Bulgarien

Kaum wieder zuhause, sind wir auch schon wieder unterwegs. Mehr durch Zufall als beabsichtigt führt uns der Weg dieses Mal in den Osten Europas, nach Bulgarien. Wir haben noch einen Flug bei Ryanair „gut“. Corona hat uns 2020 unsere gebuchte Georgienreise vermasselt und eine Umbuchung auf Mallorca im Frühjahr 2021 machten wir rückgängig, weil die Situation uns doch zu heikel war. Nun hatten wir noch eine Möglichkeit, unseren Flug ein weiteres Mal umzubuchen, bevor die Frist auslief. Stefan testete mehrere Destinationen wie z.B. die Kanaren, aber die Zuzahlung war uns zu hoch. Da unsere Tochter zuvor in Bulgarien war, checkte er auch einen Flug nach Sofia und schwupps, buchte uns Ryanair direkt dort ein! Nun hatten wir nur noch die Wahl, unseren Flug verfallen zu lassen, oder eben nach Bulgarien zu fliegen. Da uns dieses Ziel auch schon seit längerem im Sinn lag, da wir dort bisher nur eine Nacht auf Transit nach Istanbul 1997 verbracht hatten, freundeten wir uns also damit an, 5 Wochen ein Osteuropäisches Land zu bereisen. Da unsere Tochter schlechte Erfahrungen gemacht hatte, Bulgarien mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erkunden, buchten wir gleich einen Mietwagen hinzu. Am 22.9. 2021hieß es dann „let´s go east“. Wir flogen zum ersten Mal vom neuen Berliner Flughafen aus und es kostete mich eine ganze Weile Internetrecherche, um eine Möglichkeit zu finden, wo wir unser Auto kostenfrei parken und bei unserer nächtlichen Rückkehr übernachten können. Die Unterkunft musste ja auch noch entweder mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß vom Flughafen erreichbar sein. Mit der Pension Schwalbenweg fand ich eine zwar sehr einfache Unterkunft mit Gemeinschaftsbad, die aber super zentral zur S-Bahn liegt und rund um die Uhr ein Check-in ermöglicht. Als wir das Auto dort abstellten wirkte das Wohnviertel allerdings ziemlich heruntergekommen und wir hatten kein besonders gutes Gefühl dabei, unser Auto dort 5 Wochen lang an der Straße stehen zu lassen. Egal, Risiko ist überall, nun ging es erstmal los:

Donnerstag/ Freitag 22.-23.09.2021 Sofia

Wir kommen am 22.9. gegen 22Uhr in unserer Fewo in Sofia an. Uns wurde unterwegs eine Stunde geklaut, in Bulgarien gilt MEZ+1 und das parallel auch zu unserer Sommerzeit.
Unsere Ferienwohnung ist mitten in der Innenstadt, genau neben dem Kulturpalast, der nachts toll beleuchtet wird. Die Wohnung ist ok. Sie ist groß und sauber, nur das Bad ist winzig und man duscht immer den ganzen Raum mit. So etwas kennt man ja z.T auch aus Italien. Wir sind im 6., d.h. obersten Stockwerk und haben daher einen tollen Ausblick und keiner trampelt uns auf dem Kopf herum. Der Aufzug ist allerdings spatanisch. Es ist noch so einer, bei dem man eine Gittertür vorzieht und er ist ganz aus Holz. Bei der Ankunft am späten Abend haben wir Glück, dass eine kleine Imbissbude, die Palatschinken verkauft, direkt gegenüber unserer Unterkunft ist. Ich nenne die dünnen Pfannkuchen oder Crepes hier österreichisch Palatschinken, weil sie auch im Bulgarischen palachinki палачинки heißen.

Wir werden dort zu Stammgästen. Zum Abendessen gibt es einen dünnen Pfannkuchen mit verschiedenen Käsesorten und Tomaten, am nächsten Morgen mit Schokosauce😍. Wie unsere Tochter schon gesagt hat, scheint auswärts essen billiger zu sein, als selber zu kochen. Nach dem Frühstück gehen wir zum nächsten „Supermarkt“, zumindest nennt unser Vermieter ihn so und bezahlen für einen kleinen Rucksack voll mit Brot, Obst, Butter etc, aber allerdings auch Tiramisu☺️(Italien lässt uns nicht los) 20€. Wir müssen mal herausfinden, wo der nächste Lidl ist, aber da wir noch alles schleppen müssen, sind die Möglichkeiten viel einzukaufen eh gering. Wir werden bis Montag, den 27.09. in Sofia bleiben und dann mit Mietwagen das Land weitererkunden. An unserem ersten Tag besuchen wir die sogenannte „Red Flat“, eine Wohnung, die einmal einer bulgarischen Familie gehört hat und die genauso eingerichtet ist, wie es dort bis zum Ende der kommunistischen Ära typisch war. Heute können Besucher dieses sozusagen alternative Museum besuchen, per Audioguide die Geschichte der Familie in allen Aspekten des Lebens mitverfolgen und sich alles genau ansehen, vom Fotoalbum über die Schulbücher des Sohnes, im Fernsehen alte Nachrichten aus den Achtzigern sehen, Kleidung anprobieren, alte Postkarten lesen, während man im typischen Ost- Wohnzimmer auf dem Sessel sitzt und vieles mehr. Man kann völlig in die Zeit eintauchen, Parallelen zu unserer Jugend im Westen ziehen, es aber auch mit dem Leben der Deutschen in der DDR vergleichen. Es ist eine sehr interessante Erfahrung und viel beeindruckender, als wenn man Einrichtungsgegenstände nur im Museum sieht und Dokumente in Vitrinen. Die Red Flat ist das Produkt eines touristischen Start Ups, das Geschichte lebendiger vermitteln möchte und neben Free Walking Tours auch besondere Stadtführungen anbieten. Eine Free Walking Tour planen wir für den Abend, aber als es soweit ist, sind wir schon soviel herumgelaufen, dass wir sie dann doch auf den kommenden Morgen verschieben. Wir wollen ja auch nicht schon alles am ersten Tag machen, weil wir noch bis Montag in Sofia sind. Bisher folgen wir den Tipps unserer Tochter, die uns auch zu der Restaurantkette „Happy`s“ geraten hat. Ein Restaurant testen wir und sind vom Essen sehr angetan. Es ist nicht typisch bulgarisch, sondern international und hat eine gute Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten, die auch eindeutig gekennzeichnet sind. Viel ist mit Hummus, Süßkartoffeln, Dipps u.ä. und sehr lecker. Die Preise sind nicht billig aber angemessen.
Was uns etwas Sorgen bereitet, sind die Inzidenzwerte, die inzwischen über 160 liegen und eine Impfquote von unter 20% im Land. Wir setzen schon so viel wie möglich Masken auf, aber wenn wir schon solange in Innenräumen wie heute der Red Flat oder gestern beim Flug eine aufsetzen müssen, halte ich es draußen meist nicht auch noch über lange Zeit in Bewegung aus. Ich denke, wenn wir nicht mehr in Sofia sind, sondern auch in der Natur, wird das einfacher.

Samstag 24.9.21 Sofia
Heute schaffen wir es, um 11Uhr bei der Free Walking Tour zu sein, und die lohnt sich wirklich! Nora, unsere junge Führerin, bringt uns sehr kurzweilig die Stadt und ihre Geschichte näher. Ich kann das natürlich hier nicht alles wiederholen, ganz witzig finde ich z.B. die Geschichte der Statue der Heiligen Sofia, der man ihre Heiligkeit wieder aberkannt hat, nachzulesen bei Wikipedia,.
Interessant finde ich auch, wie die kommunistische Regierung mit der Religion im Land umgegangen ist. Sie wurde nicht verboten, aber z.B. die frühchristliche Kirche des Heiligen George in der Mitte Sofias wurde mehr oder weniger umbaut von Regierungsgebäuden, die alle höher waren, nach dem Motto, der Staat ist höher als die Kirche und aus dem Auge aus dem Sinn. Natürlich gingen immer noch Bulgaren zur Messe, aber die meisten waren eh nicht sehr religiös und gingen nur an Weihnachten und ggf noch Ostern. Aus diesem Grund wurde als einzige Ausnahme an Heiligabend ein begehrter amerikanischer Film im Kino gezeigt und keine sozialistische Produktion. Wo gingen die meisten Bulgaren dann wohl hin? Wer dennoch häufiger in die Messe ging, ging das Risiko ein, nach seinem Namen und der Familie gefragt zu werden und wenn er Pech hatte, war er danach seinen Job los. Wir erfahren, dass Bulgarien berühmt ist für seine hervoragenden Heilquellen, und sie führt uns zu einer Stelle, an der man an mehreren Hähnen Quellwasser schöpfen kann. Sie lässt uns fühlen und erklärt uns, dass das sich warm anfühlende Wasser dennoch als kalte Quelle gilt, da heiße Quellen immer über Körpertemperatur sein müssen. Nora nennt uns zum Schluss auch Straßen, in denen wir authentischere Restaurants finden als am Vitosha Bvld, an dem die Fußgängerzone liegt und wir wohnen. Sie empfiehlt besonders ein Restaurant, was wohl so ungefähr „Großmutters Suppenküche“ heißt und wo man die Gerichte fertig sehen kann. Wir probieren es gleich nach der Stadtführung aus, und Nora kommt mit einem anderen deutschen Teilnehmer der Führung auch dort essen, sodass wir uns noch ein wenig unterhalten können. Danach besuchen wir den Lady`s Market, mit ganz viel Obst und Gemüse in einem sehr authentischen Viertel mit vielen kleinen Geschäften, die alles mögliche verkaufen, unter anderem auch vielen Secondhand Läden. Unterwegs können wir auch etliche Menschen in den Parks und auf der Straße sehen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, Obdachlose und Alkoholiker. Wenn man nicht gerade in der Prachtstraße herumläuft und die Sehenswürdigkeiten anguckt, fallen einem auch die kaputten Gehwege und sanierungsbedürftige Gebäude auf, aber die gibt es natürlich auch bei uns. Gilt abzuwarten, wie es sich auswirken wird, wenn Bulgarien in zwei Jahren den Euro bekommt. Mit ziemlicher Sicherheit wird sich dann einiges verteuern.

Sonntag 25.9.21 Sofia
Heute nutzen wir das schöne Wetter für einen Ausflug in die Natur. Wir fahren mit unserer 3-Tageskarte für Sofia mit Metro und Bus bis ins Vitoschagebirge vor die Tore der Stadt. Es geht dabei schon richtig rauf bis auf ca 1700m. Wir besuchen die „Golden Bridges„, warum auch immer sie so heißen. Eigentlich ist es ein Fluss aus Felsbrocken, unter dem wiederum Wasser fließt. Es gibt dort zahlreiche Wanderwege zu verschiedene Hütten, wo man rasten und einkehren kann. Unser Weg führt erst steil hoch durch dichten Nadelwald bis zur ersten Hütte, dann wird er lieblicher und lichter. Ein Moorgebiet mit besonderen Moosen und Pflanzen liegt in der Sonne vor uns und kann teils auf kleinen Holzbrücken, teils auf mit Steinen gepflasterten Wegen durchlaufen werden bis zur nächsten Hütte. Rund um die Hütten sind Sitzecken, Liegebänke und Picknicktische aufgebaut und bei den Hütten gibt es deftige und süße Speisen. Stefan hat sich einen Kuchen bestellt, der in der Form von Eiskugeln serviert wird. Es ist eine Art Schokogewürzkuchen, der zerkleinert und mit Sahne zu Kugeln geformt wurde. Er ist lecker, aber ungewohnt. Danach führt der Weg wieder durch Wald zurück zur Bushaltestelle. Wir machen auf der Rückfahrt noch einen Zwischenstopp in der Kirche von Bojana. Sie ist aufgrund ihrer einzigartigen Malereien im Inneren, die zu den besterhaltenen osteuropäischen Kunstwerken des Mittelalters zählen, als UNESCO Weltkulturerbe gelistet. Man zahlt 5€ und darf derzeit ganze 10Minuten dafür die Kirche besuchen. Die Malereien sind schon beeindruckend, aber für uns nicht das Highlight des Tages, das war doch eher die Natur. Am Abend gibt es noch ein Feuerwerk in Sofia, das wir von unserem Apartment im 6.Stock super sehen können. Ich könnte glatt sagen, dass ich es zur Einleitung von Stefans Geburtstag bestellt habe🤔. Mal sehen, ob wir bis 24Uhr durchhalten bis zu seinem Geburtstag.

