren unsere drei/vier Teile eh in der Regel nur verschwitzt. Draußen auf dem Balkon in der Sonne getrocknet waren sie danach immer frisch. Wir gingen noch Pizzaessen und einkaufen und damit war der Tag dann auch zu Ende. Erfreulicherweise hatten wir es morgens in Brasov sogar noch geschafft, alle drei Züge für Montag zu reservieren, wobei wieder ein Zug ein Nachtzug mit Schlafabteil ist, voraussichtlich derselbe Zug wie beim letzten Mal, nur in die Gegenrichtung von Bukarest nach Budapest. Dieses Mal sollte es dann aber noch weiter nach Bratislava in der Slowakei gehen.

https://youtu.be/WXrJWlUR33o

Samstag, 4.6.22 Constanta

11,5 km zu Fuß erwanderten wir an diesem Tag Constanta. Zuerst ging es am Schwarzen Meer entlang bis in die Innenstadt zum Ovidiu Platz, auf dem ein sportliches Fest für Kinder und Jugendliche stattfand. Ein Kletterturm mit Sicherung, diverse Ballspielangebote und Geschicklichkeitsspiele wurden angeboten. Das Ganze wurde von Kaufland gesponsert. Ich hatte bisher gefühlt nirgendwo so viele Spielplätze und auch kleine Vergnügungsparks innerhalb von Parks gesehen wie hier in Rumänien und sie waren immer gut besucht. Auch viele Eltern schienen sich dort zu treffen. Ebenso fielen uns die vielen Kindergruppen auf, entweder wandernd in der Natur bei Busteni oder auch in den Städten.

Wir gingen weiter bis zur Carol-I.- Moschee, auf deren Minarett man gegen Eintritt steigen konnte. Von dort bot sich einem ein guter Ausblick über die Stadt und den Hafen. Constanta hat Rumäniens größten Hafen und war nun auf Grund des Krieges im Gespräch, die Abwicklung der Getreidelieferungen nach Afrika zu übernehmen. In einem Internetbericht darüber las ich über die große Anforderung, weil weder der Hafen, noch der Schienenverkehr auf diese Kapazitäten vorbereitet waren.

Unser Weg führte uns weiter zum Casino, einem an sich sehr prächtigem Bau, an dem aber der Zahn der Zeit erheblich genagt hatte und das vorübergehend geschlossen war. Es schienen Bautätigkeiten begonnen aber noch lange nicht fertiggestellt zu sein. Vor dem Casino oberhalb der Küste fand das internationale FIBA 3×3 Europacup Basketballspiel Ungarn gegen UK statt. (https://www.fiba.basketball/3x3europecup/2022/romania/about) statt. Etwas ganz Besonderes kann das aber nicht gewesen sein, denn es guckten kaum Leute zu.

Durch die Stadt ging unser Weg dann zurück zur Unterkunft. Unterwegs stärkten wir uns mit einer lecker gefüllten Bubble Waffel, die wir uns teilten. Über unsere Unterkunft, die eigentlich ganz nett war, ärgerten wir uns an diesem Tag. Die im Angebot aufgeführte und auch vorhandene Waschmaschine konnten wir nicht nutzen. Sie durfte nur von Langzeitgästen über Winter genutzt werden. Wir wuschen unsere Wäsche also auf herkömmliche Art im Waschbecken.

Constanta hatte ein paar schöne Stellen, zeigte aber insgesamt viel Verfall. Die Strände waren enorm breit und noch sehr leer, aber irgendwie auch ohne Charakter. Dafür fehlte der Stadt aber auch der typische Tourismustrubel mit zig Geschäften an der Promenade, was eher positiv anzumerken ist. Aber auch hier reihte sich ein Privatstrand mit seinen Liegen an den anderen, nette schattige Stellen, die frei nutzbar waren, suchte man vergebens. Ich glaube, den einzigen wirklich schönen Strand am Schwarzen Meer haben wir im Jahr zuvor in Bulgarien gefunden und der war Naturschutzgebiet.

Sonntag, 5.6.22 Fahrt Richtung Bratislava

Wir verließen Constanta um 12:30 Uhr mit einem angenehmen Interregio in der ersten Klasse. Im Großraumabteil waren immer Vierersitzgruppen mit Tisch und auf der anderen Seite des Ganges Zweiersitze gegenüber mit Tisch. Man hatte viel Beinfreiheit, die Sitze waren gemütlich, wenn auch nicht verstellbar und die Klimaanlage funktionierte hervorragend, was man besonders merkte, als wir in Bukarest den Zug verließen. Wir hatten 2,5 Std Wartezeit und verdrückten uns schnell im schattigen Park gegenüber des Bahnhofs. Es waren draußen 33Grad und es war eklig schwül. Bevor wir uns ca. 45 Min vor Abfahrt wieder in den Bahnhof begaben, deckten wir uns noch mit leckerem Gebäck zum Abendessen und fürs nächste Frühstück ein. Wir hatten erneut eine Nachtfahrt vor uns, dieses Mal aber wieder im Schlafabteil. 16 Std Fahrt und Schlafen mit Maske ging einfach nicht. Ich fand so ein Zweibettabteil auch ganz gemütlich, wenn es mit 40€ pro Person Zuschlag im Gegensatz zu ca. 3€ im Sitzabteil auch total überteuert ist. Unsere Unterkünfte waren bisher immer erheblich preiswerter.

Unterwegs bekamen wir plötzlich eine furchtbar laute Unwetterwarnung auf Rumänisch auf unser Handy. Verstanden haben wir erst nichts, konnten dann aber die schriftliche Meldung übersetzen. Zwischen 18-19 Uhr waren schwere Gewitter mit starken elektrischen Entladungen zu erwarten, man sollte Reisen unterlassen. Wir saßen aber im Zug und es war bereits nach 19:00 Uhr und draußen nur leicht bewölkter Himmel. Erst jagte uns das aber schon einen Schreck ein. Nun zuckelten wir bis zum nächsten Morgen durch die Landschaft. Es war dieselbe Strecke, die wir schon einmal im Nachtzug verbracht hatten. Dass immer alle großen Züge über die Hauptstädte fahren und nicht direkt, war schon manchmal nervig.

https://youtu.be/tPVlbrNrYDM

Slowakei

Montag, 6.6.22 Bratislava

Nach 20,5 Std reiner Fahrzeit und knapp 3 Std Aufenthalten bei zwei Stopps rollten wir zur Mittagszeit gut in Bratislava ein. Die Nacht im Schlafwagen des Nachtzuges „Ister“ war recht kurz, denn ich war erst gegen Mitternacht in einen etwas unruhigen Schlaf gefallen, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Liege etwas nach vorne abschüssig war, und dann kamen gegen 5 Uhr die Grenzer zur Passkontrolle. Ich war todmüde, aber anstatt beide Länder ihre Zollbeamten gleichzeitig reinschickten, dauerte es mindestens nochmal eine Dreiviertelstunde, bis der Zug die paar hundert Meter weiterfuhr und die Ungarn zur Passkontrolle anrückten. Dann waren wir uns immer noch nicht sicher, ob, wie beim letzten Mal, nochmal unsere Tickets geprüft würden, sodass ich es erst nach sechs Uhr nochmal wagte, einzuschlafen. Immerhin bescherte mir das Ganze einen schönen Sonnenaufgang. Zum Frühstück haben wir unsere leckeren, gefüllten Strudelteilchen gegessen und kamen fast pünktlich um 9:00 Uhr in Budapest an. Hier mussten wir mit dem Bus zu einem anderen Bahnhof fahren. Dort gab es leider nicht so eine feine Erste Klasse-Lounge wie in dem anderen, also begaben wir uns zu Starbucks und tranken einen riesigen Kaffee zusammen und aßen einen Muffin. Damit hielten wir uns die 1,5 Std Wartezeit bis zum nächsten Zug auf. Um 11:40 Uhr ging es weiter per EC, der wirklich bequem war, die meiste Zeit WIFI hatte und wo wir sogar jeder eine Flasche Wasser bekamen. Gegen 14:00 Uhr waren wir endlich am Ziel. Wie schön, dass unsere Airbnb Unterkunft nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt lag. Das war aber auch das einzig Gute an ihr. Unser Vermieter P., ein Schwarzer, der meiner Meinung nach autistische Züge hatte, begrüßte uns mit einer ganzen Litanei an Erklärungen, wobei er zwar gut, aber sehr schnell Englisch redete und uns dabei überhaupt nicht anguckte. Wenn er erklärte, welches Kühlschrankfach oder welche Räume nicht für uns seien, redete er immer in der dritten Person, also das ist P‘s Reich oder „P. mag seine Lebensmittel gerne selber essen“. Unser Zimmer hatte höchstens 9 qm. Darin stand ein Doppelbett, dass es zur Hälfte füllte, ein Plastikcampingschrank, den man mit Reißverschluss verschloss, zwei Plastikklappstühle mit kaputten Sitzen, ein Minischreibtisch und ein Ventilator. Die Wände waren zig Mal ausgebessert und die Kopfkissen so dick und unförmig wie von meiner Oma. Die Luft war trotz offenem Fenster und Ventilator heiß und stickig. Gut, dass es vergittert war, so konnten wir es nachts wenigstens geöffnet lassen, sonst hätte man leicht von draußen einsteigen können. Dafür zahlten wir 61€ für zwei Nächte, wobei unser Gastgeber nur 52€ bekam, der Rest war Steuer und Airbnb-Gebühr. Wir konnten die Küche und natürlich Bad und Toilette mitbenutzen. Für zwei Nächte war es ok, es war zumindest sauber, aber Airbnb war doch immer wieder gut für Überraschungen.

Wir brachen gleich auf in die Altstadt Bratislavas, die wirklich sehr schöne Häuserfassaden zu bieten hatte. Man hatte an Verzierungen nicht gespart. Wir liefen bis zur Donau und dem UFO Tower, einem Brückenturm mit Panoramarestaurant, mit der Form eines UFOs. Von dort oben hatte man sicher einen tollen Blick über die Stadt, aber 9,50€ pro Person war uns das nicht wert. In der Stadt merkte man die Nähe zu Wien. Cafehäuser, Palatschinken und andere süße Leckereien waren überall zu finden Man hörte auch erstaunlich häufig deutsche Stimmen. Nach 10 km kreuz und quer durch die Stadt packte mich Müdigkeit und Erschöpfung mit Macht. Die Hitze und die lange Fahrt machten sich bemerkbar. Stefan brachte mich nach Hause und ging dann nochmal alleine los zum Einkaufen für unser Abendessen.

Dienstag, 7.6.22 Ausflug Trencin/ Slowakei

Trotz der stickigen Luft in unserem Zimmer schliefen wir ganz gut. Bei offenem Fenster und laufendem Ventilator war es auszuhalten. Morgens hat Stefan beim Joggen einen Braunbären gesichtet, der aber zum Glück Reißaus genommen hatte, sodass ich nicht als Witwe weiterreisen musste. Beim Frühstück haben wir dann weitere Gäste unserer Unterkunft kennengelernt. Ein Pärchen oder Geschwister von den Philippinen. Sie arbeitete seit letztem Herbst in Bremerhaven als Krankenschwester und er in einem Altenheim auf Malta.

Da wir am Vortag bereits über 10 km zu Fuß Bratislava erkundet hatten, nutzten wir unser Interrailticket für einen Ausflug nach Trencin, 130 km nord-östlich von Bratislava. Unser Zug und die Fahrt durch die Landschaft mit Gebirgen am Horizont waren sehr schön. In der 1. Klasse hatte das Großraumabteil zwischen den Sitzgruppen Glasabtrennungen, die sowohl mehr Privatsphäre, als auch Schutz gegen Viren boten, sodass wir hier auch mal ohne Maske fuhren. Der Komfort wurde noch gesteigert durch eine Flasche Wasser, die es pro Person kostenlos gab. In Trencin war besonders die Burg sehenswert, die oberhalb der Stadt lag. Umso näher wir kamen, umso mehr erkannten wir ihre Ausmaße. Man hatte vom Turm einen sehr schönen Ausblick auf die Umgebung und es gab innen drin sogar noch Räume mit Einrichtung, allerdings war vieles neu und nur dem Ursprünglichen nachempfunden. Durch einen schönen Waldpark kamen wir zur Altstadt. Der Schatten der Bäume war sehr angenehm, denn die Sonne knallte teils unerbittlich auf uns nieder. Die Stadt war im Gegensatz zu dem, was man von oben erwartet hatte, nicht besonders schön. Zwischen die paar netten historischen Gebäude hatte man ein super hässliches Betonrathaus gebaut, und auch sonst waren ein paar hässliche Überreste des Sozialismus präsent. An Pizzerien und Restaurants mangelte es nicht, aber die Preise kamen hier locker an die bei uns zuhause heran. Gegen späten Nachmittag fuhren wir mit dem gleichen Zug wieder zurück nach Bratislava, wo es sich merklich abgekühlt hatte und windete. Es begann sogar zu regnen. Solange es am kommenden Morgen wieder trocken wäre, sollte es uns recht sein. Vielleicht wäre es danach nicht mehr ganz so schwül.

https://youtu.be/9wecUtUayAI

Ungarn II

Mittwoch 8.6.22 Weiterreise nach Györ/Ungarn

Von diesem Tag gibt es nicht viel zu schreiben. Wir brachen morgens um 10:00 Uhr unsere Zelte in Bratislava ab und fuhren zurück nach Ungarn. Hier im Dreiländereck Slowakei, Österreich, Ungarn war alles nur ein Katzensprung entfernt. Nach kurzer Fahrt hatten wir einen Zwischenstopp in Wien. So riesig war mir bei unserem ersten Aufenthalt der Wiener Hauptbahnhof gar nicht vorgekommen. In der First Class Lounge wurden nun auch hier Flüchtlinge betreut, aber sie war trotzdem auch geöffnet für Reisende. Das Spielzimmer war voll mit Kindern und Müttern und auch im Sitzbereich waren etliche Familien, Alleinerziehende und auch behinderte Flüchtlinge. Neben uns saß eine blinde Familie, die von einer Frau mit Getränken und Essen versorgt wurde. Allen merkte man Stress und Erschöpfung deutlich an. Was hatten sie bereits hinter sich? Wo führte ihr Weg hin?

Eine Stunde später fuhr unser Zug nach Györ, einer 130000 Einwohnerstadt nordwestlich von Budapest. Wir hatten gelesen, dass sie schön sein sollte und am Zusammenfluss der Raab in einen Arm der Donau läge. Wir wohnten ziemlich weit draußen in einem gemütlichen Stadtteil mit kleinen Häusern, vollen, verlockenden Kirschbäumen, in einem 1- Zimmerapartment mit Küchenzeile, Schlafsofa und Bad und direktem Eingang zum Garten. Wir kochten und lauschten ansonsten stundenlang einem Hörspiel und relaxten in unserer Unterkunft. Das musste auch mal sein.

Donnerstag, 9.6.22 Györ

Wir erkundeten Györ. Die sehr schöne Altstadt mit zahlreichen barocken Gebäuden, gemütlichen Cafés, zweistöckigen, pastellfarbenen Häusern mit farblich abgesetzten Fenstern, kleinen Pavillons, die Imbisse oder Souvenirläden beherbergen, Springbrunnen und dem angenehm entspannten Flair einer Kleinstadt, obwohl sie das mit 130000 Einwohnern nicht war, gefiel uns sehr gut. Es gab sogar eine Universität. Der Zusammenfluss der Raab und des Donauarms ist von einer Brücke gut zu beobachten. Vielleicht lag es am Wind oder dem Regen am Morgen, auf jeden Fall war das Wasser des Donauarms sehr aufgewühlt, hingegen das Wasser der Raab klar. Wo sie zusammenflossen, entstanden interessante Muster der aufgewühlten Sedimente. Wir hatten Glück, es begann erst ein wenig zu regnen, hörte dann aber schnell auf, sodass wir bei angenehmen Temperaturen und bedecktem Himmel entspannt die Stadt genießen konnten. Gegen Mittag ließen wir es uns bei Kaffee und Kuchen auf einer Cafeterrasse gut gehen und entschieden dann, dass wir die Flexibilität unseres Interrailtickets ausnutzen und noch einen Ausflug per Zug ins 100 km entfernte Sopron machen wollten. Sopron ist an der Grenze zu Österreich, laut Internet zweisprachig, auch wenn nach unserer Beobachtung das Ungarische stark überwog. Auf Deutsch heißt die Stadt Ödenburg. 1921 fand eine Volksabstimmung statt, die ergab, dass die Bevölkerung mehrheitlich zu Ungarn und nicht Österreich gehören wollte. Wegen des Ergebnisses der Volksabstimmung wurde der Stadt vom ungarischen Staat der Titel Civitas Fidelissima („die treueste Stadt“) verliehen.

Soprons Geschichte reicht bis in die Eisenzeit. In den Trümmern des Zweiten Weltkrieges fand man Reste einer alten römischen Stadtmauer, auf die im Mittelalter und wohl auch später noch gebaut wurde. Heute kann man Teile der archäologischen Reste in der Stadt ansehen.

Bei Sopron fand am 19. August 1989 das Paneuropäische Picknick statt, bei dem 661 DDR-Bürger über die Grenze nach Österreich flohen. Am Ort dieses Ereignisses werden jährlich Gedenkfeiern veranstaltet. (https://www.budapest.com/ungarn/stadte/sopron/geschichte.de.html).

Die Stadt hat heute rund 60000 Einwohner und die Nähe zu Wien beeinflusst ihre Wirtschaft positiv, wenn sie auch auf uns etwas baufälliger wirkte als Györ.

Freitag, 10.6.22 Keszthely am Plattensee

Die letzten 2 Tage unseres ersten Teils dieser Interrailreise verbrachten wir entspannt am Plattensee oder Balaton, wie er auf Ungarisch heißt. Vor ein paar Jahren waren wir auf der südöstlichen Seite des Sees, bei Siófok. Hier hatten unsere Kinder ihre erste Jugendgruppenreise ins Ausland hin gemacht, deshalb wollten wir dort vorbeifahren auf dem Rückweg von Rumänien. Es hatte uns dort damals gar nicht gefallen, aber wir wollten der Gegend dennoch eine erneute Chance geben. Wie gut! Wir kamen am Mittag mit dem Zug von Györ. Dieses Mal waren wir im Nordwesten des Sees im Ort Keszthely (wie immer das auch ausgesprochen werden mag) und die gemütliche Atmosphäre konnten wir schon vom Zug aus wahrnehmen, der ein paar Stationen am See entlang fuhr. Wir sahen viele Radfahrer, Campingplätze ohne viel Halligalli, nur mit Spiel- oder Minigolfplätzen und kleine Pensionen mit vielen Blumen. In einer dieser netten Pensionen hatten auch wir ein großzügiges Zimmer mit Balkon und Bad. Im Eingangsbereich gab es Mikrowelle, Kühlschrank und Wasserköcher und mehrere Tische, an denen man sein selbstzubereitetes Essen gemütlich genießen konnte. Sofort meldete sich unser Magen und wir besorgten uns Brot, Marmelade etc. für das Frühstück am kommenden Morgen und Teilchen für eine nachmittägliche Stärkung, bevor wir auf Entdeckungstour gingen. Letztere führte uns durch eine großzügige Fußgängerzone mit zahlreichen Restaurants und Eisdielen, die aber nicht touristisch aufdringlich wirkten, sondern einfach sommerlich entspannt. Die kleine Stadt hatte sage und schreibe 7 Museen, von Marzipanmuseum (schien in zu sein) bis Spielzeugmuseum und von Nostalgiemuseum bis zu einem historisch erotischen Wachsfigurenkabinett. Uns war aber das Wetter viel zu schön, um uns in Museen zu verkriechen, wir zogen es vor, zum beeindruckenden barocken Palast zu schlendern, der von einem schönen Park umgeben war. Dort gab es auch einen Palmengarten mit Vogelpark, aber der schloss gerade seine Tore als wir ankamen. Nachdem wir die Innenstadt, die schön verkehrsberuhigt war, durchwandert hatten, liefen wir zur Uferpromenade. Es blies ein heftiger Wind und ein Kiter hatte merklich Probleme, sich auf dem Wasser zu halten. Wir teilten uns zum Abendessen eine Portion Langos, die uns völlig ausreichte und beendeten damit unseren Spaziergang. Der Ort gefiel uns beiden gut und wir freuen uns darauf, am nächsten Tag einen kleinen Ausflug mit dem Zug weiter östlich an den Balaton zu machen nach Becehegy. Es sah so aus, als gäbe es dort ein Gebiet, das sich zum Wandern anböte.

Samstag,11.6.22 Keszthely

Wie geplant, wanderten wir an diesem Tag. Von uns aus ging es erst lange Zeit durch Wohngebiete mit hübschen Häusern und blühenden, sehr gepflegten Gärten. An einer Straße befand sich eine Art breiter Graben und ich hielt ihn erst für einen Abwassergraben, er stellte sich aber als sehr belebtes Biotop dar. Als erstes sah ich eine Schildkröte, die aber schneller untertauchte als wir unsere Handykameras zücken konnten. Dann begann ein Froschkonzert, und wir konnten auch welche sehen. Nach ein paar Kilometern ging die Strecke in einen Waldweg über, der anstieg, und nach einer Weile lag die Vadlany Höhle unter uns. Von hier liefen wir weiter Richtung des nächsten Ortes, Vonjarcvashegy. Mir taten die armen Kinder leid, die solche Namen schreiben lernen müssen. Auch hier gab es wunderbare Gärten mit noch wunderbareren Kirschen, die uns rot anstrahlten. Als vor einem Haus gerade welche aussortiert wurden, fragte ich, ob wir ein paar kaufen könnten und so kamen wir zu einem Pfund Kirschen, die wir unterwegs genossen. Nun kamen wir zu einem Kreuzweg, der zur St.Michaelskapelle auf gleichnamigen Hügel führte. Darüber findet man im Internet folgende Informationen:

„Die 136 Meter hohe Dolomitformation war einst eine Insel. Im 13. Jahrhundert wurde auf der Bergkuppe eine kleine Burg errichtet, die bis auf die kleine Kapelle im Sturm der Geschichte fast vollständig zerstört wurde. Der Folklore zufolge wurde die Kapelle 1729 von 40 Fischern erbaut, die glücklicherweise einem verheerenden Sturm auf dem Plattensee entkommen waren. Die Legende der Kapelle ist eine Mischung aus Märchen und Realität.

Neben dem Gebäude befindet sich ein alter Friedhof. Die Umgebung des denkmalgeschützten Gebäudes bietet eine schöne Aussicht auf das Keszthelyer Gebirge und den Plattensee, von der Bucht von Keszthely bis zum Ufer von Berényi, aber die Aussicht auf die „Zeugenberge“ von Szigliget bis Badacsony ist wunderbar.

Die erstaunliche Schönheit dieser Landschaft, der Kapelle und ihrer Legende haben viele Schriftsteller und Dichter inspiriert“(https://vonyarcvashegy.hu/szent-mihaly-domb-es-szent-mihaly-kapolna)

Da die Sonne inzwischen ganz schön wärmte und wir auch schon über 8 km hinter uns gebracht hatten, entschied ich, dass wir es damit gut sein lassen und zum nächsten Bahnhof gehen sollten, der auch noch einmal 3 km entfernt war. Wir fuhren mit dem Zug zurück nach Keszthely, wobei Stefan eine Haltestelle eher ausstieg, um noch für den nächsten Tag Reiseverpflegung einzukaufen. Wir würden zwar mehrere Umstiege haben, aber alle nur recht knapp bemessen und würden unsere erste Erfahrung mit dem 9€ Ticket ab deutscher Grenze machen. Nach dem, was wir bisher darüber gehört hatten, graute es mir vor der Fahrt nach Zorneding. Hoffentlich schafften wir es überhaupt bis dort und blieben nicht unterwegs auf der Strecke, weil uns ein Zug nicht mehr reinließ. Gut, dass unsere Rucksäcke nicht allzu groß waren, aber beliebt machten wir uns damit sicher nicht.

Zum Abschluss unseres ersten Reiseabschnitts und von Ungarn genossen wir an der Mole noch einmal leckere Langos von einem Imbissstand, an dem bereits eine lange Schlange auf diese Köstlichkeit wartete.

Sonntag,12.6.22 Rückfahrt nach Deutschland

Nun ging also unser erster Teil der ersten gemeinsamen Interrailreise zu Ende. Da wir früh am Bahnhof Keszthely waren, versuchten wir noch einmal für den Zug von Györ bis Salzburg eine Reservierung für die erste Klasse zu bekommen, aber auch diese zwei Bahnmitarbeiterinnen schienen sowohl überfordert als auch zu unmotiviert, wenigstens nachzusehen. Sie teilten uns einfach mit, dass wir keine Reservierung benötigten, obwohl es in unserer APP anders angezeigt wurde. Wir fuhren also wie bei der Hinreise mit dem Regionalzug FT9690 zurück nach Györ. Ab dort ging es weiter im Railjet 62, einem international verkehrenden Schnellzug, wohl vergleichbar mit unserem ICE, nach Salzburg. Auf dem Bahnsteig und im Zug stand gleich fest, dass wir froh sein konnten, überhaupt Plätze in der 2.Klasse zu haben. Es wurde richtig voll und viele standen mit großen Koffern in den Gängen. Eine Frau mit Kind, einem gigantischen Rollkoffer und einem Hamsterkäfig in der Hand zeigte sich begründet besorgt, ob sie es bis zum nächsten Bahnhof schaffen würde, bis zur Tür vorzudringen, um aussteigen zu können. In Wien, dem einzigen Bezirk Österreichs, der die Maskenpflicht nicht für die kommenden drei Monate ausgesetzt hatte, zog kaum jemand den ungeliebten Mundschutz an, obwohl es dichtes Gedränge war. Wir trugen durchgehend Maske, was bei der Enge und Dauer schon sehr anstrengend war, uns aber hoffentlich, trotz wieder steigender Inzidenzen, schützte. Irgendwann sagte Stefan voller Schreck, dass er gerade einen Stromschlag bekommen hätte. In der 230 Volt Steckdose am Sitz steckte ein spitzer Metallgegenstand, an den er mit seiner Hand gestoßen war. Anscheinend war einem Fahrgast ein Stecker dort kaputt gegangen und ein Stück drin geblieben. Ich bekam einen Schreck und hatte Angst, dass das gesundheitliche Folgen haben könnte. Ich beobachtete ihn genau, aber er wurde nicht bleich und sein Puls schien auch nicht auffällig zu sein, als er ihn mit seiner Uhr kontrollierte. Wir machten Fotos zur Dokumentation. Als der leitende Zugbegleiter im Wagen erschien, rief ich ihn gleich zu uns. Er klebte die Steckdose notdürftig ab und bot uns mehrmals an, einen Arzt zu kontaktieren. Später schaffte er es, die Stromzufuhr für die Steckdose auszustellen. In Salzburg stiegen wir um in einen Regionalzug nach München Ost, den wir glücklicherweise ohne Gedränge erreichen konnten und der auch nicht überfüllt war trotz 9€ Ticket und Sonntag. Wir hatten zuvor online für das Stück bis zur Grenze gezahlt und für jeden ein 9€-Ticket in Deutschland. An der Grenze, also vielleicht 5 Minuten nach Abfahrt, kam es zum ersten längeren Halt und einer Verspätung von 15 Min. weil die deutschen Grenzer so lange kontrollierten. Darüber hinaus, dass man sich über den Sinn der Kontrolle im vereinten Europa streiten konnte, stellte sich die Frage, ob sie immer stattfand und wenn ja, warum sie nicht in die Zeitplanung des Zuges eingeplant wurde. Auf der weiteren Strecke kam es zu mehreren weiteren ungeplanten Halts über mehrere Minuten. Die Durchsagen liefen völlig durcheinander, sodass auf die Zugangaben außen am Zug während der Fahrt hingewiesen und noch nach Rosenheim als nächster Halt Rosenheim angesagt wurde. Zeitweise konnte man den Gesprächen im Führerhaus zuhören, weil das Mikrofon wohl unbeabsichtigt angeschaltet wurde. Getoppt wurde diese, mit heftiger Verspätung in München Ost ankommende Fahrt dann mit der Durchsage, dass der Zug heute wegen Bauarbeiten nicht bis zum Hauptbahnhof weiterführe, am Bahnsteig aber noch der Hauptbahnhof angezeigt wurde. Wie planlos war das denn, und wie sollten fremdsprachige Fahrgäste das durchblicken, wenn diese wichtige Mitteilung nicht auch auf Englisch durchgesagt wurde? Was für ein peinliches Bild gab da bloß die Deutsche Bahn ab? Wir waren froh, nur noch die S-Bahn erreichen zu müssen, während zahlreiche Fahrgäste den ICE nach Stuttgart abschreiben mussten. Wir zuckelten also gemächlich mit der S6 nach Zorneding und wurden in unserer letzten Unterkunft dieses Reiseabschnitts mit einer herzlichen Umarmung und einem leckeren Essen von Stefans Mutter begrüßt.

Schweiz I

Sonntag, 19.6.22 Luzern

Es ging weiter mit unserer Interrailreise. Wir schafften es, trotz 40 Minuten Verspätung beim ICE aufgrund von Leuten auf den Schienen bei Darmstadt, dennoch einen IC Richtung Luzern und einen Regionalzug nach Horw zum Campingplatz bekommen. Als wir in Basel ankamen, kam es uns vor, als wären wir in den Tropen gelandet. Auch in Horw bei Luzern waren es laut Internet 32Grad und wir hatten großes Glück, dass die Dame an der Rezeption uns noch einen anderen, schattigeren Platz gesucht hat. Eigentlich hätten wir wohl in der vollen Sonne unser Zelt aufbauen müssen. Neben dem Campingplatz war gleich der Vierwaldstättersee mit einem Seebad, für das wir Eintrittskarten bekamen. Nach dem Zeltaufbau konnten wir uns in dem 21Grad kühlen Wasser gut abkühlen. Danach haben wir uns auf die Suche nach was essbarem gemacht und sind dabei beinahe gescheitert. Dass Geschäfte sonntags um 19:00 Uhr geschlossen haben, ist ja noch verständlich, aber hier hatten auch alle Restaurants und Cafés dicht! Ein einziger Dönerladen hatte geöffnet und uns dennoch nahezu zum Verhungern verdammt. Ich sag nur: Pommes für 7 Schweizer Franken (=€)! Wir haben uns für 14€ eine Pizza Margherita geteilt und Stefan kochte sich beim Zelt noch ein Süppchen. Gut, dass ich Tütensuppen mitgenommen hatte. Unser Frühstück am kommenden Morgen würde dann wohl aus Keksen von meiner Freundin Heike, ein paar Stücke Schokolade und Nüsse, sowie ein Käsebrötchen, das ich mir von der Fahrt aufgespart hatte, bestehen. Ich war gespannt, wie die Preise in den Supermärkten seien würden.

Die Fahrt an diesem Tag war trotz Verspätung sehr angenehm. Der Campingplatz war OK und sehr international. Der See und die Berge gefielen uns sehr, der Ort Horw erschien ehr hässlich. Viele nicht zueinanderpassende Häuser, alles recht nichtssagend. Wir waren gespannt, ob wir am kommenden Tag unsere Panoramazugfahrt machen würden, oder ehr am Tag drauf. Es sah nach Gewitter aus.

Wir hatten bei dieser Tour in der Schweiz immer nur auf dem Campingplatz WLan, woran wir uns sehr gewöhnen mussten. Leider inkludierten unsere Telefonverträge in der Schweiz kein kostenloses Roaming und wir hatten schon immer im Zug Panik, dass wir unser Ticket nicht aufrufen konnten und Orientierung war auch nicht so einfach, bis Stefan die Region bei Google gedownloadet hatte.

Montag, 20.6.22 Panoramafahrt, Schifffahrt und Luzern

Die erste Nacht in der Schweiz war, wie beim ersten Mal zelten seit Jahren und dann auch noch im Minizelt zu erwarten, nicht super, aber auch nicht so schlecht wie erwartet. Es hatte sich abends etwas abgekühlt, sodass wir in unserem Zelt nicht sauniert wurden. Am Morgen haben wir uns wie geplant auf den Weg gemacht, um die Golden Pass Route zu fahren. Ein örtlicher Nahverkehrszug brachte uns nach Luzern, und von dort genossen wir die Fahrt im Panoramazug, in einer nicht zu vollen ersten Klasse, während in der zweiten Klasse eine Schulklasse und viele andere Leute zum Teil stehend fahren mussten. Stefan hatte vor der Fahrt noch schnell Teilchen und kalten Latte Macchiato gekauft, sodass auf der fast zweistündigen Fahrt für unser leibliches Wohl gesorgt war. Wir fuhren durch eine wunderschöne Berglandschaft bis hoch auf den Haslibergpass auf 1013m Höhe. Um dort hochzukommen, wurde Zahnradtechnik eingesetzt. Die Strecke führte entlang des Vierwaldstättersees, des Wichelsees, des Samersees und Lungernsees bis zum Brienzer See in Interlaken Ost, wo wir in den Zug nach Zweisimmen umsteigen wollten. Da wir noch etwas Zeit hatten, verließen wir den Bahnhof und gingen zum See hinüber. Mehr durch Zufall sah ich dort ein Schild, dass mitteilte, dass Inhaber von Schweizer-, Euro- oder Interrailpässen kostenlos an Bord gehen könnten für eine Schifffahrt auf dem Brienzersee! Wahrscheinlich war das möglich, weil das Schiff auch ein reguläres Transportmittel war, um an andere Orte des Sees zu gelangen. Da konnten wir natürlich nicht nein sagen und schmissen erstmal unsere weitere Route über den Haufen. Wir fanden letztlich zwar doch noch eine Möglichkeit, die Tour inkl. Zweisimmen und Montreux laut Fahrplan am selben Tag durchzuführen, aber dann kam es doch anders. Wir fuhren nach der Schifffahrt über den wunderschönen Brienzer See nach Spiez, um von dort dann nach Montreux und über Zweisimmen zurück nach Luzern zu fahren. In Spiez wurde durchgesagt, dass es bei Zweisimmen derzeit eine Störung aufgrund eines defekten Gleises gäbe und nicht klar wäre, wie lange die Strecke gesperrt wäre. Na, da hatten wir ja wahrscheinlich ein riesiges Glück, dass wir uns so spontan für die Schifffahrt entschieden hatten! Andernfalls hätten wir ggf. auf der Strecke festgesessen. So machte es dann auch keinen Sinn, nach Montreux weiterzufahren, weil wir von dort ja nicht auf der Panoramastrecke zurückgekommen wären. Wir fuhren also zurück nach Interlaken Ost und wiederum die schöne Strecke nach Luzern. Dort bummelten wir durch die Stadt, besuchten eine Brücke, an die Stefan sich meinte noch erinnern zu können von einem Ausflug mit seinen Eltern als er ca. 5 Jahre alt war. Später stellten wir fest, dass es eine ganz ähnliche Holzbrücke mit Dach ca. 200m entfernt noch einmal gab. Nun ist er sich nicht mehr sicher, welche er denn nun als Kind gesehen hatte. Wir besuchten die Jesuitenkirche von innen, die beeindruckend viel Marmor hatte und reich verziert war, wie im Barock üblich. Luzern hatte eine sehr schöne und lebendige Altstadt mit mehreren Brücken über die Reuss. Zwei davon waren wie erwähnt aus Holz und überdacht und mit Malereien und Sprüchen aus der Bibel und Landesgeschichte verziert. Es gab bis zum 19.Jahrhundert sogar noch eine dritte Brücke der Art, die aber den Seeaufschüttungen weichen musste. Gebaut wurden die Brücken im 13./14.Jahrhundert.

