Japan

Tokio

Am Mittwoch, den 11.9. war es endlich soweit: unsere Japanreise sollte endlich Wirklichkeit werden! Zu nachtschlafender Zeit, um 5 Uhr morgens, brachte uns unser Sohn zum Flughafen Hannover. Ihm noch einmal lieben Dank für dieses Opfer zu nachtschlafender Zeit! Im Flughafen warteten wir noch eine ganze Weile, bis der Check-in Schalter öffnete. Nach ca. 1 1/2Std landeten wir in Warschau. Laut unserer App der polnischen Airline Lot sollte unser Weiterflug 2 Std Verspätung haben, was aber auf den Anzeigetafeln noch nicht vermerkt war und das Personal auch keine verlässliche Information für uns bereithielt. Leider bewahrheitete sich diese Verzögerung, sodass wir uns 4 Stunden im Wartebereich langweilten. Es gab dort wirklich nichts, was uns interessierte und ich war froh, belegte Brötchen mitgenommen zu haben, sodass wir den auf Flughäfen stets überteuerten Restaurants kein Geld in den Rachen werfen mussten. Gegen 17 Uhr war dann endlich Boarding und wir flogen gut 9 Stunden im „Dreamliner“ unserem Ziel Tokyo entgegen. Dort angekommen, kamen wir recht zügig durch die Passkontrolle, wo äußerst freundliche Mitarbeiterinnen der Einreisebehörde unsere Pässe kontrollierten. Dann wurde es Zeit, sich um Internet zu kümmern. Wir hatten uns bereits von Deutschland aus SIM-Karten bestellt, mussten dann aber feststellen, dass sie mit Stefans Handy nicht kompatibel waren. Zum Glück kann ich sie im I-phone nutzen. Nun mussten wir aber eine neue Lösung für Stefan finden, denn ohne Navigation konnte er unmöglich durch Tokyo joggen ohne sich zu verirren. Wir kauften also noch eine 10GB Card für 2Monate. Wir überlegten uns, dass wenn wir zusammen wären, er von mir einen Hotspot bekäme oder gegebenenfalls W- Lan nutzen könnte. Nächster Stopp war der Geldautomat. Nachdem unsere Comdirect Visakarten nicht funktionierten, waren wir mal wieder glücklich über unsere ADAC-Kreditkarte. In dem hochtechnisierten Land mit den schnellsten und pünktlichsten Zügen der Welt, sollte nämlich in punkto Geld noch Mittelalter herrschen, laut Aussagen einiger Reiseberichte! Außer bei großen Kaufhäusern und touristischen Geschäften würde laut unserer Informationen nur Bargeld akzeptiert. (Das erwies sich im Nachhinein als Blödsinn. Sowohl in allen Convenient Shops, als auch bei Tankstellen, Raststätten und den meisten Bahnhöfen und sogar im Krankenhaus werden in Japan Kreditkarten akzeptiert. Ausnahmen sind Märkte, kleinere Geschäfte und Restaurants und Cafés, die sich nicht speziell auf Touristen eingestellt haben)

11.u.12.09.202019

Per Google Maps fanden wir heraus, mit welchen S- und U-Bahnen wir zu unserer Airbnb Unterkunft gelangen konnten. Wir hatten schon vorab eine sogenannte „Suica Card“ online gekauft. Auf diese Karte kann man Geld einzahlen, um dann problemlos, ohne jedes Mal Tickets zu kaufen, durch die Schranken der Bahnhöfe gelangen. Der Betrag wird einfach je nach gefahrener Strecke abgebucht. Eine weitere Karte, mit denselben Eigenschaften, wäre die „Pasmo-Card“ gewesen. Gut 2 1/2Std fuhren wir fast komplett von Ost nach West durch Tokyo, um am späten Nachmittag todmüde in unserer Unterkunft einzutreffen. Es war schon eine ziemliche Absteige im Hinterhaus. Das Zimmer winzig mit Etagenbett, Schrank, Schreibtisch, Spüle und Herdplatte, alles auf ca. 5-6qm und das Bad hatte vielleicht 3qm. Uns war klar, dass in Japan alles auf engstem Raum ist, aber die Möbel erinnerten schon gewaltig an Sperrmüll. Egal, wir hatten Bett und Bad und Stefan besorgte ein paar Kekse und Joghurt zur Stärkung. Abends aßen wir noch eine Kleinigkeit in einem Café in der Nähe. Stefan probierte Kuchen aus grünem Tee, ich hatte Salat und in nicht allzu ferner Zeit fielen wir geschafft ins Bett.

Freitag, der 13., unser erster voller Tag in Tokyo. Während ich gemütlich ausschlief, joggte Stefan durch die Straßen dieser wahnsinns Stadt. Tokyo hat laut Wikipedia 9.644.079 Einwohner und die Metropolregion zählt ganze 37.555.000!!! Das heisst, allein der Stadtbezirkt ist um mehr als 439 x größer als Bad Harzburg, unserem Heimatort! Gegen 10Uhr machten wir uns Frühstück mit „Drip Coffee“- Kaffee in einer Art Teebeutel. Er schmeckte scheußlich. Keine Ahnung, ob es an der Sorte oder dem Chlorwasser lag. (Wir fanden erst später heraus, dass man oben den Rand abreißen und den Kaffee dann ganz normal wie durch einen Filter aufgießen kann 😅)
Wenn die Essensauswahl so weiterging, würde ich auf dem Rückflug 2 Plätze brauchen 😳. Es schien gar nicht so einfach, sich in Japan vegetarisch zu ernähren. Ich esse ja normalerweise noch Fisch, aber in Anbetracht, dass sie diesen auch lebend servieren und in allen Variationen, auch der möglicherweise tötlichen in Form von Kugelfisch, wollte ich mich dabei zurückhalten. Demzufolge schien die Lösung, dass man in Konbinis (Gemeint sind Convinient Shops) geht und mit einem Haufen in Plastik eingepackten Süßwaren aller Art rauskommt und das isst. Meist bekommt man fluffige Backwaren, die mit irgendwas gefüllt sind, ähnlich dieser Miniwindbeutel, die man bei uns tiefgekühlt im Supermarkt findet. Dank Google Translater kann man wenigstens so in etwa herraus finden, was man da kauft. Nun ja, wir würden schon noch klüger werden, wenn wir länger in Japan sind und anderes Futter finden. Unser Abendessen vom Vorabend und unser Frühstück bestanden auf jeden Fall aus diesen Kalorienbomben.
Danach machten wir uns auf den Weg zum JAF, dem japanischen ADAC, um Stefans Führerschein übersetzen zu lassen. In Japan reicht der internationale Führerschein für Deutsche Reisende nicht aus! Nach ca 2 Stunden Fahrt mit unterschiedlichen Bahnen, erreichten wir unser Ziel. Die Dame am Schalter war super nett und versprach uns, entgegen unserer Erwartung, bis zum späten Nachmittag die Übersetzung fertig zu haben. Sie schenkte uns sogar noch zwei Kekse! Wir sahen uns also in der Nähe um und besuchten den Tokyo Tower. 2800 Yen (ca. 23 €)pro Person, um auf den zweithöchsten Turm zu kommen, war uns dann aber doch zu hoch. Wir besuchten den Prince Park mit dem buddhistischen Zojoji Tempel nebenan. Stefan lief kurz vor Schließzeit der JAF schnell noch hin, um seinen Führerschein zu bekommen, was uns 3000 Yen (25 €) kostete. Beim folgenden Besuch auf dem Fischmarkt waren nur noch vereinzelte Restaurants geöffnet, aber erwartungsgemäß gab es da natürlich kaum etwas für Vegetarier, sodass uns die hohen Preise auch nicht weiter störten. Ein Stückchen weiter fanden wir ein nettes Panoramacafé, das uns einen schönen Blick auf eine erleuchtete, belebte Straßenkreuzung bot. Gemütlich eingesunken in weichen Sesseln genossen wir zwei leckere Deserts mit Gebäck und Eis. Wir konnten an unserem ersten Tokyotag auch die Besonderheiten der japanischen Toilettenkultur genießen. Gut, dass ich davon schon zuvor gehört hatte und wusste, dass man tunlichst den ganzen Toilettensitz einnehmen sollte, sonst ist nachher der Rücken nass😂 Was ist also das Besondere? Japan und, wie ich von unserem Sohn erfahren konnte wohl auch hochpreisigere Unterkünfte in Südostasien, bieten häufig Hightechtoiletten an. Wie ich las, können die bis zu 30 Programme anbieten. Die von uns genutzten hatten aber nur folgende Features:

– Geräusche, damit der Nachbar keine peinlichen Körpergeräusche mitbekommt
– gewärmter Sitz
– Bidetfunktion mit Sprühstrahl hinten
– Sprühstrahl in der Mitte, der bei Frauen in etwa die Vagina trifft
– alle Funktionen lassen sich in ihrer Intensität regeln oder auch abschalten

Die Katastrophe des AKWs Fukushima Daiichi scheint vergessen zu sein…
Leider ist das Toilettenpapier dafür nur einlagig zu meinem Bedauern.

Da wir bisher nicht in der Rushhour den öffentlichen Verkehr genutzt haben, hielt sich die Überfüllung der Bahnen bisher in Grenzen. Bis auf ein paar Stationen konnten wir sogar immer sitzen

13.09.2019

Samstag, der 14.9.19
Eine Servasgastgeberin, die eigentlich aus der Schweiz kommt, aber hier verheiratet ist, hatte uns auf den Takahata Fudo-son Kongo-ji Tempel in unserem Stadtteil hingewiesen.
Vor 1100Jahren begann ein Mönch mit dem Bau des Tempels. Heute pilgern regelmäßig Gläubige der Shingon-Sekte hierher.
Als wir am Morgen dort waren, fand gerade eine Zeremonie, die nach einer Taufe aussah, statt. Eltern saßen mit ihrem Baby vor dem Altar, ein Mönch trommelte und mit Gesängen wurden Holzstäbe, auf die Verwandte o.ä. schätzungsweise gute Wünsche geschrieben hatten, ins Feuer geworfen und der Qualm wurde in gen Himmel gewedelt. Vor dem Tempel stieg der Rauch von Räucherstäbchen auf.
Wir schlenderten danach den Pilgerweg den Berg hinauf durch üppiges Grün und genossen die ruhige Atmosphäre inmitten der Stadt.
Danach ging es per Bahn zum größten Bahnhof der Welt, zur Shinjuku Station, einem riesigen Verkehrsknotenpunkt von regionalen und überregionalen Zügen, S- und U-Bahnen. Wir liefen zum Shinjuko Guen National Garden, einem großen Park in der Art eines botanischen Gartens mit extra Rasenflächen, die zur Erholung freigegeben sind. Darüber hinaus gibt es dort noch ein großes Gewächshaus mit Kakteen und anderen Pflanzen, die das tropische Klima lieben. Wir genossen die grüne Oase bis sie um 18Uhr geschlossen wurde. Ich hätte am Liebsten unserer Tochter ein paar Ableger mitgebracht. Nun stand uns ein weiterer Fußmarsch durch das quirrlige Shinjuku Viertel zum Tokyo Metropolitan Observation Deck bevor. Im Gegesatz zum SkyTree und Tokyo Tower kann man hier die Stadt von der 45.Etage aus kostenlos von oben bewundern. Der Blick über das Lichtermeer dieser riesigen Stadt war sehr beeindruckend und das Schlangestehen für 30Min hat sich wirklich gelohnt. Als wir dann nach Fußweg und Bahnfahrt wieder in unserem Viertel ankamen, waren meine Füße platt und ich kaputt, aber es war ein schönes Erlebnis. Und: wir hatten es geschafft, etwas vernünftiges zu essen, was vegetarisch war. Gurken in pikanter Soße, Nudel-Curry-Salat und Käse im Eiermantel gebraten!

Sonntag, der 15.9.19

Dieser Tag war unglaublich spannend, wie man wahrscheinlich unserem Film entnehmen kann. Wir waren eingeladen, den Quatiersschrein (Mitoshi) im Quartier unserer Servasgastgeberin während des Fests durch die Straßen zu tragen. Das Fest ist eine Mischung aus Brauchtum und Religion und der Umzug ist eine lockere Abwechslung zwischen Tragen des Schreins mit lauten Rufen, die keine besondere Bedeutung haben, ehr so wie helau beim Karneval. Mit rhythmischen Rufen, Schritten und Pfeifen wird der Schrein auf den Schultern getragen und immer wieder im Takt hochgehoben, was das Tragen nicht leichter macht. An diesem Sonnta war der Umzug besonders lang, von 13-18Uhr, da man sich unterwegs mit zwei anderen Quatiersumzügen verbunden und später wieder getrennt hat. Zu Beginn, zwischendrin und am Schluss gab es immer wieder Snacks und Getränke, die die Bewohnerinnen des Quatiers vorbereitet hatten. Traditionell gibt es hierbei Sake und Mugicha. Letzteres ist ein aus Gerste hergestellten Teegetränk, was nicht alkoholisch und sehr erfrischend ist. Unterwegs bekamen wir auch für eine Etappe die typische Jacke angezogen und durften mittragen und Stimmung machen. Es war anstrengend, aber total klasse, weil wir so super aufgenommen wurden. Alle haben uns verwöhnt, zugesehen, dass wir auch zu essen und trinken bekamen und Rosemarie, die Servasgastgeberin, hat uns beraten, was fleischhaltig ist und was nicht. Ich hatte auch den Mut, etwas mit Fisch zu essen und hatte frittierte Bällchen mit Tintenfisch und Toast mit Thunfisch und wir aßen Sushi mit Gemüsefüllung. Alles war lecker. Zum Schluss des Umzugs bekamen wir eine Tüte mit Reisgericht, Knabberzeug und Bier geschenkt. Mal sehen, wem wir letzteres vermachen können, da wir selber keinen Alkohol trinken. Am Abend besuchten wir dann Rosemaries Mann und Tochter Zuhause, während sie noch im Quartier mit den anderen Helfern feierte. Wir unterhielten uns super auf deutsch, da die ganze Familie eine Weile in der Schweiz und teilweise in Deutschland gelebt hatte. Eine tolle Gelegenheit, um Dinge zu erfragen, die wir sprachlich, aber auch kulturell sonst nur schwer hätten verstehen können. Sie kennen beide Kulturen und konnten unsere Fragen richtig verstehen und einordnen. So konnten wir uns über Berufsleben, Religion, Umweltschutz und Jakuza, der japanischen Mafia informieren. Zum Schluss gingen wir gemeinsam zum Fest beim Hauptschrein mit viel Essständen und Angeboten, wie Goldfische mit Papiersieb fangen u.ä.. Es glich einem Volksfest bei uns, aber ohne Fahrgeschäfte. Müde und glücklich fuhren wir zurück in unsere Unterkunft und freuten uns auf die zwei letzten Tage in Japan, wenn wir bei diesen netten Servasgastgebern würden wohnen dürfen.