26.9.2021 Sofia
Es ist Stefans Geburtstag und nun sind wir ein halbes Jahr beide 59 und er kann nicht mehr das junge Küken spielen😝. Schon von Zuhause aus hat er für mittags einen Tisch in einem super bewerteten Restaurant in Sofia bestellt, im „Cosmos“. Es sollte dort Brunch geben und Stefan glaubte an sowas wie „all you can eat“, aber in Wirklichkeit gibt es eine extra Wochenendkarte und außerdem alle besonderen Menüs á la cart. Dass das Restaurant spitze ist, stimmt aber vollkommen! 😍 Stefan bestellt ein vegetarisches, bulgarisches Tastingmenue, also die feinsten vegetarisch- bulgarischen Leckereien zum Probieren. Wir teilen uns das, und weil die Portionen natürlich nur Gourmetgröße haben, bestelle ich vom Brunchangebot noch ein Sandwich mit Rührei, Käse, Tomaten und Kräutern und Kaiserschmarrn als Desert, was wir natürlich auch teilen. Die Bedienung erklärt uns zu jedem Gang auf Englisch Namen und Zutaten der Speisen. Nicht nur das Essen ist super, sondern auch das Ambiente. Silberne Kugeln bewegen sich an dünnen Drähten unter der Decke wie Planeten im Cosmos, passend zum Namen des Restaurants. Da wir uns so lange im Restaurant aufhalten, lohnt es sich später nicht mehr, nochmal mit Metro und Bus Richtung Vitoschagebirge zu fahren, also gucken wir uns alternativ zu jeder Religion ein Gotteshaus von innen an. Beeindruckend finden wir eigentlich nur die Synagoge und das nicht nur wegen ihres Sicherheits Check-ins, der anscheinend überall Juden vor Antisemiten schützen muss. Die Kuppel hat eine schöne Bemahlung und der Kronleuchter ist so riesig, dass man nur hoffen kann, dass er nicht irgendwann mal herunterkommt. Das Innere der Synagoge und auch der Hof mit einem Zelt mit geschmückten Tischen macht einen hellen und einladenden Eindruck. Danach besuchen wir die Banja Baschi Moschee, die außer an der Decke völlig schmucklos ist und die gerade gesaugt wird. Nicht sehr einladend. Die bekannte und von außen sehr beeindruckende Alexander Newski Kathedrale gefällt uns von innen hingegen gar nicht. Warum müssen die orthodoxen Kirchen nur immer so dunkel sein, dass sie bedrückend wirken? Nach unserem Weg durch die Religionen schlendern wir über den Flohmarkt im Park vor der Kathedrale und machen uns dann wieder auf den Rückweg zu unserem Apartment, um pünktlich zur Wahlsendung zurück zu sein. Von da ab machen wir dann wohl dasselbe, wie ein Großteil der Deutschen, wir erwarten ungeduldig die ersten Hochrechnungen, verfolgen die Gespräche mit den Politikern und schütteln das ein oder andere Mal unsere Köpfe ob der Unbelehrbarkeit dieser Berufsgruppe, dass ein schlechtes Ergebnis keinen Wahlsieg bedeutet.

Montag 27.9. 2021 Samokow

Wir verlassen unsere nette FeWo und holen unseren Mietwagen am Flughafen ab. Wie zuhause fahren wir auch hier einen kleinen Peugeot, aber sicher 5Modelle neuer. Er hat gerade erst 10000km auf dem Tacho und wir hadern noch etwas mit der Technik. Vom Flughafen geht es direkt raus aus der Stadt in die Natur. Wir fahren über die 82 entlang des Isker Flusses und seinen Wasserresevoirs nach Samokow. Die Stadt strahlt noch den Charme des Ostens aus. In der Fußgängerzone hat man das Gefühl, dass an wenigen Gebäuden große Veränderungen vorgenommen wurden und in die Geschäfte nur die bunte Welt des asiatischen Billigkonsums Einzug gehalten hat. Andere Gebäude stehen leer und verfallen vor sich hin, teils mit zugenagelten Fenstern. Im Kontrast zu den ebenfalls recht baufällig wirkenden Marktständen, leuchten uns Früchte und Gemüse entgegen, die zu Spottpreisen verkauft werden. Ein vermutlich 5kg Sack Kartoffeln wird für umgerechnet 40 Cent angeboten. Wirklich schön ist ein Park am Fluss, mit Spiel- und Sportangeboten, besonders ein Skaterpark, wo schon Jungs im Grundschulalter halsbrecherische Kunststücke mit Rollern vollführen. Wirklich beeindruckend, und ich hätte sie gerne gefilmt, aber damit verstößt man heute wohl gegen den Schutz der Persönlichkeit und besonders bei Kindern hat das schnell einen Beigeschmack. Unsere Unterkunft in Samokow ist das Gästehaus Elisabeth und es ist wunderschön. Wir haben uns allerdings auch das beste Zimmer geleistet mit Bad inkl Whirlpool für knapp 24€ pro Nacht. Unser Zimmer ist geräumig, wir sind allein im Dachgeschoss, und es ist super gemütlich. Hier bleiben wir für drei Nächte und planen den Rila Nationalpark von hier aus zu besuchen.

Dienstag 28.9.21 Samokow, Borowez
Als ich erwache, regnet es draußen. Kein guter Start für einen geplanten Wandertag. Wir frühstücken erst einmal in unserem Zimmerchen leckeres Müsli mit Schokopudding und frischen Himbeeren, die wir gestern vom Markt mitgebracht haben. Sie sind super lecker 😍. Wir haben uns auf dem Markt auch ein Messer und zwei Schüsselchen für 3Lv, also 1,50€, besorgt, denn in unserem Gepäck von der Größe 40x20x25cm konnte das ja nicht mitgenommen werden. Wir werden es zum Schluss irgendwo einer Unterkunft überlassen. Als wir gegen Mittag losfahren nach Borowez, hat es aufgehört zu regnen, ist aber noch total neblig im Tal. Borowez scheint ein reiner Skiort zu sein, obwohl von hier auch die Gondelbahn zum Musala, dem höchsten Berg Bulgariens abfährt. Ich muss sagen, der Ort erschreckt mich schon sehr. Wir sehen nicht nur ein verfallenes Haus, sondern ein ganzes Eldorado für Fans von Lost Places! Selbst ein 5* Hotel sieht aus, als hätte es vielleicht 1*verdient. Ich kann gut nachvollziehen, dass unsere Tochter und ihr Freund sich hier in dem Ort nicht wohlgefühlt haben und sie hatten sicher nicht einmal ein Zimmer in diesem in die Jahre gekommenen Hotel! Leider ergeht es uns genauso wie ihnen, auch wir werden nicht mit der Gondelbahn ein Stück auf den Musala hochfahren können. Bei uns liegt es aber nicht an Ruhetagen, sondern daran, dass die Bahn wegen Wartung bereits bis zum Beginn der Skisaison geschlossen hat🤷‍♀️. Wir unternehmen trotz Nebel unsere geplante Wanderung zum Aussichtspunkt Black Rock. Der Weg ist zwar nicht aufregend und die Sicht nicht besonders gut, aber es lohnt sich meiner Meinung nach dennoch. Alles wirkt durch den Nebel verwunschen und geheimnisvoll. Man kann erahnen, wie tief es dort den Abhang hinuntergeht. Auf dem Rückweg wagen wir es dann, in eines der kaputten und verlassenen Gebäude hineinzugehen, und das ist schon ziemlich abenteuerlich. Ich weiß nicht, ob ich nun mehr Bammel davor habe, erwischt zu werden, oder dass eine Ratte um die Ecke kommt oder etwas unter oder über uns zusammenbricht. Abgesperrt ist hier nichts und alles offen zugänglich. Türen fehlen. Es wäre mal interessant, wie Borowez in der Skisaison mit Schnee, Menschen in bunten Skianzügen etc wirkt. Laut unserer Stadtführerin in Sofia fahren inzwischen viele Bulgaren auch in die Alpen zum Skilaufen, weil es in Bulgarien zu teuer wird. Bei dem Verfall hier, ist mir das zwar unerklärlich, aber selbst jetzt wollen sie noch 7,50€ fürs Parken pro Tag haben, obwohl tote Hose ist. Wir haben Glück, ein Kioskbesitzer, der mal in Deutschland gelebt hat, lässt uns kostenlos vor seinem Laden parken. Wir trinken dafür bei ihm einen Kaffee.

Mittwoch 29.9.21 Samokow/ Rila Seen
Heute ist ein actionreicher Tag! Trotz Nebel machen wir uns um 8:00 auf den Weg zum Sessellift zu den Sieben Rila Seen in der Hoffnung, dass es über den Wolken besser wird. In dichtem Nebel fahren wir den Berg hoch und bekommen einen feuchten Po, weil der Sitz nass ist. Selber Schuld, wir haben nicht geschaltet und Stefans Regenhose druntergelegt, als der Mitarbeiter uns warnte. Unsere Hosen trocknen aber recht schnell wieder. Nun beginnt der Aufstieg, der zwar steil ist, aber auf einem hervorragenden Weg verläuft. Als wir beim ersten See ankommen, lichtet sich der Nebel etwas und bis zum 3. See wird es immer besser. Es kommt sogar etwas die Sonne heraus. Leider ist dieses Zwischenspiel nur von kurzer Dauer, und als wir am obersten Punkt der Wanderung, von wo aus man alle Seen sehen soll, erreichen, ist der Nebel wieder so dicht, dass wir keinen sehen können – echt schade! Dennoch ist die Wanderung toll. Der Rückweg ist zwar nicht mehr ganz so komfortabel, etwas schwieriger zu finden und an einigen Stellen recht rutschig, sodass Stefan einmal ausgerutscht ist, aber die Landschaft ist dennoch grandios! Ich bin auch ganz stolz auf mich, weil ich die fast 500Höhenmeter geschafft habe trotz kaputter Knie und repariertem Herzen. Von den Rila Seen müssen wir dann einmal ganz um die Berge fahren zum Kloster Rila, fast 2 Stunden Fahrt, weil man häufig nur 40km/h fahren darf. Das Kloster ist wirklich sehr beeindruckend und von außen wunderschön. Die Kirche ist von innen und außen mit Reliefs bemalt. Auch wenn uns die Bilder nicht viel sagen, sind sie allemal beeindruckend.
Auf dem Weg zum Kloster haben wir von weitem noch die Pyramiden von Stob entdeckt, und da will Stefan unbedingt noch hin. Ich bin nicht so begeistert, weil der Weg wieder bergauf geht, wir nicht wissen, wie lang er ist und ich es gerne vermeide, im Ausland bei Dunkelheit zu fahren. Wir stoppen natürlich trotzdem und laufen auch zu den Pyramiden. Es sind, ähnlich wie die, die wir in Italien gesehen haben, Felsformationen, die sich durch Erosion gebildet haben. Bei dem Licht am Spätnachmittag wirken sie auch wirklich sehr schön, was meine Laune wieder hebt.

Donnerstag 30.9.21 Welingrad/ Plovdiv
Wir fahren den ganzen Tag mit kurzem Kaffeestopp und einem kleinen Spaziergang mit Pizzaessen in Welingrad. Bei letzterem Stopp handelt es sich um eine Kurstadt. Sie sieht besser erhalten und reicher aus als Samokow, aber erscheint uns dennoch nicht besonders interessant. Stefan fällt dann auch später ein, dass er sie nur markiert hatte, weil wir noch mit der Rhodopenbahn fahren wollen und die dort hält. Die Strecke bis Plovdiv ist dementsprechend mit 175km länger als die direkte von Samokow und führt über lange Zeit zwischen dichten Wäldern, Felsen und Büschen auf einer kurvigen Straße an unser Ziel. Da es darüber hinaus noch zahlreiche Baustellen gibt, dauert die Fahrt einige Stunden, aber nun sind wir hier in Plovdiv, genießen unseren Balkon in der selben Ferienwohnung, in der unsere Tochter mit Freund kurz zuvor war😂. Leider müssen wir etwas entfernt parken, da das Haus gerade eingerüstet ist und wohl mit Platten versehen wird, die in der Einfahrt liegen. Die Wohnung finden wir klasse, bis darauf, dass man von innen immer verschließen muss, weil die Tür sonst aufgeht. Ansich kein Problem, wenn Stefan morgens nicht joggen ginge, wenn ich noch im Bett liege. Nun muss er mich wohl einschließen oder ich aufstehen.

Freitag 1.10.21 Plovdiv
Wir haben wieder etwas zu feiern! Heute vor 4 Jahren war unser erster offizieller Tag nach dem Jugendherbergsleben, bzw Arbeitsleben. Das scheint schon alles verdammt lang her. Wie viel haben wir seitdem erlebt, gesehen, wie viele Menschen unterwegs kennengelernt…🌍?. Wir bereuen es nicht!
Hier und heute lernen wir bei einer Free Walking Tour Plovdiv besser kennen mit seiner langen und wechselhaften Geschichte. Alle Eroberer hinterließen ihre Spuren, Traker, Römer, Osmanen, Russen. In der Altstadt kann man an einer Stelle gut erkennen, wie in den unterschiedlichen Jahrhunderten gebaut wurde. Die Römer verwendeten die dicken Steine, im Mittelalter wurde auf den Überresten mit kleineren Steinen draufgebaut und im letzten Jahrhundert baute man einfach auf die alten Reste der Stadtmauer Häuser in heutiger Bauweise. Ebenso erging es den Gotteshäusern, Tempel wurden zerstört und Kirchen daraufgebaut, Moscheen ersetzten wiederum die Kirchen, gebaut zum Teil aus den Steinen des antiken Stadions.
Dem ehemals als Handwerks- und Geschäftsviertel gewachsenen Viertel Kapana drehte sozusagen der Kommunismus den Hals um, als die Besitzer der Werkstätten und Lädchen enteignet wurden und große Parkplätze die Atmosphäre völlig zerstörten. Erst zur Ernennung Plovdivs zur Kulturhauptstadt 2019 wurde dem Viertel wieder sein Gesicht zurückgegeben. Heute ist es lebendig und bunt in den kleinen Gassen. Zahlreiche Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein, und bunte Gemälde machen das Viertel zu einer Augenweide.
Wir erfahren aber nicht nur historisches, sondern auch etwas über die Lebensphilosophie der Bulgaren, deren Wahrzeichen der bis in die 80iger in Plovdiv lebende Milo darstellt: „Aylyak“ (so wird es zumindest ausgesprochen), was soviel wie relax, keine Hetze bedeutet, war sein Lebensmotto und ist laut unserem Stadtführer Pawel die bulgarische Einstellung zum Leben. Auch Nora, die Stadtführerin in Sofia wies immer wieder daraufhin, dass die Bulgaren es mit Pünktlichkeit nicht so wichtig nähmen. Vielleicht heißt ja das Restaurant, indem wir heute unseren besonderen Tag feiern, auch deshalb Aylyakria?