Inmitten der Stadt hatte Luzern ein uraltes Wasserkraftwerk. Bereits seit 1178 wurden Mühlen durch die Wasserkraft des Flusses Reuss betrieben. 1878 baute man ein Turbinenkraftwerk und seit 1926 erzeugte hier ein Generator aus Wasserkraft Strom. Das Wasserkraftwerk war jetzt ein Vorzeigeobjekt für Natur- und Umweltschutz, denn es wurde strengstens auf seine Verträglichkeit für Umwelt und Tiere geachtet, so hatte man z.B. extra eine Bibertreppe eingebaut, damit sein gewohnter Lebensraum nicht zerstört wurde.

Zum Abschluss unseres Rundgangs kauften wir noch Nudeln und eine Melone ein, die wir zum Abendessen aßen.

Dienstag, 21.6.22 Wanderungen Aareschlucht und Brünig-Häsliberg- Lungern

Heute forderten wir uns mal wieder selber ein wenig und ließen uns nicht nur durchschaukeln. Wir fuhren nach dem Frühstück zuerst bis Innertkirchen-Grimseltor und wollten dann mit dem Postbus hoch zum Grimselpass. Der Spaß an dem Vorhaben verging uns aber schlagartig als wir hörten, dass die Fahrt uns per Strecke/Person 31€ gekostet hätte. Schnell entschieden wir uns um und wanderten zum Osteingang der Aareschlucht. Diese Entscheidung haben wir auf keinen Fall bereut. Die Schlucht war absolut sagenhaft und die Aare schoss mit gewaltiger Kraft durch die Felsen. Teils wurden wir durch Tunnel geführt, wobei wir immer wieder Ausblick auf den Fluss und die gewaltigen Felsmassive hatten. Als wir am Westausgang ankamen, hätten wir von dort weiterfahren können, aber wir entschlossen uns, auch den Rückweg zu wandern und dieses tolle Erlebnis ganz auszukosten. Am Bahnhof Aareschlucht mussten wir dann eine ganze Zeit warten, bis unser Zug kam. Der Bahnhof war dort wie eine U-Bahn in den Felsen gebaut und kurz bevor er kam, öffnete sich eine automatische Tür im Gestein zum Bahnsteig. Wir fuhren nur eine Station bis Brünig-Häsliberg und wanderten durch eine bezaubernde, hügelige Landschaft mit Blick auf die hohen Berge von der Passhöhe zum nächsten Bahnhof in Lungern. Der Weg führte parallel zu der Zugstrecke, wo Zahnradtechnik den Zug bei dem starken Gefälle bremste. Einmal kam auch einer an uns vorbei. Die Wanderung war sehr schön, wurde jedoch von einem drohenden Gewitter in unserem Nacken etwas überschattet. Gewitter in den Bergen können bekanntlich schnell, unerwartet und heftig und besonders gefährlich sein. Wir schafften es aber trockenen Fußes in Lungern anzukommen und hatten dort dann fast eine Stunde Zeit, um dem Namen des Ortes alle Ehre zu machen, nämlich herumzulungern. Wir gingen einmal in den Ort und zurück, bis unser Zug einrollte. Über Sarnen ging es zurück nach Horw und in Sarnen gab es dann den ersten richtigen Schauer unserer Reise, während wir trocken am Bahnhof standen und hofften, dass es in Horw nicht regnete. Es wäre wirklich blöd, wenn wir kommenden Tag ein nasses Zelt einpacken und mit nassen Klamotten zu unserer Servasgastgeberin müssten. Es hatte während unserer Abwesenheit in Horw geregnet, aber anscheinend nicht sehr stark. Wenn wir Glück hätten und es nachts nicht regnete, könnten wir evtl. tags drauf mit trockenem Zeit abreisen.

Mittwoch, 22.6.22 Horw- Aubonne

Ein langer, schöner aber auch etwas anstrengender Tag lag hinter uns als ich an diesem Tag im Bett lag und zu aufgekratzt war, um schlafen zu können. Morgens hatte es, gerade als wir das Zelt abbauten, angefangen zu regnen, aber wir konnten es noch einigermaßen trocken zusammenpacken. Dann begann eine fast 10-stündige Zugreise von Horw nach Aubonne über Luzern, Olten, Spiez bis Zweisimmen, wo wir unseren zweiten Teil der Golden Pass Route begannen. Wir hatten wieder einen Panoramazug und es bot sich uns gleich ein Blick auf beeindruckende Felsspitzen. Im Gegensatz zum ersten Teil, der ja vornehmlich entlang wunderschöner Seen führte, ging es dieses Mal durch Almenlandschaften. Rechts und links gingen die grünen Hänge steil neben unserer Zugstrecke hoch, Almen verteilten sich mit einigem Abstand in allen Höhen und obwohl man eigentlich nicht von Dörfern reden konnte, gab es alle paar Kilometer kleine Bahnhöfe. Oberhalb der grünen Weiden guckten bizarr die Felsen der hohen Berge hervor. Die Strecke war sehr beeindruckend. Zum Schluss führte sie runter fast bis zum Genfer See und endete in Montreux. Hier hatten wir eine Stunde Zeit, um ein wenig herumzulaufen. Die Stadt hatte eine herrliche Lage am See, wirkte aber sehr mondän auf mich. Während unterwegs der Baustil vorwiegend aus netten Holzhäusern bestand, war nun wieder eine Mischung aus unterschiedlichsten Bauten von Hochhaus, dem von vorne sehr reich aussehenden, schlossartigen Palasthotel direkt am See, was im Übrigen von hinten ziemlich bruchreif wirkte, und Häusern ohne besonderem Charakter. Ich muss natürlich dazusagen, dass wir auch nur einen winzigen Ausschnitt von der Stadt gesehen haben, aber der wirkte mir zu sehr auf reich aufgetakelt und der See zu groß. Da haben mir die kleineren Seen auf der ersten Fahrt, wie der Briegersee, besser gefallen. Für uns ging die Fahrt dann noch weiter mit dem Zug nach Aleman und von dort per Bus nach Aubonne. Wir hatten riesiges Glück, dass wir trotz all der Umstiege die Anschlüsse alle bekamen, denn unsere Servasgastgeberin erwartete uns an der Bushaltestelle. Leider begann es pünktlich bei Ankunft zu regnen. Zum Glück wohnten unsere Gastgeber nicht weit von der Haltestelle, denn aus dem Regen wurde heftiger Hagel. Wir wohnten bei einem schweizerisch- schottischen Paar. Er war 72 und aus Schottland, sie 65 und Schweizerin. Wir unterhielten uns auf Englisch, obwohl wir in der französischen Schweiz waren, aber mit Englisch alle einen gemeinsamen Nenner hatten. Unsere Gastgeberin schien bei ihren Reisen mit anderen Hospitility Organisationen und mit Reisenden schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht zu haben und stand unserem Besuch kritisch und mit Vorsicht gegenüber. Wir kamen aber gut klar und bemühten uns sehr, ganz angenehme Gäste zu sein, um beiden auch positive Erfahrungen mit Servas zu verschaffen. Bisher hatten sie nur Gäste von anderen Organisationen gehabt, die wohl sehr fordernd waren und auch versuchten zu stehlen. Wir wurden zu leckerem Raclette eingeladen und unterhielten uns über Reisen und Politik in GB und der Schweiz. Beide zeigten ziemlich konservative Ansichten was Sozialsystem, Gewerkschaften und Zuwanderung anging. Am kommenden Tag wollten sie uns die Stadt Aubonne, die nur gut 3000 Einwohner, aber aufgrund ihres historischen Wertes Stadtrechte hatte, zeigen. Hoffentlich würde das Wetter mitspielen.

Donnerstag, 23.6.22 Servas Aubonne/ Ausflug Rolle

Am heutigen Tag zeigten uns unsere Gastgeber Silvianne und Edward mit ihrem absolut süßen und lieben Hund Chester ihre Umgebung. Nach dem Frühstück machten wir einen Spaziergang durch Aubonne. Gerade mal 230 m von ihrem Haus entfernt war ein Schloss, das heute eine Schule beherbergte. Bis vor ein paar Jahren befand sich ebenso ein Gefängnis in dem Gebäude und man konnte den Gefangenen von oberhalb bei der Gartenarbeit zusehen. Jetzt war es der Musiksaal der Schule . Es gab auch noch einen Waschplatz, wo die Leute in der Dorfmitte ihre Wäsche bis in die 60iger gewaschen haben, bevor es Waschmaschinen gab. Der Ort, der aufgrund seiner historischen Bedeutung und weil es eine Stadtmauer und ein Schloss gab Stadtrecht hatte, war wirklich sehr reizvoll und absolut gemütlich. Auch unsere Gastgeber wohnten in einem denkmalgeschützten Haus, das sich über vier Etagen ausdehnte. Nach Aubonne fuhren sie mit uns nach Rolle VD, einem Nachbarort am Genfer See mit einer sehr schönen Promenade mit Blumen und Spielplatz. Auch hier gab es ein mittelalterliches Schloss und einen Yachthafen, wo die Reichen ihre Boote stehen hatten, laut unseren Gastgebern meist nur zum Angeben, statt sie zu nutzen. Rolle hatte auch nette bunte Häuser mit farblich abgesetzten Fensterläden. Die Gegend hier war wirklich sehr schön und man konnte fast nach Frankreich hinüberspucken.

Zum Mittagessen gab es leckere Toasts mit Frischkäse und einer Mischung aus Gruyerkäse, Mehl, Tomaten und Gewürzen überbacken. Eigentlich wird statt Tomaten Wein genommen, aber Silvianne hatte es geändert weil sie dachte, wir nähmen auch zum Kochen keinen Alkohol. Es war sehr lecker. Nachmittags fuhren sie mit uns noch zu einem Park, den Migros, der größte Markt in der Schweiz, der Bevölkerung spendiert hatte. Er hatte einen Kletterpark, Tiere, Sportanlagen, große Rasengebiete, Spielplatz und ähnliches. Dort erwischte uns ein Regenguss. Wir fuhren zu einem Einkaufscenter, wo wir unsere Gastgeber im Restaurant zu Kaffee und Kuchen einluden. Wieder zuhause zeigte uns Silviane Bilder, die sie gemalt hatte. Sie waren wirklich beeindruckend. Sie hatte einen dreiwöchigen Kurs zu einer bestimmten Technik gemacht und ihre Bilder waren wirklich gut. Sie hatte darüber hinaus ein Händchen für Handarbeiten und überall hingen gestickte Bilder. Zum Abendessen gab es vegetarische Paella und wir waren wirklich begeistert von ihren Kochkünsten. Am kommenden Morgen würden wir weiterfahren nach Dijon in Frankreich und zurückkehren in unser kleines Zelt. Ich hoffte, dass es dort nicht solche Regengüsse gab, wie wir sie in den letzten zwei Tagen erlebt hatten. Immerhin hatten wir aber den Großteil des Tages in herrlicher Sonne verbracht.

Frankreich I

Freitag, 24.6.22 Fahrt nach Dijon

Am Morgen mussten wir uns von unseren Gastgebern verabschieden. Entgegen unseres ersten Eindrucks, stellten sie sich als sehr nett heraus. Wir frühstückten gemütlich gemeinsam und Silviane rief für uns beim Campingplatz an und bestätigte noch einmal unsere Ankunft. Diese dämliche Erfindung von Rückbestätigungen waren wirklich nervig, besonders wenn man keine Telefonkarte hatte und die Sprache nicht sprach. Beide plus Hund brachten uns mit dem Auto nach Allaman, damit wir für den Postbus nicht noch zahlen mussten. Das war wirklich total nett, sowie auch die ganzen Unternehmungen am Vortag, die sie mit uns gemacht hatten. Vielleicht konnten wir auch Edward davon überzeugen, dass es nett sein kann, Servasgäste aufzunehmen und zu Gastgebern zu reisen. Durch miese Erfahrungen mit Gästen anderer Gastgeberorganisationen wie Hospitility.com, wo Gäste statt alleine gleich zu viert auftauchten, sich haushalten ließen und auch noch um Geld baten und Gäste sich an ihrer Geldbörse vergriffen und im Haus herumschnüffelten, war Edward ganz gegen Gastgeberorganisationen eingestellt und auch nicht Servasmitglied. Er hatte aber am Vorabend ebenfalls sichtlich Spaß und Interesse am Austausch und an gemeinsamen Unternehmungen gehabt.

Wir fuhren als erstes nach Lyon und lernten gleich, dass in bzw. nach Frankreich mit einem größeren Aufkommen von Reisenden zu rechnen war und das auch in der ersten Klasse. Wir waren rechtzeitig vor Abfahrt am Bahnsteig, aber der Zug stand schon dort und wir bekamen nur deshalb Plätze nebeneinander, weil ich eine Familie gebeten habe, den Platz zu tauschen. In Lyon auf dem Bahnhof war es wuselig wie im Wespennest. Auch hier wurden anscheinend Flüchtlinge aus der Ukraine erwartet, denn Leute vom Roten Kreuz standen schon mit Schildern mit ukrainischer Flagge bereit. Wir hatten eine Stunde Aufenthalt und suchten erstmal einen Weg raus aus dem Bahnhof und dem Gedränge. Draußen bekamen wir einen Anruf aus Deutschland und damit war unsere Zeit für die Erkundung der Umgebung dahin. Wir gingen bereits 30 Min vor Abfahrt zum Bahnsteig, mussten auch durch eine Zollkontrolle, wurden aber nicht kontrolliert. Auch dieser Zug war gut belegt. Beide Züge, weder der RE noch der TER waren besonders gut. Beim RE hatten wir wenigstens noch eine Steckdose, um unsere Handys zu laden, aber das hatte der TER noch nicht mal. Er sah ehr aus wie ein in die Jahre gekommener Intercity mit Gardinen. Zwei weitere Stunden Zugfahrt standen uns bevor, aber nach kurzer Zeit waren wir über die französische Grenze und konnten endlich wieder online gehen und uns die Zeit mit Spanischlernen verkürzen, solange wir nicht durch die Pampa fuhren und kein Netz hatten. Als wir in Dijon aus dem Zug stiegen, fing es an zu regnen, erst etwas, dann wurde es immer stärker, sodass wir uns unter ein Bushäuschen flüchteten. Als der Regen nachließ, stellten wir fest, dass wir nur noch ein paar Schritte vom Campingplatz entfernt waren. Er war hübscher, mit von Hecken umgebenen Parzellen, wo unser Zeltchen fast verloren wirkte. Hier wäre ich gerne mit Womi gewesen! Wir nutzten ein Regenloch zum Zeltaufbau und gönnten uns bei der Rezeption einen Kaffee, da der Platz noch ca.10€ billiger war als gedacht. Wir hatten mit Strom gebucht, aber wir konnten mit den großen Steckdosen für Wohnmobile ja gar nichts anfangen. Handys würden wir wohl beim Spülen im Waschraum laden müssen. Was wirklich dämlich war, war, dass man eigenes Klopapier mitbringen musste. Wir kauften stattdessen Tempos, denn wir brauchten weder 4 Rollen noch wollten wir dafür 3-6€ zahlen. Wo sollten wir denn damit hin? Wir eilten zum Supermarkt und schlüpften in den letzten Minuten hinein. Mit unserem Einkauf wartete ich in einem netten Park auf dem Weg zum Campingplatz, während Stefan Kochgeschirr und Kocher besorgte. Hier konnten wir uns gemütlich auf Bänke an Tischen setzen, statt vorm Zelt auf dem nassen Rasen hocken zu müssen. Wir machten noch einen kleinen Spaziergang, bevor es ins Bett ging.

Samstag, 25.6.22 Dijon

Nachts hatte es geregnet, dementsprechend war unser Zelt am Morgen nass. Von außen vom Regen, von innen von hoher Luftfeuchtigkeit. Mein einziges Verlangen war nur noch ein Waschsalon mit Trockner, denn Handwäsche zu trocknen erschien nahezu unmöglich. Nach dem Frühstück, das wir auf Stefans Regencape vor dem Zelt einnahmen, wanderten wir los. Wir gingen entlang der L’Ouche, einem Fluss mit Staustufe, der in den Lac neben unserem Campingplatz floss. Dort wurde ein netter Strand angelegt. Wir gingen aber heute in die andere Richtung, auf der Promenade zur Stadt. Es war ein netter Weg, bewaldet, mit Sportgeräten, Spielplätzen und Bänken. Mit einem Torbogen, wieder einer Miniversion des Arc der Triumph, empfing uns die Stadt. Von Anfang an waren wir begeistert. Schöne alte Gebäude, viele kleine und besondere Lädchen, häufig mit Spezialitäten der Region wie Senf und Wein. Die leckersten Sachen in den Patisserien wie Törtchen und Maccarons. Durch Zufall standen wir auch plötzlich vor der schönen alten Markthalle, in der an zahlreichen Ständen alles was Landwirtschaft und Fischerei zu bieten hatte, angeboten wurde und auch die Möglichkeit zum Weintrinken und Essen geboten wurde. Draußen vor der Halle wurden an ein paar Ständen ebenfalls Obst und Gemüse verkauft, was wohl nicht mehr den höchsten Ansprüchen gerecht wurde. Unser Pfund Kirschen war aber hervorragend und kostete nur einen Bruchteil von dem Preis in der Halle. Nicht weit von der Markthalle entfernt, fanden wir unsere Levanderie. Wir steckten unsere Wäsche in die Maschine und nutzten die Zeit dazu, uns die Kathedrale Notre Dame von innen anzusehen. Leider wussten wir zu der Zeit noch nicht, dass die Eule von Dijon (Chouette der Dijon) an der Außenfassade angeblich beim Streicheln Wünsche erfüllt. Ich hätte mir gutes Wetter gewünscht. Den ganzen Tag war es super, aber abends, als ich diese Erlebnisse niederschrieb, regnete es in Strömen und gewitterte. Wir saßen unter einem Pavillondach bei der Rezeption des Campingplatzes und hofften, dass es bald aufhörte und wir ins – hoffentlich von innen noch trockene – Zelt könnten.

Zurück zur Stadterkundung: Wir kauften uns Eis und Cappuccino während unsere Wäsche im Trockner herumwirbelte und genossen beides im Park beim Palais des Dukes, dem Herzogenpalast, Stefan das Eis, ich den Kaffee. Ich kaufte mir im 2€ Shop eine Alutrinkflasche, damit wir nicht immer mit 2l Plastikflasche rumlaufen mussten. Durch den Botanischen Garten wanderten wir zurück zum Campingplatz. Ich fragte an der Rezeption, ob ich dort mein Handy an der Steckdose im Wartebereich laden dürfte, aber das wurde mir versagt. Also stellte ich mich mit unseren beiden Smartphones in den Wasch- und Spülraum und verbrachte dort mindesten 20 Minuten wartend bei den Geräten neben einer Steckdose. Was für eine blöde Situation! Die hätten doch z.B. so ein Laderegal mit Schließfächern aufstellen können, wie man es manchmal in Städten oder bei Geschäften findet. Es wäre ja ok dafür zu zahlen, aber diese Warterei im Waschhaus war total blöd. Man konnte noch nicht mal duschen oder auf Toilette gehen, weil man dann die Geräte nicht im Blick hatte. Stefan kochte derweil und wir setzten uns vorne unter das Pavillondach zum Essen. Der Imbiss hatte sowieso an dem Tag geschlossen, also konnte keiner meckern. Während des Essens deutete sich schon ein Wetterwechsel an und es begann heftig zu regnen. Ich verzog mich wieder in den Waschraum , weil es dort wärmer war und ich weiter Strom nutzen konnte. Stefan harrte unter dem Pavillondach aus. Wir hofften und warteten auf ein Regenende oder wenigstens eine Pause, sonst hätten wir uns auswringen können wenn wir beim Zelt ankamen. Hoffentlich würde es morgen früh nicht beim Abbau regnen. Das wäre ein Supergau, denn noch war keine feste Unterkunft in Sicht. Erst hatten wir noch zwei weitere Nächte in Amiens im Zelt vor uns. Dort sollte es aber laut Webseite einen Aufenthaltsraum geben. Wir würden sehen.

Sonntag, 26.6.22 Fahrt nach Amiens

Die Nacht war Horror pur. Zum Glück hatte es nicht die Nacht hindurch gewittert, sonst wäre ich wohl im Waschhäuschen angewachsen. Ich hätte mich nicht ins Zelt getraut, denn es krachte ordentlich und wir konnten in unserem Zelt keine der Regeln befolgen, die wir für Gewitter im Zelt im Internet fanden. Wir konnten definitiv nicht nebeneinander hocken mit geschlossenen Füßen ohne uns zu berühren! Wir stießen ja schon ans Dach, wenn wir mit angezogenen Beinen auf der Luftmatratze und die Daunenschlafsäcke auf uns lagen! Es wäre also von all den Ratschlägen nur der vernünftigste übriggeblieben, nämlich in einem festen Gebäude Schutz zu suchen. Das wäre das Wasch-/Toilettenhaus gewesen. Dann hätte uns auch von oben kein Ast treffen und auch keine reißende, plötzlich sich bildende Überschwemmung wegspülen können. Da es aber aufhörte zu gewittern und „nur“ noch goss, rannte ich bei einer schwächer werdenden Phase zurück zum Zelt. Nun lagen wir möglichst platt auf unseren Matten und versuchten zu schlafen. Mitten in der Nacht musste ich so dringend auf Toilette, dass ich mit mir kämpfte, ob ich in eine unserer Plastikdosen pinkeln oder es wagen sollte, klitschnass und dreckig zurück ins Zelt zu kommen. Letztendlich meisterte ich es ganz gut mit Schirm, konnte dann aber stundenlang nicht einschlafen. Völlig übermüdet begannen wir am Morgen schon vor 7 Uhr zusammenzupacken. Da das im engen und nassen Zelt unmöglich zu zweit ging, packte ich alles Mögliche in meinen Rucksack und lief mit Schirm zum Waschhaus. Stefan packte den Rest und brachte mir etappenweise Sachen. Er hatte seinen Regenponcho an und baute dann zuletzt auch noch das Zelt ab. Alles was klatschnass war, mussten wir außen an den Rucksäcken befestigen. Ich hatte außer meiner Regenjacke, die ich um meinen Schlafsack wickelte, damit er noch geschützter war, noch einen 1€ Poncho mit, und der passte auch über meinen Rucksack. Wir gingen eigentlich viel zu früh los zum Bahnhof, aber es war mal einigermaßen trocken und wir brauchten nicht zu hetzen. Unser TER 17756 war wieder eine heruntergekommene Plüschschaukel mit Abteilen und Gardinen, dafür keinen Strom. Wir waren zu fünft im Abteil, also war 3 Stunden Maskentragen nötig bis Paris Bercy. Es war nicht verpflichtend, aber wir wollten nicht riskieren, unseren Interrailtrip wegen Corona abbrechen zu müssen. Dann fand der blödsinnige Bahnhofswechsel statt. Wir hatten gut eine Stunde Zeit für den Umstieg und mussten mit zwei Metros zum Gare du Nord am anderen Ende der Stadt. Dieses Procedere wäre uns auch nicht erspart geblieben, hätten wir den teureren und schnelleren TGV genommen. Wir standen erstmal in langen Schlangen vor Ticketautomaten bzw. einem Schalter, um Fahrscheine für die Metro zu kaufen, die nicht vom Interrailticket abgedeckt wurde. Wir fanden recht schnell die richtigen zwei Züge, die immer schon einfuhren als wir kamen. In Gare du Nord angekommen folgten wir den Piktogrammen für Züge, gingen durch die Metroschranke, und…saßen fest! Wir sahen hinter den automatischen Ticketschranken Züge auf den Gleisen stehen, kamen aber nicht dorthin, weil wir anscheinend einen falschen Ausgang mit unseren Metrotickets genommen hatten und sie nun nicht mehr funktionierten. Die Zeit wurde knapp, wir fuhren Rolltreppe auf und ab, aber wir waren gefangen. Wir suchten Personal, aber der Infoschalter war nicht besetzt. Nach einiger Suche sahen wir vier SNCF Mitarbeiter zusammenstehen und quatschen. Wir fragten, schon merklich genervt, wie wir nun zu unserem Zug kämen. Man wies uns auf eine Aufzug hin. Im zweiten Untergeschoss wäre ein Schalter besetzt, und man könne uns durchlassen. Wir liefen zum Aufzug, aber er war außer Betrieb. Jetzt waren wir echt sauer und bestanden bei den 4 Mitarbeiter*innen mit der super Servicehaltung darauf, uns zu begleiten, damit wir schnellstens zu unserm Zug kämen. Genervt brachte uns eine zu einem anderen Aufzug, und wir wurden aus dem Gewirr der Schranken entlassen. Nun mussten wir unseren Zug finden. Wir orientierten uns auf der elektronischen Anzeige an der Abfahrtszeit, da wir den Endbahnhof unseres Zuges nicht wussten. Der Zug, den wir fanden, war aber ein Vorortzug und wir mussten zu den Gleisen für Fernzüge. Endlich erklärte uns mal ein Schaffner, wie wir dorthin kämen und dass der Endbahnhof unseres Zuges Calais wäre. Wir schafften es gerade noch pünktlich und fanden gute Plätze mit Tisch in einem modernen Großraumabteil des TER 16368 in der zweiten Klasse, da er keine erste Klasse führte. Wir fuhren angenehm bis Amiens. Laut Internet sollte die Stadt nett sein, ein weiterer Grund, sie zu wählen, war für mich jedoch, dass sie ohne TGV in erträglicher Zeit erreichbar und es von hier nur noch eine kurze Fahrt nach Boulogne Sur Mer war, wo wir uns am übernächsten Tag mit unseren amerikanischen Freunden Luis und Janine treffen und sie mit fertigem Abendessen begrüßen wollten und natürlich, dass es einen bezahlbaren und mit dem Bus vom Bahnhof erreichbaren Campingplatz gab. Letzteres erwies sich dann als nur zum Teil richtig: die Busse fuhren, aber nicht am Sonntag! Da es keinen Sinn machte, bei der Unterkunft zu sparen und dann mit dem Taxi hinzufahren, mussten wir also die gut 5 km mit unserem Gepäck zu Fuß hinter uns bringen. Stefan nahm mir noch etwas Gewicht ab, aber ich war danach dennoch kaputt. Meine Knie mochten es gar nicht, wenn sie außer mich auch noch Gepäck zu schleppen hatten, besonders nicht, wenn sie tags zuvor viele Kilometer gelaufen waren und ich außerdem auch ziemlich übermüdet war. Zum Glück war das Wetter hier bisher gut und wir hatten einen schönen Wiesenplatz nahe der Rezeption. Hier gab es auch Tische und Bänke draußen und einen tollen Aufenthaltsraum mit Heizung, Fernseher und Mikrowelle, der Tag und Nacht geöffnet war. So etwas hätten wir die Nacht zuvor gebraucht! Amiens hatte uns auf den ersten Blick nicht so sehr gefallen, aber der Weg zum Campingplatz ging immer an einem Fluss entlang, an Gemeinschaftsgärten und einem Grüngebiet vorbei, also einer guten Joggingstrecke für Stefan.

Montag, 27.6.22 Amiens

Ich musste meine Meinung über Amiens revidieren. Die Stadt hatte eine sehr beeindruckende Kathedrale, die natürlich auch wieder Notre Dame hieß und Straßenzüge in der Innenstadt, die an Amsterdam erinnerten. Es floss die Somme durch die Stadt und bildete Verästelungen, an denen nette fotogene Häuschen standen und Bars und Restaurants, die zum Verweilen einluden. Stefan hatte diese Ecke bereits am Morgen beim Joggen entdeckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück und noch etwas Relaxen mit Spanisch lernen in unserem tollen Aufenthaltsraum mit Wasserkocher, Herd etc. und richtigem Tisch, machten wir uns gemeinsam mit dem Bus auf den Weg ins Zentrum. Es war zwar bequemer zu fahren, aber für die ca. 5km in die Innenstadt benötigte der Bus 50 Minuten. Das hätten wir zu Fuß fast gleichschnell geschafft. Kurz nachdem wir ausgestiegen, aber noch nicht bei der Kathedrale waren, verwandelte sich die Sonne in einen heftigen Regenguss. Eigentlich waren wir extra spät losgefahren, weil ab Mittag kein Regen mehr angesagt war, aber das wusste der Himmel wohl nicht. Wir quetschten uns zwar in einen Hauseingang, aber unsere komplette Vorderseite wurde bis auf die Haut nass. Als der Regen nachließ, rannten wir zur Kathedrale. Da war es trocken, aber uns war kalt in den nassen Klamotten. Wir begaben uns in der Hoffnung auf Händetrockner in die Toiletten der Touristinfo. Leider gab es dort nur Papierhandtücher, aber die taten auch ihren Dienst. Nach einigem Abreiben und noch etwas Sonne draußen war unsere Outdoor-Kleidung wieder trocken, das war schon wirklich super gut. Wir schlenderten durch die hübschen Gassen und begaben uns auf die Suche nach etwas zu essen. Nach dem Essen suchten wir die Bushaltestelle für den Bus zurück, fanden aber dann heraus, dass wir auch zwei Stationen mit einem Zug fahren konnten und dann 2 km zurücklaufen zum Campingplatz. Das dauerte auch nicht länger als mit dem Bus, und mit dem Zug konnten wir kostenlos fahren. Inzwischen hatten wir schönsten Sonnenschein und so genossen wir den Abend auf der Terrasse des Campingplatzes. Wir freuten uns darauf, am kommenden Tag nach Boulogne Sur Mer zu fahren und endlich unsere Freunde wiederzusehen. Für eine Woche im Apartment zu wohnen, war ebenfalls eine schöne Aussicht, obwohl wir die letzte Nacht in unserem Zelt geschlafen hatten wie die Murmeltiere. Nach der durchwachten Nacht davor war das aber auch kein Wunder.

England

England

London

London

Schweiz I

Sch

Bad Schwalbach und Umgebung – als Familie unterwegs

Die geniale Ferienwohnung

Es war nur ein kurzer Trip, aber dafür mal etwas ganz anderes. Ich hatte meine Familie zur Nachfeier meines runden Geburtstages zu ein paar gemeinsamen Tagen in eine große Ferienwohnung in Bad Schwalbach eingeladen. Stefan und ich reisten bereits am 25. April 2022 an und wir nahmen die Unterkunft in Beschlag. Wir waren direkt begeistert in Anbetracht der Größe – 3 Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer, zwei Bäder, Terrasse und großem Flur. Noch viel mehr begeisterte uns aber die Ausstattung. Es fehlte wirklich an gar nichts! Endlich mal eine Ferienwohnung mit scharfen Messern, ausreichend Geschirr- und Handtüchern, Gewürzen, Öl, Essig und gleich drei verschiedenen Kaffeezubereitungsmöglichkeiten inkl. Kaffeepulver! Für die gemeinsame Zeit mit der jüngeren Generation war aber ebenso wichtig, dass im Wohnzimmer ein Kicker stand und wir auf der Terrasse einen super Grill vorfanden. Das Geschirr konnte nach unseren Kochschlachten problemlos in der Spülmaschine gereinigt werden. Von der Wohnung aus hatte man einen tollen Ausblick über die hügelige Gegend, und da wir so ziemlich oben am Hang am Ende der öffentlichen Straße wohnten, war Federballspielen auf der Straße kein Problem. Das Drumherum passte also schon einmal hervorragend. Da alle drei Paare über Autos verfügten, gab es auch bei der Anreise kein Problem.

Zu Zweit auf Erkundungstour

Die ersten Tage von Montag bis Donnerstag hatten wir Zeit, Unterkunft und Umgebung zu zweit zu erkunden. Unser erster Tag in Bad Schwalbach war leider verregnet, d.h. wir verbrachten ihn größtenteils in der Wohnung mit Kickern, Fernsehen und probierten die Sauna im Garten aus, die uns nicht ganz so überzeugte. Am Mittwoch strahlte dann die Sonne und wir machten uns auf zu einer schönen Wanderung in die Kreuzbachklamm bei Assmannshausen. Eine kleine Klettereinlage, eine lange Murmelbahn im Wald und viele schöne Ausblicke auf den Rhein machten den Weg zu einem schönen Erlebnis. Im Anschluss besuchten wir Bingen und schwelgten in Jugenderinnerungen in Bad Kreuznach, wo wir von 1987-1990 gelebt haben. Der Höhepunkt der Nostalgie ( und des Genusses) war ein Besuch in der Pizzeria „Ponteveccio“, in der wir 1988 zum ersten Mal gegessen und mit gerade neu erworbener Kreditkarte gespeist hatten. Am Donnerstag unternahmen wir eine Rundtour mit dem Auto nach Idstein und Bad Camberg. Beide Städte verfügen über eine schöne Altstadt, aber Idstein hat uns dabei besonders begeistert. Wunderschöne bunte Fachwerkhäuser, enge Gassen, alter Hexenturm, interessante kleine Geschäfte mit hochwertigen Dingen zum Stöbern und Cafés zum Wohlfühlen. Am Abend empfingen wir unsere Kinder mit Freund und Freundin mit einem selbstgemachten Ratatouille. Eines meiner Geburtstagsgeschenke wurde gleich ausprobiert: Wir spielten gemeinsam das Gesellschaftsspiel „Nova Luna“ und danach noch weitere Brettspiele, denn beide Paare sind absolute Spielefans.

Zu sechst wandern auf dem Wisper Trail

Rund um Bad Schwalbach ist ein ausgedehntes Wandergebiet mit zahlreichen Premiumwanderwegen im „Wispertaunus“. Ausgedehnte Wälder mit dem Herzstück die „Wisper“, ein 30 km langes Flüsschen, dass letztendlich im Rhein mündet, bieten für jede Schwierigkeitsstufe ein hervorragendes Ambiente zum Wandern und genießen. Nach einem ausgedehnten Frühstück machten auch wir uns auf den Weg und erkundeten die schöne Gegend gemeinsam. Am Abend wurde dann der Grill angeworfen und das Wetter spielte mit, sodass wir noch bis zum Dunkelwerden draußen sitzen konnten. Auch an diesem Abend wurde bis in die Nacht gespielt.