15.09.2019

Montag, der 16.9.19

Am Morgen sind wir erst spät aufgebrochen, da ich am Vorabend noch Kaffee getrunken hatte und die ganze Nacht wach lag. Da musste ich wenigstens am Morgen noch etwas schlafen. Darüber hinaus groß es bis ca 9 Uhr in Strömen, sodass Stefan auch erst später gejoggt ist. Wir machten uns also erst gegen 11 Uhr auf den Weg, um endlich die belebteste Kreuzung der Welt, die Shibuya Kreuzung, mit dem höchsten Fußgängeraufkommen zu erleben. Wie alle Touristen, standen auch wir mit gezückter Kamera bei Starbucks in der ersten Etage und sahen uns dieses Schauspiel fasziniert an. Wir versuchten auch selber unbeschadet hinüberzugehen, was trotz Handy und Kamera vor den Augen ohne Unfälle gelang. Danach durchwanderten wir die Straßen der Konsumpaläste, die von Designermoden bis 100 Yen-Shop alles zu bieten hatten und mit schrillen Farben und Leuchtklame auf sich hinweisen. Lieferwagen mit lauter Popmusik fuhren vorbei und Essensdüfte entwichen den zahlreichen Restaurants und Cafés. Damit man auch genau weiß, was man zu erwarten hat, wenn man Speisen bestellt, waren bei den meisten Läden Teller mit originalgetreuem Gericht aus Kunststoff im Schaufenster. Teilweise bestellt man sich sein Essen und zahlt auch im Vorraus am Automaten und gibt den Beleg dann dem Wirt, der sich um die Bestellung kümmert. Die Preise in Shibuya waren unserer Meinung nach ganz schön hoch, auch wenn manche Restaurants von Reisenden als preiswert im Internet angepriesen wurden. Wir hatten zwei winzige Taccoshells mit Salat und Guacamole und bezahlten dafür 7,30€. Als wir genug vom Trubel hatten, gingen wir in den Yoyogi Park und genossen es, uns mal irgendwo hinsetzen zu können und die Natur zu genießen. In den Straßen, auch wenn sie nur für Fußgänger waren, fanden wir nirgendwo Bänke zum ausruhen, leider! Vielleicht wollte man damit verhindern, dass Leute auf der Straße essen und trinken, was verpönt ist, wie man jedem Reiseführer entnehmen kann. Das war ziemlich nervig, wenn man den ganzen Tag zu Fuß unterwegs war und statt irgendwo einzukehren nur mal sitzen, oder vielleicht etwas aus den zahlreichen Konbinis (Convinient store) essen oder trinken wollte. Auf der anderen Seite fanden wir gefühlt an jeder Straßenecke einen Automat, aus dem man sich Tee- und Kaffeegetränke und Softdrinks holen konnte. Wir freuten uns daher immer über Parks als Gegenpol zum Stadtgewühl und Ort der Ruhe. Im Gegensatz zum Shinjuko Guen Park, in dem wir am Samstag waren, wurde der Yoyogipark zur sportlichen Betätigung und Vergnügen angelegt. Strecken für Jogger, Radwege, Sportplätze und Konzerthalle waren umgeben von Bäumen, Rasen, auf die man sich auch setzen konnte, und Springbrunnen. Leute führten ihre Frettchen am Halsband auf der Wiese spazieren, andere waren mit ihren Vierbeinern auf dem Hundeplatz und erstaunlich oft liefen Jogger vorbei. Als der Park schloss, begaben wir uns noch einmal ins Gewühl von Shibuya, wo die bunten Leuchtreklamen den inzwischen dunklen Himmel erleuchteten. Es wurde im übrigen erstaunlich früh dunkel für September, dafür morgens ab 5Uhr schon hell. Wir kauften noch Lebensmittel ein und fuhren in unsere Unterkunft zurück.

16.09.2019

Dienstag, der 17.9.19

Vorerst der letzte Tag in Tokyo und wir verbrachten ihn ganz relaxed. Spätes Aufstehen, ausgiebiges Frühstück mit je zwei Scheiben Toast in der Pfanne getoastet und Schmelzkäse drauf, dazu eine Tasse Kaffee, der inzwischen besser schmeckt, weil wir den Beutel eine Weile mit aufkochen lassen 😅 Als Nachspeise aßen wir gemeinsam einen Apfel und etwas von dem Knabberzeug, das wir als Geschenk nach dem Tragen des Schreins bekommen hatten. Danach machten wir uns auf den Weg nach Shimo-Katazawa, einem weiteren Stadtteil Tokyos. Hier findet man statt Hochhäusern kleine Geschäfte in engen Gassen, ganz gemütlich und wirklich schön. Es ist das Eldorado für Vintageklamotten. Ein Second Hand Laden ist neben dem anderen, aber die Preise waren leider nicht entsprechend niedrig, oder wir haben einfach keine Ahnung, was Markenklamotten wie von Tommy Hilfinger etc. neu kosten. Auf jeden Fall fanden wir Sweatshirts für 30-40€, Jacken ab 80€ (z.B. auch Adidas und andere Sportmarken, wo wir eher wissen, was das bei uns aus zweiter Hand kostet) einfach zu heftig. Gut, dass wir uns bei unserer Reisegardrobe nicht drauf verlassen hatten, hier das Fehlende ersetzen zu können. Gucken hat aber Spaß gemacht. Danach besuchten wir den Gotokuji Tempel im Ortsteil Setagaya. Es war ganz nett, dort herumzuschlendern, aber da er nicht geöffnet hatte, wirkte alles etwas tot. Hier fanden wir die bei uns häufig in asiatischen Restaurants vorzufindende Winkekatze ins Holz des Tempels geschnitzt und in zahlreichen Exemplaren hinter dem Tempel aufgestellt. Auch in diesem Stadtteil fanden wir nette, ruhige Straßen mit Radwegen und begrünten Fußwegen, an denen schöne Häuschen standen. Auch er wirkte nicht, als wären wir in einer Millionenstadt. Auf dem Heimweg verirrten wir uns etwas in dem Gewirr von unterschiedlichen Bahnen und Stationen. Glücklicherweise wird immer nur die Entfernung vom Ort des Anfangsbahnhofs bis zum Ausstiegsbahnhof berechnet. Wenn man sich dann mal verfährt und wieder zurück muss, zahlt man nicht mehr, solange man nicht durch die elektronische Schranke geht. Da wir recht weit außerhalb im Stadtteil Takahatafudo wohnten, kam da schon einiges an Fahrerei zusammen.

Am kommenden Morgen planten wir Tokyo zu verlassen und nach Nikko, einer Stadt im Norden, ca 120 km Luftlinie fahren. Da wir aber erst zum Bahnhof Asakusa mussten, um einen Zweitagespass für Züge und Busse in der Region zu kaufen, erwarteten wir, wohl bis nachmittags unterwegs zu sein. Wir hatten wieder per Airbnb gebucht. Es war teurer und schien weniger komfortabel als unser Zimmer hier, an das wir uns inzwischen gut gewöhnt und die Möglichkeit selbst zu kochen sehr zu schätzen gelernt hatten. Wir würden sehen.