Samstag 2.10.21 Plovdiv/ Kloster Batschkowo/Wunderbrücken Chudnite Mostove/Festung Asenova
Obwohl unsere letzte Nacht sehr suboptimal verlief, weil Stefan gestern irgendwas nicht gut vertragen hat, brechen wir heute doch zu einer etwas größeren Tour mit Auto auf. Wieder auf den Spuren unserer Tochter besuchen wir zuerst das Kloster Batschkowo. Hat man die vielen Verkaufsstände und einen kleinen Vergnügungspark erstmal hinter sich gelassen, wird es beschaulicher. Heute ist zwar ziemlich viel Publikumsverkehr, aufgrund des Wochenends und des herrlichen Wetters, aber wir können dennoch ein wenig von der Atmosphäre mitbekommen. Das Kloster Batschkowo ist kleiner als das in Rila, liegt aber wiederum herrlich in den Bergen. Auch hier sind die Malereien sehr beeindruckend, wenn auch die Bilder häufig wirklich grausame, blutrünstige Folterszenen darstellen. Unsere Stadtführerin in Sofia hatte uns schon vorgewarnt, dass in der orthodoxen Kirche häufig brutale Szenen die Kirchenwände und Ikonen zieren, was nicht Jedermanns Sache sei. Unsere Fahrt geht weiter über eine wunderschöne Straße durch die Natur, entlang an Felsen, durch dichten Wald und üppig bewachsene Berghänge. Man sieht bereits die ersten Spuren des Herbstes. Die Blätter mancher Bäume und Sträucher leuchten schon gelb und rot. Nach ein paar Kilometern erreichen wir die sogenannten Wunderbrücken. Riesige Durchgänge in den Felsen laden zum Entdecken ein. Ein Fluss hat ebenfalls seinen Weg hindurch gefunden und kann über dickere Steine überwunden werden. Wenn man etwas vorsichtig ist, auch mit trockenen Füßen. Nach etwas Gekletter und Erkundungen genießen wir Suppe und ein typisches Gericht für die Rhodopengegend „Patatnik“ (Пататник) aus hauchdünnen Teigblättern und geriebenen Kartoffeln, das laut Internet im Steinofen gebacken wird, was wir aber nicht beobachten können. Es ist lecker, aber auch sehr fettig, wie vieles in der bulgarischen Küche. Stefans Suppe aus weißen Bohnen ist nichts Besonderes, aber fleischlos, was in Bulgarien nicht so häufig ist. Suppe ansich ist jedoch wohl das typischte Essen der Bulgaren. Bei uns könnte man sich wohl kaum in einer touristischen Region vorstellen, dass mit Werbeplakaten auf der Straße für Suppe geworben wird, höchstens mal in Ostdeutschland, wo man auf einen Straßenstand mit Gulaschkanoe aufmerksam gemacht wird. Sehr beliebt ist Kuttelsuppe, deshalb bin ich sehr froh, Vegetarierin zu sein. Ich würde Pansen niemals runterbekommen, ähnlich wie Gehirn.
Auf dem Rückweg stoppen wir bei der Festung Asenowa, die bei untergehender Sonne in den schönsten Farben von ihrem Berg herunter leuchtet. Wir schaffen es gerade noch, sie zu besuchen, bevor die Tore um 18:00 geschlossen werden. Schnell kaufen wir noch ein paar Lebensmittel ein und dann kehren wir in unsere FeWo zurück.

Sonntag 3.10.21 Plovdiv/Kopriwschtiza
Wir besuchen heute den unaussprechbaren Ort Kopriwschtiza knapp 90km nördlich von Plowdiw. Das besondere an diesem Ort ist die Architektur. Er besteht fast durchgängig aus sehr hübschen Holzhäusern, die den relativen Wohlstand durch Tierzucht und Handel im 18./19.Jahrhundert unter der Herrschaft des osmanischen Reichs verdeutlicht. Ein Teil der alten Häuser können heute als Museum auch von innen besichtigt werden und anhand von Bildern und Schriften wird ein wenig vom Geist der Zeit deutlich…
GEBET/Schwur: Übersetzung
„Ich schwöre dem allmächtigen Gott zur Glorie unserer Nation und der Ehre des orthodoxen Glaubens, dass ich das 500Jahre alte, rostige bulgarische Messer in die Brust des räudigen türkischen Sultans steche. Sollte ich meinen Eid brechen, soll ich verflucht werden von der ganzen bulgarischen Nation und unter den schlimmsten Strafen Gottes leiden müssen. Amen“

Die Häuser haben nicht nur teils wunderschöne Giebel, sondern auch im Inneren sind Türen und Decken mit Schnitzereien verziert. Der ganze Ort wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen. Bauern kommen mit Pferdewagen an uns vorbei, und auch ein paar Kleinlaster haben etliche Jahre auf dem Buckel. Durch den Ort verläuft das Flüsschen Topolnitza, über das mehrere kleine, alte Brücken führen. Ein langer Grünstreifen mit Spielplatz und Bänken, sowie Kopfsteinpflaster in fast allen Straßen runden das Bild eines malerischen Dorfes ab.
Auf dem Weg kommen wir an einem Regionalpark vorbei, der die typische Landschaft in der Region widerspiegelt. Mir war zuvor nicht klar, dass es hier noch soviel ursprüngliche Waldgebiete gibt, durch die häufig auch gar keine Wege führen. Darüber hinaus passieren wir Ackerflächen und Schafsherden. Sehr ärmlich wirkende Landarbeiter, die aussehen, als wären es Roma und Sinti, scheinen auf ihre Abholung am Straßenrand zu warten, und Bauern verkaufen an Straßenständen Tomaten und Kartoffeln. Häufig werden hier auch unterschiedliche Arten von Honig angeboten. Eine Sorte ist mit Nüssen, wie wir es zuvor im Baltikum schon erlebt haben. Wir wagen es, ein weiteres bulgarisches Gericht auszuprobieren: Misch-Masch (Миш-маш), eine Gemüsepfanne (in diesem Fall Paprika) mit Käse und Ei gemischt. Einfach und lecker.

Unterwegs erreicht uns die Nachricht, dass die Feuerwehr unsere Wohnung aufgebrochen hat, weil ein Feuermelder geschrillt und ein Nachbar sie gerufen hat😱. Zum Glück war es ein Fehlalarm. Nun müssen wir, wenn wir nach Hause kommen, erst zur Polizei, um unseren neuen Schlüssel zu holen. Was uns der Spaß kostet, wissen wir noch nicht. Zumindest das Schloss werden wir ja bezahlen müssen.

Montag 4.10.21 Plovdiv
Mal nicht durch die Gegend fahren, ist heute unser Ziel. Wir schlendern also nochmals durch Plovdiv, bevor wir morgen diese faszinierende Stadt wieder verlassen. Plovdiv hatte ursprünglich 7 Hügel wie Rom und einige andere berühmte Städte. Es nennt sich auch immer noch „Stadt auf 7 Hügeln“, hat aber eigentlich nur noch 6, denn einer fiel dem Straßenbau zum Opfer. Man trug ihn einfach ab nach dem Motto: wir haben ja noch 6 und verwendete die Steine zur Errichtung von Verkehrswegen! Den Hügel mit Aljoscha gibt es aber noch, ebenso wie die 11 Meter hohe Statue des russischen Soldaten, der im 2.Weltkrieg Bulgarien, das zu den Achsenmächten zählte, besetzte. Nach Ende der kommunistischen Ära gab es zwar etliche Diskussionen, ob das Denkmal nun ausgedient hätte und abgerissen werden sollte, die Erhalter haben sich aber bis heute durchgesetzt. Dem Denkmal wurde seine politische Wichtigkeit genommen, nun ist der Hügel einfach ein Ort mit schönem Ausblick auf die Stadt, auf dem eben eine Statue namens Aljoscha steht. Von hier oben kann man nicht nur das schöne Plovdiv erkennen, sondern auch die Hochhausviertel. In einem kann man gerade noch ein hübsches, kleines russisch orthodoxes Kirchlein mit blau-goldenem Dach erkennen, dass sich gegen die Betonwüste zu behaupten versucht. Man sieht aber auch, dass die Stadt eine Menge Grünanlagen zu bieten hat. Plovdiv hat mehrere Parks, häufig mit Springbrunnen und Wasserspielen, die nachts mit bunt beleuchteten Fontänen die Besucher begeistern. Nach unserem Spaziergang in luftige Höhen, kehren wir wieder in die Innenstadt zurück und wollen eigentlich das Museum der modernen Geschichte besuchen. Nachdem wir nach etwas Sucherei das unscheinbare Gebäude endlich gefunden und uns für den wohl richtigen Eingang entschieden haben, kommt gerade aus diesem ein Herr heraus. Wir versichern uns, ob wir richtig wären, was er zwar bestätigt, uns dann aber etwas verwirrt mitteilt, dass er jetzt abschlösse. Er müsste jetzt an anderer Stelle etwas tun🤔. Ich will dem Herren ja nichts unterstellen, aber für uns sieht es eher so aus, als nähme er sich jetzt eine Auszeit, weil nichts los war im Museum. Laut Schild an der Tür und auch im Internet müsste das Museum noch bis 18:00 geöffnet haben.
Was er kann, können wir auch: wir erinnern uns an „Aylyak“, also machen wir uns auf zum Bubble Waffle Laden, genießen jeder eine sündhaft leckere, dicke Bubble Waffle mit Eis, Schokolade, Mandeln, Sahne etc. 😍 und begeben uns danach zu unserer Ferienwohnung, um auf dem Balkon „Aylyak“ zu fröhnen 😂.

Dienstag 5.10.21 Kardschali/Perperikon/Stein-Pilze
Wir sind ab heute ganz im Süden, nicht weit der griechischen und türkischen Grenze in der Stadt Kardschali. Dieses Mal haben wir über Airbnb gebucht, was immer etwas spannender ist, als per Booking. Man weiß nie so recht, was einen erwartet. Dieses Mal haben wir aber Glück. Die Wohnung ist zwar nicht so modern und super wie unsere letzten Unterkünfte, aber dafür ist die Vermieterin total nett. Tonka hat mehrere Jahre in Frankfurt gelebt und Psychologie studiert und nun gemeinsam mit einem deutschen Freund ein Startup gegründet. Sie bieten Resilienz- und Meditationstraining für Firmen und Einzelpersonen an. Weil kurz nach der Firmengründung Corona ausbrach, bieten sie nun ihr Programm als Onlineseminare an, so kann sie hier in Bulgarien leben und in Deutschland arbeiten. Ihren Freund lernen wir ebenfalls kennen. Er hat Informatik in Darmstadt studiert, spricht also auch hervorragend Deutsch und arbeitet ebenfalls als digitaler Nomade. Die zwei laden uns gleich ein, mit ihnen in Tonkas Lieblingsrestaurant zum Mittagessen zu gehen. Die tolle Möglichkeit, mal Bulgaren näher kennenzulernen, lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Beim Restaurant kann man sehr nett draußen speisen und hat einen Blick auf den Fluss Arda. Es ist wirklich sehr lecker und wir teilen alle Speisen, wie in Bulgarien üblich. Wir haben gebratene Champions mit Kräutern, Polenta mit Käse, geröstete Zucchinischeiben mit Dip und sehr leckeres, mit Knoblauchsoßen gefülltes und gegrilltes Brot. Letztes aus einem Teig ähnlich dem türkischen Börek. Beide sind sehr nett und wir unterhalten uns super. Natürlich kommt die Rede auch auf Corona. Beide sind nicht geimpft. Jasin hatte Corona und meint, dass sein Schutz dadurch besser als durch Impfung wäre. Tonka traut den neuartigen Impfstoffen nicht und glaubt, sowieso bereits unbemerkt Corona gehabt zu haben, weil ihre Mutter es hatte und das sogar sehr schwer. Auch Jasins Vater hatte Corona und hat letztlich ganze 7Monate noch unter Symptomen gelitten. Wie anscheinend ein Großteil der Bulgaren, gehen sie sehr lässig mit der Gefahr um, trotz der Erfahrung in der eigenen Familie. Masken werden in Bulgarien kaum getragen, und wenn, meist nur unter der Nase. Die Vorschriften sind zwar ähnlich wie bei uns, d.h. in Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden etc. und an öffentlichen Stellen, wo ein Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, muss eine Maske getragen werden, aber kaum einer hält sich dran. Man hat zwar irgendwie eine Maske dabei, aber sie sitzt nie über Nase und Mund und FFP2 Masken gibt es gar nicht. Puh, so nah waren wir Corona noch nie! Ich hoffe, unsere Impfung schützt uns wirklich!
Nach dem leckeren Essen zeigt uns Tonka den Weg zurück zur Wohnung, und wir laufen dabei über eine lange, etwas wackelige Fußgängerbrücke über den Arda. Da der Nachmittag inzwischen fortgeschritten ist, fahren wir gleich zu der archäologischen Stätte Perperikon, die seit der Steinzeit diversen Kulturen als heilige Stätte diente. Es sieht so aus, als würden auch heute noch Menschen hier übernatürliche Kräfte vermuten, denn an vielen Stellen haben Besucher Münzen in ausgehöhlte Steine gelegt, ähnlich eines Wunschbrunnens.
Als nächstes besuchen wir Stein Pilze – nein, nein, wir suchen keine Steinpilze, sondern wir besuchen Pilze aus Stein😂, Faszinierende Steinformationen, die vor etwa 20Millionen Jahren aus Vulkangestein entstanden, als hier noch Meeresgrund war. Ein paar Kilometer weiter gibt es ähnliche Formationen, die sich Steinhochzeit nennen und mit etwas Fantasie erkennt man wirklich ein Paar dort. Wir haben Glück und erwischen gerade noch die letzten Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang, was der ganzen Szene die richtige Atmosphäre gibt. Kurz vor dem Dunkelwerden erreichen wir wieder unsere Unterkunft und ziehen mit Sack und Pack ein. Zu unserem kleinen Handgepäck ist inzwischen eine große Plastiktüte mit Lebensmitteln hinzugekommen.