Streetart – Tour in Wiesbaden

Ich hatte uns zur Freewalking Tour zum Thema Streetart online angemeldet, also konnten wir uns trotz schlechtem Wetter nicht in der Wohnung verkriechen. Im Anschluss an die Tour konnten wir aber sagen, dass es sich gelohnt hat, trotz Regen loszuziehen. Wir hatten Glück, die Tour beschränkte sich ausschließlich auf das Gebiet unter der Theodor- Heuss-Brücke, wo in jedem Jahr das Streetartfestival „Meeting of Styles“ stattfindet und man daher dort sehr hochwertige Streetart von Künstlern aus aller Welt besichtigen kann. Peter, unser Guide, erklärte uns, wie die Schriftzüge aufgebaut sind und wie man sie lesen kann – was uns aber nur sehr lückenhaft gelang. Er erzählte von den Künstlern, dem Festival und gab uns Infos über die Inhalte der einzelnen Graffitis. Dadurch, dass wir unter der Unterführung standen, wurden wir nicht nass, kühl wurde es aber schon, sodass wir danach in eine Eisdiele gingen (klingt logisch, oder?) und uns bei Kakao aufwärmten. Da der Regen aufhörte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Mainz, besuchten gemeinsam den Dom, wunderten uns über den regen Besuch und die Feierlaune auf dem Domplatz, wo Markt und Weinfest stattfanden und suchten im im Conceptstore „Lulu“ vergeblich nach der Ausstellung des Streetartkünstlers „Bangsy“. Obwohl sie wohl schon seit längerer Zeit vorbei war, hing noch ein riesiges Werbebanner über dem Eingang, sodass wir hofften, wie wäre verlängert worden. War sie leider nicht, aber der Conceptstore hat uns auch so gut gefallen. Es scheint sich bei dem Gebäude um ein altes Kaufhaus zu handeln, dass nun alternativ genutzt wird. Im Erdgeschoss bieten verschiedene alternative Läden ihre Produkte an, so gab es einen Hersteller, der als erster Rucksäcke aus 100% Meeresplastikmüll herstellt, eine Brauerei mit diversen Bieren, u.a. auch einer Bier-Weinmischung mit Tasting, ein Hersteller von handgemachten Festshampoos, – duschmitteln und sonstigen Seifen und vieles mehr. Es hat uns allen gefallen, dort herumzustöbern. Am Abend verwöhnten unsere Tochter und ihr Freund uns mit leckerem Curry und zum Nachtisch gab es Tiramisu von der Freundin unseres Sohnes. Dieses vorzügliche Essen begleitete die Hauptattraktion des Abends, ein Krimidinner! Wir versetzten uns in die 60iger Jahre und hatten einen Mord zu lösen, der bei einem Galadinner in einem Firstclass Hotel in New York Filmsternchen, einen Senator samt Gattin, der Präsident werden will und die Geschäftsführerin des größten Modejournals zusammenbrachte. Wir lachten uns dabei fast selber tot! Wir hatten einen riesen Spaß bis spät in die Nacht.

Wieder zu zweit und Good bye

Am Sonntag war Abreisetag für die junge Generation, die am kommenden Tag wieder arbeiten musste. Stefan und ich machten noch eine kleine Wanderung bei Bad Schwalbach und besuchten den Kurpark und den See. Nachdem wir die Ferienwohnung für die Abreise am kommenden Morgen wieder aufgeräumt und zur Übergabe bereit gemacht hatten, verbrachten wir unseren letzten Abend mit Kickern und Fernsehen. Am Montag ging die schöne Woche zu ende. Auf dem Heimweg machten wir noch Halt in Bad Soden und bewunderten das Hundertwasserhaus. Ein wunderschöner Bau, in dem ich gerne wohnen würde. Gegen Abend erreichten wir wieder unsere eigenen vier Wände.

Deutschlands faszinierender Süden

Zweieinhalb Monate mit dem Wohnmobil durch Hessen, Baden- Württemberg und Bayern

Von Bad Harzburg/ Niedersachsen über Thüringen nach Zorneding/Bayern

16.8.2020 – Wir sind wieder unterwegs. Nachdem wir im Juni den Norden Deutschlands für uns erobert haben, kommt nun der Süden an die Reihe. Unser Ziel ist vornehmlich Baden-Württemberg, aber wir reißen natürlich nicht alle Kilometer dorthin an einem Tag runter, sondern verfolgen das Prinzip „der Weg ist das Ziel“. Die erste Nacht verbringen wir am Kulkwitzer See bei Leipzig. Durch das Wochenende ist es am heutigen Sonntag noch recht voll am See, da es jedoch rund um den See Bademöglichkeiten gibt, verteilt sich die Zahl der Besucher gut, und wir finden ein Plätzchen zum Hinsetzen in Abstand von Anderen und können auch schwimmen gehen. Direkt am See sind auf einem großen Parkplatz ein paar Plätze für Wohnmobile reserviert, auf denen man auch übernachten kann.

17.8.2020 Heute Morgen haben wir unser neues Schlauchboot, das ich vor zwei Wochen bei einem Discounter erstanden habe, ausprobiert. Es ist zwar nicht im Ansatz so gut, wie Stefans altes Metzler Paddelboot war, aber es war dafür auch spottbillig. Wir dachten uns, bei Corona ist es besser auf dem See als am See zu sein, und die Zeit der Pandemie wird es wohl überleben. Hier am See haben wir das Glück, dass es Ladestationen für E-Fahrräder direkt am Ufer gibt und wir mit dem Strom auch unseren Kompressor zum aufpumpen des Bootes nutzen können. Das ist natürlich viel entspannter, als mit dem Fuß zu pumpen. Beim Paddeln wird ziemlich schnell klar, warum das Boot so billig war. Mein Sitzkissen ist miserabel. Ich rutsche so tief ins Boot, dass ich kaum noch paddeln kann. Der Winkel stimmt überhaupt nicht. Nunja, vielleicht fällt uns dazu ja noch eine Lösung ein.

Gegen Mittag fahren wir weiter Richtung Süden und übernachten in Mödlareuth, direkt vor einem russischen Panzer. Wer die Serie „Tannbach„:in der ZDF Mediathek gesehen hat, kennt den Ort. Er wurde nach dem Krieg entlang des Tannbachs mittendurch in Ost und West geteilt, weil die Amerikaner und die Russen sich nicht auf einen Grenzverlauf einigen konnten. So wurden in diesem 40-Seelen-Dorf Familien auseinandergerissen, Bauern von ihren Feldern getrennt und Menschen von ihrer Arbeitsstelle. Was erst noch eine durchlässige Schranke, an der ein Passierschein gezeigt werden musste, war, wurde später mit einer der stärksten Sperranlagen mit Mauer, Zaun,Todesstreifen, Grenzhunde etc versehen. Nicht umsonst wurde der Ort von Bush „Little Berlin“ getauft. Viele ranghohe Politiker und auch Touristen besuchten den bayrischen Ortsteil, um über die Grenze zu gucken, während die Bewohner im sächsischen Teil nicht einmal winken durften, ohne sich verdächtig zu machen. Der Ort war auch innerhalb der DDR nur für 100% staatstreue Bürger des Arbeiter- und Bauernstaats besuchbar.
Als wir am späten Nachmittag den Ort erreichen, können wir uns die Außenanlagen bereits ansehen. Wir planen, uns am nächsten Tag im Museum noch einen Film anzusehen und uns weiter zu informieren. Mit den Bildern der Fernsehserie im Hinterkopf, die die Situation nach dem Krieg und während der DDR Zeit darstellt, wirkt das ganze hier noch unwirklicher und bedrückender, als es eh schon ist.

18.8.2020 Nach der Gänsehaut, die uns tags zuvor in den Außenanlagen des Deutsch-Deutschen Museums bereits den Rücken hochkroch, sehen wir uns heute den Film über den Ort Mödlareuth im Museum an. Im geteilten Berlin zu leben, mit der Mauer vor der Nase, war sicher schon bedrückend genug, aber in so einem kleinen Dorf? Da muss man ja ständig das Gefühl haben, die Wachleute gucken einen vom Turm oder durchs Fenster auf den Küchentisch und wer weiß, wo sonst noch hin! Ich glaube, mich hätten sie gar nicht erst mit der „Aktion Ungeziefer„, mit der sie nicht 100% staatstreue Bewohner ins Hinterland umsiedelten, aus dem Ort vertreiben müssen. Dort drinnen wäre ich mir wie im Gefängnis vorgekommen und freiwillig weggezogen.
Nach Mödlareuth fahren wir weiter nach Pottenstein und wandern auf dem Frankenweg bis zur Teufelshöhle und von dort entlang des Felsenbades, bis auf die Burg Pottenstein. Wir statten weder der Höhle, noch dem Burgmuseum einen Besuch von innen ab, da wir schon zahlreiche Höhlen und Burgen von innen gesehen haben, sodass wir uns diese schenken und eine Coronaansteckungsgefahr vermeiden können. Das Felsenbad würden wir uns gerne von innen ansehen, aber es hat aufgrund der Pandemie geschlossen. Es muss sicher recht imposant wirken, wenn direkt neben dem Becken die Felsen aufsteigen. Zum Abschluss drehen wir noch eine Runde durch den Ort. Es ist überall sehr viel los, was bei dem Angebot von Sommerrodelbahn, Kletterpark, Tretbootverleih, Burg und Aussichtsterrasse, sowie Höhle und Kart-und E-Bike Park auch nicht verwunderlich ist. Mir hat das Stück Frankenweg entlang des kleinen Weiherbachs am besten gefallen.
Am späten Nachmittag setzen wir unsere Fahrt fort bis Berching, wo wir auf einem schönen Stellplatz an der Uferpromenade des Rhein-Main-Donau-Kanals unsere kommende Nacht verbringen werden. Hier haben wir Strom und sogar freies, bayrisches WLAN. Berching ist ein wirklich nettes Städtchen mit noch intakter, mittelalterlicher Stadtmauer. Wir erkunden sie auf unserem Abendspaziergang.

19.8.2020 Über Ingolstadt fahren wir nach Zorneding zu Stefans Mutter, wo wir die nächsten Tage bleiben und im Haus und Garten die Dinge erledigen werden, die sie selber nicht mehr bewerkstelligen kann.

24.8.2020 Ab heute berichte ich wieder weiter, denn wir haben uns wieder auf den Weg gemacht. Zuerst geht es nach Augsburg, um uns mit unserer Tochter zu treffen. Nachdem sie jetzt fast 3Jahre in Augsburg wohnt, haben wir nun den genialen Womi-Übernachtungsplatz gefunden. In ihrer Nähe und direkt am Kuhsee. Ein herrliches Gebiet zum Wandern, Radfahren, Picknicken, in Biergärten zu verweilen, oder auch schwimmen zu gehen. Zwei Minuten vom Parkplatz entfernt ist die genialste Tischtennisaußenanlage, die wir bisher gesehen haben, 5 normale Platten und eine Kinderplatte, an der sicher schon Grundschüler üben können. Der einzige Wehmutstropfen für mich: es spielen da alles Könner im Vergleich zu mir😳
Wir kommen gegen Mittag aus Zorneding dort an und machen als erstes eine kleine Radtour. Dabei entdecken wir das Kletter- Landesleistungszentrum des DAV. Die Anlage scheint für Kletterbegeisterte keine Wünsche offenzulassen. Für Sportbegeisterte bietet Augsburg wirklich ganz besondere Highlights. Der Eiskanal, der auch von den Olympioniken genutzt wird, ist ebenfalls hier im Erholungsgebiet.
Abends kommt dann unsere Tochter zum Womi und wir radeln zum Waldrestaurant Parkhäusl. Gemütlich essen und plauschen wir im Biergarten mit Coronaabstand und an der frischen Luft. Erfreulicherweise gibt es hier und heute nicht soviele Mücken und Wespen wie in Zorneding, wo ich mir, ohne Übertreibung, mindestens 30 Mückenstiche geholt habe, die mich nun nachts quälen. Wir genießen es, unsere Große mal wiederzusehen und sich live austauschen zu können.

Baden Württemberg Teil IVon Ulm bis nach Tauberbischofsheim

25.8.2020 Heute Morgen geht die Fahrt nach Ulm am Rand der Schwäbischen Alb. Wir finden Dank der App Park4night auch gleich einen kostenlosen Parkplatz und fahren die 1,7km mit dem Rad entlang der Donau in die Innenstadt. Was uns an Ulm auffällt ist, dass man dort richtig alte Gebäude mit extrem modernen gemischt vorfindet. Eigentlich mag ich solche Stilbrüche nicht besonders, aber dadurch, dass es sich bei den modernen Gebäuden nicht um 08/15 Architektur handelt, wie man sie häufig bei Banken o.ä. findet, sondern wirklich extravagante, wie z.B eine Glaspyramide, die die Bücherei beheimatet, finde ich es akzeptabel und eine interessante Kombination. Mir gefällt Ulm wirklich gut. Wir statten auch dem Museum Ulm mit der derzeitigen Ausstellung „Transhuman – von der Prothetik zum Cyborg“ einen Besuch ab. Es werden sowohl unterschiedlichste Prothesen und deren Entwicklung in der Geschichte gezeigt, als auch die Bestrebungen, per Chip und Genetik den Menschen immer mehr zu „optimieren“. So sehr ich die heutigen Möglichkeiten, Menschen nach Unfällen oder mit angeborener Behinderung durch Prothesen aller Art ein Überleben (Herzschrittmacher) oder möglichst „normales“ Leben zu ermöglichen, gutheiße, so sehr machen mir die Eingriffs- und Steuermöglichkeiten durch Cybertechnik Angst vor der Zukunft. Wer hat das Recht, andere Menschen in ihrem Wesen nach seinem Gutdünken zu verändern und in was? Wo ist nachher der Unterschied zwischen Mensch und Maschine und wer trägt die Verantwortung für das, was der Cyborg tut?
Das Museum ist gleichzeitig mit der Kunsthalle Weißhaupt verbunden, sodass wir auch noch ein paar Exponate von z.B. Warhol, Poltke etc. ansehen können und noch dazu alles ohne zu zahlen, da diese Woche kostenloser Eintritt gewährt wird.
Selbstverständlich besuchen wir auch das Ulmer Münster und schlendern durch das Fischerviertel. Am frühen Abend radeln wir zurück zum Wohnmobil und fahren weiter nach Blaubeuren. Hier stehen wir auf einem genialen Wohnmobilstellplatz mit Strom und WLan, direkt bei der Altstadt, dem Blautopf und an Wanderwegen. Noch dazu haben wir besonderes Glück: auf dem Parkautomat liegt noch ein Ticket bis zum 27. um 0Uhr und die Sanitärstation reinigt sich gerade selbst, sodass wir unsere Toilette ebenfalls kostenlos entleeren können. Damit haben wir mal locker 11€gespart 😃

26.8.2020 Wir verbringen in Blaubeuren einen schönen Tag. Zum Frühstück kaufe ich beim Biobäcker Kornstangen und zwei „Seelen„, ohne zu wissen, dass letztere mit Kümmel gebacken werden, den ich eigentlich nicht mag. Sie haben mir dennoch gut geschmeckt. Bei Wikipedia findet man unter dem hinterlegten Link etwas über die Geschichte dieser Gebäckstücke. Danach starten wir zu einer längeren Wanderung. Bei sonnigen 26Grad mit leichtem Wind führt uns der Weg über Blautopf, Brillenhöhle, Felsenlabyrinth zur küssenden Sau und über die Ruine Günzelburg zurück durchs Gerberviertel zum Wohnmobilstellplatz. Den Nachmittag faulenze ich beim Womi, während Stefan mit dem Rad einkaufen fährt und noch eine Runde dreht. Wir werden die kommende Nacht noch einmal hier übernachten.

27.8.2020 Wir bleiben noch einen weiteren Tag und eine Nacht in Blaubeuren und unternehmen heute eine weitere Wanderung. Es geht entlang der Kneippanlage zum Knoblauchfelsen, der ca 70 geschützte Pflanzen beherbergt und daher nur mit größter Rücksicht zu besteigen ist. Ich klettere daher nur bis zur Hälfte hoch und genieße von dort den Ausblick. Ich muss sagen, dass Blaubeuren im Zentrum wirklich sehr schön und gemütlich ist, von oben aber eine Reihe langweiliger und stilloser 70iger Jahre Bauten den Blick trüben. Unser Weg geht weiter zum Rusenschloss, bzw der Ruine Hohengerhausen, die wegen einer Baumaßnahme nicht begehbar ist, aber einen schönen Ausblick bietet. Zurück zum Ort führt der Weg an Wiesen und Obstbäumen, immer entlang des Flusses Blau. Zuletzt passieren wir einen kleinen Teich, wobei es sich um ein NABU Biotop handelt. Nachmittags besuchen wir das Freibad gegenüber unseres Stellplatzes, in dem sicher nicht mehr als 20 Besucher sind. Zum einen ist es mit ca 20Grad recht frisch draußen, außerdem hält wohl auch Corona Menschen davon ab, in öffentliche Bäder zu gehen. Bei diesem Bad kann man von außen auf einer Anzeige ablesen, wie viele Besucher noch Einlass erhalten können. Leider sind nur die kalten Außenduschen nutzbar, sodass es eine sehr abkühlende Aktion ist, aber wir fühlen uns danach wieder frisch und duftend!

28.8.2020 Den heutigen Tag verbringen wir größtenteils in Biberach an der Riß. Wir schlendern durch die Altstadt, genießen ein leckeres Eis bzw ich einen Espresso mit einer Schokoeiskugel beim Eissalon der Eismanufaktur „Lieblingseis“. Hier gibt es einige ausgefallene Eissorten, die aus regionalen und nur natürlichen Zutaten hergestellt und super lecker sind. Sehr zu empfehlen, auch wenn eine Kugel für 1,70€ einen stolzen Preis hat. Danach finden wir ein gut sortiertes Sozialkaufhaus mit dem Namen „trag’s weiter“ und kaufen uns ein paar nette Marken- Sport- und Outdoor-Kleidungsstücke. So helfen wir der Umwelt, weil wir noch brauchbare Kleidung weitertragen und gleichzeitig unserem Geldbeutel, weil gute Markenware meist kaum zu bezahlen ist. Auf dem Weg zurück zum Wohnmobil kommen wir am mittelalterlichen „Weißen Turm„, einem Teil der historischen Stadtmauer vorbei. Leider fängt es dort an zu regnen. Da auch für morgen Regen gemeldet ist, fahren wir nach Bad Waldsee zum Hymer Museum. Der bekannte Wohnmobilhersteller hat hier neben seinem Werk ein Museum mit historischen (Reise-)-Fahrzeugen. Da es bereits um 18Uhr schließt und wir erst nach 17Uhr hier ankommen, entscheiden wir uns, das Museum am kommenden Tag zu besuchen. Wir wollen auch um 11Uhr einem Vortrag von Markus André Mayer über seine Reise mit einer Vespa in 80Tagen um die Welt lauschen. Wir übernachten auf dem Parkplatz vor dem Museum, wie auch andere Wohnmobilisten.

29.8.2020 Wie vorausgesagt, hat es nachts fast durchgängig geregnet, und dabei bleibt es auch am Tage. Die Temperaturen sind auf ca 18Grad gefallen. Wir sind also froh, dass uns mit dem Hymer Museum ein trockener und sehr interessanter Ort zum Besuch einlädt. Gleich um 10Uhr bei der Öffnung sind wir da und sichern uns gleich Plätze für den Vespavortrag, Er handelt von einer sehr spannenden und abenteuerlichen Reise. Markus André Mayer hatte neben diversen Schäden an der Vespa, an unmöglichsten Stellen mit Taifunen, Tornados, einem Unfall, bei dem er sich das Schlüsselbein verletzte, Magen-Darm-Problemen und totaler körperlicher Erschöpfung, besonders mit lebensbedrohlichen Gefahren durch andere Verkehrsteilnehmer, vorwiegend LKWs zu kämpfen. Auch an gefährlichen Tieren wie Bären, einem angriffslustigen Stier und Schakalen mangelte es nicht. Besonders Russland forderte ihn, da er noch dazu nicht nur den Zeitdruck hatte, die Strecke in 80Tagen zu bewältigen, sondern auch auf keinen Fall sein Visa überziehen durfte. Sein Sein Fazit der Reise ist, dass die Strecke machbar ist mit einer Vespa, aber er sie nie wieder unter Zeitdruck machen würde.
Im Museum sind Campingfahrzeuge und Autos von den Ursprüngen bis heute aus unterschiedlichen Ländern ausgestellt. Da sind wirklich recht einfallsreiche und auch merkwürdige Vehikel dabei. Bei manchen kann man nur staunen, wie ausgefeilt sie schon waren und welche Strecken sie bereits bewältigten, bei manchen muss man schmunzeln, wenn z.B. in den Boden einfach ein verschließbares Loch gesägt wurde, unter das man ein Behältnis stellen und somit entsorgen konnte. Es macht wirklich Spaß, sich die Ausstellung anzusehen. Was mir bei dieser nostalgischen Tour bei der Auswahl der Fahrzeuge fehlt, sind die typischen neuseeländischen Campervans, und ich sehe auch nirgends Pickup Wohnmobile, wie wir in den 90igern eines hatten.
Am Nachmittag fahren wir weiter bis Pfullendorf. Wir sind morgen auf der Insel Reichenau mit einer alten Freundin von Stefan aus Berufskollegzeiten verabredet und wollen schon ein gutes Stück in diese Richtung fahren, aber dabei nicht schon Orte anfahren, die wir später noch ausführlich besuchen wollen. Da wir wieder Strom benötigen – irgendwie hält unsere Batterie nicht mehr vernünftig -, bietet sich hier ein mit 6€ preisgünstiger Platz an. Als wir ankommen, gibt es eine kleine Regenpause, und wir laufen die knapp 2km ins Zentrum. Es gibt ein paar nette historische Häuser, aber insgesamt kann mich der Ort nicht sehr begeistern. Ich muss natürlich dazu sagen, dass wir nur einen kurzen Eindruck bekommen und das Wetter recht mies ist. Es gibt hier häufig diese Stilbrüche, z.B. kommt man zu Fuß durch ein altes Stadttor, und das erste, was man sieht, ist ein Parkhaus. Ein ehemaliges Kloster im klassizistischen Stil hat einen modernen Glasvorbau bekommen und dient jetzt als Altersheim. Es wirkt alles andere als einladend. Einige der Restaurants und Pensionen wirken vom Aussehen und der Sprachwahl „Fremdenzimmer“ altbacken.
Von der Umgebung, insbesondere den Wanderwegen, haben wir aufgrund des Wetters noch nichts gesehen, daher kann ich dazu nichts sagen.

30.8.2020 Heute verbringen wir den halben Tag in Konstanz am Bodensee bei einer alten Freundin von Stefan. Es schüttet den ganzen Tag, sodass wir erst gegen Mittag von Pfullendorf und unserem Stromanschluss auf dem Stellplatz wegfahren. Es ist nicht nur nass, sondern auch kalt, d.h. wir haben heute Morgen den Elektroheizer laufen lassen und fahren mittags direkt nach Konstanz zur Freundin und ihrem Mann. Stundenlang plaudern wir über Reisen, Arbeit und Krankheiten und genießen dabei Suppe und Kuchen. Am Abend zeigen sie uns noch eine schöne Stelle vor ihrem Pachtgarten zum Übernachten. Wir parken oben auf einem Hügel mit Blick über den Bodensee bis in die Schweiz. Es könnte ein Traumpanorama sein, wenn es nicht so regnete, aber was nicht ist kann ja noch werden. Wir haben jetzt 14Grad im Wohnmobil (11Grad draußen) und trinken einen heißen Tee. Wenn wir gleich kochen, wird es schon noch wärmer. Wir haben im übrigen eine sehr interessante Idee kennengelernt bezüglich Obst, das vom Besitzer nicht gepflückt wird. Das Landeszentrum für Ernährung und Hauswirtschaft hat die Idee, dass Besitzer ihre Bäume mit gelben Bändern kennzeichnen könnten. Das finde ich eine super Möglichkeit, um Obst zu retten, ohne dass die Pflücker riskieren, eine Anzeige wegen Diebstahl zu bekommen, wenn sie sich am Wegesrand bedienen.

31.8.2020 Heute Morgen hat sich der Himmel aufgehellt und den Dauerregen von gestern beendet. Nach einem raschen Müsli Frühstück mit frischen Weintrauben und Pfirsichen aus dem Garten unserer Bekannten, folgen wir ihrem Rat und besuchen das Naturschutzgebiet Dingelsdorfer Riet. Wir wandern eine Runde von ca 6km um den Weiher und brechen dann auf zur Gemüse Insel Reichenau. Inzwischen hat sich auch die Sonne ein wenig durch die Wolken gekämpft und wir können beim Biobäcker „Laib und Seele“ draußen auf der Terrasse Kuchen und Cappuccino genießen. Danach erkunden wir die Insel per Rad. Eigentlich wollen wir die kommende Nacht in Tettnang verbringen, aber der Stellplatz ist voll, sodass wir bis Ravensburg weiterfahren. Wir brauchen mal wieder Strom, da wir in Konstanz heute Nachmittag Wäsche gewaschen haben und auch nach 30Min Trockenzeit noch nicht alles trocken ist. Den Rest muss nun unser Heizer erledigen. Das tut auch dem Womi gut, denn durch den Dauerregen und die kühlen Temperaturen letzte Nacht, fühlt sich alles etwas klamm an. Man bringt ja auch von draußen bei so einem Wetter Feuchtigkeit mit rein. Inzwischen ist es wieder kuschelig, Schuhe, Wäsche und Womi trocken und warm und unsere Bäuche vollgeschlagen mit Käsespätzle, die Stefan heute Abend gekocht hat😋.

1.9.2020 Das Wetter ist wieder sehr durchwachsen. Gerade sind wir zu Fuß unterwegs in die Innenstadt von Ravensburg, da fängt es wieder an zu regnen, sodass wir gleich auf dem Absatz kehrt machen. Zuvor kaufen wir uns aber noch mehrere Packungen leckeren Gebäcks, wie z.B. kleine Mandelhörnchen, Nuss-Marzipanstangen etc, die zu günstigen Preisen als 2.Wahl in einem Fabrikverkaufs- Geschäft angeboten werden. Wir entschließen uns, eine weitere Nacht in Ravensburg zu bleiben, da Stefan eine weitere Freundin aus seiner Zeit am Berufskolleg kontaktiert und uns mit ihr verabredet hat für 15Uhr. Als es Zeit wird, zum vereinbarten Treffpunkt zu gehen, fängt es wieder an zu gießen, also verzichte ich auf eine Teilnahme und lasse ihn alleine schnell zum Café laufen. Ich mache es mir mit Heizer und Kaffee im Womi gemütlich. Als er gegen 17Uhr wiederkommt, ist das Wetter gut und wir wandern gemeinsam zur Veitsburg hoch. Dort spielen wir über eine Stunde Tischtennis vor der Jugendherberge und müssen zum Schluss feststellen, dass etwas entfernt noch ein Verbotsschild wegen Corona steht 🤭. Oh, oh, wir müssen besser aufpassen.
Nicht nur Stefan hat eine nostalgische Beziehung zu Ravensburg, da er hier zwei Jahre gewohnt und zur Schule gegangen ist, ich habe auch meine Erlebnisse in dieser Stadt gesammelt. Ich war hier in der 9. Klasse auf Klassenfahrt. Die Fahrt war sehr denkwürdig, denn einige aus meiner Klasse haben sich derart daneben benommen, dass die Info in unserem Heimatort ankam, bevor wir wieder Zuhause ankamen und das in Vorcomputerzeiten. Ich verbinde hauptsächlich Liebeskummer und sehr einfühlsame Lehrkräfte mit der Fahrt.

2.9.2020 Heute Morgen regnet es mal nicht und wir verlassen Ravensburg, nachdem wir alle Versorgungs- und Entsorgungsangelegenheiten erledigt haben. Unseren ersten Stopp legen wir in Weingarten ein, wo wir der Basilika mit ihren beeindruckenden Malereien einen Besuch abstatten. Von hier fahren wir nach Sigmaringen, wo uns schon von weitem das Hohenzollern Schloss begrüßt. Es schaut in seiner traumhaften Lage oberhalb von Stadt und Donau, alles überblickend, wirklich malerisch aus. Wir haben Glück, gerade noch vor 14Uhr anzukommen, sodass wir beim indischen Restaurant für 6,90€ ein leckeres vegetarisches Korma essen können. Mein Chai Latte dazu schmeckt ebenfalls köstlich. Wir schlendern durch die Stadt und genießen das bessere Wetter. In einem Fotogeschäft sehen wir ein Modell des Acadiane Reisemobils (Reiseente) aus Blech als Bilderrahmen. Genau so ein Reiseentchen hatten wir in den 80iger Jahren und sind damit durch Schweden gefahren! Dieses Mal ist es aber die Miniversion und passt zuhause auf unsere Fensterbank- Das müssen wir unbedingt kaufen! Danach fahren wir ein paar Kilometer nach Inzighofen. Hier wandern wir im Fürstlichen Park zum ehemaligen Kloster, das von einer gewaltigen Mauer umgeben ist und heute die VHS beherbergt. Es gibt dort einen schönen Kräutergarten, der vom BUND gepflegt wird. Wir folgen dem Felsen Wanderweg zur Hängebrücke über die Donau, zu Aussichtspunkten, von denen wir beeindruckende Felsen bewundern können, zur steinernen Teufelsbrücke und zum „Känzle“, das einen weiten Blick ins Land bietet. Vorbei an Grotten führt der Weg wieder zurück zum Parkplatz. Wir haben sonniges Wetter, sodass es eine sehr schöne Wanderung ist. Die kommende Nacht stehen wir auf dem bewaldeten Parkplatz der Burg Wildenstein bei dem Ort Leibertingen. Auch in dieser Burg befindet sich, wie in Ravensburg, eine Jugendherberge. Beim Parkplatz können wir Informationstafeln entnehmen, dass auch hier, wie bei uns im Harz, Luchse ausgewildert und beobachtet werden. Hier begann man mit dem Projekt 2016, bei uns im Harz startete man bereits im Jahr 2000. In den Wäldern ringsum kam es sogar in den letzten Jahren zu zwei Wolfsichtungen, man weiß jedoch nicht, wohin die Tiere anschließend weitergezogen sind.

3.9.2020 Ich wache ziemlich gerädert auf, denn wir haben gestern Abend keinen geraden Stellplatz gefunden. Die Nacht über lagen meine Beine abschüssig und ich rutschte immer wieder nach unten. Wir wollen uns bewegen und drehen noch eine kleine Morgenrunde um die Burg Wildenstein und genießen ein paar tolle Ausblicke, bevor wir nach Beuron aufbrechen. Das Obere Donautal ist wirklich wunderschön und die Felsen sehr beeindruckend. Anscheinend soll hier Kalk abgebaut werden. Immer wieder treffen wir auf Plakate und Banner, die sich dagegen aussprechen. Es wäre auch wirklich eine Schande, diese schöne Landschaft zu zerstören.
In Beuron besuchen wir das Naturparkhaus im alten Bahnhofsgebäude. Es ist schön, dass hierdurch das nette, alte Gebäude gerettet werden konnte und noch dazu kommen hier die Rad-, Wander- und Kanureisenden mit dem Zug gleich an der richtigen Stelle an, um die nötigen Informationen zu erhalten. Stefan kommt auf die Idee, ein Stück mit unserem „Kanu“, dem billigen Schlauchboot, das ich bereits zuvor beschrieben habe, auf der Donau zu fahren. Ich bin nicht begeistert, das Billigteil auf einem Fluss auszuprobieren, aber als die Mitarbeiterin sagt dass der Pegelstand so niedrig ist, dass die einzige Gefahr besteht, dass wir unser Boot durchs Wasser tragen müssten, fehlen mit die Argumente. Wir zahlen also 5€ für die Genehmigung und fahren zur Einsatzstelle nach Thierbach. Es kostet uns einige Zeit, bis wir mit dem Blasebalg das Boot aufgepumpt haben. Beim Einstieg haben wir gleich wieder das Problem, dass mein Sitzkissen die Luft nicht hält und alles so labberig ist, dass ich mehr liegend als sitzend paddeln muss. Dann reißt auch noch eine Befestigung des Sitzkissens und wir müssen mit Schnur nachhelfen. Letztendlich schaffen wir es, loszupaddeln, aber ich fühle mich in meiner unergonomischen Sitzweise äußerst unwohl. Ich übernehme hauptsächlich das Fotografieren und paddele nur unregelmäßig mit. Nach vielleicht 100 Metern sitzen wir das erste Mal fest. Stefan steigt aus und schafft es, das Boot wieder ins tiefere Wasser zu ziehen, während ich die Paddel festhalte. Ich glaube, wäre ich auch ausgestiegen, wären wir gekentert. Ich mache nicht gerade ein gutes Gesicht bei der ganzen Aktion. Nach 4km erreichen wir bei Gutenstein die erste Ausstiegsmöglichkeit und beschließen, der Sache ein Ende zu machen. Landschaftlich war die Tour sehr schön, aber unter den beschriebenen Bedingungen ist das Paddeln für mich kein Vergnügen. Es war wahrscheinlich die letzte Tour mit diesem Wackelschlauchboot. Mit Mietkanus hatten wir zuvor nie solche Probleme. Stefan joggt zurück nach Thierbach und ich packe das Boot und unseren ganzen Krempel wieder zusammen. Nach einer guten halben Stunde sammelt er mich mit Womi wieder ein und wir fahren zurück nach Beuron auf den Stellplatz. Bei einem kleinen Abendspaziergang rund um den Ort, melden wir uns zum Frühstück am kommenden Morgen in einem Radlercafé an.