17.09.2019

Nikko 1. Teil

Mittwoch, der 18.9.19

Wir erreichten unseren neuen Standort wie erwartet gegen Nachmittag. Für die rund 180km bis Nikko im Norden von Tokyo waren wir gut 5Stunden mit unterschiedlichen Bahnen unterwegs. Die Strecke wäre auch in etwa der halben Zeit möglich gewesen, aber statt rund 1500Yen (12,34€) hätte es dann gut das dreifache gekostet. Dafür war uns das Geld zu schade. Wir haben uns auch ganz gut geschlagen mit den vielen Umstiegen und uns weder verfahren, noch einen Zug verpasst. Ohne GoogleMaps, das uns die günstigsten Verbindungen mit Preisen, Uhrzeiten, Linien etc. anzeigte, wären wir aber aufgeschmissen gewesen. Es erschien nahezu unmöglich, einen Überblick zu bekommen über die unterschiedlichen Betreiber mit jeweils zig Linien und für jede wiederum unterschiedliche Zugarten, die zum Teil an allen Haltestellen halten, andere jedoch nur an bestimmten Bahnhöfen.
Nikko ist Weltkulturerbe und liegt in den Bergen. Es bietet einen besonders kunstvoll verzierten Schrein, ein Mausoleum, Wasserfälle, heiße Quellen und einen Nationalpark. Was wir am kommenden Tag davon schaffen konnten, würden wir sehen. Da wir nur für zwei Nächte gebucht hatten, ging es am Freitag weiter Richtung Küste. Die Unterkunft in Nikko war noch spartanischer als in Tokyo, dafür aber teurer. Für ein winziges Zimmer mit zwei Etagenbetten, das wir aber alleine hatten, bezahlten wir 12000Yen für zwei Nächte, also ca 100€. Eine Toilette und eine Dusche wurden von schätzungsweise 15Personen genutzt. Alles war im japanischen Hostelstyle. In der Küche konnte man widerum selber kochen und das winzige Wohnzimmer hatte einen Fernseher. Es war ein kleines, altes Häuschen im japanischen Stil. Die Schlafräume für weibliche und männliche Gäste hatten die typischen Tatamimatten auf dem Boden mit Futon als Betten. Man kann nicht sagen, dass es ungemütlich gewesen wäre, aber sehr eng. Unsere Betten waren aber hier, wie auch in Tokyo, sehr bequem und schön breit. Da man sie selber bezog, wusste man wenigstens auch, dass nicht vorher schon jemand in der Bettwäsche geschlafen hatte.
Wir machten uns eine Reispfanne mit Pilzen und Tofu. Pilze waren bezahlbar im Gegensatz zu dem meisten anderen Gemüse und die unterschiedlichste Arten im Angebot. Wir erkannten vieles wieder, was uns schon in Vietnam begegnet war, so zum Beispiel die Enoki Pilze mit ihren langen Stilen und winzigen Köpfen.
Wir waren gespannt, was uns am kommenden Tag hier so erwartete. Nach den letzten drei feuchtheißen Tagen in Tokyo war es schon ganz angenehm, dass es hier kühler war. Es wäre nur schön gewesen, wenn sich der Regen etwas verzogen hätte, auch wenn die Wolken in den Bergen auch ihren Charme hatten. Die Temperaturen waren zwischen 17-19Grad vorausgesagt, in Tokyo hatten wir die letzten Tage bis 30Grad, wobei der Regen in der letzten Nacht auch dort kühle Luft gebracht hatte.


18.09.2019

Donnerstag, der 19.9.19

Nun waren wir schon eine Woche in Japan. Wenn ich mir vorstellte, dass Leute für 1-3Wochen hierhin flogen, war mir unbegreiflich, wie sie wirklich etwas vom Land mitbekommen konnten. Wir hatten uns an diesem Tag mit dem Touristenbus für ca 10 € die 12 km zum Chūzenji See kutschieren lassen und waren dann mal gleich gut 700 m höher als im Ort Nikko, nämlich auf 1269m umgeben von Bergen. Nach nur wenigen Minuten erreichten wir die Aussichtsplattform mit Blick auf die Kegon Wasserfälle, die 97m in die Tiefe stürzten. Wir schlenderten gemütlich am See entlang, schüttelten verwundert den Kopf darüber, wer wohl für 30Min rostiges Schwanentretboot zu fahren 1500Yen (12,60€) ausgibt und erfreuten uns daran, dass die Sonne durchsetzungsfähiger war als die Wolken über den Bergen. Vielleicht würde ich meinen gerade an diesem Morgen im Second Hand Laden erstandenen, superleichten Minischirm heute eher gegen die Sonne als gegen Regen nutzen können? Dann machten wir uns auf den Weg zum Mount Nantai. Natürlich planten wir nicht die ganze 6stündige Wanderung, sondern wir wollten bis zum ersten Schrein, den wir auf maps.me gefunden hatten und dann umkehren. Der Weg war dann aber so steil, dass ich am liebsten zwischendrin schon wieder kehrt gemacht hätte. Da auf der Karte aber vom Schrein aus noch ein anderer, längerer Weg begab führte, quälte ich mich über Wurzelwerk weiter den steilen Hang hoch, den ich meinen Knien auf dem Rückweg auf keinen Fall zumuten wollte. Wir kamen zu der angegebenen Stelle, aber ein Schrein war dort nicht. Es gab eine Hütte, in der wohl Material für Bauarbeiten gelagert wurde und ein weiteres Tor, durch das der Wanderweg weiterführte. Wir bekamen dafür aber als Entschädigung eine schöne Aussicht auf den See und die Berge ringsum von 1700m Höhe. Dann wanderten wir gemütlich eine Straße, die aber wohl nur noch für Bau- und Waldarbeiter nutzbar war, in vielen Serpentinen wieder hinunter. Da wir außerhalb des Ortsteils Okunikkō, der am See lag und wo die Bushaltestelle gewesen wäre, herauskamen, versuchten wir unser Glück mit Trampen und siehe da, nach ca 10Min wurden wir mitgenommen bis zum Bahnhof in Nikko, der 2Min von unserer Unterkunft entfernt lag.
Wir kauften noch etwas zum Kochen ein. Für Stefan gab es Spaghetti mit schwarzen Algen, die wie Spinnenfäden aussahen. Er hatte das beim Restaurant im Fenster gesehen und versuchte sich nun selber daran. Er fand es lecker. Mir schmecken Algen nicht so sehr, also gab es bei mir eine Dose Mais zu den Pasta. Wir fanden auch noch einen kleinen, bezahlbaren Salatkopf und eine Paprikaschote, um unseren Gemüsebedarf zu decken und im Korb mit runtergesetzten Lebensmitteln eine kleine Tüte Äpfel für den halben Preis, für 180Yen (1,48€). Ich hätte gerne eine Tomate gehabt, aber zwei Tomaten für 250Yen(2,09€)?!
Am kommenden Morgen planten wir, uns noch den schönsten Schrein hier in Nikko anzusehen. Stefan hatte bereits morgens beim Joggen einen Blick auf die unglaubliche Anzahl von Schreinen in Nikko werfen können. Danach sollte die Reise weiterggehen nach Mito, einer Stadt, die für ihre Gärten berühmt ist.

19.09.2019

Freitag, der 20.9.19

Bevor wir an diesem Tag Nikko wieder verließen, besuchten wir den Hauptanziehungspunkt dieses Ortes, den Toshugo Schrein. Er bildet mit weiteren Tempeln und Gebäuden das Weltkulturerbe Nikkos. Im Toshugo Schrein liegt Tokugawa Ieyasu begraben. Er gründete das Togunawa Shogunat, das Japan bis 1868 über 250Jahre lang regierte. Zu der Zeit war die Shintoreligion und der Buddhismus eng miteinander verbunden, doch nach der Zeit der Samurai entschied die dann herrschende Meijiregierung eine scharfe Trennung der Religionen und buddhistische Symbole mussten aus den Schreinen entfernt werden. Hier in Nikkosan waren die Religionen aber so verwoben, dass eine klare Trennung nicht wirklich möglich war, sodass man heute noch Elemente beider Religionen hier findet. Der Schrein, wie auch weitere dazugehörige Gebäude, sind mit derart beeindruckenden Schnitzereien verziert, wie wir sie zuvor noch nie gesehen hatten.