Mittwoch 6.10.21 Kardschali/ Womb Cave/ Horseshoe View
Wir starten in einen wunderschönen Tag. Bei strahlend blauem Himmel, Sonne und um die 23⁰ fahren wir von Kardschali auf einer sehr schönen, sich windenden Straße entlang der Arda. Wir kommen an beeindruckenden Felsformationen und Heiligtümern der Thraker vorbei, durch türkisch anmutende Dörfchen mit Minaretten, Frauen mit Pluderhose und Kopftuch, Männern, die vor der Tür bei Tee ihr Schwätzchen halten und viel bewaldeten Straßenabschnitten. Auf der Straße kann einem alles begegnen, grasende Kühe, Pferde, Esel und deren Kreuzungen, Hunde, Schafe und Katzen, Menschen und Pferdewagen. Nach 23km erreichen wir eine kleine Parkbucht und den Wanderweg zum Womb Cave, das majestätisch weit über uns liegt. Durch Wald und über felsige Wegstücke steigt er steil an zum Felsen mit der felsspaltartigen Höhle. Die letzten Meter müssen wir auf einer steilen Metallleiter hinaufsteigen, dann haben wir die Höhle erreicht. Von hier oben bietet sich uns ein weiter Blick über das riesige, dichte Waldgebiet. Es ist beeindruckend, wieviel ursprünglichen Wald es hier noch gibt. Hoffentlich fällt er nie dem Häuserbau zum Opfer. Um zu dem überwältigendensten Ausblick über den mäandernden Arda zu gelangen mit dem Namen Horseshoe, weil er eine Hufeisenform hat, müssen wir nochmal ganz nach Kartschali zurück und auf der anderen Flussseite fahren. Nach insgesamt etwa einer weiteren Stunde Fahrt erreichen wir genau zum richtigen Zeitpunkt den Panoramaaussichtspunkt. Die Sonne scheint gerade noch in ihren wärmsten Farbtönen über die Landschaft. Es ist traumhaft schön. Danach müssen wir zurück, um uns wie verabredet mit Tonka noch einmal bei dem hervorragenden Restaurant Vodenitsata zu treffen. Zum einen hat uns gestern ihr Freund zum Essen eingeladen und wir wollen uns revanchieren, zum anderen freuen wir uns auch ehrlich darauf, noch einmal mit dieser lebhaften und offenherzigen Vermieterin einen Abend zu verbringen. Trotz großem Altersunterschied, sie ist 29, führen wir eine interessante Unterhaltung. Ihr Freund hat leider keine Zeit und kann nicht ebenfalls dabeisein. Coronatechnisch haben wir das Glück, dass wir die einzigen Gäste im ganzen Restaurant sind. Für rund 25€verlassen wir nach dem gelungenen Abend alle pickepacke satt das Restaurant.😋

Donnerstag 7.10.21 Stara Zagora
Wir sind jetzt in Stara Zagora und haben eine gute und große Wohnung. Bei der Stadt bin ich mir noch nicht sicher, ob sie mehr verspricht, als sie halten kann. Wir haben uns eben das Antique Forum angesehen und sind sehr enttäuscht. Wer vorher in Sofia und erst recht in Plovdiv gewesen ist, kann nur zu dem Entschluss kommen, dass die hiesigen Stadtväter vielleicht dort etwas hätten abgucken sollen in Bezug auf die Erhaltung und Präsentation archäologischer Relikte. Wahrscheinlich haben sie aber nicht das nötige Kleingeld dafür gehabt und Plovdiv als Kulturstadt eine super Unterstützung durch Europa und den bulgarischen Staat bekommen. Schön sind wiederum die Parks in der Innenstadt. Wenn sich uns die Möglichkeit bietet, werden wir auch hier eine Free Walking Tour machen, aber die findet nur ab 10Personen statt und man muss sich anscheinend anmelden. Mal sehen, ob Stara Zagora noch unser Herz gewinnt.

Freitag 8.10.21 Kasanlak / Rosenmuseum/ Thrakergrab
Das schöne Wetter hat uns verlassen. Heute regnet es den ganzen Tag. Was macht man im Regen? Man besucht Museen oder geht shoppen oder ins Café – oder alles drei🤔
Wir fahren also in die Stadt Kasanlak und besuchen einen Seconds Hand Laden nach dem anderen. Die gibt es hier nämlich an jeder Ecke mit mal mehr, mal weniger qualitativ guten Klamotten. Eigentlich können wir uns ja aufgrund unserer winzigen Taschen á la Handgepäck bei Ryanair gar nicht leisten, etwas zu kaufen, aber falls wir was ganz tolles finden…🤔. Vielleicht bleibt dann ja was von uns hier😂. Bisher waren wir aber noch nicht fündig. Nach der „Shoppingtour“ besuchen wir zuerst das Museum der Rose, danach das Thrakergrab von Kasanlak. Bereits während des Osmanischen Reichs brachten die Türken die Ölrose nach Bulgarien. Seit ca. 1650 wird Rosenöl hier in gewerblichen Mengen hergestellt und errang Weltruhm. Seit 1903 findet zu Ehren der Rose das Rosenfest in Kasanlak statt, das zu den großen Feierlichkeiten Bulgariens zählt und Menschen aus aller Welt anzieht. Im Museum können wir die Geräte zur Herstellung des Rosenöls ansehen, sowie einen Film über das Fest und bekommen viele Informationen zur Geschichte. Inzwischen gibt es nicht nur Rosenöl und -kosmetik, sondern auch Handarbeiten mit Rosenmuster, Geschirr und vieles mehr.
Nach dieser duftenden Besichtigung gehen wir noch weiter in der Geschichte der Bulgaren zurück und besuchen ein Grab der Thraker. Es ist von innen hervorragend bemalt und gibt ein wenig Aufschluss über die Bestattungsriten dieser Vorfahren. Das Grab ist Weltkulturerbe. Da es nach dem Besuch immer noch regnet, besuchen wir noch den trockenen Ort Nr.3, also ein Café und genießen super leckere Torte und Kaffee. Obwohl die Bulgaren auch große Kaffeetrinker sind und es an jeder Ecke einen Kaffeeautomaten an den Straßen gibt, halten sich Cafés, in denen man auch Kuchen und Torte bekommt, sehr in Grenzen. Vielleicht, weil die im Vergleich zu den Restaurantpreisen recht teuer sind. Wir bezahlen heute für zwei Stück Torte und zwei Kaffee 7,50€t. Es ist aber super lecker. Danach fahren wir in unsere FeWo zurück und machen es uns gemütlich. Außerdem probieren wir die Waschmaschine mit integriertem Trockner aus und ich muss sagen, die hat überzeugende Arbeit geleistet. Dafür, dass es ein Kondenstrockner ist, ist die Wäsche danach super trocken.

Samstag 9.10.21 Stara Zagora / Shipka -Pass / Freilichtmuseum Etar/ Kloster Sokolski/ Grabowo/ Haus des Humors und der Satire
Wie angesagt, ist das Wetter auch heute eher mies zu nennen. Wir fahren nochmals nördlich, stoppen kurz an der Shipka Memorial Church, die an den Kampf der russischen Armee gegen die Türken 1877-78 am Shipka Pass zur Befreung Bulgariens erinnert und fahren dann durch dichten Nebel über den Shipka -Pass auf 1190m zum Freilichtmuseum Etar. In mehreren historischen Holzhäuschen kann man Handwerkskunst erwerben und den Schnitzern, Bäckerinnen etc bei der Arbeit zusehen und landwirtschaftliche Geräte und eine Wassermühle ansehen. Wir essen einen leckeren, frischgebackenen Apfelstrudel und kosten typische Süßigkeiten. Ein paar Kilometer weiter kommen wir zum Kloster Sokolski. Es muss bei gutem Wetter von dort aus einen traumhaften Ausblick über die Wälder und Hügel geben. Heute taucht es verwunschen aus dem dichten Nebel auf. Hineingehen können wir in die Kirche nicht, aber über den Klosterinnenhof. Von hier geht die Fahrt weiter nach Grabowo, wo wir das „Haus des Humors und der Satire“ besuchen. Hier finden in regelmäßigen Abständen internationale Satire- und Humor Festivals statt. Anscheinend fahren dabei auch Wagen durch die Stadt, ähnlich unseres Karnevals. Die Stadt nennt sich daher auch „Capital of Humor“. Im House of humor können wir diverse Zeichnungen, Animationen und einen Spiegelsaal mit Zerrspiegeln und ähnlichem bewundern. Leider lassen sich viele Texte auf den Zeichnungen mit Google Übersetzer nicht übersetzen, wodurch der Witz häufig nicht verständlich für uns ist. Den Sinn von ein paar Covid Cartoons können wir aber erahnen. Zumeist geht es dabei um die Einschränkungen der Freiheit während der Pandemie.
Nach soviel Kultur an einem Tag ist es für uns genug und wir begeben uns auf den 1 1/2stündigen Rückweg nach Stara Zagora. Morgen brechen wir hier wieder die Zelte ab und fahren nach Burgas, wo wir auch ein Appartement gebucht haben.


Sonntag 10.10.21 Burgas
Wir sind ab heute in Burgas und machen den ganzen Tag nicht viel mehr als hierhin zu fahren, einzuziehen und unser supertolles Apartment zu genießen. Bevor wir uns auf den Weg machen, kaufe ich mir im Humana Store in Stara Zagora second hand einen Fleecepulli. Die Temperaturen gehen inzwischen doch schon ganz schön runter und ich habe nur ein etwas wärmeres Oberteil mitgenommen. Danach fahren wir los. Auf der Autobahnstrecke von Stara Zagora nach Burgas gibt es fast nur endlose Weite. Dieses Mal keine Wälder, sondern nur landwirtschaftliche Flächen und Steppe. Bulgarien ist wirklich erstaunlich wenig besiedelt, das war mir zuvor gar nicht so bewusst. Es sind kilometerweit keinerlei Häuser zu sehen. Ich weiß nicht, wo die Bauern, zu denen die Felder gehören, eigentlich wohnen.
Wir fahren also durch bis Burgas und unterwegs hellt sich auch das Wetter etwas auf. Unser Appartement befindet sich im 6.Stockwerk eines neueren Hochhauses, und in der Ferne sieht man das Schwarze Meer. Es ist total schön, modern und geschmackvoll eingerichtet. Das Schlafzimmer ist mit offener Treppe oberhalb des Wohnzimmers mit Küchenzeile, Essecke und Bad. Auf beiden Etagen gibt es einen Balkon. Ab morgen werden wir die Umgebung erkunden.

Montag 11.10.21 Burgas
Auf unserer Entdeckungsreise durch Burgas stellen wir fest, dass der Ort nicht gerade sehr spannend ist, also unternehmen wir eine für Touristen wohl recht ungewöhnliche Tour: nämlich durch alle Second Hand Klamottenläden, derer es 7! gibt 😂. Wir werden auch fündig und sind am Abend um zwei Jacken und zwei Laufshirts reicher. Bei unserer letzten Wohnung haben wir uns ein paar Klamotten im Waschtrockner kaputtgemacht. Die eingestellten 40Grad bezogen sich anscheinend nur auf den Wasch- nicht auf den Trockenvorgang. Man kann die Jacken zwar noch anziehen, aber sie sind verzogen und Stefans auch geschrumpft. Wie gut, dass wir zwar im Allgemeinen Markenware kaufen, aber immer gebraucht für wenig Geld. Wir werden wohl vor der Abreise eine Kleidersammlung etwas reicher machen und die für uns neuen Sachen anziehen. Nach dem Kaufrausch gehen wir zum Meer und wollen uns die Sandfiguren ansehen. Wir hatten zwar von unserer Tochter gehört, dass es sich nicht lohnt und auch die Rezensionen im Internet sind von Enttäuschung geprägt, aber die Sandkunstwerke sind nun mal eines der wenigen Sehenswürdigkeiten hier. Wir haben besonderes Pech: es sind nicht nur wenige Sandfiguren dort, sondern gar keine mehr. Der Sand ist zu großen Sandhaufen zusammengeschoben worden, die wohl auf die Künstler im kommenden Jahr warten. Ganz nett ist jedoch der Seaside Park. Man kann sich gut vorstellen, wie im Sommer die Strandbesucher hier einen schattigen Rückzugsort finden und an den Picknickplätzen ihre Mahlzeiten einnehmen können. Das Schwarze Meer ist heute ganz schön aufgewühlt und gibt dem einzigen Kitesurfer im Wasser gut etwas zu tun. Auch uns pustet der Wind ganz schön ins Gesicht. Am späten Nachmittag kehren wir in unsere Wohnung zurück und beginnen eine Netflixserie anzusehen.

Dienstag 12.10.21 Burgas/ Salzmuseum/ Pomorie
Es gießt in Strömen und gewittert. Stefan kommt pitschnass vom Joggen, sodass wir entscheiden, heute einen Tag im Appartement zu verbringen. Wir halten das ungefähr bis Mittag aus, dann entscheiden wir uns, nach Nessebar zu fahren. Es lässt gerade etwas nach mit dem Regen. Als wir uns jedoch unserem Ziel nähern, gießt es wieder und die Straße steht teils zentimeterhoch unter Wasser. Auf dem Parkplatz vor der Altstadt bekommen wir es dann doch mit der Angst zu tun. Aus den Gullis sprudelt das Wasser hoch, sodass bereits eine tote Ratte in der Pfütze schwimmt und das Wasser in der Bucht auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist kurz vorm Überlaufen. Das ist uns dann doch zu heikel. Wir wollen unser Auto nicht auf Amphibienfähigkeit prüfen und auch nicht bei der Stadtbesichtigung durch andere Autos geduscht werden, also brechen wir wieder auf in Richtung Burgas. Unterwegs kommt mir das Salzmuseum in Pomorie in den Sinn, auf halber Strecke zum Appartement. Als wir dort ankommen, ist es relativ trocken von oben, sodass wir nicht nur das Salzmuseum besuchen, sondern auch noch dem Ort einen Besuch abstatten und entlang des Wassers bis zum Hafen laufen. Der Ort ist sehr auf Touristen eingestellt. Jetzt im Herbst haben in der Fußgängerzone die meisten Geschäfte geschlossen. Auf dem Rückweg kommen wir noch an einem thrakischen Hügelgrab vorbei, was aber auch bereits geschlossen hat. Die Zufahrt ist zwar noch möglich, aber es ist niemand dort und das Tor zum Grab verschlossen. Immerhin haben wir aber doch noch ein wenig gesehen an diesem Tag.