4.9.2020 Der Tag beginnt mit dem Frühstück beim Radfahrercafé. Es ist lecker, aber für 18€ definitiv überbezahlt. Es enthält 6 verschiedene Brötchen, aber diese alle in Miniversion, sodass wir noch welche nachbestellen möchten. Wir müssen wieder 6 nehmen und zahlen nochmals 4€. Dass auch das versprochene WLan nicht funktioniert, hebt nicht gerade unsere Laune. Der normale Empfang über unsere SIM-Karten ist seit zwei Tagen kaum vorhanden. Wir können es kaum nutzen, um bei Komoot Touren anzusehen, oder bei Park4night Stellplätze für die nächsten Nächte zu suchen. Egal, die Sonne scheint, wir haben über 20Grad und klaren Himmel, also auf zu einer Radtour! Wir fahren den Donauradweg Richtung Sigmaringen bis zum Ortsteil Neumühle und zurück nach Beuron. Es ist eine ebenso wunderschöne Strecke wie das Stück Donau, das wir gestern gepaddelt sind. Dank der elektrischen Hilfe meines Akkus ist die Tour trotz Steigungen auch für mich eine Wohlfühltour. Danach brechen wir unsere Zelte in Beuron und dem Donautal ab und fahren weiter nach Villingen-Schwenningen im Schwarzwald zum Schwenninger Moos. Als wir auf dem großen Parkplatz ankommen, den maps me uns nennt, befürchte ich erst, dass meine Zielauswahl dieses Mal nicht so überragend zu sein scheint, aber wir werden eines besseren belehrt. Das Naturschutzgebiet Schwenninger Moos mit dem Nekarursprung und der Wasserscheide ist wunderschön. Auf den Weihern und in den Feuchtgebieten halten sich zahlreiche Vögel auf, es gibt Moor, Wald und sogar Heide. Zur Übernachtung fahren wir weiter nach nach Rottweil. Wir nutzen den Stellplatz vor dem Sportzentrum, denn ich will unbedingt morgen früh im Freibad duschen. Hoffentlich geht das dieses Mal mit heißem Wasser, nicht nur unter der Kaltdusche mit Badeanzug.

5.9. Ich habe Glück und kann mich im Freibad in Rottweil ausgiebig einer heißen Dusche hingeben, was ich sehr genieße! Außer mir sind im ganzen Bad nur zwei Frauen und alles ist gut belüftet, also sollte ich einigermaßen sicher vor Corona sein. Hier im Süden gibt es kaum Stellplätze, die über den Luxus einer Dusche verfügen und wenn, dann sind sie nicht auf unserem Weg. Nach dem Frühstück fahren wir in die Innenstadt von Rottweil und finden einen Parkplatz, auf dem man für 2€ 24 Std stehen kann, und da Wochenende ist, könnten wir hier sogar bis morgen stehen bleiben. Bis darauf, dass wir hier natürlich keinen Strom haben, ist der Platz genial. Wir haben ein verstecktes Plätzchen in der Ecke mit Hecke an zwei Seiten ausgewählt und in 5Minuten sind wir zu Fuß in der Fußgängerzone. Rottweil ist die älteste Stadt Baden Württembergs und gefällt uns ausgesprochen gut. Farbenprächtige alte Häuschen, viele mit Erkern und/oder Malerei, ein kleiner Park mit Ausblick beim Dominikanerkloster, ein netter Stadtturm, alles gut erhalten. Es herrscht lebhaftes Treiben in der Stadt, da Markt ist, sodass wir in der Fußgängerzone Masken anziehen. Nach dem Mittagessen im Womi leiste ich mir einen faulen Nachmittag, da ich müde bin und mich außerdem mein Buch fesselt. Stefan ist mit dem Fahrrad losgefahren und kann nach dem Ausflug von einer Katze berichten, die Leopardenmuster hatte und außerdem von einer Tischtennisplatte bei einem Altersheim, die als Esstisch draußen genutzt wird. 😟Schade, wir hätten gerne mal wieder eine Runde gespielt. Für 18Uhr besorgen wir uns online Karten für den Thyssenkrupp Elevator Testturm mit der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands auf 232m. Der Turm hat insgesamt eine Höhe von 246m und wird, wie der Name sagt, zum Testen von Aufzügen genutzt. Es ist das höchste Bauwerk mit Textilfassade und kann Wind simulieren, da durch ein im Inneren angebrachtes Pendel der Turm in Schwingungen gebracht werden kann. Von außen hat er eine spiralförmige Hülle. Vom Aufzug aus hat man Sicht nach außen. Durch die Spiralform hat man beim Hinunterfahren das Gefühl, nicht nur abwärts, sondern auch leicht schräg zu fahren. Er ist rasant schnell. Der High Speed Aufzug schafft bis zu 64km/h. Die Außenplattform, die ungefähr halb um den Turm führt, bietet einen Blick bis Stuttgart, Schwarzwald und zur Schwäbischen Alb. Leider nur durch eine Plastikscheibe.
Wir beschließen den schönen Tag mit einer Pizza im Garten einer Pizzeria.

6.9. Für heute habe ich eine Wanderung durch die Schlichemklamm nördlich von Rottweil bei Komoot ausgesucht. Wir irren erst etwas umher, weil uns Google nicht wirklich zu einem Parkplatz geführt hat. Nach kurzer Suche, finden wir dann ein Plätzchen bei einem Sportplatz. Von hier fahren wir per Rad zum Einstieg in die Klamm. Die Wanderung stellt sich eher als ein gemütlicher Spaziergang entlang eines kleinen Flüsschens mit wenig Wasser, denn einer Klamm dar. Egal, es ist dennoch nett und wir laufen hin und zurück und fahren dann mit den Rädern wieder zum Womi. Letztendlich ist die Fahrradstrecke länger als die Wanderung. Weiter geht die Fahrt nach Donaueschingen zur Donauquelle. Über den Ursprung der Donau und ihrer Quelle gibt es ja zahlreiche Meinungen, hier befindet sich also ein Ursprung, nämlich die Quelle des Donaubaches, eingefasst in ein Steinrondel. Die Stadt kann uns trotz dem Schloss der Fürstenbergs nicht begeistern. Ein Gemisch aus Baustilen und nicht einmal eine Fußgängerzone, finden wir alles in allem nicht sehr einladend für Besucher. Nett ist allerdings, dass wir zentrumsnah einen kostenlosen Wohnmobilstellplatz mit Strom nutzen können.

7.9. Irgendwann, wenn man unterwegs ist, holt einen die Hausarbeit ein, also haben wir als erstes heute Morgen unsere Wäsche in Bad Dürrheim in einem SB Waschsalon gewaschen. Danach geht es heute mehrmals am Tag hoch hinaus. Zuerst fahren wir noch mal nach Villingen zum Aussichtsturm „Wanne“. Es handelt sich um einen 30m hohen Metalturm, der schon 1888 hier errichtet wurde. Er verfügt über drei Plattformen und umso weiter man nach oben kommt, umso enger und schmaler wird die Wendeltreppe. Bis man oben ist, hat man nahezu einen Drehwurm, und schaut man direkt nach unten, kann es einem schon schummerig werden. Die Aussicht ist prima und die Form des Turms wirkt interessant. Er liegt auf einem Hügel oberhalb eines absoluten Nobelviertels. Hier sehen alle Häuser aus, als stammen sie aus einem Architekten Wettbewerb. Ohne Komoot wären wir hier nie auf die Idee gekommen, dass es hier irgendetwas für uns zu sehen geben könnte!
Weiter geht die Fahrt zum Schwarzwälder Touristen Hotspot nach Triberg. Wir besuchten die Triberger Wasserfälle, die wirklich schön sind, aber das wissen leider auch Tausende anderer Besucher. Auf dem Weg hoch zu den Wasserfällen müssen Masken getragen werden, was vernünftig, aber auch anstrengend ist, da der Weg recht steil ist. Triberg selbst liegt wunderschön, ist aber furchtbar touristisch, deshalb verlassen wir den Ort schnell wieder. Nicht nur, dass wir Corona gerne aus dem Weg gehen wollen, es interessieren uns auch keine Touristenshops mit Kuckucksuhren und Schwarzwaldmädelpuppen und einen Hut mit roten Bommeln will ich auch nicht aufsetzen.

Etwas außerhalb parken wir auf dem Parkplatz einer Loipe und essen zu Mittag. Danach trainieren wir es bei einer Wanderung zum Stöcklewaldturm gleich wieder ab. Leider hat die Gastronomie dort oben heute nicht geöffnet, aber dann würde der Trainingseffekt ja auch nicht funktionieren😉 Dort oben können Wanderer sogar übernachten. Es ist wirklich schön dort und wiederum hat uns die Wanderapp Komoot einen guten Tipp gegeben. Leider geht der Weg ein ganzes Stück an der Bundesstraße entlang, sonst ist auch die Wanderung nett. Über Nacht parken wir auf einem Parkplatz an der B500, die nachts aber nicht stark befahren ist und wo wir hoffentlich ruhig schlafen können. Es bietet sich mir auf jeden Fall ein sehr schöner Sonnenuntergangsblick aus meinem Alkovenfenster.

8.9. Unser Tag beginnt mit dem Versuch, einen Parkplatz am Titisee zu finden, aber da scheitern wir kläglich. Womis will man dort nicht, es sei denn, sie bleiben über Nacht und zahlen 40€ auf dem Campingplatz. Selbst dort würden wir wahrscheinlich noch nicht mal mehr einen Platz bekommen. Wir fahren also rund um den See und finden schließlich einen Platz auf einem Parkstreifen der B500. Von dort können wir durch eine Fahrradunterführung die Bundesstraße unterqueren und kommen dann auf den Fußweg rund um den See. Na bitte, geht doch! Wir laufen erst in östliche Richtung bis zur Seeterrasse eines Campingplatzes. Würden wir einen Platz und Schwarzwälder Kirschtorte hier finden, würden wir sicher ein Päuschen einlegen. Leider gibt es aber keinen Platz und nur Käsekuchen 🤷‍♀️, also laufen wir zurück und weiter nach Westen zum Ort Titisee Neustadt, der so überlaufen ist, dass wieder Maskentragen nötig ist. Keine Ahnung, warum an touristischen Orten wie diesem, wo es doch eigentlich um die Natur geht, Markenboutiquen und Schmuckläden aus dem Boden schießen und auch noch ein Riesenrad Kirmesgefühle wecken soll. Wollen die Besucher soetwas wirklich? Beim Riesenrad war jedenfalls gähnende Leere.
Zurück am Womi suchen wir den Weg zur Haslach Schlucht. Dort, wo laut Google ein Weg ist, gibt es keinen, aber die Straße schlängelt sich schon an der Haslach entlang. Nach etwas Sucherei finden wir ein Plätzchen, wo wir in einer Waldschneise parken können und ein Schild zum „Bähnle Radweg“ steht. Wir holen die Räder runter und fahren zuerst Richtung Gündelwangen. Dort führt der Weg dann nur noch an einer stark befahrenen Straße entlang, also kehren wir um und fahren in der anderen Richtung bis Lenzkirch. Unterwegs überqueren wir den beeindruckenden Klausenbach Viadukt. In Lenzkirch trinke ich dann das beste alkoholfreie Radler, das ich bisher getrunken habe, das Donau Radler. Von hier geht es zurück zum Womi. Auf dem Weg zu unserem Wohnmobilstellplatz für die kommende Nacht, stehen wir zirka eine Viertelstunde im Stau, da auf der Straße ein Motorradunfall passiert ist. Als wir endlich in Bonndorf ankommen, haben wir Glück, noch einen Platz zu erwischen. Eigentlich wäre hier das Duschen im Freibad inklusive, aber beim Freibad hat wegen Corona nur der Kiosk geöffnet und daher sind Duschen und Toiletten nicht nutzbar. Die Kurkarte, die wir für 1,20€ pro Person kaufen müssen und die eigentlich den kostenlosen öffentlichen Busverkehr zu den Wanderwegen einschließt, können wir auch nicht nutzen, da die Busse nur an Wochenenden fahren😥. Nunja, dann bleiben wir halt nur eine Nacht und müssen dann morgen mit dem Wohnmobil zur Wanderung in die Wutachschlucht fahren.
Bonndorf hat aber trotzdem etwas zu bieten: einen Japanischen Garten mit Kneippbecken (leider kein Onzen mit schönem heißen Wasser) und ein Schloss, wo der Stuck nur aufgemalt ist. Welcher drittklassige Herrscher hat das denn gebaut?

9.9. Heute ist Wandertag. Wir fahren von Bonndorf nach Bad Boll und wandern dann fast 13km in der Wutachschlucht. Stefan läuft von der Schattenmühle noch 3km nach Bad Boll zurück und holt das Womi, während ich in der Schattenmühle, die außer der alten Mühle auch eine Gaststätte ist, einkehre. Letzteres ist nicht zu empfehlen. Erst haben sie fast nichts von dem, was auf der Karte steht, dann warte ich über eine 3/4 Stunde auf einen Apfelstrudel, sodass Stefan in der Zeit die 3km zu Fuß und zurück mit Womi geschafft hat. Als ich dann noch auf der Karte sehe, dass sie für 0,5l Leitungswasser 2,50€ Servicegebühr verlangen, würde ich am Liebsten die Bestellung rückgängig machen. Für ein alkoholfreies Weizen und einen Apfelstrudel mit Sahne und einer Eiskugel darf ich 10,80€ hinblättern. Der Preis für Strudel auf der Karte war ohne Eis und Sahne angegeben😬
Die Wanderung durch die Schlucht hingegen ist sehr schön, wenn auch recht lang und anstrengend für mich. Meine Knie sind jetzt fürs Erste wieder sauer🤷‍♀️
Am Nachmittag fahren wir weiter zum Schluchsee, sehen uns den Ort an und genießen den Blick auf den See vom Strandbad aus. Er ist wirklich sehr schön und längst nicht so überlaufen wie der Titisee. Wir parken außerhalb des Ortes auf dem Parkplatz eines Sportzentrums neben einer Kneippanlage und mit einem kleinen Wanderweg zu einem Turm, den wir uns morgen früh näher ansehen werden.

10.9. Eigentlich will ich ja heute nicht wandern, nachdem meine Knie gestern schon gelitten haben, aber es kommt anders. Nach miserabler Nacht, weil wir schief standen und es mir kalt war, entscheiden wir heute Morgen nur „noch schnell mal auf den Riesenbühlturm“ oberhalb unseres Übernachtungsplatzes zu klettern und uns dann fürs Frühstück ein netteres Plätzchen zu suchen. Wir stehen nämlich nicht nur auf dem Parkplatz des Sportplatzes, sondern auch neben einer Firma, wo ab 7Uhr mit Baggern und Maschinen herumgefuhrwerkt wurde. Wir müssen dafür aber erst einmal ca 1,5 km den Berg hochwandern, um dann den 36,5m hohen Turm zu erklimmen. Von oben haben wir einen tollen Blick über den Schluchsee. Bei noch klarerem Wetter soll man bis zum Säntis in der Schweiz gucken können. Wir können heute aber nur schemenhaft die Alpen wahrnehmen. Die Anlage rund um den Turm ist wirklich schön gestaltet mit Schutzhütte, Picknickplatz und Liegebank. Nach dem Abstieg machen wir unser Vorhaben wahr und fahren los auf der Suche nach einem Frühstücksplatz. Es dauert nicht lange und wir finden ein schönes Plätzchen am Windgfällweiher. Frisch gestärkt geht es von hier aus zum Feldberg. Da wir keine horrenden Summen fürs Parken bezahlen wollen, stellen wir uns wie viele Andere auf den Seitenstreifen der Zufahrtstraße. Von hier ist es noch etwa 1km zur Bergbahn. Stefan fährt mit dem Rad hoch, ich will erst gar nicht hoch, da ich vermute, dass wir bereits 2012 bei einer Wohnmobiltour dort oben waren. Als er jedoch weg ist, entscheide ich mit um und beeile mich, den Kilometer zur Bergbahn entlang der Straße zu laufen. Ich bekomme auf meinen Behindertenausweis Ermäßigung und fahre mit der Bahn zur Bergstation. Oben muss ich erkennen, dass es zum Gipfel noch einmal ca.einen Kilometer zu laufen ist. Ich habe aber in der Eile gar keine Jacke mitgenommen und zittere schon jetzt. Stefan ist inzwischen wieder zurück beim Womi, hat aber seinen Schlüssel vergessen, sodass er noch ein zweites Mal mit dem Rad hoch zur Bergstation fährt, um sich meinen zu holen und mich dann von der Talstation mit dem Womi abzuholen, damit ich nicht nochmal einen Kilometer an der befahrenen Straße zurück zur Parkbucht an der Bundesstraße laufen muss. Jaja, Planung ist alles! An der Bahn hätten wir 10€ fürs Parken bezahlt. Noch nicht genug von der Natur, ist unser letzter Stopp die Todtnauer Wasserfälle. Bei jeder Wanderung riecht man inzwischen den Herbst kommen. Die Natur versprüht einen Duft wie nach überreifem Obst, auch wo kein Obst wächst. Leicht süßlich faulig, aber nicht unangenehm. Das habe ich bisher nirgends so stark wahrgenommen wie in diesem Urlaub hier in Süddeutschland.
Da wir bis Sonntagabend, also in 3 Tagen, wieder in Bad Harzburg sein müssen, weil Stefan einen Impftermin am Montagmorgen hat, sind wir nach den Wasserfällen ein längeres Stück nach Nordosten gefahren. Wir übernachten auf einem kostenlosen Stellplatz in Haigerloch, mit Strom, wo wir sogar gegenüber beim Freibad Toilette und Dusche nutzen können. Dort gibt es sogar WLan!

11.9. Unsere Rückreise erweist sich bisher als sehr entspannt. Bevor wir heute Morgen Haigerloch verlassen haben, war erst noch ein Besuch im „Atomkeller“ unser Ziel. Das Museum wird von der Stadt folgendermaßen beschriebenen:

„Schweres Wasser statt kühles Bier – Haigerloch schreibt Wissenschaftsgeschichte: wegen der Bombardierung Berlins verlegten die Kernphysiker um Professor Heisenberg und Professor von Weizsäcker ihren Versuchsreaktor 1944 ins ferne Haigerloch. Versteckt und sicher im Muschelkalk des schmalen Eyachtals, geschützt durch mächtige Felsen, kommt die Kettenreaktion im Uranreaktor in Gang. Die ganze spannende Geschichte erfahren Sie heute im Atomkeller-Museum – dem ehemaligen Bierkeller des Haigerlocher Schwanenwirts, der damals zum Höhlenforschungslabor umgebaut wurde“.

Spannend für uns besonders auch, weil wir vor kurzem noch einen Film darüber gesehen haben, dass die Deutschen das notwendige schwere Wasser dringend aus norwegischer Produktion benötigten, um ihre Atombombe zu bauen, und wie dort mit viel Geschick immer wieder Verzögerungstaktiken eingesetzt wurden, um nicht ausreichend zu produzieren. Leider haben wir nur gut 20Minuten Zeit, um uns das Museum anzusehen, weil dort von 12-14Uhr Mittagspause gemacht wird. Dafür nimmt uns die Dame freundlicherweise nur 3€ statt 8€ ab und ich habe die wichtigsten Schautafeln fotografiert, sodass wir nun im Anschluss noch nachlesen können. Danach lassen wir uns von dem Städtchen auf einem Spaziergang verzaubern. Wir hatten keine Ahnung, wie nett die Stadt ist. Wir kannten sie bisher nur aus den Verkehrsmeldungen. Es gibt eine Ober- und eine Unterstadt verbunden durch steile Gässchen mit tollen Ausblicken auf die grünen Hänge, auf denen die Schlosskirche thront. In der Oberstadt gibt es außerdem die evangelische Wallfahrtskirche St. Anna mit einer Nachbildung von Leonardo da Vincis Abendmahl und ein Museum in der ehemaligen Synagoge, das leider nur samstags geöffnet hat. Man kann an den Infotafeln und der Gedenktafel am Museum jedoch erkennen, dass es vor den Nazis hier ein lebendiges jüdisches Leben gegeben hat. Auch den jüdischen Friedhof können wir besuchen, der eine traumhafte Lage an einem grünen Hang hat. Man bekommt Gänsehaut, wenn man sich vorstellt, wie durch dieses beschauliche Örtchen zur Progromnacht die zerstörerischen Nazihorden grölend mit Fackeln und Knüppeln gezogen sein müssen und alles jüdische in ihrem Hass zerschlagen, die Synagoge abgefackelt und Menschen vernichtet haben. Ich habe im Internet einen Artikel aus dem Schwarzwälder Boten hierzu gefunden:
“ Auch in Haigerloch wurde die 1783 erbaute Synagoge geschändet. Etwa 50 SA-Männer aus Sulz rückten gegen 4 Uhr morgens mit Haigerlocher SA-Leuten ins jüdische Wohnviertel Haag ein. und zerschlugen 111 Fenster, drückten die Tür der Synagoge ein und demolierten deren Einrichtung. Der Unterrichtsraum im israelitischen Gemeindehaus wurde ebenso vernichtet. Der Lehrer Gustav Spier musste mit ansehen, wie die Nationalsozialisten seine Wohnung eine Etage über dem Unterrichtsraum zerstörten. Etwa 30 000 Menschen wurden in den Tagen nach der Reichspogromnacht in Konzentrationslager verschleppt. darunter auch zwölf jüdische Bürger Haigerlochs. Sie wurden in „Schutzhaft“ genommen, wie die Nazis die nächtliche Verhaftungswelle beschönigend umschrieben. Elf dieser Haigerlocher Juden wurden am 12. November 1938 ins Konzentrationslager nach Dachau deportiert. Insgesamt wurden mindestens 278 Menschen von Haigerloch aus in die Konzentrationslager in Osteuropa deportiert; nur zehn von ihnen überlebten.“

Unser nächstes Ziel ist erfreulicher, wir stoppen bei den Hessigheimer Felsengärten, fahren ein Stück des Rundweges mit dem Rad und laufen dann eine Runde durch die Felsgärten mit einem traumhaften Blick über die Weinhänge und den Neckar. Wieder beim Womi auf dem Parkplatz angekommen, entdecke ich ein Werbeschild für eine Besenwirtschaft. Wir fühlen uns gleich in unsere Jugend in Koblenz und Bad Kreuznach zurückversetzt, wo wir häufiger in einer Besenwirtschaft Federweißer und Zwiebelkuchen genossen haben. Heute trinken wir zwar keinen Alkohol mehr (was ich an solch besonderen Stellen auch mal bedauere😉), aber wir wollen wenigstens versuchen, etwas anderes dort zu uns zu nehmen und in Erinnerungen zu schwelgen. Wir fahren also mit dem Rad zum „Fasanenhof“. Leider gibt es den Zwiebelkuchen auch nur mit Speck, also essen wie untypisch einen Käseigel und trinken alkoholfreies Bier 🤷‍♀️.
Unsere Nacht verbringen wir in Weinsberg bei Heilbronn, das wir morgen früh erobern wollen. Auch dieser Stellplatz ist kostenlos und wir haben sogar kostenloses WLAN 👍

12.9. Mein Frühsport besteht heute aus einer Wanderung steil bergauf durch Weinberge zur Burgruine Weibertreu. Der Name ist zu Ehren der Frauen, die 1140 nach der Kapitulation ihre Männer vor der Hinrichtung schützten, indem sie sie auf dem Rücken den Berg runter trugen. Unterwegs kommen wir an den Resten eines römischen Bades vorbei.
Danach verabschieden wir uns von Baden Württemberg und schaffen es noch bis Fulda. Unterwegs legen wir einen Zwischenstopp in Tauberbischofsheim ein. Ich würde sagen, für eine Fahrtunterbrechung ist die Stadt in Ordnung, aber so wirklich etwas besonderes ist sie nicht. Rund um den Marktplatz stehen einige prachtvolle Fachwerkhäuser, das neugotische Rathaus, das Schloss mit Türmersturm und ein Brunnen mit sehr lebensechten Figuren finden wir sehenswert.
Nun verbringen wir noch eine Nacht in Fulda und dann beenden wir den ersten Teil unserer „Reise in den Süden“ morgen zu Hause.

Teil II – Von Bad Harzburg über Hessen in den Odenwald, Schwarzwald und das Allgäu

18.9. Nach noch nicht einmal einer Woche in Bad Harzburg, sind wir wieder unterwegs Richtung Süden. Unser Ziel heute ist die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen. Wie oft sind wir an diesem Ort schon auf der A7 vorbeigefahre? Man kennt ihn eigentlich nur durch den Autohof an der A7, aber bei meiner Suche nach interessanten Zielen für Zwischenstopps, begegnete mir diese KZ Gedenkstätte. Das Gebäude ist ein ehemaliges Benediktinerkloster mit einer sehr bewegten Geschichte. Bereits in der Reformation wurde es seines Zwecks enthoben und zum Speicher ausgebaut. Es folgte 1874 eine Nutzungsänderung in ein Arbeitshaus. Sogenannte arbeitsscheue Menschen sollten hier zur Arbeit angetrieben werden. Neben Bettlern, Landstreichern und Prostituierten wurden auch Jugendliche untergebracht, die als verwahrlost galten. Gleichzeitig war außerdem ein Altersheim untergebracht. Als dann die Nazis an die Macht kamen, wurde es 1933 als KZ für politische Gegner umgewidmet. In den Medien wurde darüber auch ausgiebig berichtet. Laut der Berichte sollten KZs nicht zur Vernichtung, sondern zur Umerziehung und Anpassung an das neue Regime dienen. Einige Insassen durften nach ein paar Monaten, die ausreichten, um sie körperlich und seelisch zu brechen, wirklich das KZ verlassen. Für viele andere war es aber auch der Beginn einer grauenhaften Odyssee durch verschiedene Lager bis zum Tod. 1934 wurde das KZ geschlossen, aber 1940 in noch größerem und schlimmerem Maße als Arbeitserziehungslager bis zum Kriegsende genutzt. Hier wurden zumeist ausländische Zwangsarbeiter, die sich nur das geringste zu Schulden hatten kommen lassen, wie unerlaubte Entfernung vom Arbeitsplatz, Liebesbeziehung zu Volksdeutschen o.ä. und Juden unter schlimmsten Bedingungen untergebracht und zur Arbeit gezwungen. Kurz vor Kriegsende kam es in zwei Fällen noch zu Massakern, bei denen etliche Gefangene erschossen wurden.
In den Entnazifizierungsprozessen der 50iger Jahre kamen der Leiter und die Wärter als Mitläufer mit einer Geldstrafe davon. In der Chronik des Ortes war für die nächsten 30Jahre nichts mehr über diese grauenhafte Zeit zu lesen. Ab 1952 bezog das Mädchenerziehungsheim Fuldatal die Anlage. Ende der 60iger kam auch dieses aufgrund seiner Methoden in die Schlagzeilen. Ende 1973 wurde es als letztes geschlossenes Erziehungsheim dicht gemacht. Zeitgleich mit den freiheitsbeschränkenden und erniedrigenden Einrichtungen wurde eine Hälfte der Kirche für Gottesdienste der evangelischen Kirche genutzt!
Seit 1974 befindet sich nun eine offene psychiatrische Klinik in der ursprünglichen Klosteranlage und ein Teil ist seit 1984 Gedenkstätte, nachdem die Gesamthochschule Kassel und der Landeswohlfahrtsverband alte Akten aufgedeckt und Kontakte zu Überlebenden des KZs aufgenommen und mit ihren Erkenntnissen eine Ausstellung zusammengestellt haben. Sie bietet als außerschulischer Lernort wertvolle Aufklärung für kommende Generationen.

Nach dem Besuch der Gedenkstätte sehen wir uns in Guxhagen etwas um und essen einen Eisbecher, bevor wir nach Grifte, 3km entfernt auf der anderen Autobahnseite, unseren Stellplatz anfahren. In Grifte mündet die Eder in die Fulda und man kann hier einen netten Spaziergang auf dem Radwanderweg zur Mündung unternehmen. Mit Blühstreifen und einem geschütztem Lerchennistgebiet gibt es hier einige ökologische Ansätze. Auch die Kläranlage scheint zumindest zum Großteil durch Sonnenkollektoren betrieben zu werden.

19.9. Heute Morgen brechen wir in Richtung Wetzlar auf und entscheiden uns, noch einen Stopp in Gießen einzulegen. Leider hat das Justus Liebig Museum, das ich gerne besuchen würde, coronabedingt geschlossen. Gießen ansich finden wir nicht besonders interessant. Es ist deutlich eine Unistadt, was an vielen Cafés, Bars und der Art der Läden und natürlich dem jungen Publikum in der Innenstadt ablesbar ist. Somit hat die Stadt sicher viele Angebote und Lebensqualität, aber die Bausubstanz finden wir nur modern und nichtssagend. Eine Altstadt vermissen wir ganz. Unser eigentliches Ziel, Wetzlar, überrascht uns äußerst positiv. Es fängt damit an, dass wir Probleme haben, den Wohnmobilstellplatz zu finden. Das Navi führt uns mitten durch die Altstadt. Eine Frau in einem Café beobachtet unsere Rumkurverei und kommt zum Womi und bietet Hilfe an. Sie erklärt uns den Weg und teilt uns noch auch mit, dass es einen Ausweichplatz gäbe, wenn der gesuchte voll sei. Wir finden daraufhin den Platz, aber die 5 ausgewiesenen Plätze mit Strom sind leider bereits besetzt. Wir machen uns gerade auf die Suche nach einem freien Parkplatz, um wenigstens von hier aus die Altstadt besuchen zu können, als einer der parkenden Womifahrer mit seinem Parkschein bis Montag! zu uns ans Fenster kommt und meint, er führe jetzt ab und wir könnten seinen Platz und das bereits bezahlte Ticket haben! Wir sind überglücklich und parken ein. Nun können wir die Stadt in Ruhe erkunden. Wir schlendern durch den Park, genannt Colchester Anlage, wo es eine Ausstellung berühmter jüdischer Sportler zu sehen gibt. Wir fotografieren die mittelalterliche Steinbrücke über die Lahn und genießen dann die netten Gassen der Altstadt. Bei einem Café der Lebenshilfe wollen wir gerne einkehren, aber sie schließen gerade. Eine freundliche Mitarbeiterin drückt uns jedoch ein Gutscheinheft für Wetzlarer Gastronomie und Geschäfte in die Hand und lädt uns ein, doch am Dienstag wieder zu kommen. Da werden wir sicher weg sein, aber das Gutscheinbuch nutzen wir noch aus. Wir besuchen das Forum in der Neustadt, eine große Einkaufspassage und bekommen 1 1/2 kostenlose Kaffee zu unserem Kuchen. Als wir am Abend wieder im Womi ankommen, bestellen wir mit einem weiteren Gutschein bei einer Pizzeria und bekommen zwei gut belegte Pizzen, zwei Salate und einen Liter Cola für nur 13,50€ zum Womi geliefert. Wirklich unglaublich, diese Stadt😀

20.9. Wir verlängern unseren Aufenthalt in Wetzlar bis morgen. Die Stadt und Umgebung ist zu schade für nur einen Tag. Wir schwingen uns auf die Räder und erkunden ca 1 1/2Std die Umgebung. Es gibt einen ehemaligen Militärplatz Magdalebenhausen wo heute das Naturschutzgebiet Wetzlarer Weinberg, seltenen Faltern, Tausendgüldenkraut, Feldthymian und anderen seltenen Pflanzen einen geschützten Raum bietet. Bei schönstem Wetter genießen wir die Natur. Tagsüber scheint derzeit strahlend die Sonne und erwärmt die Luft bis in die mittleren 20Grad, des nachts wird es aber schon ganz schön frisch bis unter 10 Grad. Heute Morgen habe ich den Heizer eingeschaltet zum Frühstück, jetzt am Nachmittag die Klimaanlage, weil es zu warm wird.
Nach dem Mittagessen besuchen wir das Viseum in Wetzlar, ein Museum über Licht und Optik mit einigen Versuchsstationen, die aber wegen Corona leider nur teilweise bedienbar sind. Auch innerhalb der Stadt findet man immer wieder Stationen, wo man optische Phänomene ausprobieren kann. Wen wundert es, in der Geburtsstadt der Leica? Wir werfen auch einen Blick in den gotischen Dom, aber er gefällt uns nicht. Er wirkt auf uns dunkel und beklemmend.
Nach Sport, Wissen und Kultur folgt der Genuss: wir verdrücken zwei leckere Eisbecher in der schönen Altstadt. Danach widme ich meine Zeit der Lektüre meines spannenden Buches, während Stefan noch eine Runde mit dem Rad dreht. Morgen geht die Fahrt weiter Richtung Südwesten.

21.9. Wieder haben wir einen Ort zum Verlieben gefunden! Von Seligenstadt hatte ich bisher noch nichts gehört, habe aber gestern Abend bei Google ein paar interessante Sehenswürdigkeiten gefunden. Wir fahren also heute Morgen zum Parkplatz beim Freibad von Seligenstadt, auf dem auch ein paar Plätze für Womis ausgewiesen sind. Ein ruhiges Plätzchen, ohne weitere Infrastruktur wie Ver- oder Entsorgung, aber das haben wir noch in Wetzlar erledigt, und auf Strom werden wir eine Nacht verzichten können. Ganz in der Nähe befindet sich die Wasserburg Klein- Welzheim, die vom Besitzer wunderbar restauriert und in Schuss gehalten ist. Von hier wandern wir zur Mainpromenade, die gleichzeitig der Mainradwanderweg ist. Ich habe selten so viele Radfahrer wie auf dem Weg und in der Stadt gesehen! Der Weg entlang des Mains ist aber auch wirklich schön und Seligenstadt eine reine Augenweide. Wenn Goslar wegen seiner Altstadt Weltkulturerbe ist, dann müsste es Seligenstadt ebenfalls sein. Es verfügt über eine wunderschöne einheitliche Fachwerkarchitektur und alles befindet sich in sehr gutem Zustand. Man sieht, dass die Stadt darauf sehr großen Wert legt, so ist es ein wahres Vergnügen, durch die Altstadt zu schlendern.
Morgen wollen wir voraussichtlich per Rad nach Aschaffenburg auf dem Mainradweg fahren und später dann weiter mit dem Wohnmobil Richtung Süden.