Noch heute hat man das Gefühl, dass es für die Japaner kein Problem ist, unterschiedliche Religionen für sich passend zu finden. Eine Servasgastgeberin sagte uns dazu, dass es in Japan einen Spruch gibt: „Die Japaner werden im Shinto geboren, heiraten im Christentum und sterben im Buddhismus“. D.h. sie bringen ihre Babies zur Zeremonie zu einem Shintorpriester, heiraten in einer christlichen Kirche, weil sie weiße Hochzeiten lieben und lassen ihre Toten buddhistisch beerdigen.

Gegen frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weg zurück Richtung unserer Unterkunft, in der wir unser Gepäck noch hatten unterstellen können. Unterwegs kehrten wir in einer Bäckerei zum Mittagessen ein, die sehr leckere Kuchen in Ihrem Angebot hatte. Um 15:30Uhr verließen wir Nikko in Richtung Mito. Uns standen gut 3Stunden Fahrt und vier Umstiege in regionalen Zügen bevor, aber alles klappte gut und wir vertrieben uns die Fahrtzeit mit Lesen und Sprachenlernen per Duolingo.

Mito

In Mito angekommen erwartete uns dieses Mal ein richtiges Hotelzimmer mit Bad. Klein aber fein, wobei wir unser hostelartiges Gästehaus in Nikko auch zu schätzen gelernt hatten. Es lag sehr zentral, schräg gegenüber des Bahnhofes, trotz einiger Gäste hatten wir in der Küche und Dusche nie mit Wartezeiten Probleme und es war nett, sich mit jungen Reisenden aus der Schweiz und Holland auszutauschen. Hier war es nun komfortabler, aber dafür auch anonymer. Wir holten uns Fertigessen aus einem Kombini und sahen uns beim Essen das erste Rugbyspiel der Weltmeisterschaft an, die an diesem Tag hier in Japan begann. Wir würden sehen, ob uns das beim Reisen irgendwie tangiert. Im Vorfeld mussten wir feststellen, dass die Preise für Camper aufgrund der WM dieses Jahr auch bei Langzeitvermietung nicht ermäßigt wurden. Wir hatten am Abend zuvor ab dem 25.9. in Sendai ein Auto bis Ende November gebucht, um flexibler auch in die Natur hineinfahren zu können. Wir hofften, gelegentlich auf kostenfreien Campingplätzen übernachten zu können, denn pro Nacht in der Regel nur Unterkünfte über 50€ zu finden, zieht bei der langen Aufenthaltsdauer von fast drei Monaten ganz schön ins Geld. Hinzu kamen die Bahnkosten, die trotz unserer Auswahl der preisgünstigsten Verbindungen heftig zu Buche schlugen, so hatte uns die Fahrt von Tokyo nach Nikko 1358Yen (11,38€), die Fahrt Nikko -Mito 1965Yen (16,52€) pro Person gekostet. Das waren bei letzterer Bahnstrecke von 86km immerhin fast 20cent pro Kilometer und Person. Das summierte sich ganz schön.

20.09.2019

Samstag , den 21.9.19

Die erste Nacht in Mito war etwas kurz, weil ich lange nicht einschlafen konnte. Wir hatten zum ersten Mal auf der Reise ein Doppelbett und das war extrem schmal, nicht viel breiter als unser Campervan in NZ. Außerdem mussten wir uns eine zu schmale Decke teilen, aber da hab ich gleich meinen Schlafsack rausgeholt. Ich hatte mich also erst eine ganze Zeit herumgewälzt, bevor ich einschlief. Am Morgen bestand unser Frühstück bei Stefan aus Reis mit Algen🤑 und bei mir aus Kuchen, schätzungsweise Zitronenkuchen. Schätzungsweise, weil wir in Japan nie so ganz genau wussten, was wir eigentlich kauften. Wir sahen zwar immer aus wie die Detektive, wenn wir mit Handy bewaffnet die Lebensmittelläden, oder besser gesagt ihren Inhalt, unter die Lupe nahmen, aber häufig waren wir danach dennoch nicht klüger. Der Google Translater ist zwar schon ganz praktisch, man hält einfach die Kamera auf Texte und im besten Fall wird die Übersetzung angezeigt, aber die Ergebnisse waren manchmal sehr denkwürdig. Kanjis haben häufig mehrere Bedeutungen, manchmal war die Schrift evtl zu klein, oder man konnte nicht still genug halten und dann kam als Übersetzung der größte Schwachsinn raus. Da erscheint dann beim Traubensaftgetränk irgendwas mit Pullover oder Stefan hatte bei einer Essenspackung „die Schenkel eines jungen Mädchens“😂 Die Japaner essen zwar alle möglichen Dinge, aber so weit geht es nun doch nicht. Manchmal zeigten wir dem Verkäufer unser vorbereitetes Zettelchen, dass wir keine Fleisch- oder Fischprodukte essen und die Ärmsten bemühten sich dann sehr, etwas passendes zu finden. Darüber hinaus kamen wir sprachlich einigermaßen zurecht. Die Bahnhöfe hatten Anzeigen in japanischen und lateinischen Schriftzeichen, ebenso die Anzeigen in den Zügen. Toiletten hatten immer ein Piktogramm und überhaupt erklären die Japaner viel mit Bildern, z.B. die Handhabung des Klos, Hinweise, wo man nicht hindurchgehen darf, wo Gefahr lauert etc. Bei Geschäften erklärte sich ebenfalls vieles von selber. Wir kamen bislang ganz gut klar, obwohl wirklich nicht viel Englisch gesprochen wurde. Irgendwie versuchten die Japaner uns dennoch zu helfen. Was sich wirklich schwierig gestaltete, war eine bestimmte Adresse zu finden. In der Regel gibt keine fortlaufenden Hausnummern, sie sind nach Baujahr vergeben und es schreibt sie eh niemand an sein Haus. Die Städte sind in Ortsteile und wiederum in Quartiere eingeteilt. Im Quartier steht dann meist ein Plan an der Straße mit Angaben, wo was zu finden ist und wo z.B. Evakuierungspunkte sind – man bedenke, das Japan ein sehr erdbebenträchtiges Land ist. Diese Pläne sind aber für Außenstehende wie uns ein Rätsel aus Zahlen und Zeichen. Bei unseren Unterkünften konnten wir uns ganz gut über die Wegbeschreibung von Airbnb/Booking.com per GoogleMaps zum Ziel navigieren lassen. Unsere Servasgastgeberin in Tokyo hatte uns genau den Weg von der S-Bahn aus beschrieben und unser nächster Servasgastgeber am Montag in Sendai hatte versprochen, uns von der Bahn abzuholen. Sonst musste man versuchen, sich durchzufragen. Beschilderungen sind nicht unbedingt zu erwarten, so konnte man z.B. beim Government Observation Tower keinerlei Hinweise finden. Wir fanden den unscheinbaren Eingang mit Hilfe eines Bauarbeiters.
Nun aber zum dem, was wir an diesem Samstag gemacht haben. Am Morgen sind wir einmal um den Senba See herumgelaufen. Ein schön angelegter Radweg und eine ebensolche Joggingstrecke mit einer knieschonenden Auflage, wie man sie auf Spielplätzen unter Geräten findet, wurden von den Japanern ausgiebig genutzt. Wir genossen diesen Ort der Natur inmitten der Großstadt ebenfalls. Unterwegs kamen wir beim Museum für moderne Kunst vorbei und sahen uns die Ausstellung von Takehisa Yumeji, wie auch die Daueraustellung anderer Künstler an. Leider durften wir von der aktuellen Ausstellung keine Fotos machen, aber man findet Bilder im Internet. Hier sahen wir auch zum ersten Mal Ständer, in die man seinen Regenschirm stellen und abschließen kann. Keine schlechte Idee!
Danach kauften wir uns etwas zu essen. Ich hatte Sushi mit Lachs, Stefan ein Reisbällchen mit Algen und jeder ein Stück Baumkuchen. Letzterer wurde von den Japanern in Deutschland abgeguckt und weiterentwickelt. Hierzu und zu vielen anderen Dingen gibt es ein tolles Buch, das ich gerade zuende gelesen hatte. Es heisst „Matjes mit Wasabi“ von Andreas Neuenkirchen und Junko Katayama, ISBN: 9783958891166. Ein Deutsch-japanisches Pärchen beschreibt ihre kulturellen Zusammenstöße auf herzerfrischende Weise!
Wir bummelten danach durch die Geschäftsstraßen und besuchten Keisel, ein großes Einkaufszentrum, in dem haufenweise Modemarken, Spielwaren und Papeterie verkauft wurde und im Untergeschoss ein riesiger Foodcourt alle möglichen Lebensmittel und Speisen anbot. Ich musste mir eingestehen, dass die japanische Küche ist uns sehr fremd ist und mich all die Algen und Meeresgemüse nicht wirklich lockten. Bei Keisel konnten wir mit dem Glasaufzug in die 9.Etage hochfahren und hatten einen interessanten Blick nach unten. Als es dämmrig wurde, besuchten wir noch den Art Tower, einen gewundenen Metalturm, auf den man ebenfalls hochfahren konnte und einen tollen Ausblick auf die Stadt hatte. Zum Schluss genossen wir noch den Anblick des bei Dunkeln beleuchteten Turmes von außen mit farbenprächtigem Springbrunnen.