Mittwoch 13.10.21 Burgas/ Sosopol/ Nos Agalina/ Blatoto Alepu/ Rapotamo Nature Reserve/ Achtopol
Die Sonne hat uns wieder oder wir sie, also machen wir uns heute auf zu einer großen Erkundungstour Richtung Süden. Das erste Ziel ist Sosopol. Die Altstadt und die Felsküste ist wirklich schön, aber sie scheint nur für Touristen zu sein. Wenn die nicht kommen, werden die Bordsteine hochgeklappt. Hier ist bis auf zwei, drei Geschäftchen wirklich alles dicht. Wir denken erst, es wäre ein Feiertag oder Lockdown, aber es ist wohl nur Saisonende. Es ist schön, den Ort fast für sich zu haben, aber auch ein wenig traurig. Weiter geht die Fahrt nach Süden auf der Suche nach dem Naturschutzgebiet Blatato Alepu, wo das Navi uns in eine total enge und kaputte Straße führt, in der Stefan fast nicht mehr wenden kann. Danach landen wir nochmals in einem Aus und plötzlich steht die Polizei hinter uns. Ich habe schon Bammel, dass wir irgendein Verbotsschild übersehen haben, aber sie fragen nur, ob wir ein Problem hätten. Nein, kein Problem, also fahren sie wieder und wir kehren ebenfalls zurück auf die Hauptstraße. Letztendlich finden wir aber alle gesuchten Stellen. Wir besuchen Nos Agalina, eine Felsenspitze unterhalb von Sosopol, beim wunderschönen Naturschutzgebiet Blatoto Alepu, neben dem ein wirklich hübsches Resort ist. Der Strand daneben ist Natur pur und wunderschön. Beim Rapotamo Nature Reserve kann man eigentlich Kahn fahren, aber auch hier ist alles schon im Wintermodus. Zu guter Letzt statten wir noch Achtopol, einem kleinen Städtchen weit im Süden, einen Besuch ab. Hier sind selbst die Straßenleuchten schon für den Winter eingepackt. Zum Glück kann man die Natur nicht einpacken, sodass wir auf den Felsen bis zum Leuchtturm balancieren können, unter uns braust das Wasser und spritzt zwischen den Felsspalten hoch. Ein paar Angler sitzen auf den Felsen und versuchen ihr Glück bei der Beschaffung ihres Abendessens. Es ist wirklich schön dort und das Örtchen eigentlich auch ganz nett. Ein paar Künstler scheinen hier zu leben. Mehrere Häuserwände sind mit Gemälden verziert.
Eine schöne Abwechslung zu den grauen Betonblocks im Ost-Design, häufig stark vom Verfall gezeichnet, die einen in jeder Stadt triest anblicken. Vielleicht sind die Wohnungen darin ganz ok und gut eingerichtet. Wir hatten das vor vielen Jahren einmal bei einem Servas Aufenthalt in Litauen und auch unsere Ferienwohnungen sind ja immer pico bello. Das Äußere der Häuser und die Treppenhäuser sehen zumindest in den meisten Fällen schlimm aus – abgeschlagene Farbe an Türen, Fenstern und Wänden, verrostete Balkone, herausgerissene Briefkästen etc. Der Wohlstand hält sich in Bulgarien noch ziemlich in Grenzen.

Donnerstag 14.10.21 Nessebar/ Varna
Wir haben Glück und können heute trockenen Fußes Nessebar erkunden. Die Altstadt, anerkannt als Weltkulturerbe, ist wirklich sehr schön mit vielen Gemäuern aus byzantinischer Zeit, Kopfsteinpflaster und einer fantastischen Lage auf einer Landzunge im Schwarzen Meer. Aber auch hier haben höchstens 10% der Geschäfte und Restaurationen geöffnet, dafür haben wir die Altstadt mit einer Hand von Touristen für uns. Ich kann mir gut ausmalen, wie überlaufen die Gassen in der Hochsaison sind, wenn auch Kreuzfahrtschiffe hier anlegen. Nach Nessebar geht es dann eine ganze Weile Richtung Norden, vorbei am Sonnenstrand, dessen Appartmentanlagen nicht sehr anziehend wirken und uns meist den Blick aufs Meer versperren. Danach steigt die Straße mehrere hundert Meter an, und wir fahren wieder lange durch unbewohnte Gegenden, vorbei an großen Wäldern. Wenn ich Wälder sage, meine ich nicht kleine Aufforstungen wie bei uns, sondern wirklich dichte, ursprüngliche Wälder, wo selten einmal Wege durchführen. Kein Wunder, dass es in Bulgarien noch Bären gibt. Ich bin immer wieder erstaunt, dass es solche Wälder in Europa noch gibt, vor allem so häufig wie hier in Bulgarien. Dann führt die Straße zurück ans Meer nach Varna
Hier brauchen wir keine Angst vor verschlossenen Geschäften und menschenleeren Straßen zu haben. Laut unserem Vermieter gibt es in Varna keine Saison. Hier wird studiert und geheilt. Man kann außer Wirtschaft hier vor allem Medizin studieren und mehrere Krankenhäuser sind vor Ort. Im Internet wird Varna zwar als Strandresort beschrieben und natürlich gibt es hier auch Strand und einen Seepark, aber was wir bisher gesehen haben, sieht einfach nur nach Großstadt aus. Man fährt auf einer 6-spurigen Straße in die Stadt, vorbei an einem Armutsviertel mit zerfallenen Hütten, wo gerade eine am qualmen ist, hinein in die betonierte Hochhauswüste. Wie in den meisten Städten hier und in anderen ehemals sozialistischen Ländern sind die Häuser alle so um die 6-10 Stockwerke hoch und meist ziemlich breit, oder viele nebeneinander, sodass man eigentlich nur endlose Betonwüsten sieht. Im Erdgeschoss oder in niedrigeren Bauten sind dazwischen kleine Läden, Apotheken, Restaurants. Wir wohnen ebenfalls in einem siebenstöckigen, allerdings nicht nach Zerfall aussehendem Gebäude im 6.Stock und haben wieder ein gemütliches Appartement. Von uns bis in die Fußgängerzone oder zum Sea Garden, einem Park hinter dem Strand, ist es allerdings recht weit zu laufen, sodass wir am Abend noch fast 10km durch die Stadt laufen. Ich habe bei der Wahl der Unterkunft auf eigene Parkplätze geachtet, weil ich gelesen habe, dass Parken in Varna ein Problem ist. Nun haben wir zwar unseren festen Parkplatz, dafür laufen wir uns die Füße platt. Wir müssen morgen mal gucken, ob wir herausfinden können, wie und wo die Busse fahren. Bei Google maps sind sie leider nicht angegeben. Ich möchte morgen unbedingt in das Museum für Medizingeschichte. Hoffentlich haben die auch Übersetzungen ins Englische.

Freitag 15.10.21 Varna/ Kloster Aladja/ Kaliakra
Ein spannender Tag liegt vor uns. Unser erster Besuch gilt, wie von mir gewünscht, dem Medizinhistorischen Museum in Varna. Ich finde es interessant zu sehen, wie aus archäologischen Fundstücken von 4000 vor Christi bis ins 14.Jahrhundert Rückschlüsse auf Kenntnisse und medizinische Methoden der Zeit gezogen werden können. Gebohrte Löcher in Schädeln weisen auf bereits sehr frühe medizinische Maßnahmen hin. Instrumente und andere Funde zeigen auch Methoden und Mittel von Heilern. Das Museum streicht heraus, wie rasant sich die medizinische Wissenschaft seit der Gründung Bulgariens 681 entwickelte. Die Ausstellung ist untergebracht im ersten Krankenhaus Bulgariens. Es wurde errichtet von dem Nachlass eines ehemaligen Bürgers der Stadt, der dieser nach seinem Tod eine beträchtliche Summe hinterließ. 1869 wurden hier die ersten Patienten behandelt. Im Laufe der Jahrzehnte diente es als Cholera Quarantäne Zentrum, Militärhospital, Anti-Tollwut Station, Bakteriologisches Zentrum, Gesundheits- und Anti-Epidemisches Zentrum, sowie als Institut für Hygiene und Epidemie und ist heute ein kulturelles Monument. Aus dem letzten Jahrhundert enthält die Ausstellung Gerätschaften aus der Zahnmedizin wie Zahnarztstuhl mit fußbetriebenem Bohrer, Röntgengeräte und eine gynäkologische Praxis. Leider befindet sich die historische Apotheke gerade im Umbau.
Nach der Medizingeschichte schwelgen wir im Gedanken in den Bädern der Römer. Mitten in der Stadt sind die Überreste einer riesigen römischen Therme und anhand von Zeichnungen kann man sich hervorragend vorstellen, welch großartiger Wellness-Tempel das gewesen sein muss. Es gibt auch heute noch zahlreiche Thermalbäder in Bulgarien mit unterschiedlichsten Heilquellen. Wir würden uns liebend gerne mal in solch einem Hotel einquartieren und verwöhnen lassen, aber bei einer Inzidenz von über 230 erscheint uns das keine gute Idee🤷‍♀️
Wir verlassen Varna gegen Mittag Richtung Norden zu weiteren Erkundungen. Erstes Ziel ist das Kloster Aladja. Es ist vielleicht nicht das prunkvollste Kloster, aber für mich das bisher beeindruckendste. Im 13.-15.Jahrhundert schufen sich hier Mönche in einem Kalksteinfelsen ein Kloster. Mit Holzleitern konnten sie die unterste Ebene erreichen, weiter hoch schlugen sie Stufen oder nutzten wiederum Holzleitern. So lebten sie dort in dieser Felswand und beackerten die Fläche davor. Unglaublich!
In Kaliakra bestaunen wir von einer archäologischen Ausgrabungsstätte aus die beeindruckende Steilküste unter uns. Wie auf Helgoland weist der Fels rote Färbungen und weiße Streifen auf. Noch weiter nördlich an der Küste sehen wir ein paar einsame Ölförderpumpen vor sich hinarbeiten und eine Ansammlung Baracken und schrottige Wohnwagen, wo augenscheinlich die Fischer wohnen, deren Boote ein Stück weiter im Wasser vor sich hin dümpeln. Eigentlich würden wir gerne noch Yaylata besuchen, eine historische Höhlenstadt, aber die Polizei schickt uns und andere Autos zurück. Es sei keine Besichtigung möglich, weil vor der Küste ein Schiffsunglück passiert sei. Wir hoffen, dass dabei keine Menschen zu Schaden gekommen sind.

Samstag 16.10.21 Varna / Kap Galata / Beloslav Rocks
Da es heute Morgen regnet, lassen wir uns Zeit beim Frühstück und brechen erst gegen Mittag auf Richtung Kap Galata im Süden von Varna. Unser erster Stopp ist ein Observation Deck, von dem wir aber nichts als Nebel erkennen können. Beim Leuchtturm am Kap wird es dann interessanter. Varna wirbt auf seiner Tourismusseite mit dem einsamen Strand, der beschwerlich zu erreichen ist, weil man erst zu ihm hinuntersteigen muss. Was aber unser Interesse zuvor erweckt, ist nicht der Strand, sondern das Gebäude beim Leuchtturm. Ein zerfallenes Gebäude, über und über mit Graffiti, was aber nicht abgesperrt ist. Es gibt nur ein Warnschild, dass man nicht schwimmen gehen soll, weil keine Bewachung da sei. Wir gehen auf Erkundung. Eine nur noch in Ansätzen erhaltene Treppe führt in die obere Etage. Man kann durch die Räume laufen, von denen viele gefliest sind, Müll türmt sich auf den Böden und überall sind bunte Graffiti an den Wänden. Es ist spannend und auch ein wenig gruselig. Als zwei jüngere Männer kommen frage ich sie, ob sie wüssten, was das mal für ein Gebäude gewesen sei. Erfreulicherweise sprechen sie Englisch und erzählen, dass es sich um ein ehemaliges Restaurant handele, das in den 70igern einem Erdrutsch zum Opfer gefallen sei. Man kann dort überall in den Ruinen herumlaufen. Undenkbar für deutsche Verhältnisse. Bei uns wäre sicher alles abgesperrt und mit Warnschildern gespickt. Im Anschluss laufen wir die Stufen an der Steilküste hinunter und kommen zu einem Hotel, das zwar wohl noch kein Lost Place ist, aber wenn es nicht dringend ordentlich saniert wird, wohl bald einer wird. Es ist geschlossen und sieht aus, als wäre seine letzte Saison nicht in diesem Sommer gewesen. Auf einem Steg versucht ein einsamer Angler sein Glück. Rechts und links des Hotels befindet sich je ein kleiner Strand. Die Wellen peitschen aber so an Land, dass mich hier niemand zum Baden bewegen könnte. Im Wasser tummeln sich zahlreiche Quallen. Wir gehen zurück zum Auto und fahren noch ein Stück weiter die Küste hinunter bis zu einer Stelle, wo Stefan etwas von Strand im Internet gelesen hat. Schätzungsweise ist das der auf der Internetseite beschriebene, denn es gehen sage und schreibe 494 Stufen zu ihm hinunter! Ein kleiner, einsamer Strand mit dicken Findlingen liegt vor uns. Stefan meint in der Ferne eine Robbe liegen zu sehen, aber damit liegt er falsch, also steigen wir die vielen Stufen der bewaldeten Küste wieder hinauf.
Unser nächstes Ziel sind die Beloslav Rocks knapp 30km westlich von Varna. Das Navi führt uns direkt auf einen Friedhof, was wir erst merken, als wir bereits vor den Gräbern stehen. Also fahren wir rückwärts wieder raus und gehen zu Fuß weiter. Auf einer hügeligen, mit Gräsern, Kakteen und Moosen bewachsenen Fläche liegen ein paar fette Steine herum. Stefan meint aber, die wären es nicht. Das Besondere an ihnen soll sein, dass sie rund sind. Einen runden findet er, dann dränge ich zur Rückkehr. Es beginnt wieder zu tröpfeln und ich habe keine große Lust in der Gegend herumzusuchen, wo irgendjemand runde Steine gefunden und die Bilder ins Internet gestellt hat. Aber ein kleiner Käfer findet meinen Gefallen, der auf den interessant bewachsenen Steinen herumkrabbelt. Den halte ich filmisch fest
Auf dem Weg nach Hause beginnt es wieder heftiger zu regnen, und wir fahren durch enorme Pfützen. Entweder hat es in der Zwischenzeit in Varna heftig gegossen, oder die Kanalisation hat kaum Fassungsvermögen. Zum Glück haben wir einen überdachten Privatparkplatz bei unserem Appartement, sodass wir in Ruhe unseren Einkauf aus dem Auto holen und mit Schirm zur Haustür gelangen können. Morgen geht die Reise weiter nach Russe an die rumänische Grenze. Varna werde ich nicht vermissen. Es hat zwar kulturell sicher viel zu bieten, einen schönen Park unten am Strand und Kneipen und Restaurants zuhauf, aber diese chaotischen Straßen, der viele Verkehr, die Betonwüsten von Häusern, verfallene Baracken und großer Hafen ist mir zuviel. Ich hoffe, Russe ist wieder etwas beschaulicher.