22.9. Wie geplant fahren wir mit den Rädern nach Aschaffenburg, dazu setzen wir mit der Fähre von Seligenstadt auf die andere Mainseite über und sind nun in Bayern. Danach führt uns der Radweg immer entlang des Mains. Er ist wirklich gut befahren, muss ich sagen. Es ist eine schöne Strecke, und nach gut 20km haben wir unser Ziel erreicht. Wir lustwandeln durch den Palastgarten des Pompejanums. Das Pompejanum wurde zwischen 1840 und 1851 nach dem Vorbild der Casa dei Dioscuri in Pompeji im Auftrag Ludwigs I. erbaut. Man hat von hier einen schönen Blick über den Main und auf das Schloss Johannisburg in der Altstadt von Aschaffenburg. Der Garten ist mit mehreren Springbrunnen und lauschigen Plätzchen ein netter Rückzugsort. Ins Pompejanum hinein gehen wir jedoch nicht, weil antike Kunst uns nicht so begeistert und wir aufgrund von Corona nicht ganz so interessante Gebäude vermeiden. Wir sehen uns lieber die Altstadt an. Das Schloss ist imposant und uns hat Schöntal gefallen, eine großzügige Parkanlage. Die Stadt ist nett und lädt zum Verweilen ein, besonders beim leckeren,“Frida’s Eis“, aber so gut wie das beschauliche und wunderschöne Seligenstadt gefällt es uns nicht. Es ist halt auch größer. Wir fahren nach ein paar Stunden gemeinsam mit den Rädern wieder zurück nach Seligenstadt. Bis ca 5km vorm Ziel geht es auch ganz gut mit meinem Fahrrad, aber dann fängt der Motor an zu spinnen. Obwohl laut Anzeige noch genügend Energie im Akku ist, schaltet sich der Motor immer wieder ab. Ich bin ziemlich entnervt und befürchte, dass entweder Motor oder Akku den Geist aufgeben. Nicht genug damit, hupt dann auch noch ein Auto hinter uns, als wir gerade unseren Stellplatz mit dem Womi verlassen haben und vielleicht 500m zurückgelegt haben. Der rechte hintere Reifen ist komplett platt. Da wir weder ausreichend Werkzeug mithaben und uns den Wechsel auch nicht zutrauen, rufen wir den ADAC. Dafür ist man ja in so einem Verein. Nach ca 15Minuten kommt ein ADAC Pannendienst, und der Mechaniker hat seine liebe Mühe, unseren Ersatzreifen unter dem Womi los zu bekommen, trotz Know How und Werkzeug. Nach rund einer halben Stunde ist der Ersatzreifen angebracht und der kaputte liegt nun in unserem“Wohn-Schlafzimmer. Er ist an einer Stelle geplatzt, da ist nichts zu retten. Morgen versuchen wir zwei neue Reifen zu bekommen und sie anbringen zu lassen, damit wir wieder sicher fahren können. Da wir wissen, dass unser letzter Stellplatz leider schon voll belegt ist für die nächste Nacht, fahren wir zu einem auf Plakaten und Flyern beworbenen mit Strom und drum und dran. Die Enttäuschung ist groß, denn anstelle eines Platzes am Wald, mit Hecken zwischen den Parzellen, WLan und Schnick Schnack, befinden wir uns direkt neben einer Autobahn im Gewerbegebiet von Rodgau, auf einem Schotterplatz, ohne WLan und mit Strafandrohung bereits an der Einfahrt, falls man erst seinen Platz sucht und dann erst zahlt, eine happige Strafgeühr zahlen zu müssen. Kameras überwachen das! Naja, Strom haben wir, auf die Duschen verzichten wir beim Extrapreis von 8€ und das eintönige Rauschen der Autobahn versuchen wir auszublenden. Hoffen wir, dass wir morgen schnell unsere Reparatur erledigt bekommen und weiter Richtung Süden fahren können.

23.9. Nach einer guten Nacht trotz Autobahnrauschen, machen wir uns auf die Suche nach einer Reifenwerkstatt. Die erste hat unsere Reifengröße nicht vorrätig, Bestellung würde zwei Tage benötigen. Die Werkstatt, die uns geraten wird, hat sie zwar auch nicht vorrätig, aber kann zwei Reifen bis morgen bestellen. Da die Werkstatt sehr groß ist und auch eine Halle hat, wo Womi sich nicht das Dach stößt, sagen wir zu. Netterweise dürfen wir auf dem Mitarbeiterparkplatz heute Nacht übernachten. Da wir auf dem Weg eine S-Bahn Station gesehen haben, komme ich auf die Idee, doch seit langem mal wieder einen Abstecher nach Frankfurt/Main zu unternehmen. Mit Wohnmobil dürfen wir dort eh nicht hinfahren wegen der Umweltzone. Also kaufen wir uns ein Tagesticket und schwelgen mal wieder in Erinnerung. Das Jugendamt, in dem ich mein Anerkennungsjahr absolviert habe, finde ich leider nicht mehr. Gleiches gilt für Stefan und seine Praktikumsstelle in der Beratungsstelle für Männer. Stattdessen entdecken wir eine Jüdische Gedenkstätte, das „Museum Judengasse„, mit einer interessanten Ausstellung über die Jahrhunderte alte Geschichte der Juden in Frankfurt. Seit dem 12.Jahrhundert gibt es eine jüdische Gemeinde, die 1462 in das erste europäische Judenghetto, die Judengasse, verbannt wurde. Zu der Zeit gab es aber noch lebhafte Verbindungen zum Rest der Stadt, und mit Hilfe des Kaisers konnte der jüdische Rat noch einige Rechte für sich gegen die Stadtverwaltung Frankfurts durchsetzen. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts lebten bereits rund 2700 Juden in der Judengasse und es war die größte jüdische Gemeinde Europas. Die Nazis zerstörten Synagogen, der Jüdische Friedhof wurde platt gemacht und zur Müllkippe erklärt und tausende Juden vertrieben oder deportiert. Die Gedenkstätte am Börneplatz erinnert an rund 12000 Opfer. Als 1987 beim Bau einer neuen Stadtwerke die Fundamente der alten Judengasse und Reste von Grabsteinen gefunden wurden, kam die Forderung auf, nach der Ausgrabung der alten Gemäuerreste und Errichtung einer Gedenkstätte bzw. eines Museums. Erst auf Drängen konnte der Konflikt, der bundesweite Ausmaße annahm, gelöst werden und zumindest ein Teil der Gebäudereste in dem Museum Judengasse der Öffentlichkeit das jüdische Leben in Deutschland nahebringen.
Nach diesem Blick in die traurige deutsche Geschichte, widmen wir uns den schönen bzw architektonisch interessanten Stellen Frankfurts. Wir laufen vom Römer über den „Eisernen Steg“ über den Main nach Sachsenhausen und machen zahlreiche Fotos von der Skyline Frankfurts. Die krasse architektonische Zusammensetzung von historischen und ultramodernen Gebäuden, und die Hochhausskyline, die Frankfurt auch den Kosenamen „Mainhatten“ gegeben hat, wirkt bei Sonnenuntergang einfach klasse. Am Abend fahren wir mit dem festen Vorsatz zurück nach Nieder-Rhoden zu unserer Werkstatt, in nächster Zeit irgendwann mal für mehrere Tage nach Frankfurt zu fahren und die zahlreichen Museen, Kunsthallen und anderen Sehenswürdigkeiten ausgiebiger zu besuchen.

24.9. Die letzte Nacht war eine der unruhigsten unserer Womiübernachtungen. Ich hätte nicht gedacht, dass in einem Gewerbegebiet nachts soviel los ist. Ständig fuhren LKWs vorbei und rumpelten über eine Straßenunebenheit. Nunja, wir sind dankbar, bei unserem Reifenhändler stehen zu können, so können wir heute Morgen gleich das Wohnmobil mit Schlüssel abgeben und zu einer Radtour starten. Eigentlich habe ich eine Tour mit Strandbad geplant und mich schon auf eine Dusche gefreut, aber das hat für dieses Jahr seine Saison bereits beendet. Wir fahren also eine Runde von Nieder Roden zum Gedenkstein des NS -Lagers Rollfeld und kehren zum Abschluss in Nieder Roden in einer Eisdiele ein. Es war eine sehr schöne Strecke, die die meiste Zeit über gute Wege durch einen Wald führte, der bereits zu herbsteln begann und entlang von Bienenwiesenstreifen. Gegen 15Uhr hat unser Womi zwei neue Hinterreifen und der Mechaniker schafft es auch mit viel Mühe, den Ersatzreifen wieder unter der Karosserie anzubringen. Er flucht ebenso, wie der ADAC Mechaniker beim Abbau des Reifens. Wir machen noch einen Abstecher nach Hanau, weil wir den Opfern des Attentats vom Februar diesen Jahres gedenken wollen. Noch befinden sich Bilder, Blumen und Kerzen am Gebrüder Grimm Denkmal, aber im Stadtrat wird eine eigene Gedenkstätte o.ä. geplant. Die Stadt gefällt uns überhaupt nicht. Die Innenstadt erscheint uns auf den ersten Blick absolut nichtssagend, sodass wir sie nach knapp einer Stunde wieder verlassen und zu unserem Übernachtungsplatz nach Breuberg, südwestlich von Aschaffenburg weiterfahren. Am Abend beginnt es zu regnen, sodass wir mit einer ruhigen Nacht rechnen können, da sich die Ortsjugend, die zu Beginn den Platz noch mit Mopeds frequentiert, verzieht.

25.9. In der Nacht hat es immer mal wieder geregnet und heute Morgen ist es mit 11Grad auch ziemlich frisch. Nach dem Frühstück wandern wir über eine wirklich steile Bruchsteintreppe durch Weinberge hoch zur Burg Breuberg in Breuberg-Neustadt. In der Burg ist ein Museum, das aber wegen Corona geschlossen hat und?… richtig, natürlich wieder eine Jugendherberge 😂!
Danach statten wir dem Örtchen noch einen Besuch ab. Zu sehen gibt es einen Marktplatz mit netten Fachwerkhäuschen und einer schönen Marktlinde. Außerdem steht im Ort noch ein Marktkreuz, das letzte, das noch in Deutschland an seinem Ursprungsort zu finden ist laut Erklärungstafel. Das Kreuz weist auf den Marktfrieden hin, den jeder besaß, der auf dem Markt seine Waren anbot oder seine Einkäufe tätigte.
Wir verlassen die Stadt gegen Mittag und fahren zum Campingplatz in Wörth am Main. Wir planen, dort zu übernachten, um heute unseren Wasch- und Duschtag einzulegen. Als wir gegen 13 Uhr ankommen, ist die Schranke wegen Mittagspause geschlossen. Wir parken auf dem Parkplatz und suchen die Anmeldung, wo wir uns bereits Wasch- und Duschmarken besorgen, aber noch nicht einchecken können. Wir nutzen die Zeit, um unsere Wäsche und uns wieder auf Vordermann zu bringen und entscheiden dann, dass uns der Aufenthalt auf dem Campingplatz nicht recht zusagt. Es ist so ein typischer Dauercamperplatz. Wir entscheiden uns, weiterzufahren bis Mosbach, da wir morgen gerne in der Margarethenschlucht wandern wollen. An Stefans Geburtstag wollen wir ja etwas besonders schönes unternehmen. Hoffentlich spielt das Wetter mit, denn es regnet wieder und auch für morgen ist Regen angesagt, was nicht für eine Schluchtwanderung spricht.

26.9. Stefans Geburtstag fängt ziemlich trüb an. Es regnet seit heute Nacht, er hatte Kopfschmerzen und als wir Kaffee kochen wollen, stellen wir fest, dass gerade heute Morgen unser Gas am Ende ist. Also müssen wir rund 10km fahren, um im Baumarkt neue Gasflaschen zu besorgen. Zum Glück ist unser Stellplatz noch frei, als wir zurückkommen und auch den Rest unseres Stromes können wir noch nutzen. Wir frühstücken gemütlich und als es etwas trockener wird, gehen wir ins Stadtzentrum und besuchen ein Sozialkaufhaus und die Altstadt. Den Rest des Tages verbringen wir im Wohnmobil mit Lesen, Kartenspielen und Essen. Wir hoffen, dass wir morgen doch noch eine Chance bekommen, die Margarethenschlucht zu durchwandern.

27.9. Die Sonne hat uns wiedergefunden! Auch wenn es heute Morgen noch bewölkt ist und es seit gestern Nachmittag die ganze Nacht hindurch gegossen hat, können wir heute unsere Wanderung durch die Magaretenschlucht unternehmen. Die Strecke ist nur kurz, aber dafür warnen Schilder vor den alpinen Bedingungen und selbst bei Komoot war sie als schwarz, also als Strecke, die besonderes Können verlangt, angegeben. Hätte ich nicht vorher einen Kommentar gelesen von einer Bloggerin, die sich auch als nicht besonders bergsportlich darstellt, die Wanderung aber dennoch empfahl, hätte ich wahrscheinlich keinen Mut. So bewaffne ich mich also mit Wanderstöcken und wandere mutig los. Man muss auf teils rutschigen Steinen bergab (wenn man vom Wanderparkplatz kommt) und mehrmals den Wasserfall überqueren, aber es sind Seile angebracht zum Festhalten und wir haben das Glück, dass wir auch ohne Schuhe auszuziehen trockenen Fußes über das Wasser kommen. Auf dem Rückweg, der sanft bergauf geht, genießen wir einen schönen Blick auf den Neckar. Ich überlebe die Schlucht unbeschadet😂Nach diesem beeindruckenden Naturerlebnis fahren wir südwestlich und kommen durch Sinsheim. Hier gibt es anscheinend zu wenig Einwohner, denn an mehreren Stellen in der Stadt stehen oder sitzen menschengroße Figuren. Sie sehen zum Teil so witzig aus, dass wir einen Zwischenstopp einlegen. Eine „Familie“ steht zum Beispiel in Badekleidung am Fluss mitten in der Stadt und eine ganze Gruppe stellt eine Polonaise vor der Stadthalle dar. Da muss Stefan sich natürlich gleich einreihen 😂. Diese Figuren erinnern mich an unsere Erlebnisse in Japan. Hier gibt es ein ganzes Tal, dass die Toten durch Puppen ersetzt.
Unser Tagesziel ist heute das Kloster Maulbronn, das als Weltkulturerbe ausgezeichnet ist. Um den alten Klosterhof reihen sich diverse Klostergebäude, ein Rathaus und Gaststätten. In einem Gebäude findet gerade eine Ausstellung zum deutschen Grundgesetz statt. Die Führungen sind eigentlich ausgebucht, man kann aber alleine in die Ausstellung gehen und so haben wir von einer Führung in coronagemäßem Abstand auch noch etwas mitbekommen.
Nebenan befindet sich ein Gymnasium mit Internat, in dem bereits bekannte Persönlichkeiten wie Keppler, Hölderlin und Hesse etc. die Schulbank gedrückt haben. Hinter dem Kloster kommt man zu einem Strandbad am „Tiefen See“, in dem sich Wolken und Bäume fotogen spiegeln. Die Nacht verbringen wir auf dem Stellplatz ganz in der Nähe des Klosters.

28.9. Inzwischen wird es nachts schon ganz schön kalt. Wir haben zwar noch keine Minusgrade, wie der Wetterbericht für Teile Deutschlands voraussagte, aber +5⁰ sind auch kalt genug. Heute Morgen beim Aufstehen zeigt das Thermometer 8⁰ und wir sind froh, unseren Heizer anschmeißen zu können. Unser Kühlschrank hat auch schon gemerkt, dass es draußen kälter wird und kühlt leider um die Wette, sodass unser Quark heute morgen gefroren ist. Nach dem Frühstück mit Schokocroissant und Käse-Laugen-Brötchen brechen wir auf nach Pforzheim. Ich habe bereits bei der Planung der Reise zuhause am PC genau geguckt, ob sich der Stellplatz außerhalb der Umweltzone befindet und eine Chance besteht, dort auch hinzukommen. Etwas spannend ist es dennoch, denn die Straße ist genau die Trennlinie. Es klappt, 150m weiter ist für uns das Ende angesagt. Der Stellplatz ist noch dazu ganz in der Nähe des Gasometers, zu dem wir hin wollen. In diesem ist derzeit eine Ausstellung von Yadegar Asisi, einem in Wien geborenen, in Sachsen aufgewachsenen Künstler, der das historische Panoramabild in die digitale Welt überführt hat. Im Gasometer zeigt er die Vielfalt der Unterwasserwelt des Great Barrier Reef in einem 360⁰ Panorama in Originalgröße. Außerdem sind zwei weitere, kleinere Panoramabilder dort zu sehen von der Bergwelt des Himalaya und der grünen Welt des Amazonasgebietes. Es ist ein eindrückliches Erlebnis und hat uns gut gefallen. Danach machen wir uns auf die Suche nach der Altstadt und können keine finden. Was wir finden, ist die traurige Erklärung, warum es keine gibt: Am 23.Februar 1945 wurde die Innenstadt Pforzheims nahezu vollständig zerstört und mehr als 18000Menschen verloren ihr Leben. Das hat uns schockiert, denn jeder weiß von der Zerstörung Dresdens, aber von Pforzheim hatten zumindest wir noch nichts gehört, dabei hatte es, gemessen an der Einwohnerzahl des bombardierten Gebietes, mit 31,4% (laut Wikipedia) die höchsten Verluste in Deutschland zu vermelden.
Wir verlassen die Stadt und fahren bis Gernsbach-Obertsrot. Wir wollen von hier aus das Murghtal erkunden.

29.9. Wie von einer Freundin empfohlen, erkunden wir ab heute das Murghtal. Da es letzte Nacht geregnet hat, lassen wir uns Zeit mit Unternehmungen, bis es etwas aufklart und trockener wird. Wir hatten eine ruhige und angenehme Nacht auf dem Stellplatz in Obertsrot. So ruhig hätten wir auf der Murginsel in Gernsbach sicher nicht gestanden, direkt an der Straße, eng an eng mit anderen Campern für 5€ die Nacht, was dennoch ein guter Preis ist. Wir stehen nun auf einem großen Schotterplatz im Grünen unterhalb eines (geschlossenen) Freibads und oberhalb eines Spielplatzes mit Tischtennisplatte 👍. Letztere haben wir gestern Abend natürlich gleich genutzt. Wir zahlen hier nur für Strom, den wir auch gerne nutzen, denn es ist ohne schon frisch, wenn man so gemütlich im Womi sitzen will und unsere Batterie pfeift aus dem letzten Loch. Da ist dann das Gebläse der Gasheizung schon ein Problem. Als das Wetter ansprechend genug ist, machen wir uns zur bisher längsten Wanderung unserer diesjährigen Reisen auf. Unser erstes Ziel geht bergauf zum Schloss Eberstein oberhalb von Weinbergen, mit einem tollen Blick auf das Murgtal. Von dort aus wandern wir über den Sagenweg nach Gernsbach. Dort suchen wir eine Weile nach etwas Essbarem, da die meisten Restaurants und Cafés hier unüblicher Weise am Dienstag Ruhetag haben. Bei einer Bäckerei werden wir fündig und kaufen uns eine Art Pizzabaguette und super leckere Kernbeißer, so ähnlich wie Nussecken, nur rund und ohne Schokolade und mit vielen Körnern. Nun haben wir Kraft zum Weiterwandern und besuchen den Katz’schen Garten, einen im Stil des Barock angelegten Park und laufen von dort aus weiter auf dem Murgtalwanderweg bis Gaggenau. Nach dem ersten hässlichen Wegstück oberhalb von Industrieanlagen, führt uns der Weg durch ein Naturschutzgebiet. Wir haben kurz das Gefühl, in Neuseeland zu sein, denn es gibt Farne, die so hoch sind, dass sie sich mit den tiefhängenden Ästen von Apfelbäumen vereinen. Der Weg ist über mehrere Kilometer wirklich schön, was uns jedoch negativ auffällt, ist der Verkehrslärm, der von der Bundesstraße hoch schallt. Wenn ich auch die Klimaneutralität von Elektrofahrzeugen anzweifle, die Lärmbelästigung würden sie merklich reduzieren. Kurz vor Gaggenau kommen wir an einem Stollen vorbei, der im Zweiten Weltkrieg vielen Gaggenauern und Mitarbeitern von Mercedes Benz, die gegenüber ihr Werk haben, das Leben vor Bombenangriffen gerettet hat. Erbaut wurde der Stollen, wen wunderts, von Zwangsarbeitern und politischen Häftlingen. Sie kamen selbst sicher nicht in den Genuss des Schutzes ihres Bauwerks. Gaggenau ist recht enttäuschend. Ein moderner, nichtssagender Ort. Was wir jedoch überall finden, ist Blumenschmuck an Brücken und in den Straßen. Nachdem wir fast 14km gelaufen sind, fahren wir mit der S-Bahn zurück nach Oberstrot und laufen das Stück zu unserem Stellplatz wieder zu Fuß.

30.9. Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite. Schon beim Aufstehen scheint bereits die Sonne, aber bei unserer heutigen Wanderung ist es noch angenehm und kühl genug, um die 430 Höhenmeter zum Dachstein gut bewältigen zu können. Es ist ein sehr gut begehbarer Waldschotterweg und erst ganz zum Schluss müssen wir auf den Felsen klettern. Es bieten sich bereits unterwegs sehr schöne Fotomotive, das erste gleich 500m vom Womi entfernt in unserem Ort. Über Obertsrot fliegt ein Zeppelin vom SWR mit Werbung für die „Next generation mobility“ am stahlblauen Himmel! Er fliegt in Richtung Schloss Eberstein und das sieht ziemlich futuristisch aus, wie ein Angriff aus der Neuzeit auf die Antike😂.
Dann führt der Weg stetig bergauf zum Dachstein. Dort entschließen wir uns, nicht denselben Weg zurück zu wandern, sondern über die Hänge bis zum S-Bahnhof Langenbrand- Bermersbach. Es sind noch einmal 160Höhenmeter zu überwinden, aber der Weg ist die meiste Zeit sehr schön, entlang an Wiesen mit großen Pilzen, Ausblicke über die Berge und Örtchen im Tal, Farne und immer wieder Apfelbäume, aber nicht in großen Plantagen, sondern einzeln auf Wiesen stehend. Angekommen in Langenbrand würden wir gerne etwas essen, aber wo wir auch gucken, entweder ist geschlossen, oder es gibt nichts für Vegetarier. Selbst Salate sind hier mit Wurst😩. Bei einem Restaurant könnten wir einen Veggi- Burger für 11€ essen, aber das ist uns dann doch zu teuer. Wir unterdrücken also unseren Hunger bis zum Womi und Stefan kocht dort für uns Spaghetti aus roten Linsen mit einer Soße aus gebratenen Zwiebeln, Zucchini, Rosenkohl,Möhren, Champions, Ingwer, Knoblauch und Käse, so in etwa allem, was unser Kühlschrank hergibt. Es ist total lecker, fast alles Bioqualität und nicht annähernd so teuer wie es im Restaurant gewesen wäre, wenn es so etwas überhaupt gegeben hätte.

1.10. Heute verlassen wir unseren gemütlichen Platz in Obertsrot und fahren nach Rastatt. Wir besuchen die Ausstellung über die unterschiedlichen Bestrebungen und Revolutionen im Kampf um Demokratie in Deutschland und Europa, die im barocken Residenzschloss zu sehen ist. Danach schlendern wir durch den Schlosspark und die Innenstadt, bis der Himmel deutliche Bestrebungen zeigt, es regnen zu lassen. Da ziehen wir es vor, uns im Womi zu verkrümmeln, das wir auf dem Stellplatz beim Hallenbad schon für die Nacht geparkt haben. Bei Kaffee und Schokokugeln lese ich aus meinem derzeitigen Buch über eine Wanderung von Berlin zum Nordkap vor. Gegen halb sechs machen wir uns auf den Weg zu einem japanischen Restaurant. Heute ist unser dritter Jahrestag unserer derzeitigen Nachberufsreisephase. Wenn das kein Grund ist zu feiern🎉.! Das Restaurant bietet „All you can eat Dinner“ an, wobei jeder auf dem Tablet jeweils 5 Dinge bestellt, also z.B. eine Suppe, unterschiedliche Tempura, etwas Gegrilltes, etwas Süßes etc. Das darf man so oft machen, wie man will oder bis man platzt😀. Es ist total lecker😋😋😋, kostet allerdings auch 26€ pro Person exkl Getränke, das ist es aber auch wert. Danach fallen wir nur noch gesättigt ins Bett.

2.10. Begleitet vom Barock führt uns unser Weg als erstes zum Schloss Favorite, etwas außerhalb von Rastatt. Es hat meiner Meinung nach etwas besonderes. Zwischen dem steinernen Grundgerüst befindet sich ein Material, ähnlich Waschbeton, aber es sieht aus, als hätte man Steinchen unterschiedlicher Größe in den Untergrund gedrückt und das ergibt durch das drauffallende Licht eine interessante Wirkung. Mir gefällt es wirklich gut. Es ist mal etwas anderes.
Von hier aus fahren wir weiter nach Baden Baden, worauf wir recht gespannt sind, da uns Freunde schon häufig davon vorgeschwärmt haben. Und es gefällt auch uns sehr gut. Die prächtigen Gebäude, die Weite in den großen Parks und das mitten in der Stadt, und zwischendrin kleine Gässchen und Steigungen und Gefälle, die in die Beine gehen, aber auch nette Ausblicke erlauben. Zwischendrin kann man die Reichen beobachten, die sündhaft teure Gerichte verspeisen und auf der Terrasse eines Nobelkurhotels in der Sonne ihr Leben genießen. Man kann sich gar nicht satt sehen. Ein wenig hat man das Gefühl, in eine andere Zeit einzutauchen. Pferdekutschen gibt es ja in vielen Touristenorten, aber hier scheinen sie hinzugehören.
Am späten Nachmittag verlassen wir Baden Baden auf der Schwarzwald Hochstraße und fahren bis zum Geroldsauer Wasserfall. Eigentlich wollen wir den Rundweg erst morgen machen, aber wir sind früh genug dort, sodass wir ihn noch als netten Abendspaziergang machen können. Die Strecke finden wir sehr schön, wundern uns aber schon, warum man den Wasserfall so anpreist. Er ist ja von Höhe und Größe doch eher bescheiden. Ich würde es als Touristinfo wohl als beschauliche und romantische Schlucht verkaufen. Wir genießen es, den Weg zwar nicht alleine, aber nicht mit Horden von Wochenendwanderern gehen zu können. Die Nacht verbringen wir ganz autark auf dem Wanderparkplatz nebenan.

3.10. Wir verbrachten eine ruhige Nacht, alleine und fern von Zivilisation. Einzig das Rauschen des Baches ist hier zu hören. Da es in der Nacht und auch am Morgen regnet, bleibt es auf dem Parkplatz auch trotz Feiertag ruhig und wir können ausschlafen und nach dem Frühstück noch etwas rumgammeln. Gegen Mittag lichtet sich der Himmel und wir machen uns auf, einem weiteren Tipp meiner Freundin zu folgen, nämlich die Schwarzwaldhochstraße Richtung Süden zu fahren. Nach kurzer Zeit kommen wir an einen Wanderparkplatz in einem Felsengebiet. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen, der Himmel zeigt sich im schönsten Blau und die Sicht ist traumhaft gut. Wir wandern und klettern auf den Felsen herum und haben tolle Ausblicke. Danach führt uns die Fahrt zum Mummelsee, der aber total überlaufen ist und nicht so schön, wie das Felsengebiet zuvor. Wir halten noch einmal bei einem Skilift und einer Waldgaststätte, die von Bikern gut besucht ist. Wir finden heraus, dass sich 1 1/2km bergauf noch eine Gaststätte mit Zimmervermietung und Wohnmobilstellplatz befindet, aber um dort hinzukommen, müssen wir anrufen, da eine Schranke den Weg versperrt. Leider haben wir beide keinen Empfang. Die Kellnerin der Gastätte vor Ort leiht uns freundlicherweise ihr Telefon. Letztendlich entscheiden wir uns gegen den Stellplatz, da wir mehrere Nächte bleiben müssten. Als Dank für das Telefon essen wir super leckere Schwarzwälder Kirschtorte – die erste, in unserem ganzen, mehrere Wochen langen Schwarzwald Urlaub😋. Im Anschluss fahren wir die kurvige Strecke mit schönen Ausblicken bis nach Sasbachwalden, wo wir hinter einem Weingut auf dem Stellplatz übernachten und wieder Strom und sogar WLAN haben. Seit Baden Baden haben wir nur sehr sporadisch und sehr schlechten Empfang. Unsere Nacht in Sasbachwalden beginnt recht laut, weil auf dem Weingut, hinter dem der Stellplatz liegt, ein Weinfest mit Live-Musik stattfindet. Glücklicherweise ist es aber um ca 22Uhr mit Feuerwerk zu Ende. Ob das so Corona- like ist, weiß ich nicht. Mundschutz oder Abstand ist da nicht gerade zu sehen. Das fällt uns hier im Schwarzwald häufiger auf. Zum Beispiel bei öffentlichen Toiletten werden weder Masken getragen noch Abstandsregeln eingefordert, noch von selbst eingehalten, nur in Geschäften, Restaurants und im öffentlichen Verkehr. Wir sind da immer besonders vorsichtig, gerade wenn soviel los ist wie im Gebiet um die Schwarzwaldhochstraße. Die Coronazahlen hier im Süden machen da nicht gerade Mut.

4.10. In der Nacht beginnt es heftig zu stürmen und ich hole schnell unsere Stufe rein. Irgendjemand ist aber wohl nicht so vorsichtig und hat sein Dachfenster offen gelassen. Am Morgen liegt es in vielen Teilen auf dem Platz verteilt, andere Wohnmobile haben Macken und die Polizei ist vor Ort. Das Teil ist anscheinend durch die Luft geflogen und mit Karacho gegen andere Fahrzeuge geknallt, bevor es am Boden landete. Ziemlich ärgerlich für die Besitzer der teuren Mobile, denn soweit ich das mitbekomme, weiß man nicht, wem das Dachfenster weggeflogen ist.
Wir haben heute Morgen hin-und her überlegt, wie wir den Tag sinnvoll gestalten. Zum einen wollen wir Wäsche waschen, aber hier gibt es nur so einen privaten Ferienwohnungsvermieter, dessen Maschinen ewig brauchen. Außerdem überlegen wir die Konuskarte, eine Kurkarte, die wir bei Vorlage unseres Stellplatztickets kostenlos bei der Touristinfo erhalten können, für die unentgeltliche Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem Wanderweg an der Schwarzwald Höhenstraße zu nutzen. Die Frau in der Touristinfo teilt uns jedoch mit, dass aufgrund einer Baustelle die Busse derzeit nicht fahren und die freie Nutzung des Freibads fällt auch flach, weil es nicht mehr geöffnet hat. Ich habe so auf eine Dusche gehofft😥. Wir entscheiden uns letztlich, Sasbachwalden doch schon heute zu verlassen, was uns einige Rumkurverei wegen der Straßensperrung kostet. Wir fahren zum Parkplatz Seiblseckle und wandern bergauf zum Hochmoor und über den Mummelsee wieder zurück. Es ist eine schöne Wanderung mit tollen Blicken auf die Berge, Wälder und Orte rundum und über Heide und Moor auf der Hochebene. Am späten Nachmittag fahren wir weiter nach Baiersbronn auf den Stellplatz. Hier übernachten wir und werden morgen Wäsche waschen. Es ist eh Regen angesagt.

5.10. Es gießt den ganzen Tag, sodass wir nichts anderes machen, als Wäsche zu waschen, Lebensmittel einzukaufen und im Womi zu lesen und zu spielen. Stefan zockt mich dabei übelst beim Kartenspiel Watten ab, weil ich durchgehend miserable Karten habe😥. Wir bleiben noch eine Nacht auf dem Stellplatz in Baiersbronn und hoffen, dass sich die angesagte Schlechtwetterperiode nicht bewahrheitet.

6.10. Der Morgen beginnt mit blauem Himmel, sodass wir sehr zuversichtlich und erfreut sind, dass die Wettervorschau nicht stimmt. Zügig brechen wir unsere Zelte in Baiersbronn ab und fahren nach Freudenstadt. Wir parken beim Panoramabad und müssen noch gut einen Kilometer bis zum Zentrum laufen. Kaum sind wir unterwegs, als es wieder anfängt zu regnen. Da sich in der Innenstadt viele Geschäfte unter Arkadengängen befinden, werden wir nicht ganz so nass, aber es ist dennoch kalt und ungemütlich. Nach einer guten Stunde geben wir auf. Man kann sich ja auch nicht guten Gewissens in ein Café setzen, da natürlich auch Andere auf die Idee kommen und uns das Coronarisiko zu groß ist. Wir laufen zurück zum Womi und trinken unseren Kaffee dort. Ich finde heraus, dass es in Bad Peterstal-Griesbach einen Stellplatz bei einem Hotel gibt und man dort auch duschen kann. Das klingt verlockend, also machen wir uns auf den Weg dorthin. Der Stellplatz erweist sich als nett angelegt und in einem sehr schönen Tal mit vielen Wandermöglichkeiten. Gleich mehrere Premiumwanderwege, der Himmelssteig, der Schwarzwald Steig, der Wiesensteig und das Panoramawegle sind hier vor Ort. Stefan kocht, und nachdem wir zu Mittag gegessen haben, erscheint uns das Wetter gegen 16Uhr so vertrauenswürdig, dass wir es wagen, in Regenkleidung noch eine kleine Wanderung zu machen. Schnell erreichen wir auf dem Schwarzwaldsteig eine Anhöhe, von der wir einen tollen Blick ins Tal und auf die in den Bergen hängenden Wolken genießen können. Entlang an kleinen Obstplantagen laufen wir auf der Anhöhe eine 5,3km Runde zurück zu unserem Stellplatz. Es wäre schön, wenn uns morgen das Wetter noch eine längere Tour erlaubt.

7.10. Die heiße Dusche am Morgen im Kurhotel ist wunderbar. Die Sauna scheint dort noch außer Betrieb zu sein, sodass man den Schlüssel für den Saunabereich bekommt und dann in Ruhe und mit viel Platz alleine duschen kann. Auf dem Weg zum Hoteleingang kann ich schon mal vorduschen. Es hatte die ganze Nacht hindurch geschüttet und noch ist kein Ende in Sicht. Durch den Dunstabzug des Womis ist letzte Nacht Wasser auf unseren Herd getropft und hat meine Tablettendose erwischt. Zum Glück war nur noch für den heutigen Tag das Fach gefüllt. Der Inhalt ist Brei😳
Zu allem Unglück hat auch der Stecker unses Außenstromkabels Wasser mitbekommen, sodass mein Euro heute Morgen ohne Wirkung bleibt. Der Hausmeister des Hotels überprüft die Strombox des Stellplatzes und stellt fest, dass die Sicherung rausgesprungen ist. Er schaltet sie wieder ein und der Strom läuft gerade solange, bis er wieder weggegangen ist, dann ist wieder Schluss. Als er nochmals kommt, findet er den Schaden bei unserem Stecker. Zum Glück reicht heute unsere Gasheizung im Womi und wir lassen das Kabel trocknen. Da bei dem Wetter eine Wanderung nicht infrage kommt, verbringen wir den Vormittag damit, dass ich den Reisebericht eines Deutschen, der von Berlin zum Nordkap gewandert ist, weiter vorlese. Bei der Vorstellung seiner Wolkenbrüche, Sumpf-und Flussdurchquerungen und das auch noch mit Mückenattacken, bessert sich unsere Laune gleich. Wie gut geht es uns doch, dass wir im Warmen und Trockenen sitzen und dem Regen trotzen können! Gegen Mittag verlassen wir den Stellplatz. Der Untergrund ist zum Glück mit Rasenpflaster befestigt, aber dieses steht schon komplett unter Wasser und das Flüsschen Rench nebenan rauscht, als wollte es damit drohen, auch ein großer Fluss werden zu können. Tatsächlich steht ein Schild auf dem Platz, dass bei drohendem Hochwasser der Platz sofort zu verlassen sei. Wir entscheiden uns, nach Offenburg zu fahren und in einem Baumarkt eine Schutzhülle für unseren Verbindungsstecker zu besorgen. Als wir dort ankommen, ist das Wetter umgeschlagen und wir haben Sonne, sodass wir nach dem Baumarkt noch gemütlich die Stadt erkunden können. Ich finde sie recht nett. Einige schöne Häuser, Straßenmusik und durch die Sonne hat alles nochmal ein wenig Spätsommerflair. In einem Outdoorladen finden wir stark heruntergesetzte Oberteile von Craghoppers, die Moskitoschutz ohne Chemie ermöglichen. Unsere Hoffnung, mal wieder auf Fernreisen gehen zu können, wo wir soetwas benötigen, haben wir noch nicht aufgegeben. Außerdem helfen sie auch gegen Mücken in Skandinavien und im Notfall, wenn Denguefieber sich auch bei uns weiter verbreitet, ziehen wir sie halt hier an😉 (irgendeine Entschuldigung für einen Kaufrausch finden wir immer 😂)
Danach suchen wir einen Stellplatz eines Weinguts in Durbach auf und freuen uns, dass wir wieder problemlos Strom bekommen. Unser Kabel ziert jetzt eine zweite rote Nässeschutzbox. Wir drehen noch eine kurze Runde zu Fuß und kommen gerade wieder rechtzeitig zurück, als erneut ein Schauer herunterkommt.