21.09.2019

Sonntag, den 22.9.19

Dies war unser letzter Tag in Mito. Wir besuchten den Park Kairaku-en, der berühmt ist für seine blühenden Pflaumenbäume, aber leider waren wir dafür natürlich zur falschen Jahreszeit dort. Ganz langsam fingen sich jedoch die Blätter an zu verfärben und auch darüber hinaus war es nett durch den Park zu schlendern. Es gab einen ganzen Bambushain, Sträucher mit violetten Blüten, die etliche interessante Insekten anlockten, nette kleine Brücken über Wasserläufe und vieles mehr. Auf dem Weg zum Park kamen wir wieder am Senba See entlang. Hunderte von Joggern mit Startnummern überholten uns. Hätten wir gewusst, dass an diesem Tag ein Lauf stattfand, hätte Stefan gerne mitgemacht – schade! Joggen schien hier noch beliebter als bei uns zu sein. Überall, wo etwas Natur war, liefen sie einem über den Weg. Auf einer Bahnbrücke trafen wir auf eine ganze Anzahl von Japanern, bewaffnet mit Stativen und Kameras. Wir versuchten zu erkunden, was ihr Motiv war und erfuhren, dass etwa 15 Minuten später ein besonderer Zug vorbeiführe. Nunja, wenn die Japaner schon ihre eigenen Züge fotografieren und dafür eine Weile zu warten bereit waren, dann waren wir es ebenfalls. Als der Zug dann endlich kam, hatte Stefan sein Handy nicht im Filmmodus 😂, aber soooo aufregend war der Zug dann auch nicht.

Unser spätes Mittagessen fand wieder in einem Kombini statt.
Dieses Mal gab es Reispäckchen mit Alge und Weißbrot mit Ei für Stefan, Reisrolle mit Mayo und Shrimps, sowie Brötchen mit Käse und Thunfisch für mich. Zum Nachtisch einen mit Creme gefüllten Kuchen, dazu kalten Milchkaffee aus der Flasche. Außerdem fanden wir endlich ein im Internet empfohlenes Mückenmittel, da sich die Viecher über unser neuseeländisches Mückenmittel nur kaputt lachten 😡. Da wir gegen japanische Enzephalitis nicht geimpft waren, mussten wir uns in Acht nehmen. Danach begaben wir uns auf den Rückweg zum Hotel für einen entspannten Abend.

22.09.2019

Sendai

Montag, der 23.9.19

Nach rund 6Std Fahrt mit Zug, Bus und U-Bahn erreichten wir Sendai und wurden von unseren Servasgastgebern Sachiko und Masumi vom U-Bahnhof abgeholt. Beide sprachen ein recht verständliches Englisch und hatten viel Servaserfahrung. Da Vegetarismus in Japan noch in den Kinderschuhen steckt, schien es für Sachiko recht aufregend zu sein, für uns zu kochen, aber die Herausforderung reizte sie auch. Den ersten Abend gab es Spaghetti mit Gemüse, selbst eingelegte Gurken und Möhren und Stückchen Süßkartoffeln. Wir unterhielten uns über Masumis Arbeit. Er hat eine Müllsammelfirma und exportiert gebrauchte Reifen in Entwicklungsländer. Aus diesen Ländern beschäftigt er auch Mitarbeiter, da ihm der Kontakt mit Menschen unterschiedlichen Nationalitäten gefällt. Er ist 75Jahre alt. Sachiko ist 75Jahre, war Lehrerin für Kaligraphie, töpfert und schreibt Haikus, eine alte Art japanischer Gedichte mit einer vorgeschriebenen Versform.

Außerdem wurden wir in die „Kunst des Badens“ in Japan eingewiesen. In Japan ist die Toilette in der Regel getrennt vom Badezimmer, meist in einem Extraraum, für den man auch extra Toilettenschlappen anzieht, die immer im Raum bleiben und niemals in der Wohnung getragen werden. Dies war allerdings bei unseren Gastgebern nicht der Fall. Die Toilette befand sich in einem Raum mit dem Waschbecken und der Waschmaschine und der Raum wurde, wie bei allen Gastgebern, die wir besuchten, zum Entkleiden genutzt. Von dort kommt man in das eigentliche Bad, das meist hochtechnisierte sanitäre Anlagen beherbergt. Die Erwärmung des Wassers geschieht über einen Termostat außerhalb des Bades und wird bei Badewunsch auf mindestens 40Grad erhitzt. Die Dusche befindet sich vor der kleineren, aber dafür tieferen Badewanne als bei uns. Man duscht sich also vor der Badewanne! Die Amatur ist sowohl für Wanne als auch für Dusche. Die meisten Japaner duschen jedoch nicht, sondern sie waschen sich ausgiebig auf einem kleinen Plastikhocker vor der Wanne mit extra Schwämmen und schütten sich dann mit einer Schüssel Wasser über den Kopf. Zumindest geht es so vor sich in den Onzen, zu denen ich später noch komme. Die Waschschüssel steht auf jeden Fall auch im privaten Bad. Danach geht man in die Badewanne mit mindestens 40 Grad heißem Wasser zum entspannen. In das Badewasser darf auf keinen Fall Seife oder Shampoo, das nutzt man nur vor der Wanne. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die ganze Familie nutzt dasselbe Badewasser und zwischendrin wird ein Deckel auf die Wanne gelegt, damit das Wasser nicht erkaltet. Sind Gäste im Haus, dürfen sie als Erste die Wanne benutzen. Wir durften aber selbstverständlich auch die Dusche benutzen, nur mussten wir uns an den täglichen Ablauf halten, denn gebadet und geduscht wurde in diesem Haushalt (und wir haben es nirgends anders erlebt) nur am Abend.

Neben Plaudern haben wir die Volleyballweltmeisterschaft der Frauen angesehen, die gerade zeitgleich mit der Rugby WM in Japan stattfand und bei der die Japanerinnen Kenia besiegten. Sachiko war Volleyballfan und so ansteckend, dass wir selber auch miteiferten im Anfeuern der Spielerinnen. Ihr Mann konnte mit Volleyball nicht soviel anfangen, war aber begeisterter Marathonbeobachter und lief früher selber.