Sonntag 17.10.21 Russe/ Madara Festung
Neuer Tag, neues Ziel. Wir sind jetzt in Russe an der Donau und könnten fast nach Rumänien spucken. Auf der Strecke haben wir an einer faszinierenden Festung, der Madara Festung, Halt gemacht. Sie ist Weltkulturerbe und ist wirklich beeindruckend. Es gibt Höhlen, wo Menschen bereits vor 200000 Jahren gelebt haben. Zur Festung geht ein steiler Pfad mit Bruchsteinstufen an der Felswand hoch. Oben angekommen bietet sich uns ein unglaublicher Blick auf die Umgebung, die Stadt Schabla, die wunderschön herbstlich gefärbten Wälder und endlosen Felder. Dort oben wird klar, warum gerade hier die Festung errichtet wurde. Kein Feind konnte unbemerkt dort hochkommen. Die Festung hatte nicht die normale Burgform, sondern wurde der Ebene auf den Felsen angepasst. In schwindelnder Höhe wurde das wohl älteste bulgarische Kunstwerk in den Fels geritzt, ein Reiter mit Pferd in Siegerpose, bekannt als der Reiter von Madara. Nach der beeindruckenden Wanderung fahren wir weitere 1 1/2Std. bis Russe und beziehen unsere Wohnung, dieses Mal ohne Wohnzimmer, aber wieder mit super ausgestatteter Küche inklusive Geschirrspüler, den wir sicher nicht brauchen und Waschmaschine und Trockner, was absolut toll ist. Schön ist es auch, mal wieder eine Dusche mit Duschabtennung zu haben und nicht das ganze Bad zu duschen. Das Haus ist eines dieser verfallen aussehenden Wohnblocks, wo man sich unmöglich vorstellen kann, zu wohnen, aber dann total überrascht ist, wie komfortabel und sauber die Wohnungen darin sein können. Man darf eben nicht nur nach dem äußeren Schein gehen. Am Abend brechen wir noch zu einem Spaziergang durch die Stadt auf, weil die meisten Städte mit ihren beleuchteten Fontänen und angestrahlten Gebäuden am besten aussehen. Man sieht dann nicht ganz so viel von der Baufälligkeit der Mehrzahl der Gebäude in den Städten. Russe strahlt für mich einen besonderen Charme aus, denn es hat viele alte Häuser mit Stuck, und die Straßen mit ihrer etwas dürftigen Beleuchtung, die ein Gefühl zwischen Romantik und Grusel hervorrufen, erinnern mich an unseren Pragbesuch in den 80igern, also mitten in der sozialistischen Ära. Die Häuser sind meist bei näherem Hinsehen dringend renovierungsbedürftig, also mehr shaby als schick, dennoch strahlen sie den Reichtum längst vergangener Zeiten aus. Russe wird auch das Wien Bulgariens genannt. Wir erlaubten uns mal wieder essen zu gehen bei Happys, was gut ist, aber preislich mit deutschen Restaurants mithalten kann. Schokierend finde ich das Verhalten eines Mannes am Nachbartisch. Wir sitzen, genau wie er und sein Tischkollege, im abgetrennten und überdachten Bereich vor dem Restaurant. Beide rauchen und auf einmal zieht er geräuschvoll seinen Rotz hoch und spukt auf den Boden neben seinem Tisch und das zu Coronazeiten! Kurz drauf geht zwar der Kellner zu den Beiden, aber ob er den Gast auf sein Verhalten anspricht, lässt sich nicht sagen. Auch zuvor unterhielt sich eine weibliche Bedienung längere Zeit mit den zwei Typen und setzte sich sogar mit an den Tisch, was für mich ehr darauf hinweist, dass es sich entweder um Stammgäste handelt oder sie in sonstiger Weise mit dem Restaurant in Verbindung stehen. Auf dem Rückweg gehen wir noch ein Stück oberhalb der Donau entlang.

Montag 18.10.21 Russe/ St. Dimitar Basarabovski/ Felsenkirchen von Ivanovo/ Rusenski Lom Naturpark/ Festung Cherven
Wir sind wieder auf historischer Klostertour, und die Klöster wurden hier im Mittelalter häufig in den Felswänden eingerichtet. Zum Teil wurden wohl die natürlichen Höhlen, derer es zahlreiche gibt, genutzt, oder es wurden Höhlenräume für Mönchszellen, Krypta, Kapelle etc hineingeschlagen. In die luftigen Höhen kam man per Holzleitern. Warum man es sich so schwierig gemacht hat, ist mir nicht klar. Wahrscheinlich ging es um die Abgeschiedenheit. Unser erstes Kloster ist das St. Dimitar Basarabovski. Weiter geht es zu den Felsenkirchen von Ivanovo. Beide liegen in wunderbarer Natur voller Felsen und herbstlicher Wälder. Wir wandern daher auch noch ein wenig durch den Rusenski Lom Naturpark bei den Felsenkirchen. Als letztes Ausflugsziel fahren wir zur Festung bzw mittelalterliche Stadt Cherven, ebenfalls auf einem Felsplateau. Anhand von englischen Beschreibungen kann man die Mauerreste ihren ursprünglichen Funktionen zuordnen. Auffällig ist, dass es in dieser Festungsanlage erstaunlich viele Kirchen gab. Es gibt auch Ruinen von Läden und Handwerksbetrieben, aber wo all die Menschen, die diese Einrichtungen nutzten gelebt haben, ist mir nicht ganz klar. Nachdem wir im Imbiss bei der Festung noch Pommes mit bulgarischem weißen Käse (Schafskäse)genannt Sirene und dazu den bulgarischen Salat Schopska, d.h. Tomaten, Gurken, Peperoni und wiederum weißem, bulgarischen Käse gegessen haben, ist unser Bedarf an Klöstern und Festungen auf Felsen gesättigt, und wir fahren zurück nach Russe und bummeln noch einmal bei hellem durch die Altstadt. Klar könnte man an vielen der alten Gebäuden noch eine Menge sanieren, dennoch gefällt mit die Stadt recht gut. Mir gefällt auch die Vielzahl der Parks und Plätze mit Wasserspielen und Fontänen, die nahezu jede größere Stadt hier hat. Das absolute Plus Bulgariens ist aber seine Natur. Es ist unglaublich, wieviel Wald, Felsen und Berge es hier gibt und wie wenig besiedelt es ist. Fährt man dann mal durch Ortschaften, ist erschreckend deutlich, wie stark die Landflucht umsich greift. Es sind unendlich viele Gebäude leerstehend und dem Verfall Preis gegeben. Das wirkt häufig ganz schön deprimierend. Auch in den Städten ist die Armut unübersehbar, das können auch die neuen Malls oder Boutiquen und Restaurants in den Einkaufszonen nicht verdecken. Was seit den letzten Tagen, bzw Abenden, an denen es schon merklich kühler wurde, auch verstärkt auffällt, ist der Gestank nach Braunkohle. Da ist er wieder, der Osten, wie man ihn aus sozialistischer Zeit kennt. Im Winter möchte ich hier nicht sein. Das fällt mir besonders hier im Gebiet unserer derzeitigen Wohnung auf. Nachts ein Fenster aufzulassen ist ein No-Go.

Dienstag 19.10.21 Russe/ Park Lipnik
Da wir unsere FeWo bis morgen gebucht, aber die Highlights schon alle abgegrast haben, stellt sich heute Morgen die Frage nach dem Tagesprogramm. Die Sonne lockt zum Wandern, aber wir tun uns schwer, noch ein Ziel in der Nähe zu finden. Wir fahren also zuerst ein paar Kilometer östlich aus der Stadt raus, wo Stefan einen möglichen Weg entlang der Donau bei Komoot gefunden hat. Es ist letztendlich nur eine Runde von 3,5km, aber ganz nett, in einsamer Landschaft. Danach finde ich bei Google den Park Lipnik, etwas weiter südlich. Es erweist sich als ein schönes Ausflugsgebiet mit See, Teichen, Waldwegen mit Ziegenkäfig, Spielplätzen etc. Dort leuchten in schönstem Orange zweiteilige Sumpfzypressen (wie gut, dass es eine Erkennungs -APP gibt😂) und hüpfen lustig Frösche in den Teichen. Auch hier drehen wir eine kleine Runde und kehren danach in dem Seebistro zum verspäteten Mittagessen ein: frittierte, panierte Käsewürfel, Tomatensalat und Pommes. Den Rest des Tages relaxen wir in unserer Unterkunft. Morgen ziehen wir für eine Nacht in ein Hotel in Schumen. Dort werden wir einem Stück bulgarischem architektonischen Brutalismus begegnen.

Mittwoch 20.10.21 Schumen/ Monument 1300 Jahre Bulgarien/ Tombul Moschee
Wir sind jetzt in Schumen, und diese Stadt liegt zu Füßen des wohl hässlichsten, aber gleichzeitig beeindruckendsten Monuments, was ich je gesehen habe, des Monuments „1300 Jahre Bulgarien“. Es ist den Gründern des bulgarischen Staates gewidmet. Da kommen nicht mal kubanische Denkmäler mit! Es wurde 1981 zum 1300. Jahrestag der Gründung des bulgarischen Staates im kubistischen Stil errichtet und ist das Werk einer Künstlergruppe unter Leitung von Prof. Krum Damjanov. Das Denkmal ist gigantisch groß und man sieht es kilometerweit, bevor man die Stadt überhaupt sieht. Wie zu einem Schloss führt eine lange, breite Treppe von der Stadt hinauf bis zum Monument. Eingebettet in einem Park liegt es neben einer Sternwarte und einem Gebäude mit Hochzeitssaal, sodass man sich zu Füßen der Gründungsväter das Ja-Wort geben kann. Na, wenn das nichts ist😂
Nach dieser erschlagenden Sehenswürdigkeit fahren wir in die Stadt zu unserem Barockhotel. Da wir nur eine Nacht hierbleiben, haben wir dieses Mal ein Hotel gewählt statt einer FeWo. Leider haben wir einen sehr ungünstigen Tag erwischt, denn die ganze Stadt hat heute kein Wasser. Es wird wohl irgendwas repariert. Das Hotel hat einen Notbehälter, aber alle Gäste werden dazu aufgefordert, nur Wasser für das Nötigste zu verwenden. Ab 5Uhr morgen früh hoffen sie, dass wieder alles normal läuft – wir auch, denn wenn Stefan vom Joggen kommt, braucht er schon eine Dusche. Naja, wir sind vom Wohnmobil ja Sparsamkeit gewöhnt🤷‍♀️
In der Stadt besuchen wir die zweite Sehenswürdigkeit, die Zentralmoschee oder auch Tombul Moschee von 1744. Sie ist die größte Moschee Bulgariens, die zweitgrößte des Balkans und wurde als eines von 100 Kulturdenkmälern nationaler Weite erklärt. Ihr angeschlossen sind in demselben Komplex eine Koranschule, eine Grundschule und eine Bibliothek. Sie liegt etwas außerhalb des Zentrums, da sich die Stadt nach ihrem Bau in eine Richtung ausgedehnt hat. Wir wandern von der Moschee Richtung Zentrum und sehen noch weitere Betonsünden. Ein grauenhafter Betonturm zum Beispiel ist schräg gegenüber unseres Hotels. Soweit man sehen kann, ist es ein unvollendetes und dann vor sich hinrottendes Gebäude, aber auf der Karte bei Google hat es anscheinend Verbindung zu irgendeinem Finanzinstitut?! Außerdem haben wir noch ein riesiges, ebenfalls unfertiges, aber bereits verfallenes Gebäude in der Stadt gesehen. Auch mehrere Hotels sind große Betonkästen, die vor Hässlichkeit schön sind. Es gibt hier im übrigen echt viele Hotels, dabei weiß ich wirklich nicht, wofür. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Touristen hier über Nacht bleiben. Im Gegensatz zu anderen Städten fällt aber auch auf, dass die Häuser der „normalen“ Bevölkerung nicht so durchgängig heruntergekommen aussehen. Einige sind ordentlich verputzt, gestrichen oder sogar neu. Es ist wirklich eine merkwürdige Stadt🤔