8.10. Nach einer guten Nacht begrüßt uns heute ein trockener Tag mit sogar ein paar Sonnenstrahlen! Nix wie raus in die Natur also. Wir brechen auf zu einer Wanderung durch die Weinberge, hoch zum Schloss Staufenberg und im weiten Bogen auf Panoramawegen und durch die mit Wein bewachsenen Hänge zurück zu unserem Stellplatz. Wir begeistern uns an wunderbaren Ausblicken bis nach Offenburg über die grünen Weinberge, gemischt mit Bäumen und Sträuchern, die vereinzelt bereits herbstliche Verfärbungen zeigen. Wein ist hier wirklich überall und es gibt sogar extra Stellen, wo in Brunnen oder Wasserrinnen Schnaps oder Wein gekühlt auf den Wanderer warten, der für sein Getränk dann in eine Vertrauensbox einzahlt. Ich will ja keine Spaßbremse sein, aber ich frage mich da schon, ob der Jugendschutz in Baden-Württemberg wohl anders funktioniert? Häufig sieht man neben den Weinreben auch Rosen gepflanzt. Sie dienen dem Winzer als Indikator für Schädlinge.
Zur Zeit ist überall Weinlese und man sieht Gruppen oder Einzelne die reifen Früchte in große Kunststoffbehälter sammeln, indem sie die Trauben abschneiden. Diese werden dann in Metalltonnen per Traktor mit Anhänger zum Verarbeiten gefahren. Wir finden auch ganze Haufen zermatschter Trauben unterwegs, die einen faulig-alkoholischen Gestank ausstrahlen. Wofür das gut sein soll, ist uns schleierhaft. Ein paar Träubchen erlaubten wir uns zu ernten und am Nachmittag im Womi zu genießen. Stefan unternimmt nach einer Mittagspause noch eine Radtour, während ich für die nächsten Tage mögliche Ziele und Stellplätze im Internet recherchiere und etwas lese. Abends zaubert mein Privatkoch Reis mit Linsen und Auberginen mit Erdnusssoße und wir hören gemeinsam Podcasts. Die Suche nach einem neuen Stellplatz können wir uns sparen, wir beschließen, noch eine Nacht hier auf dem Gelände des Weingutes zu bleiben.

9.10. Wir verlassen Durbach und fahren zum Königswaldsee bei Offenburg. Es ist ein netter, kleiner Baggersee im Süden Offenburgs neben einem Flugplatz. Wir umrunden ihn gemütlich und können uns gut vorstellen, wie im Sommer hier gebadet, an den zahlreichen Picknicktischen gepicknickt und gegrillt wird. Heute liegt er still und friedlich da und die Wolken spiegeln sich im glatten Wasser. Unser nächster Halt gilt Lahr im Schwarzwald. Das habe ich mir anhand der Fotos auf Google Maps malerischer vorgestellt. Es ist nicht hässlich, hat aber schon eine sehr zusammengewürfelte Innenstadtgestaltung und viele Leerstände. Von hier aus geht es weiter nach Emmendingen, wo wir eigentlich den Stellplatz für die kommende Nacht angepeilt haben. Da ich aber übersehen habe, dass es keine Stromanschlüsse gibt, das WLan bei uns nicht funktioniert und die angegebenen Duschen anscheinend im Freibad gegenüber zu nutzen wären, wenn die Saison nicht gerade beendet wäre, sind uns 7€ Gebühr zuviel für reines parken. Wir entsorgen unser Brauchwasser und die Toilette und erobern die zahlreichen Sozialkaufhäuser der Stadt. Wir finden alleine drei an der Zahl in einer Stadt mit rund 29000 Einwohnern! Stefan ersteht eine guterhaltene Allwetterjacke von Schöffel für 17€. Als Stellplatz für die kommende Nacht wählen wir den kostenlosen, städtischen von Waldkirch im Breisgau aus. Er befindet sich in ruhiger Lage beim Sportplatz unter Bäumen und ist dennoch nur 5 Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt. Es gibt hier zwar auch keinen Strom, aber für eine Nacht kommen wir ohne klar. Heizen ist momentan absolut nicht nötig, wir haben heute T-Shirtwetter! Waldkirch hat eine hübsche Innenstadt, die wir noch auf einem Abendspaziergang besichtigen. Leider stört der Durchgangsverkehr die Idylle etwas. Die Fußgängerzone könnte gerne noch ausgeweitet werden.

10.10. In der Nacht schüttet es was das Zeug hält, aber am Morgen ist es zum Glück wieder trocken und wir fahren mit dem Womi bis Denzlingen und von dort mit dem Zug nach Freiburg. Als eine richtig gute Idee erscheint es uns später im Rückblick aber nicht mehr. Es ist sehr voll in der Stadt und wieder beginnt es zu regnen, aber wir wollen auch nicht in irgendein Restaurant oder ähnliches, weil die natürlich auch gut besucht sind und uns die Ansteckungsgefahr zu hoch erscheint. Zum Glück halten unsere Regenjacken dicht und es ist ja auch ganz nett, die Stadt 28 Jahre nach unserem letzten Besuch, an dem wir uns damals beim Caritas für eine erlebnispädagogische Stelle beworben haben, einmal wiederzusehen. Richtig entspannt ist der Ausflug aber nicht. Wir versuchen, möglichst immer mit Maske in der Stadt rumzulaufen, was aber auch nicht sinnvoll ist, weil sie dann durchnässt. Wir fahren am Nachmittag mit der Bahn zurück zu unserem Womi und damit weiter zu einem privaten Stellplatz im Gewerbegebiet Breisgau bei Eschbach auf dem Gelände einer Wohnmobilwerkstatt mit Laden. Die bieten den Hof richtig als Stellplatz an, sogar mit Strom und Dusche, aber außer uns ist hier niemand, außer Womis, die hier überwintern. Dafür sind wir super sicher hinter einem automatischen Zaun untergebracht. Ich hoffe, er geht morgen auch wieder auf🤔. Einen irren Abendhimmel haben wir in diesem nicht so landschaftlich schönen Gebiet und da Wochenende ist, dürfte es auch recht ruhig bleiben und keine LKWs be-und entladen werden. Ich habe dann noch ein Erlebnis der besonderen Art mit einem Vogel. Als ich die Toilette nutzen will, sitzt dort ein Vogel auf dem Spülkasten. Das Licht geht durch den Bewegungsmelder an und der Vogel dreht durch und statt durch die offene Tür nach draußen zu fliegen, fliegt er immer wieder gegen den Türsturz in voller Panik. Ich gehe raus und hoffe, er fliegt dann auch raus, aber denkste. Irgendwann warte ich so lange, bis innen das Licht aus ist und außen auf dem Gelände das Licht leuchtet und nach einer halben Ewigkeit begreift der dumme Vogel dann auch, dass er tiefer fliegen muss, um zu entkommen. Ich habe mich schon als Bestatterin eines Vogels mit gebrochenem Genick gesehen.

11.10. Die Nacht ist knackig kalt und am Morgen haben wir gerade mal 7⁰ im Womi. Wie gut, dass wir Strom haben für Heizer. Ich habe sogar noch mehr Glück, denn über Nacht ist noch ein weiteres Wohnmobil auf unseren versteckten Platz gekommen und der Fahrer ist so nett, mir Geld für die Dusche zu wechseln. Zu zweit mit einem Euro für 5Minuten wäre für mich extrem kurz gewesen, Stefan hat mit sowas komischer Weise kein Problem. Bei ihm muss die Dusche wohl schon reinigen, wenn er sie nur sieht🤔
Für heute habe ich eine Wanderung ab Kandern zur Wolfsschlucht herausgefunden. Wir fahren zum Startpunkt und sind gleich beim ersten Highlight, dem Bahnhof der Kandertalbahn. Der historische Zug mit Dampflokomotive fährt zu bestimmten Zeiten noch für Touristen. Uns reicht die nett aussehende Bahn mit Bahnhof, um uns daran zu erfreuen, dann wandern wir los. Zu Beginn des Weges kommen wir durch ganz mit Moos bewachsene Felsen, die man auf schmalen Wegen durchlaufen kann. Später gibt es einen Aussichtspunkt mit Blick auf die Orte ringsum und die Alpen im Hintergrund. Letztere liegen jedoch ziemlich hinter Wolken versteckt. Auf breiteren Schotterwegen geht es durch Wald zurück zum Ausgangspunkt. Eine wirklich nette Runde von ca.8km, auch wenn der Name „Schlucht“ etwas übertrieben erscheint.
Wir fahren weiter nach Weil am Rhein zum Vitra Design Museum, einem Museum wahrhaft futuristischer Gebäude. Eigentlich wollen wir nur von außen fotografieren, dann beginnt es aber wieder zu regnen und unser Plan geht nicht auf. Das Ganze sieht aber so interessant aus, dass wir uns entscheiden, die Nacht auf dem Parkplatz des Kletterparks in Lörrach zu verbringen, um unnötig weite Fahrten zu einem richtigen Stellplatz zu vermeiden, und morgen das Museum bei hoffentlich gutem Wetter von innen und außen zu besichtigen.

12.10. Nach einer kalten Nacht mit schiefen Bett fahren wir am Morgen erstmal zum Supermarkt und kaufen uns ein paar leckere Sachen zum Frühstück. Kurz nach 12Uhr sind wir dann pünktlich zur Öffnung beim Vitra Design Museum. Als erstes sehen wir uns in der Verkaufsausstellung um, in der man alle Möbel testen kann, und machen diverse Sitzproben😃 Es gibt schon irre Ideen für Möbel und Raumgestaltung und wenn ich mir auch kaum etwas davon in die Wohnung stellen würde, ist es auf jeden Fall spannend anzusehen. Die Frage, ob ich was davon haben will, stellt sich eh nicht, wenn schon ein 10cm Minimodel eines Sessels 645€ kostet😱
Wir besichtigen danach noch das Gelände, denn auch die Gebäude sind einfach irre. In das Museum gehen wir dann nicht mehr, da uns die Ausstellungshalle schon genug Eindrücke vermittelt hat.
Nach der Moderne folgt mit der Burgruine Rötteln in Lörrach das Mittelalter. Von der Burg ist noch recht viel erhalten und es machte echt Spaß, in ihr herumzulaufen. So eine richtige Burg zum Versteckenspielen😂. Vom Burgfried haben wir einen guten Blick auf Schwarzwald, Schweizer Alpen und französisches Jura. Als Übernachtungsplätzchen haben wir uns Murg ausgesucht, direkt am Rhein. Heute mal wieder mit Strom und WLan.

13.10. Nun schaffen wir es doch noch ins Ausland in diesem Jahr 😀, wenn auch nur jeweils für ein paar Minuten! Unser erster Grenzübertritt über die EU-Außengrenze erfolgt heute Morgen bei einer Rundwanderung von Murg über ein Wasserkraftwerk nach Laufenburg/Schweiz und von dort über eine Fußgängerbrücke nach Laufenburg/Baden und zurück nach Murg. So einfach und unkontrolliert habe ich bisher noch kein Nicht-EU-Land betreten können. Beide Städtchen oder besser Stadtteile sind klein und nett, aber nicht herausragend. Am Nachmittag besuchen wir dann mit den Rädern Bad Säckingen und das erweist sich als ein richtig schönes Städtchen, ebenfalls mit Übergang in die Schweiz, diesmal nach Stein. Die Holzbrücke über den Rhein, die die Länder verbindet, ist wirklich sehr hübsch anzusehen mit ihrem Blumenschmuck. Wieder können wir unbehelligt ein- und ausreisen. Bezüglich Corona haben wir uns zuvor im Internet informiert, aber diese Orte stellen kein großes Risiko dar. In Bad Säckingen besuchen wir noch das Schloss Schönau, den Diebsturm und die Kirche St.Fridolinsmünster und genießen ein Eis bei Giovanni L, meiner Lieblingseiscafékette, die nicht umsonst schon vielfach prämiert wurde. Wann immer wir ein Eiscafé dieses Namens sehen, ist mindestens eine Kugel Pflicht😋. Die kommende Nacht verbringen wir noch einmal in Murg auf dem Stellplatz.

14.10. Wir verlassen heute Morgen unseren netten Stellplatz in Murg und machen uns auf den Weg nach Waldshut-Tiengen. Nach einer kleinen Erkundungstour durch die Altstadt, verlassen wir die Stadt wieder auf der Suche nach einer Waschmöglichkeit. Ich habe schon per Internet feststellen können, dass es im weiten Umkreis keinen Waschsalon gibt, also müssen wir wieder auf einen Campingplatz zurückgreifen. Ob es uns wieder gelingen wird, nur Wäsche zu waschen, aber nicht dort zu übernachten? Wir finden einen Platz in Hohentengen und nachdem wir die Platzwartin per Telefon zum Platz gebeten haben, ist es auch kein Problem, dort nur die Wäsche zu waschen und zu trocknen. Da das Ganze 2 Stunden in Anspruch nimmt, macht sich Stefan noch auf zu einem kleinen Spaziergang und ich verbringe meine Zeit mit Lesen, weil mein linkes Knie seit gestern wieder Probleme macht. Nach der Aktion wird es Zeit, einen Platz für die Nacht zu finden. Wir fahren nach Lottstetten und unser Navi will uns durch die Schweiz führen. Bei der Grenze kann ich gerade noch erkennen, dass da etwas von Vignette steht, aber Stefan ist sich sicher, dass das nur für die Autobahn gilt. Später auf dem Stellplatz können wir dann lesen, dass wir für jede Straße eine gebraucht hätten😱. Na, hoffentlich haben die Schweizer uns nicht gefilmt, dann bekommen wir noch ein dickes Knöllchen für die ca 10km. Lottstetten, wo wir die Nacht verbringen werden, scheint nur aus vielen Geschäften wie Lidl, Dm, Kik etc, die von den Schweizern eifrig besucht werden, zu bestehen. Was wirklich blöd ist, ist dass wir kein Internet haben. Unsere Handys wollen immer in der Schweiz einchecken, aber wir haben natürlich roaming ausgeschaltet, weil die Schweizer nicht den europäischen Tarif anbieten, trotz Schengen. Es ist sündhaft teuer, 7ct für 10Kilobyte! Dann wird die Planung der Weiterreise erst wieder stattfinden, wenn ich Google Maps habe.

15.10. Unser Übernachtungsort Lottstetten hat so gar nichts zu bieten außer Geschäften, also machen wir uns heute Morgen gleich auf den Weg Richtung Singen. Fast landen wir wieder in der Schweiz! Es ist gar nicht so einfach, einen anderen Weg zu finden, wenn das Autonavi immer nur den kürzeren oder schnelleren – beide gehen durch die Schweiz – anzeigt und wir Google Maps nicht nutzen können, weil das Handy sich immer in der Schweiz einchecken will. Zum Glück habe ich noch bei maps.me die Karten für Baden Württemberg runtergeladen und kann uns um die Schweiz herum manövrieren. Mir fallen dabei die Schleifenbach Wasserfälle bei Blumberg ins Auge und so entscheiden wir uns, trotz Regen, die kleine aber recht steile Rundwanderung zu machen und bereuen es nicht. Nur wenig später sehe ich eine Ausschilderung zur historischen Altstadt Tengen, also stoppen wir auch hier. Auf dem Weg zur Altstadt stehen darüber hinaus auch noch Schilder zum Wasserfall und zur Schlucht. Eigentlich habe ich genug vom Wandern im Regen und gerade unsere Regenjacken und Hosen wieder vom Schlamm befreit, aber die Altstadt will ich sehen. Nunja, wir laufen durch ein altes Tor, kommen noch an einem Brunnen und älteren Häusern vorbei, die wohl die historische Altstadt darstellen und stoßen auf ein Wegschild, das uns in 300Metern Wasserfall und Schlucht verspricht. Da kann ich auch nicht mehr nein sagen. Ein guter Wanderweg mit mehreren Holzbrücken und ohne schlammige Abstiege bringt uns in eine wunderschöne, verwunschene grüne Idylle mit Wasserfall und Mühle und auf einem Rundweg zurück zum Womi. Das war doch nochmal ein lohnenswerter Abstecher. Von hier geht es weiter nach Singen auf den Stellplatz. Ich besorge Kuchen beim Bäcker und wir verbringen den Rest des Tages gemütlich im warmen Womi. Unsere Klamotten können trocknen und ich lese mal wieder etwas vor. Gerade reisen wir medial mit einem Wanderer zu Fuß durch Europa.

16.10. Da uns der Wetterbericht gestern versprach, dass der Regen ab 10Uhr aufhören wird, haben wir für heute Morgen eine Rundwanderung zur Festungsruine Hohentwiel geplant. Leider kümmert sich das Wetter nicht um die Handyvoraussage und es regnet bis zum Nachmittag. Wir ziehen also Regenjacken und -hosen an und laufen dennoch den Berg hinauf. Der „Bannwald“, ein Gebiet, das sich selbst überlassen wird, um wieder zum Urwald zu werden, liegt in grauem Dunstschleier und strahlt damit eine gruselig-geheimnisvolle Atmosphäre aus. Die Gemäuer der Ruine Hohentwiel könnte man ohne weiteres für einen Gespensterkrimi filmen bei diesem Wetter. Das Ambiente ist also gar nicht so schlecht, aber wir kommen nach 1 1/2Std ziemlich durchnässt wieder beim Stellplatz an. Da der Weg eine Steigung von 260 Höhenmetern hatte, hat der Schweiß, was der Regen noch nicht geschafft hatte, auch noch geschafft zu durchfeuchten. Wir ziehen uns trocken an und verlassen Singen Richtung Radolfzell. Dort bereichert Stefan ein Sozialkaufhaus und nachdem wir das Womi auf dem Stellplatz untergebracht und etwas gegessen haben, hört es auf zu regnen, sodass wir noch die Stadt und den kleinen Hafen am Bodensee erkunden können.

17.10. Wir fahren morgens nach Unteruhlingen und suchen eine Weile nach einem Parkplatz. Uns bleibt nichts anderes übrig, als außerhalb auf den Wohnmobilstellplatz zu fahren. Da ich die Pfahlbauten bereits kenne, fährt Stefan alleine mit dem Rad hin. Entlang des Bodensees führt uns die Weiterfahrt nach Friedrichshafen. Wir stellen fest, dass es, obwohl ein „Altstadtparkplatz“ ausgewiesen ist, keine Altstadt oder das, was man sich darunter vorstellt, gibt. Langweilige Geschäftshäuser mit den überall zu findenden Drogerie- und Klamottenläden. Das kann uns nicht begeistern. Das Zeppelinmuseum würde uns schon interessieren, aber wir wollen zuviel Kontakt mit vielen Menschen in geschlossenen Räumen so gering wie möglich halten, noch dazu ist der Preis von 11€ pro Erwachsenem ziemlich knackig, also verzichten wir. Ganz nett ist es, auf der Hafenpromenade entlang des Bodensees zu schlendern. Als sich Hunger breit macht, fahren wir einkaufen und dann nach Tettnang auf den Stellplatz. Hier schließt sich unsere Süddeutschlandrunde. In Tettnang hatten wir bereits beim ersten Teil unserer Tour versucht, den Stellplatz zu nutzen, aber keinen Platz gefunden. Diesmal sind wir erfolgreich und Stefan kocht leckere Tortellini und wir machen es uns gemütlich.

18.10. Am Morgen unternehmen wir einen Spaziergang durch Tettnang und finden das Schloss und auch die Innenstadt recht nett. Danach steht eine Wanderung zum Schmalegger Wasserfall im Rinkenburger Tobel auf dem Programm. Ein Tobel ist in den oberdeutschen Dialekten ein enges Tal bis hin zu einer Schlucht, in der Fachsprache der Geomorphologie ein trichterförmiges Tal mit engem Ausgang. Regional wird auch die alternative Schreibweise Dobel verwendet. (Wikipedia)
Auch hier finden wir wieder einen Bannwald vor, also einen Wald, den man so belässt, damit er wieder zu einem Urwald wird. Der Rundweg, obwohl zum Teil recht steil und rutschig, scheint der Sonntagsnachmittags Wanderweg für Familien zu sein. Überhaupt sind wieder viele Menschen in der Natur unterwegs. Verständlich, denn es scheint die Sonne, es ist Sonntag und es sind Herbstferien in einigen Bundesländern.
Danach versuchen wir auf dem kostenlosen Stellplatz in Horgenzell unser Nachtquartier aufzuschlagen, aber er ist schon um 15Uhr voll besetzt. Schade, er hat einen schönen Ausblick.. Also fahren wir wieder auf den uns bekannten Stellplatz in Ravensburg. Wir wollen morgen früh unbedingt noch Kekse beim Tekum Kambly Fabrikverkauf besorgen. Sie waren das letzte Mal sooo lecker und bezahlbar😋.

19.10. Wir kommen nach Wangen im Allgäu und scheinen gerade in der letzten einigermaßen harmlosen Region Baden Württembergs zu sein, die es in unserem von Corona Hot Spots gesprenkelten Land noch gibt. Immer, wenn wir irgendwo waren, steigen kurz drauf dort die Zahlen. Schon beängstigend! Wir bekommen von unserer Tochter täglich erschreckendere Zahlen aus Augsburg gemeldet. Sie liegen jetzt bei 110 Fällen auf 100000 und sie erwartet jederzeit den lokalen Lock down. Zum Glück hat sie nur noch Home-Office und Kundentermine nur noch online. Wenn wir sie am Sonntag besuchen, können wir uns also hoffentlich einigermaßen sicher fühlen.
Schieben wir die Gedanken an Corona beiseite, geht es uns gut. Wir haben heute super Wetter und Temperaturen bis 19⁰ und genießen die wunderschöne Altstadt von Wangen. Wir nutzen die angenehmen Temperaturen noch einmal, um draußen bei einem Restaurant einen Flammkuchen zu essen und uns von der Sonne bestrahlen zu lassen. Es wird voraussichtlich das letzte Mal für lange Zeit sein. Nachts fallen die Temperaturen inzwischen ziemlich und wir erwarten die kommende Nacht bis 0⁰C. Daher sind wir sehr froh, dass hier in Wangen der Strom nicht per 50ct Münzen pro Kilowattstunde abgerechnet wird, sondern im Stellplatzpreis enthalten ist. Wir können also nach Lust und Laune heizen und müssen nicht darauf achten, ob wir noch die passenden Münzen haben, oder bei Eiseskälte raus und nachwerfen. Ich lese Stefan gerade das Buch “ Der große Trip“, nach dem der Film „Wild“ gedreht wurde vor, und die Protagonistin wandert gerade bei großer Hitze durch die Mojave Wüste, also ein großer Temperaturunterschied zu dem, was wir hier gerade haben.

20.10. Wir haben tolles Wetter und der erste Teil unserer Wanderung von Burgberg aus bietet uns tolle Ausblicke auf die Alpen mit Schnee auf den Spitzen. Als wir jedoch oben ankommen und in die Starzlachklamm hinabsteigen wollen, bremst uns ein Verbotsschild aus. Aufgrund von Corona darf die Klamm nur von unten nach oben durchwandert werden und nicht andersrum. Wir sind echt sauer. Das hätte man auch an den Schildern im Ort bereits ankündigen können. Noch dazu halten wir die Regelung für schwachsinnig, da nun ganze Heerscharen von Wanderern im Gänsemarsch aus der Klamm hoch kommen und jeder durch die Aerosolwolke seiner Vorgänger laufen muss. Sauer laufen wir auf der Straße zurück in den Ort und machen uns auf den Weg nach Kempten, um einen Waschsalon aufzusuchen. Danach fahren wir mit Zwischenstopp zum Einkaufen nach Altusried auf den Stellplatz. Leider gibt es vor Ort keinen Automaten zum zahlen und man soll in der Saison im Freibad und außerhalb der Saison im Gemeindebüro, und wenn das auch geschlossen hat, im Hotel im Ort zahlen. Dummerweise hat aber auch letzteres bereits geschlossen und wir nun kein Ticket. Bei der angegebenen Telefonnummer ist kein Anschluss unter dieser Nummer 🤷‍♀️ Auf der Infotafel wird gleich damit gedroht, dass im Falle des Nichtzahlens der doppelte Tagespreis plus 25€ Strafe zu zahlen sind. Ich habe jetzt ein Schild für Herr/Frau Kontrolletti ins Fenster gehängt, dass keine der angegebenen Stellen erreichbar waren und er/sie unbedingt klopfen soll. Hoffentlich nicht morgen früh vor 8Uhr😳

21.10. Ich habe Glück, ich werde nicht von Herr/Frau Kontrolletti geweckt 😂.
Wir fahren heute Morgen noch bei der Touristinfo vorbei und zahlen, aber äußern auch unseren Missmut, dass man erst 1,5km hin- und zurück laufen muss, wenn man auf dem Stellplatz ankommt und dann gestern noch nicht mal jemand da war. Bei der Touristinfo war ja klar um 18:20Uhr, aber wenn die Alternative ein Hotel ist, hätte es entweder geöffnet sein müssen, oder beim Stellplatz ein Zettel, dass man am kommenden Tag zahlen kann, anstatt einer Androhung von Strafe.
Wir verlassen Altusried und fahren nach Immenstadt. Wie bisher fast an jedem Tag, befindet sich auf unserem Weg eine Baustelle und wir müssen uns eine Umleitung suchen. Ausgeschildert ist sie, zumindest heute, nicht. Ich habe zuvor eine Wanderung zum Kleinen und Großen Alpsee bei Komoot herausgesucht, die dadurch, dass wir nicht zum angegebenen Startort fahren können, 2km länger wird. Das wird aber zu Stefans Freude, da wir dadurch an einem Seconds Hand Laden von Roten Kreuz vorbeikommen und er noch etwas für sich dort findet. Bei der Wanderung gefällt uns am meisten der Blick über den See. Immer wieder können wir in der Ferne auch die Bergspitzen der Alpen erblicken, manchmal sogar in der Sonne. Die Temperaturen sind hier derzeit wirklich extrem. Morgens gegen 8Uhr ist es meist so um die 6-8⁰C und im Laufe des Tages wird es heute bis fast 20⁰C. sodass wir auf eine nicht so kalte Nacht hoffen, da wir diese ohne Strom auf einem normalen Parkstreifen in Sonthofen verbringen werden.

22.10. Ich kuschele mich in der Nacht genügend in Decken und Schlafsack ein, sodass mir nicht zu kühl wird. Nach dem Frühstück fahren wir hoch hinaus zum Oberjoch bei Hindelang und wandern dort eine kleine Runde auf dem Kanzelweg. Weiter geht die Reise immer entlang der österreichischen Grenze über Nesselwang zum Weißensee. Er zeigt sich uns herrlich in der Sonne, also entscheiden wir uns, einmal rundherum zu wandern. Wir genießen die Spiegelungen der herbstbunten Bäume und der netten Örtchen im See, laufen über verschnörkelte Baumwurzeln mit knorrigen Buckeln, so als hätten sie Krebs, kommen an einem Feuchtgebiet mit Seegras, Büschen und jungen Birken vorbei und kehren zum Schluss bei einer Pizzeria ein, wo wir uns auf der Terrasse eine Pizza teilen und unseren Durst mit alkoholfreiem Weizen stillen. Zurück am Womi geht die Fahrt weiter nach Füssen. Hier erleben wir zum ersten Mal die strenge Regelung, dass in der ganzen Einkaufszone Maske zu tragen ist. Bis auf zwei Radfahrerinnen halten sich auch alle dran, was uns ein sichereres Gefühl gibt. Wir haben in anderen belebten Orten auch zuvor schon freiwillig unsere Masken aufgesetzt, aber so ist das natürlich auch für uns nochmal viel sicherer.
Unsere Nacht verbringen wir auf dem Hof des Brandstatthofes bei Steingaden. Es bietet sich uns ein schöner Blick auf die Berge in der Abenddämmerung und Strom bekommen wir auch.

23.10. Der Tag beginnt mit einer genüsslichen Dusche. Unser Stellplatz gehört zu einem Ferienhof mit Zimmern und Café und es gibt eine Dusche für Camper, die nach jeder Person gereinigt wird. Hier fühle ich mich recht sicher vor Corona und nötig hatte ich es auch😅. Danach sehen wir uns die prachtvollen Kirchen von Steingaden, Rottenbuch und die Wieskirche an. Diese Kirchen wirken mit ihren völlig überladenen Verzierungen ziemlich erschlagend, aber dennoch absolut sehenswert. Weiter geht die Fahrt nach Garmisch Partenkirchen, wo wir zuerst den „Michael Ende Kurpark“ besuchen. Bis auf eine Steinerne Schildkröte, die wohl Casiopaia darstellen soll, finden wir nicht viel, was wir mit dem Schriftsteller in Zusammenhang bringen könnten, außer, dass die Stadt ihrem bekannten Sohn hiermit ein Denkmal gesetzt hat. Es ist dennoch ganz nett, durch die Ruhe des Parks zu streifen. Danach erkunden wir die Zentren von Garmisch und Partenkirchen und genießen ein Eis auf einer Bank in der Sonne. Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Walchensee, wo wir unsere Nacht auf einem Stellplatz bei Einsiedl verbringen.

24.10. Letzte Nacht beginnt es mal wieder zu regnen und das setzt sich auch am Morgen fort, sodass Stefan Laufpause einlegt und wir bis zum spätesten Check-out um 11Uhr auf dem Stellplatz im Womi rumgammeln. Noch bei Regen fahren wir los Richtung Ammersee und besorgen uns unterwegs im Baumarkt in Weilheim noch eine neue Flasche Gas und entsorgen Wasser und Kloinhalt bei einer Kläranlage, wo wir auch kostenlos frisches Wasser auffüllen können. Nun dürften wir bis zum Ende der Reise ohne Ver-und Entsorgung klarkommen. Am Nachmittag lichten sich die Wolken und vereinzelt kommt sogar die Sonne hervor. Wir halten beim Naturschutzgebiet Seeholz am Ammersee und wandern dort ein Stück, aber als nach den ersten drei Kilometern nur ca ein Kilometer Waldweg ist, der Rest aber nur ein geteerter Weg an Millionärsvillen hinter hohen Hecken vorbeiführt und vom See bis auf einen Zugang nichts zu sehen ist, laufen wir enttäuscht zurück zum Wohnmobil. Wir fahren nach Landsberg am Lech auf den Stellplatz, aber finden keinen freien Platz mehr. Es wird bereits dunkel und ich hoffe sehr auf einen Platz mit Strom, denn wir befürchten eine kalte Nacht. Zum Glück werden wir in Königsbrunn noch fündig und haben es morgen früh näher, wenn wir uns mittags mit unserer Tochter und ihrem Freund am Kuhsee in Augsburg treffen. Von einem Besuch bei ihr in der Wohnung sehen wir ab, da ihr Freund bei der Arbeit und privat in den letzten Tagen zuviele Kontakte hatte. Augsburg hat inzwischen knapp unter 200 Coronapositive auf 100000, ist also ziemlich risikoreich. Wir werden nur mit Abstand einen Spaziergang machen und uns etwas unterhalten.

25.10. Heute Morgen endet das freie Vagabuntenleben und wir fahren nach Augsburg zu unserem Treffen. Wir sind zu früh und nutzen die Zeit zum Tischtennisspielen. Um 13Uhr kommen die Zwei angeradelt und wir wandern 9,5km am Lech entlang und tauschen unsere Neuigkeiten aus. Am frühen Abend entscheiden wir, doch nicht mehr in Augsburg auf den Stellplatz, sondern direkt nach Zorneding zu Stefans Mutter zu fahren, wo wir nun bis Donnerstag, den 29.10. bleiben werden.

29.10. Wie geplant, sind wir heute von Zorneding aufgebrochen Richtung Heimat. Wir übernachten in Schleusengrund/Thüringer Wald etwas nördlich von Coburg auf einem Stellplatz und morgen werden wir wohl wieder in Bad Harzburg ankommen, wenn nichts außergewöhnliches dazwischen kommt. Am Samstag, den 31.10. geht unser Womi bis März in den Winterschlaf wie in jedem Jahr und wir wohl dieses Mal auch. Nix mit fliegen in die weite Welt in diesem Jahr🤷‍♀️. Planen lässt sich momentan und wohl auch noch für einige Monate, gar nichts, aber unsere ausgedehnten Wohnmobilreisen im Norden und Süden Deutschlands haben uns unser eigenes Land auch noch einmal von der besten Seite gezeigt.


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Genüsslich in den Norden

Durch die Heide nach Schleswig Holstein mit dem Wohnmobil

Das Womi ist gepackt und vollgetankt mit Wasser und Diesel, es kann wieder losgehen! Dieses Mal haben wir uns bewusst kein Zeitlimit gesetzt, wir wollen einfach mal frei drauflos fahren ohne festes Ziel und Zeitbegrenzung. Was wir wissen ist, dass es Richtung Norden gehen soll. Eigentlich würden wir gerne auch Dänemark einen Besuch abstatten, aber derzeit verlangt die dänische Regierung, aufgrund der Coronapandemie, noch den Nachweis einer Unterkunftsbuchung für 6 Nächte. Das können wir ihnen natürlich nicht liefern, da wir nur auf Stellplätzen, nicht aber auf Campingplätzen übernachten wollen. Wir werden sehen, vielleicht ändert sich ja die Regel noch im Laufe unserer Reise.