Am folgenden Morgen sollte es früh losgehen. Wir waren in Masumis Firma eingeladen und danach empfahlen sie uns, die Bucht von Matsushima, ein Highlight jedes Japanbesuchs laut Reiseliteratur, zu besuchen und eine Bootsfahrt zu unternehmen. Daher standen Frühstück um 6:30Uhr und Abfahrt um 7:30Uhr auf dem Programm.

Unsere Nacht verbrachten wir in einem eigenen traditionell japanischen Zimmer und Sachiko zeigte mir, wie mein ein Futonbett richtig macht. Auf die Tatamimatten, kommt ein Futon, eine dicke, warme Unterlage. Hierauf kommt ein Bettlaken. Das Kopfkissen ist meist ein mit Körnern oder, wie wir auch gesehen haben, Kunststoffperlen in Körnergröße gefülltes Kissen, was sich meist als recht bequem erwies, weil es sich dem Kopf gut anpasste. Wenn es kalt ist, gibt es zuerst eine flauschige Decke und darauf noch eine Bettdecke. Zum Teil bekamen wir bei unseren Gastgebern oder in gemieteten Unterkünften ein Laken für dazwischen, zum Teil war die Bettdecke bezogen, zum Teil war aber gar nichts dazwischen und wir hofften immer, dass zumindest die flauschige Decke bei jedem Gast gewaschen wurde, wo wir uns allerdings nicht immer sicher waren. War die Bettdecke bezogen, legten wir uns zumeist die flauschige Decke obendrauf. Als Alternative hatten wir immer noch unsere Sommerschlafsäcke mit. Die Lampen in den Schlafräumen hatten in der Regel zwei oder sogar drei getrennte Leuchtkörper und man konnte vom Bett aus durch Ziehen das Licht schwächer schalten bzw. eine kleine Notleuchte für des nachts einschalten.

23.09.2019

Dienstag, der 24.9.19

Der Wecker schellte um 6:15Uhr, da wir um 6:30Uhr zum Frühstück von unseren Gastgebern eingeladen waren. Ich war todmüde und hätte eigentlich gerne weitergeschlafen oder geduscht, aber bei unseren Gastgebern wurde ja nur abends gebadet oder geduscht, weil morgens die Zeit zu knapp wäre und man sich sonst gegenseitig das Bad versperrte. Masumi musste morgens früh in seine Firma zum Meeting. Man erinnere sich, er ist 74!, aber er ging voll in seiner Beschäftigung auf und hatte die Firmen erst nach seiner Pensionierung gegründet.
Zum Frühstück gab es viel Obst, selbst gemachten Joghurt und Marmelade, dazu grünen Tee. Stefan bekam ein typisches japanisches Frühstück mit Reis, Algen und Miso, weil Sachiko seine Begeisterung dafür erkannt hatte. Danach fuhren wir mit Masumi zu seiner Firma, wurden seinen Mitarbeiterinnen vorgestellt, um ihnen Mut zu machen, mit internationalen Gästen Kontakt zu haben. Danach brachte er uns nach Matsushima an die Küste. Wir besuchten zwei Schreine und genossen danach, bei wunderschönem Wetter, eine Schifffahrt durch die Inselwelt der Bucht. Etwas überschattetet war die Tour nur davon, dass wir nicht so recht wussten, wie wir weiterreisen wollten. Wir wollten unsere Buchung eines Autos vor zwei Tagen eigentlich verkürzen, hatten sie dann aber ganz storniert, weil es eigentlich keinen Sinn machte, kurz vor dem Rückweg nochmal bis Sendai hoch zu fahren. Danach konnten wir aber keinen vernünftigen Preis mehr für eine kürzere Zeit finden. Auf der anderen Seite war das Zugfahren aber auch sehr teuer und im Auto würden wir zwischenzeitlich auch mal schlafen können, da Unterkünfte auch selten unter 60-70€ mehr zu bekommen waren. Wir gingen also nach der Schiffahrt persönlich zu einer Autovermietung und bekamen ein besseres Angebot als im Internet, sodass wir uns am folgenden Tag das Auto in Sendai holen konnten. Ärgerlich war, dass man für nur 300€ in Japan ein Auto in der Art wie wir es zuhause haben, hätte kaufen können. Sah man sich aber die Anmeldeformalitäten an, verging uns der Kaufgedanke schnell. Hier ein Einblick in die Anmeldevorschriften.
Sachiko holte uns auch an diesem Tag wieder von der S-Bahnstation ab, weil ihr Haus mehrere Kilometer von dort entfernt war. Wir unterhielten uns sehr interessant mit ihr. Sie vermittelte uns, dass sie es eigentlich schade findet, nicht auch mal länger verreisen zu können. Sie musste schließlich nicht mehr arbeiten, aber Japaner haben in ihrem Quartier anscheinend feste Pflichten zu erfüllen wie für die Sauberkeit zu sorgen, sich um Pflanzen zu kümmern und ähnliches und es würde sehr übel genommen und über einen geredet, wenn man länger als 10-14Tage weg wäre. Sie bedauerte die konservative Haltung ihrer Gesellschaft an vielen Stellen sehr. Ihre Tochter ist in Australien verheiratet und sie war schon häufiger auf internationalen Servaskonferenzen, daher kannte sie das gelassenere Herangehen an viele Dinge und wünschte sich ein wenig mehr Gelassenheit in ihrer eigenen Gesellschaft. Am Abend gab es ein köstliches Essen mit Reis, verschiedenen Gemüsen, Salat, Süßkartoffel und Nashibirne. Alles wurde immer auf verschiedenen Tellern angerichtet. Der Reis mit den verschiedenen Gemüsefarben ist eigentlich das Essen zum Tag des Kindes. Heute wurde es uns zu Ehren zubereitet.

24.09.2019

Vulkan Zao, Okama Krater und Omoshiroyama Schlucht

Mittwoch, den 25.9.19

Heute Morgen haben wir von unseren Gastgebern Abschied genommen und haben uns in Sendai ein Auto gemietet bis 25.11.19 Nun sind wir also mobil, und das hat sich heute Nachmittag bereits als eine zwar teuere, aber hervorragende Idee herausgestellt. Wir sind zum Vulkan Zao gefahren, um den traumhaften Blick auf den Krater Okama werfen zu können. Allein die Strecke hierhin war bereits ein Traum. Gegen 4 Uhr waren wir am Parkplatz des Wanderweges angekommen und ab da hieß es Treppen steigen, bzw bergan wandern für 2,8km. Da wir bereits recht spät dran waren, da es um 18Uhr hier immer schon dunkel ist, kam ich ganz schön aus der Puste. Es hat sich aber sehr gelohnt. Die Ausblicke unterwegs und auf den Kratersee waren traumhaft. Wir hätten auch mit dem Auto bis zur Aussichtsplattform fahren können, aber das haben wir erst später gemerkt, außerdem bekommt man ein ganz anderes Gefühl für einen Berg, wenn man ihn erwandert. Wir sind dann aber nach der Rückkehr zum Auto noch zum Parkplatz hoch gefahren. Hier wollten wir im Auto übernachten und morgens früh noch einmal den Blick auf den See im Okamakrater genießen. Er sollte laut Internet je nach Lichteinstrahlung wunderschön seine Farben wechseln. Wenn das kein Geburtstagsausblick für Stefan war😅 Ich hoffte nur, dass wir in Nacht nicht erfrieren würden. Wir waren immerhin auf ca 1600m Höhe und hatten nur die dünnen Schlafsäcke mit. Immerhin hatten wir Daunenjacken und notfalls müssten wir mal kurz den Motor anstellen