Donnerstag 21.10.21 Schumen/ Weliko Tarnovo
Da wir in unserem Hotel kein Frühstück am Büfett einnehmen wollen, machen wir uns in Schumen noch einmal auf den Weg rund um unser Hotel. Ich will diesen hässlichen Turm von der Nähe sehen. Als wir ankommen, bin ich kein bisschen klüger, was das werden sollte. Auf jeden Fall ist er eine der vielen Bauruinen der Stadt in einer eigentlich ganz netten Fußgängerzone, mit auch älteren und recht gut erhaltenen Häusern mit Stuck und netten Geschäften. In Bulgarien kann man lange suchen, um ein Frühstückscafé zu finden, es gibt sowas einfach nicht. Wir finden aber eine Konditorei und essen auf der Terrasse jeder ein gigantisches Stück Schokotorte mit Nüssen und vermutlich Karamell. Es ist auf jeden Fall sehr mächtig und die reinste Kalorienbombe zum Frühstück. Dann fahren wir in Richtung unseres neuen Ziels, Weliko Tarnovo. Die Stadt war 1186 Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reiches. Bulgarien verschwand in den 1340 Jahren seit seiner ersten Gründung immer wieder von der Landkarte und wurde von unterschiedlichen Eroberern vereinnahmt. Die Brüder Assen und Peter befreiten es 1186, wofür ihnen in der Stadt zum 1300. Jahrestag ein typisch sozialistisches Denkmal gesetzt wurde. Veliko Tarnovo liegt an den Hängen des Balkangebirges, oberhalb des Flusses Jantra, was ihr einen besonderen Charme und schöne Ausblicke verleiht. Die älteste Straße, Ul.General Gurski, ist eine schmale Gasse mit sehr schönen alten Häusern, die häufig von Künstlern bewohnt werden und auch einem tollen Restaurant mit uriger Terrasse, auf der wir heute mit Käse gefüllte Peperoni in Joghurtsauce und einen Schopska-Salat, den typischen bulgarischen Salat mit Tomaten, Gurken und Schafskäse verzehren.
Auf dem Rückweg zum Appartement kommen wir durch das Ethnoviertel mit vielen hübschen Lädchen mit tollen, kreativen Kunsthandwerksstücken wie Kännchen, Tassen, Figuren, Webarbeiten etc. Auf dem zentralen Markt kaufen wir uns leckere bulgarische Tomaten und Weintrauben und kehren damit in unser Appartement zurück. Dieses ist diesmal ziemlich klein. Eine winzige Küchenzeile, ein kleines Bad und im Schlafzimmer ein Tisch zum Essen und ein kleines Sofa. Es reicht, aber bedarf einer Umstellung, nachdem wir zuvor immer so geräumige Prachtwohnungen hatten. Wir haben auch hier wieder das Pech, dass tagsüber in der Stadt die Wasserleitung repariert wird und in keinem Haus das Wasser läuft. Zum Glück konnten wir heute Morgen in Schumen wieder duschen und heute Abend haben wir auch hier wieder Wasser. Auf Duschen kann man ja noch verzichten, aber Toilette und Händewaschen ist schon elementar.

Freitag 22.10.21 Weliko Tarnovo / Lost Place Textilfabrik/ Love Swing/ Darnowo
Anhand einer Internetseite habe ich einen berühmten und gut zugänglichen Lost Place bei Veliko Tarnovo herausgefunden. Eine alte, stillgelegte Textilfabrik aus der sozialistischen Ära. Im Gebäude sind riesige Graffitis. Die Bilder sind unglaublich gut. Besonders ein großes, mit den Gesichtern der Arbeiter.
Nach diesem Blick in die Vergangenheit machen wir uns auf zur Liebesschaukel. Es ist eine breite Schaukel an langen Ketten an zwei Bäumen befestigt, und man schaukelt hoch oben über der Felskante des Balkangebirges. Bereits der Wanderweg dorthin führt haarscharf an der ungesicherten Kante entlang, sodass in ein paar Google Rezensionen davor gewarnt wird. Obwohl ich nicht die Trittsicherste bin, schaffe ich ihn ohne Probleme. Man darf nur nicht runtergucken beim Laufen und sollte den Weg nicht nach Regen laufen. Wenn die Erde dort oben feucht und rutschig ist, kann es wirklich gefährlich werden. Der Blick von oben ist auf jeden Fall sagenhaft. Danach fahren wir noch in das Städtchen Drjanowo, was aber nur langweilig ist. Zumindest eine gute Pizza können wir dort essen. Stefan meint, 60cm Durchmesser wären nicht groß für uns beide – er wird eines anderen belehrt😂Wir lassen den Rand übrig, essen sonst aber alles auf. Danach verbringen wir einen faulen Abend im Appartement.

Samstag 23.10.21 Veliko Tarnovo/ Gefängnismuseum/ Museum für Illusionen
Heute ist noch einmal Veliko Tarnovo angesagt. Wir besuchen zuerst das Gefängnismuseum, das Mitte des 19Jhdt als Gefängnis eröffnet und 1954 geschlossen wurde. Hier wurden anscheinend vor allem Freiheitskämpfer gefangen gehalten und gefoltert. Nach diesem gruseligen Museum haben wir viel Spaß im Museum für Illusionen. Es gibt zahlreiche Sinnestäuschungen, die man auch als Selfies fotografieren kann. Es ist wirklich toll, würde aber noch bedeutend mehr Spaß machen, wenn die Mitarbeiter sich an Coronaregeln halten würden. Obwohl sie auf der Webseite auf 3G hinweisen, prüfen sie es nicht, tragen keine Masken, achten bei den Besuchern nicht darauf und bieten sogar Maskenträgern an, bei den Selfies ihre Masken abzunehmen. Noch dazu ist es ziemlich voll als wir da sind, und wir können nur mit Mühe vermeiden, anderen Besuchern zu nahe zu kommen. Das finde ich schon belastend, auch wenn ich meine Maske nie abnehme.
Danach sehen wir uns noch das ehemalige Interhotel von Veliko Tarnovo an. Zur Zeit wird es anscheinend renoviert, aber bis vor zwei Wochen muss es in einem Teil noch Gäste beherbergt haben. Es firmiert noch als 4* Hotel im Netz und hat die miesesten Rezensionen, die ich je gesehen habe. Die 2,9 Bewertung ist nur deshalb noch „so gut“, weil die Lage und der Parkplatz gelobt werden. Das Ding ist echt der Hammer!
Morgen fahren wir zu unserem vorletzten Ort, nach Plewen, und hoffen, dass uns das Wetter ermöglicht, noch eine Höhle und Wasserfälle unterwegs zu besuchen. Für morgen ist Regen angesagt.

Sonntag 24.10.21 Plewen/ Krushuna Waterfalls/ Devetashka Cave/ Lowetsch
Das angesagte Regenwetter hat sich als super tolles und sonniges Wetter herausgestellt👍! Das gefällt uns natürlich sehr, weil wir auf dem Weg nach Plewen ein paar Naturziele angepeilt haben. Unseren ersten Stopp machen wir bei den Krushuna Waterfalls. Das Gebiet ist Nationalpark und die Wasserfälle sind wirklich schön. Sie fallen über mehrere Felsstufen in die Tiefe. Von hier aus fahren wir zum Devetashka Cave. Die Höhle wirkt sehr wuchtig und riesig beim Betreten. Das besondere sind die Löcher, durch die man in den Himmel sieht. Schon 70000Jahre vor Christi lebten Menschen in der Höhle. Weiter geht die Reise nach Lowetsch. Wir versprechen uns nicht viel von der Stadt, sie liegt nur günstig auf unserer Strecke. Letztendlich überrascht sie uns aber positiv. Es gibt eine tunnelartige Holzbrücke, die innen mit Läden ausgestattet ist. Auf der anderen Seite kommt man zur Fußgängerzone mit einem Café, das umwerfend leckere Belgische Waffeln mit Obst, Sahne, Schokolade, Nüsse etc anbietet. Da kommen wir nun wirklich nicht dran vorbei😍. Von hier laufen wir zur Festung hoch und haben einen schönen Blick auf die tolle bulgarische Fels- und Waldlandschaft. Dann wird es Zeit, unser Appartement in Plewen aufzusuchen. Es ist in einem sehr modernen und neuen Haus und auch sehr geschmackvoll eingerichtet. Ab jetzt müssen wir jedoch mit unserer Kleidung sparen, denn bis wir wieder zuhause sind, haben wir nun keine Waschmaschine mehr.

Montag 25.10.21 Plewen/ Kaylaka Park/ Skobelev Park/ Vratsa
Heute ist „Entdeckung Plewen zu Fuß“ angesagt. Die Stadt hat, wie die meisten hier, eine ganze Menge an tollen Parks, und die werden auch gut genutzt von Eltern mit Kindern, älteren Leuten, Joggern, Kids mit Rollern, Liebespaaren oder Menschen, die auf den Bänken schlafen. Der erste Park heute, der Kaylaka Park, hat einen netten See mit Tretbooten, Kinderautos und Spielplätze und einen Zoo. Letzterer ist zwar schön gelegen vor natürlichen Felswänden, aber ich halte die Käfighaltung dennoch nicht für artgerecht. Vom Kaylaka Park suchen wir uns den Weg zum Skobelev Park. So schön die baumbestandenen Wege auch sind, laufen wir hier ständig an Kanonen vorbei. Ein Heldendenkmal und ein riesiges Gebäude, genannt Panorama-plevenska-epopeya-1877, mit dem an die Befreiung der Stadt 1877 erinnert wird. Drinnen scheint ein riesiges Schlachtpanorama zu sein, aber das können wir heute nicht sehen, da das Gebäude gerade seinen jährlichen Wartungstag hat. Evtl. gehen wir morgen noch rein, da am letzten Dienstag im Monat freier Eintritt gewährt wird. Danach fahren wir zu unserem letzten Ziel, nach Vratsa.

Dienstag 26.10.21 Vratsa/ Panorama Epopee 1877 / Prohodna Höhle
Bevor wir heute Morgen Plewen verlassen, besuchen wir noch das „Panorama Epopee 1877“ dieses gigantische Gebäude, das wir gestern im Skobelevpark gesehen haben. Es erinnert an die 5-monatige Belagerung Plewens im Russisch-Türkischen Krieg von 1877, bei dem Bulgarien nach 500Jahren osmanischer Herrschaft befreit wurde. Dabei verloren 35000 Menschen das Leben. In der großen Kuppel des Gebäudes wird auf einem 360⁰ Gemälde die Schlacht dargestellt. Vor dem Bild sind Kulissen mit Schützengräben, Waffen, Soldaten etc aufgebaut, um die Szene noch realistischer zu machen. Nach dem Besuch machen wir uns auf den Weg Richtung Vratsa, was nord- östlich von Sofia am Fuße des Balkangebirges liegt. Unterwegs stoppen wir in der Prohodna Höhle, die sehr beeindruckend ist. Viele beschreiben sie auch als Blick Gottes, weil sie oben zwei große Löcher hat und man das Gefühl haben kann, dass Gott direkt auf einen herunterguckt. Kurz drauf erreichen wir mit Vratsa unser letztes Ziel in Bulgarien. Wir haben hier „nur“ ein Studio mit Bad, also keine Küche mehr, dafür einen riesigen Balkon und Blick auf die Bergwelt. Leider wurde anscheinend in unserem Nichtraucherdomizil vorher geraucht, was ich immer sofort rieche. Da müssen wir jetzt wohl durch. Rauchen ist in Bulgarien allgemein noch viel verbreiteter, auch bei Gaststätten. Wir dachten eigentlich, dass es sich bei Vratsa nur um ein kleines Städtchen handelt, aber die Fußgängerzone ist fast so lang wie in Goslar, und der erste Eindruck ist wirklich nett. Morgen werden wir ein letztes Mal die Bergwelt erkunden, dann geht es übermorgen zurück nach Deutschland. Es wird höchste Zeit. Die Inzidenzwerte sind inzwischen bei 416! Wir haben unsere Einreiseanmeldung inzwischen erledigt und vom Landkreis Goslar das ok, dass wir nicht in Quarantäne müssen, weil wir geimpft sind.

Mittwoch 27.10.21 Vratza-Pass/ Montana
Die Sonne meint es an unserem letzten Tag noch einmal richtig gut mit uns. Wir nutzen das aus und fahren die Vratza- Pass- Straße, wo wir immer mal wieder aussteigen, etwas wandern oder einmal in einem kleinen Dorf einen Kaffee trinken. Die Straße ist wunderschön, mit moderater Steigung schraubt sie sich bis auf die Hochebene. Die Herbstfarben, der stahlblaue Himmel und dazu die schroffen Felsen des Gebirgszuges bilden das perfekte Panorama. Am Nachmittag entscheiden wir uns, noch das Städtchen Montana anzusehen, wovon wir aber sehr entäuscht sind. Es ist kein romantischer Gebirgsort, wie der Name vermuten lässt, sondern eine unpersönliche, hektische Stadt, bei der nur die Wasserfontänen etwas mit den Bildern bei Google gemein haben. Wir planen, hier unser verspätetes Mittag- oder verfrühten Abendessen einzunehmen, dafür wähle ich im Internet ein Restaurant aus, das auch vegetarische Speisen im Angebot hat. Der Griff ist so geschickt, dass dieses Restaurant genau bei den Wasserfontänen liegt und wir von der Terrasse einen schönen Blick haben. Was uns gefällt ist, dass direkt im Zentrum bei den Fontänen auch ein Park mit vielen Spielgeräten für Kinder und Trainingsgeräten für Erwachsene sind. Dort ist ungeheuer was los. Sie werden wirklich gut genutzt. Auch ein paar alte Herren sitzen draußen und spielen Karten. Die Straße zwischen Vratsa und Montana ist anscheinend die Haupt-LKW-Route in die Nachbarländer. Sie führt zur rumänischen und serbischen Grenze und, wie so oft, befindet sich an ihr auch der Strich und alte und junge Prostituierte warten darauf, dass aus der endlosen LKW Kolonne für sie ein Freier anhält. Nun ist also der Urlaub auch wieder so gut wie zuende. Wir haben aussortiert, was wir hier lassen, um Platz für neuerworbene Kleidungsstücke aus den zahlreichen Second Hand Läden zu haben. Stefan hat so zugeschlagen, dass er doch auf der Rückreise noch für ein zusätzliches Gepäckstück zahlen muss. Blöd, das wir gerade zuletzt keine FeWo mit Küche mehr haben. Unsere hier erworbenen Schüsselchen, das Messer, Gewürze, Essig und Öl müssen wir ja hier lassen. Ich fürchte, die Sachen werden im Müll landen. Wir lassen sie im Zimmer stehen. Vielleicht freut sich ja die Reinigungskraft doch noch darüber. Morgen früh geht es also zurück nach Sofia, wo wir bis 13Uhr das Auto abgeben müssen. Dann haben wir endlose Stunden am Flughafen, denn es gibt dort keine Schließfächer und mit Gepäck durch Sofia zu streifen ist auch doof. Nunja, wir werden sehen.