Es ist der 12.6.2020 und wir brechen auf in Richtung Lüneburger Heide, unserer alten Heimat. Hier haben wir in den 90igern sieben Jahre die Jugendherberge Bispingen geleitet. Wir reden also über das letzte Jahrtausend, meine Güte ist das schon lange her😄! Dennoch sind uns noch Freunde geblieben, die jetzt in Walsrode wohnen, und die wollen wir als erstes besuchen. Gesagt, getan, gegen Mittag stehen wir dort auf der Matte und werden herzlich empfangen. Wir verbringen Stunden auf der Terrasse und laben uns an leckeren Speisen und bringen uns wieder gegenseitig auf den neuesten Stand unseres Lebens bis spät in den Abend hinein, nur kurz unterbrochen von einem Mittagsschläfchen unserer Freunde und einer Runde Tischtennis von uns. Um ein Ansteckungsrisiko zu minimieren, schlafen wir in unserem Wohnmobil vor dem Haus. Nach ausgiebigem Frühstück sagen wir tschüss und fahren weiter nach Norden. In Soltau besuchen wir das Outlet Center, das aber so überlaufen ist, dass man für nahezu jedes Geschäft anstehen muss. Das macht kein Vergnügen und die Ansteckungsgefahr ist uns hier zu hoch. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Fußgängerzone, fahren wir weiter nach Timmerloh, Hier gibt es ein nettes, kleines Heidegebiet mit Schnuckenstall für eine kurze Wanderung. Weiter geht es nach Bispingen. „Unsere“ alte Jugendherberge steht einsam und verlassen. Aufgrund von Corona sind erst wieder wenige Häuser geöffnet, die die zahlreichen Hygiene- und Abstandsbedingungen erfüllen können. Wir beleben das Umfeld ein wenig und spielen lange Tischtennis. Zur Übernachtung fahren wir zum Luhetalbad auf den Parkplatz. In dem Bad waren wir mit unseren Kindern früher zum Babyschwimmen und in der Jugendherberge hatten wir Stammgäste, die auf der kurzen 17 Meter Bahn des Hallenbades die Wende geübt haben. Witzigerweise hieß auch das Trainerehepaar Wende. Jetzt scheint es nur noch das Freibad zu geben, dafür ist ein modernes Fitnesscenter angeschlossen. Wir verbringen eine ruhige, aber regnerisch schwüle Nacht. Morgens hört der Regen auf, Stefan joggt auf bekannten Wegen und ich mache Gymnastik im Wald.

Nach einem sehr späten Frühstück fahren wir nochmal zur JH für eine Runde Tischtennis, aber ich bin nicht gut drauf. Mir hat die Schwüle in der Nacht den Schlaf geraubt und ich bin ziemlich müde. Wir brechen alsbald auf nach Lüneburg. Wir verbringen ein Stündchen bei unserer ehemaligen Kollegin und Freundin Undine auf der Terrasse, trinken Kaffee und unterhalten uns, bevor wir mit Rädern in die Innenstadt fahren. Hier kann man sich das Radfahren gefallen lassen: flach und Radwege👍Wir schlendern durch Lüneburg, eine unserer Lieblingsstädte Deutschlands. Ich liebe diese Backsteingotik und die gemütlichen Gassen. Wir beschließen den Ausflug mit leckeren Sushi, die mir viel besser als in Japan schmecken und die noch dazu bezahlbar sind, da die Preise nach 18Uhr um 30% gesenkt werden. Der Fairness halber muss ich dazusagen, dass wir Sushi in Japan fast ausschließlich in „Kombinis“, also den typischen Convenience Stores gegessen haben und das natürlich nicht die Qualität eines guten Restaurants ist. Wieder zurück bei der JH toben wir uns noch 1 1/4 Std an der Tischtennisplatte aus, bevor wir in unsere Wohnmobilbetten klettern.

15.6., strömender Regen im Süden und bei uns in der Heide Königswetter! Nach ausgiebigem Frühstück mit Undine auf ihrem Balkon, machen wir uns auf den Weg nach Echern. Ich habe auf Komoot eine kleine Radtour ausfindig gemacht von nur 17km und mit wenig Steigung, dafür aber mit netten Stopps unterwegs. Sie führt uns zum Schloss in Lüdersdorf, zur Windmühle in Hittbergen und zum Schluss zum Melkhus, einem netten Gartencafé direkt an der Elbe, wo wir uns Eis und Kuchen schmecken lassen. Wieder in Echern geht es mit Wohnmobil weiter zu den Buckelgräbern von Boltersen. Hier wurden zwischen dem 3.-5. Jahrhundert Menschen in Schalenurnen mit mitverbrannten Beigaben unter Hügeln, und später wohl auch zwischen den Hügeln begraben. Wir machen einen kleinen Rundweg durch die hügelige Heidelandschaft. Von dort geht die Fahrt weiter nach Lauenburg, der südlichsten Stadt Schleswig Holsteins. Sie hat eine sehr schöne Altstadt entlang der Elbe, aber einen nichtssagenden neueren Teil oberhalb, mit wenigen Geschäften und viel Leerständen. Unser Nachtquartier schlagen wir am Hafen von Boizenburg auf. Wir sind im Dreiländereck und jetzt also in Mecklenburg Vorpommern. Hier wollen wir uns morgen das UNESCO BIOSPHÄRENRESERVAT ansehen.

Dienstag, der 16.6. Nach dem Frühstück fahren wir zum Startpunkt einer Komoot Radtour zum Biosphärenreservat, zum Grenzpfahl bei Bleckede, wo noch ein Rest Grenzzaun steht und heute eine nette Radlerunterkunft mit Café in einer alten Schule untergebracht ist. Weiter geht`s zu einem ehemaligen Grenzturm der DDR und einem Aussichtsturm, von dem aus wir einen Blick auf die schöne Landschaft genießen können. Wir bewegen uns abwechselnd in Niedersachsen und Mecklenburg Vorpommern auf der entspannten, fast 20km langen Tour. Danach fahren wir weiter nach Zarrentin an den Schaalsee. Dieser Ort ist einer meiner Geheimtipps für eine Wohnmobilrundreise in der Region. Der große Parkplatz liegt direkt am Strandbad und der Parkscheinautomat ist defekt😝, laut Einheimischer bereits seit einem Jahr! Das Strandbad hat bis 19Uhr kostenfrei geöffnet. Die Besucher halten sich zwar nicht immer an die Abstandsregeln, aber wir haben kein Problem, immer ein paar Meter Distanz zu halten, außer vielleicht am Rand des Wassers beim Hineingehen, wo viele Kinder toben. Im Wasser ist es dann aber auch kein Problem mehr. Wir können auf dem Spielplatz sogar Tischtennis spielen und mal wieder richtig duschen, wenn auch nur unter der kalten Außendusche. Hier werden wir unsere Nacht verbringen.

Wir haben Mittwoch, den 17.6., und heute Morgen brechen wir eine begonnene Radtour nach Komoot ab. Wenn man nicht am angegebenen Startort beginnt, sondern auf der Strecke, oder bereits zum Startort mit dem Rad fährt, funktioniert die App echt blöd. Sie versucht einen dann immer zurück zum Startort zu führen. Nach rund 9km ist es uns einfach zu dumm, immer nur zu hören „die Tour wird angepasst“. Nix wird angepasst! Hinzu kommt, dass mich die Hitze und eventuell auch meine 35Min Training auf den Erwachsenen Outdoor Geräten beim See heute vorm Frühstück, ziemlich groggy gemacht haben und mir die nötige Energie zum Radfahren fehlt. Wir entscheiden, zu Fuß in den Ort Zarrentin und zum Kloster zu laufen. Beim Restaurant gegenüber dem Kloster kehren wir ein und schlecken vergnüglich ein Eis auf der Terrasse. Am frühen Nachmittag brechen wir auf nach Mölln. Die Zahl der Wohnmobile nimmt bereits stark zu, obwohl noch keine Ferien sind und wir uns noch nicht an der Küste befinden. Jetzt sind wir also in Schleswig Holstein. Hier im Dreiländereck blickt man wirklich manchmal nicht durch. Wir fahren mit dem Rad ins Zentrum. Der Marktplatz der Till Eulenspiegel- Stadt ist hübsch, sowie auch die Lage inmitten der zahlreichen Seen.

18.6., die Fahrt geht weiter nach Ratzeburg und wir machen als erstes eine Radtour zum alten, innerdeutschen Grenzweg in Schlagsdorf und zur Alten Kirche in Ziethen. Sie erinnert mich ein wenig an die „Olle Kerk“ in Bispingen. Es handelt sich um ein als Kulturdenkmal geschütztes Renaissance-Kirchengebäude. Leider hat das Pfarrcafé nicht geöffnet, es macht so einen gemütlichen Eindruck, dass wir sicher einen Kaffee dort trinken würden. Die Tour hat zwar nur 16,5km, aber die 130 Höhenmeter bei teilweise Gegenwind, bringen mich dennoch ganz schön aus der Puste. Ich fahre mein Pedalec hier ohne Motor, weil der Akku allein schon so schwer ist, dass gerade mal das Gewicht durch die erste Stufe ausgeglichen wird. Hier im Flachland ist es da ohne Motor leichter. Sobald aber die Höhenmeter mehr werden, wird das enorme Gesamtgewicht des Rades, mit seinem fetten Rahmen, schnell deutlich. Die Tour ist dennoch ganz nett.
Wir fahren weiter mit dem Wohnmobil in die Innenstadt von Ratzeburg und sind ziemlich enttäuscht. Ich habe auch hier die netten alten Backsteinhäuschen erwartet wie in der Umgebung, aber bis auf die wunderschöne Lage auf einer Insel im See, finden wir die Innenstadt nichtssagend. Der an sich bemerkenswerte Dom ist eingerüstet.
Die Nacht verbringen wir auf einem Waldparkplatz direkt an der Grenze zu Mecklenburg Vorpommern, Nähe des Rothenhusener Fährhauses. Wir wollen mal zur Abwechslung wieder in der Natur stehen, ohne eine Reihe anderer Wohnmobile, dafür ohne den Komfort von Strom. Das gelingt uns auch, aber gegen 2:30Uhr nachts hört ich draußen Männerstimmen und Taschenlampenlicht fällt durch unsere Gardinen. Sie leuchten auf dem Parkplatz herum, was immer sie dort suchen. Mir bleibt für eine Weile die Luft weg, bis sie sich wieder verziehen. Solche Situationen finde ich immer ziemlich gruselig, während Stefan weiterschläft und nichts von alldem mitbekommt.

19.6. Auch uns hat die Regenfront erreicht und wir nutzen unsere Zeit damit, in Lübeck im Waschsalon unsere Wäsche zu waschen, im Wohnmobil zu lesen und Podcasts zu hören. Als es aufhört zu regnen, fahren wir nach Bad Oldesloe und spielen 1,5Std Tischtennis. Die Nacht verbringen wir auf einem freien Platz am Ende einer Sackgasse im Wohngebiet.

20.6. Das Wetter hat sich wieder gebessert, sodass wir am Morgen zum Stülper Huk, einem Naturschutzgebiet zwischen Lübeck und Travemünde aufbrechen. Unser Versuch einer morgendlichen Runde Tischtennis ist vergeblich, da der Wind versucht als dritter Spieler mitzumischen. Er verdirbt uns leider den Spaß.
Am Stülper Huk, das im Norddeutschen soviel wie „kleine Insel oder Ecke als Küstenform bedeutet“ (Wikipedia) wandern wir durch Wald und Wiesen, mit Blick auf die Trave, hügelige Trockengrasflächen, die mit Schafen und Ziegen bewirtschaftet werden, durch das Naturschutzgebiet Dummerdorfer Ufer. Nach der Natur folgt die Kultur. Nicht weit entfernt befindet sich das Karls Erlebnis-Dorf in Warnsdorf. Bereits auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Selbstpflückfeld vorbei und pflücken uns zum ersten Mal in diesem Jahr eine Schale Erdbeeren. Das wird ein leckeres Frühstück morgen früh! Bei Karls Erlebnis-Dorf handelt sich um eine Mischung aus Hofladen und Manufaktur, mit allen möglichen Produkten aus Erdbeeren oder zu Erdbeeren, d.h. Marmeladen, Senf, Getränke, Kerzen und Porzellan in Erdbeerform oder mit Erdbeerduft, Süßigkeiten und vieles mehr. Draußen befinden sich Sitzgelegenheiten, wo außerhalb von Coronazeiten, auch Bewirtung stattfindet, Spielgeräte und ein Erdbeerstand. Die Entstehungsgeschichte auf Wikipedia ist echt lesenswert. Wir planen von hier aus, entlang der Ostseeküste gen Norden zu fahren. Als wir aber beim Timmendorfer Strand die Touristenmassen sehen, wird uns klar, dass wir uns zügig einen Stellplatz für die Nacht sichern müssen. Der offizielle Platz kommt für uns nicht infrage, weil zu groß und zu teuer und auf den Parkplätzen sind Wohnmobile immer nur bis 22Uhr erlaubt. Wir entscheiden uns, ins Landesinnere zu fahren und übernachten nun in Sarau auf dem Friedhofsparkplatz. Hier ist es ruhig und angenehm. Wir verhalten uns unauffällig und Leute geben uns den Tipp, noch ein wenig weiter hinten in der Reihe der Parkplätze zu parken, da wäre es noch ruhiger. Keiner stört sich an uns.

Unser heutiger Tag ist total schön. Zuerst unternehmen wir eine Radtour von unserem Nachtplatz in Sarau aus durch das Naturschutzgebiet Heidmoor. Eigentlich wollen wir nur zum Ausgangspunkt des Wanderweges mit dem Rad fahren, aber dann erweist sich die Strecke als viel geeigneter fürs Radfahren, also radeln wir durch Wald und Wiesen und über kleine Straßen. Zurück beim Womi, packen wir zusammen und fahren nach Eutin, was häufig auch als das „Weimar des Nordens“ bezeichnet wird. Ich finde auf Google Maps das Schloss und denke mir, dass wir uns das ja unterwegs mal ansehen können. Was sich uns aber in Eutin bietet, ist ein wirkliches Highlight unserer Tour! Wir schlendern durch einen sehr schönen Schlosspark mit Blick auf den See und natürlich das nette Schloss. Unterwegs lernen wir, was ein Küchengarten ist, nämlich ein von Hobbygärtnern liebevoll angelegter Nutzgarten, mit allem angepflanzten Essbarem, von Kräutern bis Obstbäumen. Er befindet sich auf einem Teil des ehemaligen Geländes der Residenz. Eine Extraecke ist auch den Kindern gewidmet. Im Schlossgarten finden seit 1951 jährlich die Eutiner Festspiele, eines der traditionsreichsten Opernfestivals Deutschlands statt. Auf unserem Weg zum historischen Marktplatz kommen wir am Ostholstein Museum vorbei, in dem – Corona sei Dank – eine bis zum Juli verlängerte Ausstellung von Ernst Barlach zu sehen ist. Zum erschwinglichen Preis von 6€ für Stefan und 3€ für mich (Behindertenermäßigung) lassen wir uns die natürlich nicht entgehen. Die Bronzeplastiken und auch Zeichnungen beeindrucken mich sehr, und umso trauriger finde ich, dass die Nazis etliches als entartete Kunst zerstört haben. Besonders die Mahnmale gegen den Krieg, die in Kiel, Hamburg, Magdeburg und Güstrow ihren Platz hatten und heute als Nachguss auch wieder zu sehen sind, hinterlassen einen tiefen Eindruck bei mir.
Nach dem Kunstgenuss fordert unser Magen ebenfalls etwas Genüssliches, sodass wir uns auf dem historischen Marktplatz auf der Restaurant Terrasse eine Kartoffel-Gemüse- Pfanne und einen leckeren Pflaumenkuchen teilen. Nach fast vier Stunden Stadterkundung, machen wir uns auf den Weg nach Grömitz zu einem Wohnmobilstellplatz. Wir wollen mal wieder Strom für unsere diversen elektrischen Geräte wie Handys etc tanken und nehmen dafür den überhöhten Parkpreis von 15€ für 24Std in Kauf. Ein Spaziergang entlang der Promenade macht uns deutlich, dass sich seit unseren Urlauben als Kind bzw. Jugendliche, hier viel verändert hat. Ruhige, romantische Strände mit verzierten Sandburgen um die Strandkörbe sind Appartement Bauten, überteuerten Geschäften und überfüllten Bars und Restaurants an der Promenade gewichen. Ich weiß, dass das Sandburgenbauen aus ökologischen Gründen untersagt wurde, aber ich fand die entstandenen Kunstwerke dennoch immer schön und eben typisch für deutsche Strände. Sie gehören zu meinen Kindheitserinnerungen und ich finde es schade, nichts davon mehr wiederzufinden.

22.6., Beginn einer neuen Woche. Wir sind nun bereits eineinhalb Wochen unterwegs. Bevor wir am Morgen Grömitz ade sagen, fahren wir mit dem Rad bis zum Jachthafen und wandern von dort am Strand entlang, weg vom Rummel der Strandkörbe und Promenade. Hier finden wir noch recht unberührte Natur. Als wir jedoch unseren Rückweg über die Steilküste machen wollen, bleibt uns dies über mehrere hundert Meter verwehrt, weil ein Campingplatz den Durchgang vom Strand nur Gästen erlaubt. Als wir dann endlich einen Aufgang finden, bietet sich uns ein netter Blick über die Küste. Wir verlassen Grömitz in Richtung Neustadt/Holstein, mit dem Ziel, uns das Naturschutzgebiet Neustädter Binnenwasser anzusehen. Mit dem Auto führt uns Google in die Innenstadt von Neustadt, von wo aus man auf der anderen Seite des Gewässers Wald, Grasland und Vögel sehen kann. Wir machen einen kurzen Spaziergang durch die Stadt und entlang des Hafens, was ganz nett, aber unvergleichlich mit Eutin ist. Dann versuchen wir per Rad zur anderen Seite des Sees, zu dem, was wir für das eigentliche Naturschutzgebiet halten, zu kommen. Nach rund 6,5km stehen wir, nach zuletzt holpriger Fahrt auf einem Schotterweg, vor einem verschlossenen Weidetor und können dieses Mal das Naturschutzgebiet in ähnlich großer Entfernung vor dem See sehen, dahinter die Silhouette der Stadt. So haben wir uns das nicht vorgestellt, aber was soll’s, wir fahren also wieder zurück nach Neustadt zu unserem Wohnmobil. Zur Übernachtung habe ich für die kommende Nacht Oldenburg in Holstein geplant. Leider sind die offiziellen Stellplätze vor dem Wallmuseum ohne weitere Erklärung abgesperrt, sodass wir es nicht wagen auf dem restlichen Parkplatz über Nacht zu stehen. Das Museum hat geschlossen, da wir leider Montag haben. Ich finde im Internet bei Park4night eine zweite Möglichkeit zum Parken, vor einem alten, geschlossenen Aldi. Hier verbringen wir unsere Nacht ohne Probleme. Von hier aus können wir in 900m die Innenstadt erreichen und gehen wieder zu Fuß auf Entdeckungsreise.

23.6. Unser heutiges erstes Ziel ist die Weißenhäuser Brög, ein Naturschutzgebiet beim Weißenhäuser Strand. Nur wenige Menschen liegen hier am FKK- oder Hundestrand, dafür wandern oder fahren einige mit dem Rad entlang des überall blühenden Deichs. Oberhalb der Steilküste befindet sich ein Friedwald. Hinter diesem laufen wir entlang landwirtschaftlicher Flächen, wo auf Blühstreifen blaue Kornblumen, roter Klatschmohn und weiße Gänseblümchen regelrecht Gemälde der Natur malen. Es ist ein Traum an Farben. Bei Hohwacht besuchen wir die Aussichtsplattform Hohwachter Flunder und schlendern eine kleine Runde die Promenade entlang. Hier ist es nicht so schön natürlich, weil es einige touristische Bauten gibt, aber darunter befinden sich auch kleine, bunte Hütten, die sich prima in die Landschaft einfügen.
Nach der Natur brauchen wir mal wieder Kultur. In Schönberg besuchen wir den Museumsbahnhof. Züge und Straßenbahnen mehrerer Epochen sind hier zu bewundern und es scheinen zu bestimmten Zeiten auch noch Fahrten von hier zum Schönberger Strand angeboten zu werden. Bei den Viehwagons der Reichsbahn, die nicht einmal Lüftungsschlitze haben, und denen zum Teil Stücke der morschen Ummantelung fehlen, laufen Stefan und mir gleichermaßen Schauer über den Rücken. Ich habe gleich das Bild aus dem Film „Schindlers Liste“, bei dem sich Schindler darum bemüht, dass die Wagen mit Wasser abgespitzt werden, damit die in ihnen gefangenen Opfer wenigstens etwas Flüssigkeit bekommen, vor Augen. Wir haben beide dieselbe Assoziation – Transporte in Vernichtungslager.
Wir lassen das Wohnmobil stehen und unternehmen noch eine kleine Reise nach „Übersee“ mit unseren Fahrrädern. Unser erster Stopp heißt Brasilien, der zweite Kalifornien, beide zum Glück ohne die entsprechenden amtierenden Präsidenten und wir benötigten auch keine Visa😂. Es sind Strände hier an der Ostsee. Als es Zeit wird, uns einen Nachtplatz zu suchen, fahren wir weiter nach Wisch, wo wir auf dem Parkplatz direkt hinter dem Deich übernachten werden.

24.6. Nach einem kleinen Spaziergang beim Naturschutzgebiet Mönkeberger See fahren wir nach Laboe. Wir haben uns dort mit meinem Jugendfreund Reinhard beim „Kofiehuis“ verabredet. Er lebt seit 1987 in Kiel mit seiner Frau und wir haben uns nicht mehr gesehen, seit ich mit 20 aus Bielefeld weggezogen bin. Wir schlendern gemeinsam zuerst die ganze Promenade Laboes entlang, bis das Café geöffnet hat und quatschen fast 3 Stunden miteinander über vieles, was in den vergangenen Jahren bei uns so passiert ist. Es ist schön, sich mal wiedergesehen zu haben.
Unsere nächste Nacht verbringen wir wiederum vor einem Waldfriedhof. Es ist dort immer so schön ruhig 😉

25.6. Auch diesen Tag beginnen wir sportlich. Unsere erste kleine Wanderung unternehmen wir im Naturschutzgebiet Altarm der Schwentine, südöstlich von Kiel. Auf einem netten Waldweg wandern wir entlang des Flusses. Danach besuchen wir den Langsee im Kieler Ortsteil Gaarden. Er liegt hinter Schrebergärten und ist sicher für die Stadtbevölkerung ein netter Fluchtort ins Grüne, mit einem Aussichtspunkt über den See. Vom Alten Botanischen Garten in Kiel, dem ersten botanischen Garten der Welt, der rein nach geografischer Herkunft der Pflanzen angelegt wurde, schlendern wir zur Kunsthalle. Dort gibt es derzeit eine multimediale Ausstellung von Rachel Mac Lean, die sich in unterschiedlichen Formaten mit Nationalismus und Werbung auseinander gesetzt hat. Der Botanische Garten mit der Kunsthalle bietet auch dem Personal der daneben befindlichen Uniklinik einen erholsamen Pausenort, wie wir beobachten können. Am Nachmittag fahren wir weiter nach Rendsburg, wo wir direkt am Kanal bei der Schiffsbegrüßungsanlage übernachten. Wir müssen uns wieder mal einen voll ausgestatteten Platz leisten, damit wir duschen und Technik laden und per WLAN Filme und Podcasts downloaden können. Für morgen steht ein Waschsalon auf unserer ToDo Liste.

26.6. Heute sind wir seit zwei Wochen unterwegs. Die Hitze macht mich gerade echt fertig. Wir wollen eigentlich hier in Rendsburg mit den Rädern los, lassen diese Idee dann aber fallen. Wir haben uns 1991 hier mal beim Kinderheim beworben und wollten erlebnispädagogische Maßnahmen mit Kindern nach Neuseeland organisieren. Man lehnte uns aber ab, weil wir dem Bewerbungsteam zu sicherheitsbedürftig waren 🤷‍♀️. Die Stadt war uns nicht besonders in Erinnerung geblieben, somit ist unser erstes aufregendes Ziel nun der Waschsalon 😆. In der Wartezeit genießen wir einen sehr fruchtigen und leckeren Eisbecher für zwei😍. Nach einer Stunde sind unsere Klamotten wieder duftend. Wenn wir aber so weitermachen, kommen wir irgendwann nackt nach Hause. Seit der ersten Wäsche finde ich meine kurze Sporthose nicht mehr und dieses Mal hat sich ein Sportsocken von Stefan verflüchtigt. Sie sind definitiv nicht mehr in der Waschmaschine oder im Trockner🤷‍♀️!
Nach der Hausarbeit, machen wir uns auf den Weg zum Fockbeker Moor, was auf unserer Strecke nach Schleswig liegt. Wir wandern um das Moor herum. Die Landschaft ist schön und wir sind ganz alleine auf weiter Flur, aber ich sehne mich immer von einem Schatten spendenden Baum zum nächsten. Leider gibt es davon nicht so sehr viele. In Schleswig fahren wir zuerst zum Schloss Gottorf. Wir gehen nicht ins Museum, da ich definitiv auf Klassenfahrt in der 8.Klasse bereits die Moorleichen bestaunt habe und mir fast sicher bin, mit Stefan und Kindern auch später nochmal dort gewesen zu sein. Er kann sich aber nicht daran erinnern. Wir machen Fotos von außen und genießen ein Stück Kuchen im Cafégarten. Danach fahren wir zum Parkplatz in der Nähe, auf dem wir übernachten werden. Um die Ecke befindet sich ein Pizzaservice, wie es in der App park4night beschrieben ist, sodass wir unser Abendessen von dort holen und noch einen kleinen Spaziergang auf der Schleiufer Promenade machen.

27.6. Die Nacht im Womi ist wieder sehr schwül. Wir machen uns nach dem Frühstück auf zu einer Runde zu Fuß durch Schleswig. Wir beginnen beim Globus-Haus. Im Globushaus ist ein riesiger, eigentlich begehbarer, Globus ausgestellt. Leider ist der derzeit wegen Ansteckungsgefahr nur von außen zu besichtigen. Durch die Fürstengärten wandern wir durch die Stadt nach Schleswig- Holm, einer wunderschönen alten Fischersiedlung, die bis 1933 als Insel in der Schlei nur mit einem Steg mit Schleswig verbunden war und über eigene Rechte verfügte. Sie ist wunderschön, mit süßen kleinen Häuschen und einer kleinen Kirche und überall findet man Blumenschmuck. Zurück wandern wir entlang der Schlei wieder zum Womi. Schleswig gehört eindeutig mit zu unseren Favoriten des Nordens. Wir brechen auf nach Kappeln und besuchen unterwegs die Mühle Anna in Rieseby und die Klappbrücke Lidaunis. Diese denkmalgeschützte Brücke bietet als Besonderheit wechselseitigen Verkehr mal für Züge, mal für Autos. Als wir in Kappeln ankommen, sind wir von der Hitze ziemlich erschlagen und wollen uns etwas vor das Womi setzen, aber das ist nicht lange vom Erfolg gekrönt. Der angesagte Gewitterschauer mit Hagel treibt uns ins Innere. Nach etwa einer Stunde kommt die Sonne wieder hervor.

28.6. Wir beginnen den Tag mit einem ausgiebigen Spaziergang durch Kappeln. Die Stadt ist bestimmt durch einen wirklich bunten und malerischen Hafen, in dem auch einige Museumsschiffe liegen. Danach geht es bei uns heute weiter Richtung Nordost zum Naturerlebniszentrum Maasholm. Wir fahren mit dem Fahrrad bis zum Strand, von wo aus man auf das für Besucher gesperrte Vogelschutzgebiet und auf die natürliche Ostseeküste mit einigen Segelbooten in der Ferne blicken kann. Hier soll man auch die Möglichkeit haben, Wale zu beobachten. Wir haben dieses Glück aber leider nicht.
Weiter geht die Fahrt mit Wohnmobil zum Leuchtturm Falshöft, den wir aber nur hinter dem Campingplatz sehen können, weil wir nicht hinfahren können, ohne Gäste des Campingplatzes zu sein. Nicht einmal eine Parkmöglichkeit, um zu Fuß hinzugehen, finden wir.
Die kommende Nacht verbringen wir in Westerholz auf dem Stellplatz. Dieser Ort erweckt bei mir wieder nostalgische Gefühle, weil ich hier mit 18 meinen ersten Campingurlaub mit Auto mit meiner Freundin Nora verbracht habe. Wir schlendern bei Abendsonne am Strand und Hafen entlang und spielen zum Schluss noch eine Runde Tischtennis auf dem Campingplatz, zu dem unser Stellplatz gehört. Es herrscht eine sehr entspannte Stimmung.

29.6. Da Stefan heute Morgen seinen monatlichen Halbmarathon läuft, begebe ich mich, nach dem Duschen auf dem Campingplatz nebenan, auf die Suche nach dem Ferienhaus, in dem ich 1980 mit Nora Unterschlupf fand. Es regnete damals tagelang ohne Unterlass und wir buddelten einen Graben nach dem anderen um unser Zelt. Als wir nur noch die einzigen Zelter waren und selbst die Wohnwagen das sinkende Schiff verließen, suchten wir Asyl im Ferienhaus von Noras Tante, in dem bereits ihr Cousin und Freunde wohnten. Ich habe mich bei Nora gestern nach der Adresse erkundigt und habe erfahren, dass es in der Straße Sonnholm das letzte Haus sei. Frohgemut steige ich heute Morgen den Hügel hinauf und muss feststellen, dass im gesamten Wohngebiet alle Straßen Sonnholm heißen und es ein Wirrwarr an verschachtelten Straßen mit ebensovielen Enden ist. Es gibt sogar einen Übersichtsplan wie in japanischen Größstädten, um bestimmte Hausnummern zu finden. Leider habe ich keine und finde so auch nicht das Haus. Das einzige, das es sein könnte nach meiner Erinnerung, liegt nicht am Ende einer Straße. 🤷 Nunja, zumindest hat mir diese Stunde Umherirren einige Bewegung verschafft😀.
Wir verlassen Westerholz und fahren ins Naturschutzgebiet Holnis Nordspitze. Hier könnte man fast übers Wasser nach Dänemark spucken, so nah ist es. Mit den derzeitigen Coronaregeln, die immer noch eine 6tägige Buchung einer Unterkunft verlangen, wird dieses Land zum Sehnsuchtsort. Das hätte ich mir auch nie erträumt, dass wir in unserem Leben bei diesem Land nochmal vor verschlossener Grenze stehen würden, aber deshalb nun 6 Nächte zwangsweise einen richtigen Campingplatz zu buchen, sehen wir auch nicht ein. Wenn es möglich wäre, Stellplätze zu buchen, wäre das etwas anderes. Egal, dann halt ein anderes Mal. Die Landspitze hat uns auf jeden Fall sehr gut gefallen und wir sind etwas gewandert. Weiter geht es von hier nach Glücksburg. Wir wandern den Weg rund ums Schloss und können uns gar nicht satt sehen. Das Schloss spiegelt sich von allen Seiten wundervoll im See. Leider geht gerade jetzt bei Stefans Spiegelreflexkamera eine Lamelle kaputt. Das wirft einen Schatten auf seine Stimmung, denn ein gutes Teleobjektiv ist schon was feines. Nachdem wir ausgiebig ums Schloss gewandert sind, wollen wir die Altstadt erkunden, doch wir staunen nicht schlecht, dass es die gar nicht gibt. Wir können es nicht glauben, aber ein Einheimischer bestätigt uns, dass das Zentrum eigentlich nur der Platz zwischen Edeka und Rossmann ist. Das enttäuscht uns dann doch etwas. Da wir uns erst morgen Nachmittag mit Nora in Flensburg verabredet haben und daher heute nicht schon durch Flensburg streifen wollen, finde ich bei mapsme noch ein nettes Wandergebiet im Westen von Flensburg neben dem Flughafen. Es heißt Stiftungsland Schäferhaus, war ehemals ein Gutshof der jüdischen Familie Wolff, auf dem zu Beginn der Naziherrschaft ein Kibbuz entstand, in dem Juden auf ein Leben in Israel vorbereitet werden sollte. Lange währte dies nicht, da das Gebiet von der Wehrmacht übernommen wurde und die Familie den Nazis zum Opfer fiel, bis auf den Vater, der es unter unglaublichen Umständen schaffte, nach Dänemark zu flüchten. Stolpersteine erinnern heute an Stelle des ehemaligen Hofes an die Ermordeten und das Gelände ist heute ein Naturschutzgebiet, das von einer robusten Rinderrasse bewirtschaftet wird, ähnlich der Heide von Heidschnucken. Ein wenig erinnert die Landschaft auch daran. Wir drehen eine Runde von 4 km und genießen die Natur, deren Boden im vergangenen Jahrhundert Zeuge von soviel Grauen wurde . Die Nacht verbringen wir auf dem Stellplatz von Citti in Flensburg, was hier kein Großhandel, sondern Einzelhandel ist und mit etlichen anderen Geschäften eine Einkaufsmall bildet. Für Kunden – wir haben Eier und Brot gekauft 😂 – bieten sie einen extra Stellplatz mit Entsorgung, auf dem wir kostenlos übernachten können. Ist zwar nicht schön hier, aber praktisch. An Flensburg habe ich ebenfalls einige Jugenderinnerungen. Auf unserer zweiten gemeinsamen Reise in den Norden haben Nora und ich damals ihre Tante in Flensburg besucht, ich habe bei ihr Rommé gelernt und bei einem Kneipbummel lernten wir zwei junge Männer kennen, die in Flensburg stationiert waren. Diese Begegnung führte uns noch einige Male zusammen in den Norden, um unsere neugewonnenen Freunde zu besuchen, auch als sie schon längst nicht mehr bei der Bundeswehr waren. So bekam ich damals auch einmal Einblick in eine Kaserne und lernte später die Umgebung von Hamburg kennen, die Heimat meines Freundes. Ich kann mich auch noch gut an meine Verwirrung erinnern, als ich mich mitten in Flensburg wähnte und zum ersten Mal plötzlich vor dem Grenzübergang nach Dänemark befand, an dem damals ja noch kontrolliert wurde (leider derzeit wegen Corona ja auch wieder).

30.6. Morgens nutzen wir aus, dass wir im Einkaufszentrum WLAN empfangen können und laden uns neue Podcasts etc. herunter. Gegen Mittag begeben wir uns in die Innenstadt von Flensburg und erkunden die Fußgängerzone und den Hafen. Für 16Uhr haben wir uns mit meiner alten Freundin Nora, die inzwischen in Flensburg wohnt, bei einer Eisdiele am Südermarkt verabredet. Wir freuen uns beide über das Wiedersehen. Es ist ca 30Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Sie studierte damals noch in Kiel. Wir hatten uns viel zu erzählen über Eltern, die inzwischen bei beiden gestorben sind, Kinder, unser derzeitiges Leben etc. Ich erfahre, dass die Tante von damals, inzwischen 100jährig, noch immer hier lebt und fit ist! Nach ca 2Std trennen wir uns wieder und Stefan und ich fahren nach Aventoft auf einen kleinen, städtischen Stellplatz, wo wir ganz alleine stehen. Mein Smartphone checkt seit Tagen immer wieder in Dänemark ein. Wie gut, dass Roaming innerhalb der EU keine Extrakosten mehr verursacht! Auf der anderen Seite habe ich häufig gar keinen Empfang, sodass es auch wohl kein Drama wäre. Wir gucken uns das Örtchen und die geschlossene Grenze an, an der ein Einkaufswagen parkt. Im winzigen Ort gibt es drei Supermärkte, die deutlich auf Dänen ausgerichtet sind. Diese scheinen weiterhin über die geschlossene Grenze zu gehen. Eigentlich dürfen die Bewohner von Schleswig Holstein auch in Dänemark einreisen, ohne Buchung für 6Tage Unterkunft, aber es sind nur wenige Grenzübergänge geöffnet. Wie Nora uns erzählte, wird an diesen streng kontrolliert, dass auch bloß niemand im Auto mit hinüberfährt, der nicht die Vorgaben erfüllt. Folge sind ellenlange Staus, da es viele Pendler von und nach Flensburg gibt. Als sie ihren Sohn aus dem dänischen Internat abgeholt hat, musste sie zwei Stunden im Stau stehen.

Den heutigen Tag, Mittwoch, den 1.7., verbringen wir größtenteils in Seebüll im Nolde Museum, dem dazugehörigen Garten mit einer wunderschönen Blumenpracht und einem Spaziergang zum nahegelegenen See mit Badestelle. Das Wetter ist allerdings gerade nicht mehr badetauglich. Die Temperaturen liegen in den niedrigen Zwanzigern, aber es ist häufig windig und heute hat es mehrmals geschüttet. Zu Nolde muss ich sagen, dass er genial mit Farben spielen konnte und sicherlich ein großer Maler war, aber als Mensch bin ich froh, ihn nie kennengelernt zu haben. Er war sehr von sich eingenommen, antisemitisch und rassistisch eingestellt und biederte sich auf widerliche Art bei Göbbels und anderen NS-Größen an. Er wollte nicht nur Parteimitglied sein, sondern als der Maler der neuen Bewegung angesehen werden. Göbbels und Göring kauften auch Bilder von ihm, bis der von ihm so verehrte Hitler viele seiner Bilder als entartete Kunst erklärte und kurz drauf auch ein Berufsverbot aussprach. Nolde war entsetzt und fühlte sich als Opfer, änderte aber dennoch seine Meinung über Hitler nicht. Nach dem Krieg reichte zur Entnazifizierung das Berufsverbot und er wurde zum Opfer stilisiert, obwohl bekannt war, dass er Briefe an Göbbels geschrieben und erklärt hatte, dass er doch bereits vor dem Dritten Reich gegen die jüdische kulturelle Vormacht in der Kunst rebelliert hatte. Nach dem Krieg erlangte er auch im Ausland Ruhm. Aus seiner Biografie strich er im Nachhinein seine antisemitischen Aussagen und andere kompromittierende Passagen, um seiner Berühmtheit keine Probleme zu bereiten. Heute geht man im Museum mit diesen Informationen über ihn offen um.

Nach Seebüll besuchen wir das deutsch-dänische Naturschutzgebiet Rickelsbüller Koog. Die Fahrt dorthin verläuft streckenweise nahezu auf der Grenze zu Dänemark. Ein Spaziergang wird leider durch heftige Schauer unmöglich (bzw nicht erstrebenswert 😉)
Zur Übernachtung fahren wir weiter nach Niebüll und treten damit unsere Rückreise Richtung Süden an. Wir laufen noch etwas durch den Ort, der sehr gepflegt ist, uns aber ansonsten nicht besonders beeindruckt.

2.7. Den ersten Stopp des Tages machen wir in Dagebüll. Es soll laut Google Maps dort die historische Bahn nach Öland zu sehen sein, aber das ist Quatsch. Es sind gerade noch ein paar Schienen zu sehen. Der Badedeich ist mit großen Mietzäunen versehen, dahinter kurz vorm Wasser kleine, bunte Metallhäuschen, die etwas nach halbgroßen Containern aussehen. Ich weiß nicht, ob das das Gegenstück zu Strandkörben an der Ostsee sein soll, oder ob es die nur jetzt wegen Corona gibt??? Sie sehen nicht wirklich hässlich aus, aber mit den Zäunen dahinter, kommt bei mir doch die Assoziation von Flüchtlingsunterkunft auf. Der Ort, der auch einen Fährhafen zu Inseln wie Amrum hat, ist relativ nichtssagend. Es gibt ein paar nette Häuschen, aber alles wirkt recht zusammengewürfelt und es herrscht viel Bautätigkeit. Mir scheint, der Ort besteht hauptsächlich aus touristischen Unterkünften, Einheimische leben hier nicht viele, aber das mag ja täuschen.
Unser nächstes Ziel ist das Eisenzeitliche Kulissendorf bei Bordulum. Für Kinder wird hier Geschichte erlebbar gemacht, man hat einen Blick über Land bis zum Meer vom Fernsehturm und es gibt verschieden lange Wanderwege mit geologischen Erklärungen. Der Anfang des Weges verläuft entlang einer Straße und ist daher überhaupt nicht einladend. Er führt uns aber zur Bordelumer Heide und die ist wirklich eine Wanderung wert! Der Bewuchs ist viel diverser als in der Lüneburger Heide. Stauden und Bäume sind viel höher und es gibt viele unterschiedliche Gräser in der Trocken- und Feuchtheide. Um die Heide zu erhalten werden hier keine Schnucken eingesetzt, sondern es wird regelmäßig abgeplackt, also eine Humusschicht abgetragen. Von dieser harten Arbeit kommt auch der Ausspruch, dass man sich „abplackt“. Wir genießen die Wanderung sehr.
Wieder beim Wohnmobil angekommen, führt uns die Fahrt auf die Hallig Nordstrand, wo wir die Nacht auf dem Parkplatz am Fähranleger verbringen. Ein ruhiges Plätzchen, denn in der Regel lassen hier nur die Leute ihre Autos stehen, die für ein paar Stunden oder Tage nach Pellworm, Amrum, Hallig Hooge oder Sylt fahren. Ab 20Uhr ist hier tote Hose.

3.7. Das Wetter wird unbeständiger und wir retten uns heute Morgen vor einem kräftigen Schauer im Husumer Schloss. Das eigentliche Museum im Schloss finden wir langweilig, nett ist aber das Pole Poppenspäler Museum, das von einem Verein geführt wird. Mein Freund Reinhard aus Kiel macht hierfür das Marketing und seine Frau ist die Vorsitzende. Sie hat Kunstgeschichte studiert und über Puppenspiel promoviert. Der Verein organisiert jährlich das Pole Poppenspähler Festival für Groß und Klein, mit internationalen Puppenspielern. Mir gefallen die geschnitzten historischen Figuren am Besten, die schon Anfang und Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden.
Weiterhin gibt es eine Kunstausstellung gegen Plastikmüll im Schloss, die erschütternd ist.
Im Cafe des Schlosses, das eine integrative Ausbildungsstelle für Hauswirtschaft ist, stärken wir uns. Hier arbeiteten einige Taubstummen und auf den Tischen ist das Taubstummen Alphabet abgebildet. Inzwischen hat der Regen aufgehört. Nach einem Spaziergang durch die Stadt fahren wir nach Tating bei Sankt Peter Ording. Dort befindet sich der
Haubarg Hochdorfer Garten, durch den wir schlendern. Unser Versuch, in Sankt Peter Ording zu parken und zum Deich zu laufen, scheitert leider. Wohnmobile will man nicht, wenn, dann nur auf einem teuren Stellplatz mit Übernachtung. Wir wollen aber nur kurz parken für einen kleinen Spaziergang, also fahren wir unverrichteter Dinge zurück Richtung Osten nach Tönning und übernachten auf dem Parkplatz des Multimar Wattforums. Für morgen ist nur Regen angesagt, vielleicht ist das Nationalparkhaus dann eine gute Alternative

4.7. Als wir heute Morgen auf unserem Parkplatz in Tönning erwachen, schüttet es in Strömen. Wir lassen uns Zeit beim Frühstück und nutzen eine Regenpause für eine kleine Runde durch den Ort vom Marktplatz zum Historischen Hafen und zurück. Ein nettes Örtchen, klein und fein. Das Wattzentrum schenken wir uns, obwohl es bei dem Wetter vielleicht das Beste wäre, aber es steht eine lange Schlange davor und wartete auf Einlass. Wir wollen weder patschnass werden, noch in Coronazeiten in ein volles Museum gehen.
Wir entscheiden uns, Richtung Eiderstauwerk zu fahren und kommen unterwegs am Erlebniszentrum Katinger Watt vorbei. Da es gerade nicht stark regnet, wandern wir den 3,4 km langen Erlebnisweg, mit vielen Aussichtspunkten für Vogel-, Wassertierbeobachtung und netten Holzhütten als Rastplätze. Das Eidersperrwerk schenken wir uns danach aber, weil es hier wieder dermaßen stürmt und regnet, dass wir Angst um unsere Dachluke beim Wohnmobil haben, die zu klappern beginnt. Es ist auch überhaupt nicht verlockend, bei dem Wetter hinaus zu gehen. Wir entscheiden, dass ein Stadtbesuch bei Regen wohl eher möglich ist als ein Deichspaziergang und fahren nach Friedrichstadt. In der Hoffnung auf eine Regenpause, kochen wir uns dort auf dem Parkplatz erst mal einen Kaffee. Ich versuche beim Bäcker eine Friesentorte zu bekommen, die uns Reinhard empfohlen hat, aber diese Bäckerei führt keine. Als nach einiger Zeit der Regen etwas abnimmt, wagen wir einen Spaziergang durch die Innenstadt. Sie ist wunderschön und versprüht einen Hauch Holland-Feeling, da es hier Grachten gibt, auf denen man auch fahren kann. Auch die Häuser sind wirklich schön, wenn nur nicht der Regen wieder loslegen würde! Ein Schirm ist kaum zu halten und ohne ist es wirklich fies, sodass wir nach kurzer Zeit zurück zum Wohnmobil gehen. Wir hoffen, dass das Wetter morgen etwas gnädiger mit uns ist und wir noch mehr ansehen und möglichst eine Friesentorte auf einer Café Terrasse genießen können.

5.7. Wir verzichten heute Morgen darauf, einen neuen Anlauf zu machen Friesentorte in Friedrichstadt zu essen. Es gießt und stürmt und Stefan kommt vom Joggen bereits klatschnass zurück. Wir fahren weiter nach Heide/Holstein und warten auf dem „größten Marktplatz Deutschlands“ im Wohnmobil eine Regenpause ab. Der Marktplatz wird als Parkplatz genutzt und wir haben uns gewundert, dass man nicht mehr aus dem Alleinstellungsmerkmal der Größe gemacht hat. Laut Internet „trifft hier (in Heide)Tradition auf Moderne und geht eine wunderbare Symbiose ein“. Nun, darüber lässt sich streiten. Wir finden die Stadt, bis auf ein paar Bauten, wie den Wasserturm, das Brahmshaus und ein paar andere ziemlich gesichtslos. Da haben wir in den letzten Wochen viel schönere Städte hier im Norden gesehen.
Nach einem Stadtrundgang machen wir uns auf zum Ostroher- und Süderholmer Moor. Nach den ersten paar hundert Metern Fußweg, gibt es erneut einen Schauer, aber danach können wir trocken im Naturschutzgebiet wandern. Auf relativ breiten Wegen, die auch als Verkehrswege für die Landwirtschaft dienen, führt uns der Weg recht schnurgerade zwischen Seen und Feuchtgebieten hindurch, wobei man nur gelegentlich einen Blick darauf erhaschen kann, da auf beiden Wegseiten Bäume und Büsche wachsen. Wenn wir auch keinen der Fischotter sichten können, die hier geschützt werden, so erblicken wir doch zwei Rehe und einen Eisvogel. Beim letzteren treten Stefan fast die Tränen in die Augen, weil seine Kamera mit Teleobjektiv vor ein paar Tagen kaputt gegangen ist. Manche Objekte kann man halt auch mit der besten Smartphonekamera nicht optimal einfangen. Für unsere kommende Nacht begeben wir uns wieder an den Nord-Ostsee-Kanal, dem wir ja zuvor bei Kiel bereits begegnet sind. Wir stehen am Fähranleger bei Offenbüttel und können nun bei Sonnenschein!!! die dicken Schiffe vorbeifahren sehen und die Fähre beobachten. Leider hat die „Fischhütte“ auf der anderen Seite des Kanals geschlossen, als wir mit der Fähre hinüberfahren wollen, aber morgen früh hoffe ich darauf, mir dort doch noch ein Fischbrötchen einverleiben zu können.

6.7. Der heutige Tag ist für Schleswig Holstein schon fast schön zu nennen. Es gibt nur noch ca alle 5Min einen Schauer von 3Min 😂
Wir überqueren heute Morgen den Nord-Ostsee-Kanal mit der Fähre und das sogar kostenlos! Ich freue mich schon auf ein Brötchen mit Büsumer Krabben, aber auch heute Morgen hat die Fischhütte (noch) nicht auf. Wir haben keine Lust zu warten und fahren zur tiefsten Landstelle Deutschlands in der Wilstermasch, mit 3,54m unter NN und danach nach Wilster, das uns positiv überrascht. Ein kleines Städtchen, dass es relativ gut geschafft hat, einen durchgängigen Baustil im Innenstadtkern zu erhalten. In schmalen Straßen beherrschen rote Ziegelsteinhäuser das Aussehen, das alte Rathaus von 1585 wurde durch einen Verein erhalten und der Rest einer alten Hafenmauer erzählt von einer Zeit, als von hier aus noch Schiffe in die Welt hinaus fuhren. Bis ins 20.Jahrhundert brachten kleine Plattbodensegelschiffe sogenannte „Ewer“ Baustoffe nach Wilster und Torf und landwirtschaftliche Produkte wurden exportiert.
Von Wilster geht die Fahrt weiter nach Itzehoe, wo wir zuerst mal wieder Wäsche im Waschsalon waschen müssen. Die Stadt an sich ist ok, aber uns haben die vielen Leerstände schockiert. Das Holstein Center, ein mehrstöckiges Einkaufszentrum, ist zu Zweidrittel leer. Es ist ein ganz merkwürdiges Gefühl dort drinnen, denn das komplette Erdgeschoss und die erste Etage ist unbesetzt, d.h man fährt mit der Rolltreppe zwischen lauter grauen, verschlossenen Rolladen bis in die zweite Etage, wo sich noch einzelne Geschäfte gehalten haben. Das Theater sieht groß und modern, aber auch schon etwas in die Jahre gekommen aus. Was man allerdings in allen Orten in Schleswig Holstein findet, sind schöne Parks und viele gepflegte Häuser mit Gärten, denen man ansieht, dass sie mit viel Liebe gehegt und gepflegt werden. Auch große schöne Bauernhäuser sieht man immer wieder und überall Blumen in Gärten, auf Fensterbänken, an Häusermauern und Plätzen, mit Vorliebe Rosen.
Wir übernachten heute in Itzehoe auf dem öffentlichen Stellplatz.

7.7. Wir verlassen nach dem Frühstück Itzehoe bei trockenem Wetter. Der Park-und Wohnmobilstellplatz ist wirklich schön. Direkt hinter dem Platz, der auch zentral für die Innenstadt liegt, beginnt ein Park mit dem Maltmüllerwiesenteich und dahinter direkt die Stör, sodass man sofort im Grünen ist. Wirklich nett für einen Spaziergang.
Unser erstes Ziel heute ist die riesige Schleusenanlage bei Brunsbüttel, wo der Nord-Ostseekanal in die Elbe fließt. Wir beobachten dort riesige Pötte und kleine Segelboote, wie sie durchgeschleust werden. Neben diesen hochtechnischen Anlagen weiden scheinbar ungestört Schafe auf den Deichen.
Auf der Weiterfahrt nach Glückstadt kommen wir am AKW Brokdorf vorbei, das seit Baubeginn 1975 die Atomkraftgegner aktiv bekämpften und sogar einen vierjährigen Baustopp erreichten. Hoffen wir, dass es nun 2021 planmäßig in den Ruhestand geschickt wird! Das AKW inmitten von Kühen und Bauernhöfen lässt uns beide an das Buch „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang denken. Ein Jahr nach Tschernobyl schrieb sie die fiktive Geschichte eines Nuklearunfalls in Deutschland als Jugendbuch.
Weiter geht es für uns nach Glückstadt, was uns gut gefällt. Es hat viele Häuser in typischer Backsteinbauweise und mit schönen Giebeln entlang des Flusses und wird nicht ganz zu Unrecht von der Tourismusgesellschaft als „Königstraum an der Elbe“ vermarktet. Wir warten einen heftigen Schauer beim Supermarkt ab und essen im Womi zu Mittag, bevor wir nachmittags das Städtchen angucken. Wir kommen dabei auch am Binnenhafen vorbei, neben dem ein großes Gelände mit dem Namen Fischpark als Treffpunkt und Veranstaltungsort genutzt wird, mit einer Mauer voller bunter Graffiti. Eine interessante architektonische Umgestaltung der Docks.
Überhaupt gibt die Stadt der Kunst viel Raum. Es gibt das Palais für aktuell Kunst, das leider derzeit geschlossen ist und wir sehen mehrere Ateliers. Ein weiteres interessantes Gebäude finde ich das Gießhaus, das ein bewegtes Leben vorzuweisen hat. Gebaut 1641 als Gießerei für Glocken und Kanonen wurde es von 1815-1925 Zuchthaus bzw Strafanstalt und beherbergt heute eine Freikirche.
Unsere kommende Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz vor einer Sportstätte bei Elmsbüttel.

8.7. Unser erstes Ziel heute ist die Liether Kalkgrube bei Elmshorn und sie ist für uns eine große Überraschung. Wir haben nicht erwartet, eine so vielfältige Flora dort anzutreffen. Weidenröschen, Tausendhülsenkraut, Sumpfstendelwurz, sogar eine Orchideenart und vieles mehr. Wir können uns an wilden Himbeeren laben und überall summt und piept es. Ein geologischer Weg zeigt anhand der Gesteine, die Erdzeitalter ihrer Entstehung an. Nach dem Naturschutzgebiet fahren wir nach Uetersen. Die Fußgängerzone finden wir öde, aber das Rosarium und auch das alte Klosterviertel ist wirklich sehenswert. Am Nachmittag statten wir dem Schulauer Fährhaus einen Besuch ab, sehen Schiffe ein- und auslaufen und lauschen der Begrüßung beim Willkomm Höft, wo seit 1952 die großen Pötte im Hamburger Hafen willkommen geheißen und verabschiedet werden, jeweils mit der Nationalhymne ihres Landes. Danach essen wir Pommes und Fischbrötchen bei der Imbissbude und fahren weiter nach Hamburg Tinsdal zum Naturschutzgebiet Wittenbergener Elbwiesen. Uns begrüßt der letzte Naturstrand Hamburgs mit hervorragendem Sand und dahinter befinden sich die regelmäßig überfluteten Elbwiesen mit einer besonderen Flora. Diese Seite Hamburgs kannten wir bisher noch gar nicht. Wir finden es sehr schön hier, vor allem, wenn man bedenkt, dass man in einer Großstadt ist und der drittgrößte Hafen Europas in Sichtweite liegt. Wir können auf die geschützten Inseln Neßsand und Schweinesand inmitten der Elbe gucken. Abschied von Hamburg nehmen wir bei Ovelgönne vom „Alten Schweden“, dem größten Naturfindling Deutschlands, der hier am Strand liegt und ein Naturdenkmal ist. Nach einem kurzen Spaziergang wird es Zeit, einen Platz für die Nacht zu suchen. Wir fahren durch den Elbtunnel nach Jork, wo wir auf dem Stellplatz übernachten. Wir sind jetzt also zurück in Niedersachsen, im Alten Land. Wir werden uns morgen noch ein wenig in der Gegend hier umsehen und dann wohl so auf halber Höhe Richtung Hannover übernachten. Für Freitagnachmittag sind wir bei der ältesten Tochter unserer Freunde aus Bispinger Zeit, in Burgdorf eingeladen. Danach geht es dann nach Hause.

9.7. Mit einem Besuch in Burgdorf wird es nichts mehr. Es regnet durchgehend, die Nacht war recht turbulent, da der Parkplatz von jungen Erwachsenen zum Treffpunkt auserkoren wurde. Sie soffen, erbrachen sich, machten laute Musik und maßen sich mehrmals, wer sein Auto am schnellsten auf 100 hatte und um die Wohnmobile jagen konnte. Solche Situationen sind wirklich beängstigend, denn wir haben so etwas schon einmal erlebt und der Fahrer streifte dabei ein Wohnmobil, zum Glück jedoch ohne Personenschaden. Wir beenden hiermit unsere Tour durch den hohen Norden Deutschlands und fahren nach Hause in den Harz.

Fazit: Wir hatten eine wirklich schöne, wenn auch häufig feuchte Zeit und haben es sehr genossen, die kleinen Dingen unterwegs auch nicht links liegen, sondern uns immer wieder überraschen zu lassen. Die Möglichkeit, mit dem Wohnmobil immer dort halt machen zu können, wo es einem gefällt und nicht an feste Unterkünfte und Buchungstermine gebunden zu sein, haben wir wieder einmal schätzen gelernt. Wenn es in den Touristenzentren zu quirrlig ist, kann man ausweichen auf kleinere Orte. Ein Platz am See oder Fluss kann manchmal viel schöner oder genauso schön sein, wie an der Küste. Knapp vier Wochen war eine schöne Zeitspanne, die außer auf der Rückfahrt nie mehr als 100Kilometer Fahrtzeit pro Tag bedeutete. Das war sehr angenehm. Ebenso gefiel uns der Wechsel zwischen Wanderung, Fahrradfahren und Wohnmobilfahrt und Kultur- und Naturerleben mit zwischenzeitlichen Treffen mit Freunden. Was Corona betrifft: Natürlich hatten wir unterwegs manchmal mehr Kontakt zu anderen Menschen, als wir es gegebenenfalls zuhause gehabt hätten, aber wir hatten immer die Möglichkeit, uns mit Abstand oder durch Maske zu schützen und hatten nie das Gefühl, dass wir einer größeren Coronagefahr ausgesetzt waren. Wenn wir zum Essen in ein Café oder Restaurant gegangen sind oder uns mit Freunden getroffen haben, dann immer draußen auf der Terrasse und unsere Unterkunft im eigenen Wohnmobil halten wir ebenfalls für sehr sicher. Wir hatten an keinem Abend ein Problem, einen Stellplatz für die Nacht zu finden. Eng kann es natürlich werden, wenn man direkt an der Promenade auf einen Stellplatz möchte, oder auf Campingplätze. Unsere nächste Tour wird uns irgendwann im August in Richtung Schwarzwald führen.

Vom Harz nach Bonn – mit dem Wohnmobil im „mittleren Westen“ Deutschlands

Bekanntes neu entdecken, Unbekanntes kennenlernen

Am Pfingstmontag, 1.Juni 2020 brechen wir auf in Richtung Nordrhein Westfalen. Wir wollen eine Freundin im Solling und unseren Sohn in Bonn besuchen, aber nicht nur das. Wir kommen beide ursprünglich aus diesem Bundesland und wollen es auf dem Weg (neu)entdecken. Dieses Mal reisen wir nicht mit Auto und schlafen nicht in festen Unterkünften, sondern wir haben unser fahrendes Zuhause mal wieder bei uns. Unser 24 Jahre altes „Womi“ hat es mit etwas Nachbesserung nochmal durch den TÜV geschafft und bietet uns eine sichere Möglichkeit auch während der Coronapandemie zu reisen.

Im Solling erreichen wir unseren ersten Übernachtungsstopp. Wir übernachten bei der Ölmühle Solling auf einem kleinen Parkplatz für Wohnmobile. Die Ölmühle ist von einem sehr schönen Garten umgeben. Zwischenstopps machen wir in Seesen zum Tischtennis spielen 😀 und später zum Eis essen bei Uslar. Hier gibt es für uns noch nicht besonders viel zu erkunden, da es in unserer Wohnortnähe liegt und wir in den letzten Jahren häufig hier waren.

Von Dienstag Nachmittag bis Mittwochmorgen verbringen wir eine sehr schöne Zeit in Brakel-Frohnhausen bei einer Freundin. Wir werden mit leckerem Essen verwöhnt, hören den zwei Töchtern (13+15) bei ihren Erzählungen über Corona und Schule mit Interesse zu und unternehmen einen langen Spaziergang durch die Umgebung und den Ortskern, der nicht viel mehr als Kindergarten und Gemeinschaftshaus zu bieten hat. Wir lernen aber auch etwas über die Vorzüge des Dorflebens. Der Besuch des Eiswagens ist beispielsweise eine so verbindende Aktion, dass die Mädchen mit Freunden eine „Eismann-Wartebank“ gebaut haben, und das nicht nur einmal. Nachdem die erste von Nachbarn als Holzabfall ins Feuer befördert wurde, wurde zuletzt eine ganze Sitzecke mit Tisch mit Hilfe des Vaters gezimmert, an der man sich nun trifft, um auf den Eismann zu warten oder auch mal Hausaufgaben zu machen. Einmal im Jahr findet bei der Eismann Bank ein Dorffest statt, zu dem der Eismann eingeladen wird. Die Familien grillen und der Eismann spendiert Eis für die Kinder. Die Kommunikation verläuft über den Dorf-WhatsApp-Chat, über den der Eismann auch mal zu privaten Feiern eine Bestellung bekommt. Ansonsten ist es jedoch für alte oder jugendliche Bewohner ohne fahrbaren Untersatz im Dorf schon ein Problem, denn es gibt weder Geschäfte noch eine vernünftige Anbindung per öffentlichen Verkehr. Dennoch ziehen regelmäßig junge Familien nach, sodass das dörfliche Leben nicht ausstirbt.
Im Wald sieht es ähnlich bitter aus wie im Harz. Auch hier haben die Borkenkäfer zugeschlagen oder besser zugebissen, sodass große Waldstücke gefällt werden mussten.

Unsere Fahrt geht von hier aus weiter nach Warburg mit dem „Rathaus dazwischen„. Die ehemalige Altstadt und die Neustadt ( für heutige Zeiten ebenso eine Altstadt), waren einst getrennt und hatten eine eigene Verwaltung und einen eigenen Marktplatz, bis es 1436 zum Zusammenschluss kam. Um es beiden Seiten Recht zu machen, baute man ein „Rathaus dazwischen“, wie es sich jetzt nennt.
Danach geht unsere Fahrt weiter zum Diemelsee, wo wir eine kleine Wanderung unternehmen und auf einem netten Wanderparkplatz mit Blick auf den See nächtigten.

Seit Donnerstagmorgen regnet es mit kurzen Unterbrechungen, sodass wir weiterfahren ins Hochsauerland nach Schmallenberg, wo wir einen Stellplatz mit Strom beim Schwimmbad finden. Leider ist ja mit Schwimmen und Sauna momentan nix drin wegen Corona. Wir schlendern einmal durch den Ort und entdecken eine Tischtennisplatte, doch das Wetter ist zu mies zum spielen.

Freitag, der 5. Juni, bringt uns, nach einer Runde Tischtennis, die vom Regen beendet wird, weiter Richtung Westen, in die Trupbacher Heide, nicht weit von Siegen. Hier erwischt uns der Regen bei einer Wanderung voll. Wir wählen extra die kürzere Runde, weil es schon den ganzen Morgen immer wieder geregnet hat. Als wir aufbrechen, ist es trocken, aber nach ca 3km beginnt es zu schütten und da wir in einem Heide- und Magerrasengebiet sind, ist auch nicht viel Schutz durch Bäume zu erwarten, so kommen wir nach fast 6km klatschnass am Womi an. Wir fahren noch ein paar Kilometer bis Wenden, wo wir nun auf einem ruhigen Stellplatz direkt hinter dem Rathaus stehen und da wir hier Strom bekommen, läuft nun unser kleiner Heizer auf vollen Touren und wärmt uns und unsere nassen Sachen.
Eine kurze Regenpause nutzen wir, um uns ein wenig in dem nichtssagenden Ort umzusehen. Was hier im „Laschet Land“ im übrigen auffällt ist, dass viel mehr Leute von selbst Masken tragen, auch außerhalb von Geschäften und Restaurants.

Am kommenden Tag mit miserablem Wetter am Morgen, klärt sich der Himmel gegen Mittag auf und wir können doch noch ein wenig das nette Städtchen im Kreis Siegen-Wittgenstein bewundern. Es hat ein kleine, aber feine Altstadt mit sehr einheitlicher Fachwerkbebauung und symmetrischer Anordnung der Häuser. Nach etlichen Anläufen aufgrund von Baustellen finden wir auch den schönen Ausblick vom Kurpark auf das Fachwerkstädtchen. Eine sehr nette Dame, die uns auf unser Kennzeichen anspricht und uns mit Begeisterung von ihrem Besuch in Goslar erzählt, weist uns darauf hin und verrät uns auch die beste Eisdiele im Ort🍧.
Von dort fahren wir zum „Naturerlebnispark Panarbora“ bei Waldbröl. Es ist ein Projekt des DJH Rheinland und besteht aus Baumwipfelpfad, Aussichtsturm und Baumhäusern bzw Hütten zur Übernachtung mit Seminarangebot. Der gigantische Aussichtsturm, der von weitem ins Auge sticht und die vielen Besucher, lassen uns gleich umkehren. Es mag ja ein gutes Projekt sein, hat auch einen Preis gewonnen, aber warum muss man so ein Monstrum in die Landschaft stellen? Wir ergreifen die Flucht und wollen uns das Wasserschloss in Crottorf ansehen. Leider hat es nicht nur geschlossen, sondern ist so hinter Zäunen, Mauern und Bäumen versteckt, dass man das romantische Anwesen in dem schönen Park nur erahnen kann. Uns bleibt nichts anderes übrig, als enttäuscht Richtung Stellplatz in Nümbrecht weiterzufahren, und eine kleine Wanderung zum Schloss Homburg zu machen. Hier haben wir mehr Glück. Inzwischen begleitet uns die Sonne, sodass wir die kleine Tour rund um das Schloss genießen können.
Von Nümbrecht aus führt uns unser Weg einen Tag später zum Truppenübungsplatz bzw. Naturschutzgebiet Wahner Heide, ziemlich genau neben dem Flughafen Köln/Bonn. Auch wenn weder Flughafen noch Militärgebiet es kaum vermuten lassen, treffen wir sehr schöne Natur an. Wir fühlen uns an unsere Zeit in Bispingen erinnert, wo die englischen Panzer damals auch noch in Schneverdingen durch die Heide wühlten und wo heute in Munster noch der große Nato Truppenübungsplatz mitten in der Lüneburger Heide ist. Hier in der Wahner Heide befindet sich bereits seit 1817 ein Truppenübungsplatz, der bereits vom preußischen Militär und den Nazis und nach dem 2.Weltkrieg von der Royal Air Force, die einen Militärflughafen baute, und den Belgiern genutzt wurde. Im Sondermunitionslager Wahner Heide lagerten einst sogar Atomwaffen, von den Belgiern beschützt. Heute übt hier die Bundeswehr.
Danach wandern wir in Troisdorf noch ein wenig beim Schloss und Wildpark umher, bevor wir nach Bonn zu unserem Übernachtungsplatz beim Waldfriedhof Heiderhof fahren. Unser Sohn hat einen Tisch im Garten eines Restaurants genau zwischen seiner Wohnung und dem Friedhof bestellt und wir verbringen zwei schöne Stunden dort mit ihm. Er zeigt uns einen Rückweg durch den Wald, in dem er häufig joggt, sodass wir kurz vor dem Dunkelwerden wieder in unser Nest schlüpfen können.
Wir verabschieden uns am kommenden Morgen von Bonn und überqueren wieder den Rhein. Unser erster Stopp gilt Königswinter mit Schloss Drachenburg und dem Drachenfels. Der steile Aufstieg lohnt sich, denn man hat von dort oben einen tollen Ausblick auf den Rhein und Bonn. Weiter geht es mit einem Pizzastopp und einer Runde Tischtennis in einem kleinen Dorf, um danach das nächste Ziel, Dillenburg, in Angriff zu nehmen. Wieder wandern wir den Berg hoch zum ehemaligen Schlossplatz mit den Resten der Festungsmauern und dem Wilhelmsturm, der Ende des 19. Jahrhunderts zu Ehren von Wilhelm I. von Oranien dort errichtet wurde.
Wir überlegen, danach noch Marburg einen kurzen Besuch abzustatten, aber zum einen, dürfen wir nicht mit dem Womi in die Umweltzone fahren und zum anderen, fängt es an zu gewittern. Wir entschließen uns daher, weiterzufahren bis Rosenthal, einem kleinen hessischen Ort, mit super ausgestattetem und gemütlichem Stellplatz, wo wir zum ersten Mal auf der Tour wieder WLAN haben und das noch dazu kostenlos. Am kommenden Tag besteht uns noch ein langer und eher langweiliger Trip zurück nach Bad Harzburg bevor, da ich am Mittwoch einen Termin habe. Außerdem halten wir es für nicht sehr ratsam, am langen Wochenende mit Fronleichnam in Bundesländern zu reisen, wo die Leute frei haben. Da befürchten wir überfüllte Wanderwege, Orte und Stellplätze.

Fazit: wir haben ein paar schöne Tage mit netten Begegnungen verbracht und viele Orte gesehen, die wir bisher nicht kannten. Da wir auf kleineren Straßen unterwegs waren und große Städte bis auf Bonn, wo wir uns aber auch nur im Randgebiet aufhielten, vermieden haben, hatten wir weder Probleme, einen Stellplatz zu finden, noch mussten wir Angst haben, das große Touristenscharen eine große Ansteckungsgefahr bedeuteten. So wollen wir weitere Gegenden Deutschlands erkunden und das nächste Ziel steht bereits fest: der hohe Norden, denn Schleswig Holstein lässt uns inzwischen auch wieder rein!