Donnerstag 28.10.21 Abreise ab Sofia – Berlin

Wir verlassen gegen 10Uhr unserer Unterkunft und machen uns auf den Weg nach Sofia. Erst erscheint es so, als wären wir zu früh, aber da wir längere Zeit auf dem Flughafengeläde die richtige Stelle zur Rückgabe unserers Autos suchen, kommen wir letztendlich genau richtig an. Der Mitarbeiter der Autofirma macht uns deutlich, dass wir es nur seiner Kulanz zu verdanken haben, dass wir nicht draufzahlen, weil wir das Auto so dreckig zurückgeben. Auf unseren Einwand hin, dass wir das Auto schließlich drei Wochen und nicht wie vielleicht die Regel ein paar Tage gemietet hätten, es daher natürlich auch mehr Gebrauchsspuren hätte, weist er ab. Wir hätten das Auto schließlich nicht in diesem Zustand übernommen. Wir halten die Klappe, bedanken uns und hauen ab, bevor er noch auf die Idee kommt, uns doch noch die Reinigungsgebühr in Rechnung zu stellen. Es stand nirgends etwas davon, dass wir das Auto gewaschen und gesaugt zurückzugeben hätten. Nun haben wir noch einige Stunden Zeit bis zu unserem Abflug und wir entscheiden uns, trotz Gepäck noch einmal mit der Metro in die Innenstadt zu fahren und lecker Essen zu gehen. Wir finden nach etwas Herumsuchen ein nettes vegetarisches Restaurant, bei dem wir gemütlich und unter einer Decke draußen sitzen und essen können. Wir verbringen dort eine ganze Weile, bis es trotz Decke zu kühl wird. Auf dem Weg zur Metro trinken wir noch einen Kaffee mit Muffins und geben dafür unser letztes bulgarisches Geld aus. Es reicht gerade noch für die Rückfahrt zum Flughafen. Um 21:15 hebt unser Flieger pünktlich Richtung Berlin ab und bringt uns heile nach Berlin. Dort dauert es dann eine ganze Weile, bis wir durch die Einreisekontrolle kommen, bei der unsere digitale Einreiseanmeldung und unsere Impfdaten kontrolliert werden. Dann machen wir uns auf zur letzten Fahrt per U-Bahn zu unserer Unterkunft und unserem Auto in Schönefeld. Wir haben ein mulmiges Gefühl, da uns die Gegend bei der Abfahrt nicht besonders sicher vorkam. Hoffentlich steht unser Auto noch am selben Platz und wurde nicht aufgebrochen! Wir haben Glück, alles ist ok und anspringen tut es auch noch, wenn auch nicht sekundenschnell. Wir laufen die paar Schritte zur Unterkunft, haben noch ein paar Probleme mit der Kartenzahlung am Eingang, die auch die Ausgabe des Schlüssels am Automaten auslöst, dann sind wir endlich in unserem Zimmer und auch bald im Bett. Es ist eine typische Monteursursunterkunft: Betten, Tisch, Stühle, Schrank, Waschbecken, Kühlschrank. Soweit ok, aber furchtbar hellhörig. Man kann die Tür nicht aufschließen, ohne, dass jedes Zimmer im Gang es hört und die Flure sind nicht schallisoliert, sodass sobald eine Person auf Toilette geht, jeder gestört wird. Nunja, es ist nur für eine Nacht.

Freitag 29.10.21 Rückfahrt

Wir brechen morgens auf, fahren in Bad Harzburg zuerst zur Polizei, um unseren neuen Schlüssel abzuholen, da zwischenzeitlich ja die Feuerwehr unsere Wohnung aufgebrochen hatte aufgrund eines fehlerhaft ausgelösten Rauchmelders, und kehren dann wohlbehalten in unsere Wohnung zurück.

Was uns in Bulgarien aufgefallen ist:

  • Bulgarien besteht aus riesigen Wäldern und Gebirge, unzähligen historischen Stätten und ein paar herausragenden, schönen Städten. Die Schwarzmeerküste macht nur einen ganz kleinen Teil der Landschaft aus, der im Bekanntheitsgrad meiner Meinung nach einen zu großen Stellenwert hat. Die Strände sind schön, aber wir fanden die Ferienanlagen mit ihren Badeparks nun nichts herausragendes und waren sehr froh, dass es auch noch unberührte Stellen an der Küste gibt.
  • während in den Städten viele Menschen auf engem Raum in gigantischen Wohnblöcken, meist noch aus sozialistischer Zeit leben, gibt es große unbewohnte Landstriche mit Wäldern, Gebirgen und Ödland, wo auch die Dörfer größteneils ziemlich ausgestorben wirken, d.h. es gibt extrem viele Leerstände und zerrfallene Gebäude.
  • Auch wenn in den Städten teilweise moderne Shoppingmalls, Einkaufsstraßen mit Markenläden und Restaurants wie in westeuropäischen Städten zu finden sind, können diese nicht über die herrschende Armut hinwegtäuschen. Gebäude sind, wenn sie nicht gerade neu sind, oder es sich um historische Gebäude, in die investiert wird, häufig im katastrophalen Zustand, zumindest von außen. Unverputzt oder mit abgeblättertem Putz, Dächer, die dringend neu gedeckt werden müssten, Balkone, die einsturzgefährdet aussehen etc.
  • Second Hand Bekleidungsläden, die bei uns eher ein Nischenprodukt sind, sind in Bulgarien an jeder Ecke zu finden. Wie wir auch in anderen Ländern schon gesehen haben, ist Humana hierbei häufig vertreten. Die Qualität des Angebots ist unterschiedlich, von hochwertig bishin zu Billigware und man findet z.T. in Läden diesbezüglich auch eine Aufteilung. Gute Markenware ist je Stück ausgezeichnet, minderwertige, viel getragene Stücke werden nach Gewicht verkauft. Ich finde es ökologisch hervorragend, dass sich diese Geschäfte immer mehr durchsetzen und es kein Makel mehr ist, dort zu kaufen, auch bei uns nicht. Für sozial schwächer gestellte Menschen bieten sie darüber hinaus die Möglichkeit, sich auch gut zu kleiden. Die hohe Anzahl der Geschäft in Bulgarien weist aber meiner Meinung nichtdestrotz darauf hin, dass es auch eine soziale Notwendigkeit gibt, weil viele in den regulären Geschäften gar nicht einkaufen können. Bulgarien liegt mit einem Mindeststundenlohn von 2€ am äußersten Ende von Europa, wobei die Lebensmittelpreise in Geschäften nicht im gleichen Maße billiger sind und in günstigen Restaurants unserer Erfahrung nach in etwa bei der Hälfte bis zweidrittel unserer Preise liegen.
  • Laut unserer Airbnb Vermieterin ist jeder Bulgare für einen Betrag von umgerechnet ca 12€ im Monat staatlich krankenversichert. Das klingt erstmal gut, aber das Problem dabei ist, dass damit nur die ärztliche Versorgung abgedeckt ist, alle Medikamente und Heilmittel müssen selbst bezahlt werden! Auch wenn diese preisgünstiger sind als bei uns, ist es der Ruin für viele, wenn sie eine schwere, chronische Krankheit bekommenen. Auf der anderen Seite spricht es auch nicht für eine gute Entlohnung von Ärzten, was diese wiederum ins Ausland treiben kann.
  • Der bulgarische Staat scheint Wert auf Grünflächen zur Erholung, selbst in kleineren Innenstädten zu legen. Es gibt keine Stadt ohne mindestens einen Park im Zentrum, immer auch mit Spielplätzen und meist mit Springbrunnen oder ganzen Wasserspielen, die nachts bunt beleuchtet sind.
  • Die Natur ist das absolute Plus Bulgariens. Es gibt riesige Waldgebiete, in denen auch noch Bären und Wölfe eine Heimat finden, und die nicht von Wegen durchzogen sind, aber es gibt ebenfalls sehr viele Wanderwege mit einer riesigen Anzahl an zumeist bewirtschafteten Hütten, die auch gut von der Bevölkerung besucht werden.
  • In der Landwirtschaft wird noch häufig mit der Hand und mit Pferdekarren gearbeitet. Esel- oder Pferdewagen sind auf den Straßen keine Seltenheit.
  • Eigene landwirtschaftliche Produkte werden zumeist auf Märkten und an Straßenständen verkauft. Hervorzuheben sind die absolut schmackhaften und zum Teil apfelgroßen Tomaten, die ich bei uns, trotz europäischem Markt, noch nicht gesehen habe.
  • In Bulgarien unterscheidet man eigentlich nur zwischen gelbem Hart-Käse, dem Kaschkawal, der aus Schafs- oder Kuhmilch hergestellt werden kann und dem Weißkäse, genannt Sirene, der ursprünglich immer aus Schafsmilch hergestellt wurde. Seine Besonderheit ist die Verwendung des Bacillus Bulgaricus in der Starterkultur. Durch die hohe Nachfrage wird sich heute allerdings nicht mehr ausschließlich an die traditionellen Rezepte und Verfahren gehalten. Käse ist bei einer Vielzahl der bulgarischen Gerichte nicht wegzudenken, so gehört Sirene auf jeden Fall in den bulgarischen Salat Schopska. Selbst Pommes Frites werden in Bulgarien nicht mit Ketschup oder Mayonaise, sondern mit geriebenem Käse angeboten.
  • Bulgarische Speisen sind häufig recht deftig. Es wird viel Fett z.B. durch den Käse verwendet und für unseren Geschmack auch recht starkt gesalzen, was wiederum am Käse, der in der Salzlake gelagert wird, liegen kann. Bulgaren lieben Suppe und Innerreien, allen voran Hühnerherzen und Kutteln.
  • Rauchen ist gefühlsmäßig in Bulgarien noch stärker verbreitet als bei uns und das leider auch bei Restaurants. Auch wenn vielleicht nicht unbedingt im selben Raum bei Nichtrauchern geraucht wird, aber die Räume gehen ineinander über oder man muss z.B. durch sie durchgehen o.ä.
  • Das Verhältnis zu Corona beschrieb uns unsere Vermieterin so: „Erst brach in Bulgarien die Panik aus, aber seit es Impfungen gibt, gehen wir wieder locker damit um“ was zumeist so aussieht: Masken werden, wenn überhaupt, unter dem Kinn oder bestenfalls unter der Nase getragen. FFP 2 – Masken werden gar nicht getragen, es gibt sie laut unserer Tochter, die versucht hat dort welche zu bekommen, noch nicht mal zu kaufen. Die Impfquote lag zu der Zeit als wir dort waren um die 20% als sie bei uns um die 65% lag. Jetzt im November ist die Letalitäsrate in Bulgarien ca doppelt so hoch wie bei uns. Als die Regierung die 3-G-Regel Ende Oktober einführte, änderte sich nach unserem Dafürhalten wenig. Nur bei staatlichen Museen wurden wir nach dem Impfnachweis gefragt und einmal im Cafè.
  • Mülltrennung gibt es sporadisch in Großstädten, aber nicht überall. In diesem Fall stehen Container an bestimmten Stellen im Stadtgebiet, wie bei uns Glascontainer und die Leute müssen ihren Müll dorthin bringen. Eine Abholung scheint es nicht zu geben. Natürlich kommt es, gerade außerhalb von Städten und an unübersichtlicheren Stellen zu Müllabladungen, obwohl häufig auch Schilder mit hohen Strafen davor warnen.
  • Es gibt zahlreiche streunende Hunde und Katzen, aber für ihre große Anzahl erstaunlich wenig angriffslustige.

5 Wochen Roadtrip durch Bulgarien – ein Fazit

Wir wussten zuvor nicht wirklich, mit was wir zu rechnen hatten, da wir nur einmal 1987 eine Nacht auf Durchreise bei einer Busreise nach Istanbul in einem bulgarischen Hotel übernachtet hatten. Wir standen dem Land neugierig, aber auch etwas zurückhaltend gegenüber, da unsere Tochter von ihren Problemen bzgl. Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln erzählt hatte, daher entschieden wir gleich, außer in Sofia selbst, auf jeden Fall einen Mietwagen zu nutzen. Wir wurden außerordentlich positiv von dem Land überrascht. Besonders beeindruckte uns die Natur, die noch sehr ursprünglichen Wälder, die beeindruckende Felsenlandschaft mit ihren Höhlen und den unglaublichen Klosteranlagen und die reiche Geschichte des Landes. Wir hätten gut noch eine Woche länger bleiben können. Dieses waren unsere Highlights:

  • Die sieben Rila Seen
  • Der Horse shoe View und das Womb Cave bei Kardschali
  • Die schönen Häuschen bei Kopriwschtiza
  • Plovdiv mit seinen tollen Wasserspielen und historischen Gebäuden
  • Das Geburtstagsessen im Restaurant Cosmos in Sofia und Sofia selbst mit seinen historischen Gebäuden und der Red Flat
  • Allgemein die Felsenlandschaften mit ihren Höhlen, Klöstern und traumhaften Ausblicken
  • Die Pyramiden von Stob im warmen Abendlicht
  • Die historischen Städte Nessebar und Sosopol, auch wenn sie ziemlich ausgestorben wirkten
  • Die Mahlzeiten und Gespräche mit unserer Vermieterin in Kardschali
  • Unsere Unterkünfte waren alle super sauber und meist auch geräumig, ein paar waren einfach toll designed und das alles zu unschlagbaren Preisen.

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