25.09.2019

Donnerstag, den 26.9.19

Nun war Stefan auch 57 und konnte seine „alte“ Frau nicht immer auf die Schippe nehmen😜. Nun hatte ich ein halbes Jahr wieder Ruhe 😂
Nach einer ziemlich kalten und etwas ungemütlichen Nacht im Auto waren wir am Morgen schon gegen 7Uhr aufgestanden und noch mal zur Aussichtsstelle für den Krater Okama gewandert und haben ihn dieses Mal im Morgenlicht bewundert. Danach wanderten wir weiter oberhalb des Kraters auf einem Wanderweg bis zu einem weiteren Schrein mit einem sagenhaften Ausblick über die Bergwelt. Von weitem konnte man einen Vulkan leicht rauchen sehen und man hatte Ausblick bis zur Stadt Yamagata im Westen und Sendai im Osten. Obwohl der Zao das letzte Mal 1940 ausgebrochen ist, standen ständig Warnschilder auf dem Weg, dass man sich sofort in eines der Schutzgebäude begeben soll, wenn man verdächtige Erdbewegungen oder sonstige Auffälligkeiten bemerkte. Es war schon deutlich zu merken, dass man hier im Erdbebengebiet ist. Kein Quartier ohne Evakuierungsplan, im Hotel eine Notfalltaschenlampe, Erdbebenwarnung per SMS etc. Das hatte sehr viel Ähnlichkeit mit unseren Erfahrungen in Christchurch/NZ.
Nach der morgendlichen Wanderung besuchten wir das Restaurant im Besucherzentrum vor dem Krater. Zum ersten Mal sahen wir uns vor die Aufgabe gestellt, eine entsprechende Marke für unseren Essenwunsch aus dem Automaten zu ziehen, die man dann im Restaurant abgab und entsprechend das Essen bekam. Eigentlich ganz einfach, wenn die Zeichen auf dem Automaten auch in lateinischer Schrift gewesen wären. Waren sie aber nicht, sondern ausschließlich in Japanisch. Es hing ein Bildermenü mit lateinischen Buchstaben daneben, aber was gehörte denn nun zusammen? Ich war froh über Stefans Sprachkenntnisse, mit denen er Kaffee und die japanischen Schriftzeichen für Doughnuts entziffern konnte. Nun war nur noch die Frage, mit was die Bällchen, die hier Doughnuts sein sollten, gefüllt waren, aber etwas Spannung muss ja sein. Wir hatten Glück und bekamen für 1000yen (8,45€) jeder drei gebackene süße Bällchen mit einer Füllung, die voraussichtlich aus Maronen bestand und je einen Kaffee. Das Ambiente war zwar Marke Schnellrestaurant, aber der Ausblick auf die Bergwelt dem Geburtstagsfrühstück angemessen. Wir wählten als nächstes Ziel eine Schlucht aus der Touristenbroschüre und schafften es auch ohne Probleme, den Code in das Navi einzugeben. Das war eine echt tolle Erfindung. Sehenswürdigkeiten und wir wissen nicht, was sonst noch, hatten einen Zahlencode, den man ins Navi eingab, anstatt der komplizierten Adresse und man kam sicher zum Ziel. Das war noch einfacher als GPS Code. Erst später stellten wir fest, dass die Broschüre, der wir diese tollen Codes entnehmen konnten, nur für Tohoku galt, dem Gebiet, wo natürlich die meisten Kunden unserer Autovermietung herumreisten. Wir waren noch keine zwei Kilometer gefahren, als wir an einer umwerfend schönen, farbenprächtigen Herbstlandschaft aus Büschen, Blumen und Gräsern vorbeikamen. Da es sich um ein Feuchtgebiet handelte, boten Bohlenwege den Besuchern die Möglichkeit, trocknen Fußes das kleine Paradies zu durchwandern. Eine solche Farbenpracht hatten wir beide zuvor noch nie gesehen und wir konnten uns gar nicht sattsehen und aufhören zu fotografieren. Dagegen war unser eigentliches Ziel, eine Schlucht, die auch durch farbenprächtiges Herbstlaub begeistern sollte, eher eine Enttäuschung. Zum Einen mussten wir für die gut 50km ca 2Std fahren, denn in Japan gilt innerorts 40km/h außerorts 60km/h, wobei auch auf den bergigen Straßen eigentlich fast ausschließlich 40km/h erlaubt war, und auf den Schnellstraßen (Expressways) 100km/h, sie dürfen aber häufig auch nur mit 80km/h befahren werden. Letztere kosten Maut und wir versuchten sie zu vermeiden. Die Schlucht an sich war ganz ok, aber nicht gerade spektakulär und das Laub hatte sich noch kein bisschen verfärbt. Wir waren eben 1200m tiefer als oben beim Krater, das machte schon etwas aus. Wir fanden jedoch in der Nähe einen netten Übernachtungsplatz für die Nacht. Ein altes Skigebiet, was aber wohl schon seit längerem nicht mehr betrieben wurde, bot uns einen Parkplatz mit Toilette inkl. Strom zum Laden der Handys. Alles inmitten der Natur mit großer Blumenwiese. Eine Bank für Mahlzeiten war auch vorhanden. Der Sessellift und Skiverleih sahen so aus, als wären sie schon seit Jahren dicht. Wir konnten voraussichtlich eine ruhige Nacht erwarten. Die Nacht bot uns einen traumhaften Sternenhimmel noch dazu.

26.092019

Fukushima und spannende soziale Kontakte

Freitag, den 27.9.19

Welch ein Tag! Am Morgen hatten wir uns auf den Weg gemacht zu unseren nächsten Servasgastgebern in Fukushima. Keine Angst, das Atomkraftwerk war eine Ecke von hier entfernt und die Auswirkungen der Strahlung an anderen Stellen der Welt größer als hier. Es war erst ziemlich schwierig herauszufinden, wo wir genau hin mussten, da wir keine Adresse hatten und irgendwie unsere Mails nicht ankamen. Als wir die Adresse hatten, ließ sie sich weder bei Google noch beim Autonavi eingeben. Die Lösung war letztlich die Telefonnummer vom 7Eleven in der Nähe einzugeben und Noriko hat uns da abgeholt. Das Auto durften wir bei einer Freundin abstellen, da bei der Wohnung keine Parkplätze waren. Wir unterhielten uns mit ihr und spielten etwas mit der Tochter Tsumugi (16Monate). Am Abend waren wir eingeladen, sie zu einer Veranstaltung in einem Kulturzentrum zu begleiten, die sie selbst mitorganisiert hatte. Ziel der Veranstaltungsreihe war der Austausch von Menschen, möglichst international, über wichtige Themen. Dieses Mal war es die Eröffnung einer Fotoausstellung von Katsumi Hirabayshi (Fotograf) und Kawade Shobo (Herausgeber) zum Erdbeben und Tsunami 2011 mit den grauenhaften Folgen für die Menschen der Region, inklusive der atomaren Verseuchung, aber auch dem Aufbruch und dem Versuch Mut zu machen zum Weitermachen und nicht aufzugeben. Der Künstler hatte bereits Ausstellungen weltweit und beide sind sehr engagierte und interessante Menschen, die auch schon in Österreich und Deutschland gelebt haben und die Welt aus verschiedenen Sichtweisen betrachten. Wir unterhielten uns mit Beiden eine ganze Weil. Sie sehen die Tendenz ihres Staates, die Gefahren der Atomkraft herunterzuspielen, um weitere Zahlungen an Opfer zu vermeiden. Dafür hätte der Staat aber eine 400km lange, 12m hohe Mauer an der Küste entlang gegen Tsunamis gebaut und damit große Teile der Landschaft zerstört, den Menschen bzw den Fischern den vorsorglichen, erfahrenen Blick aufs Meer genommen und sie damit ungeschützter als zuvor hinterlassen, denn ein Tsunami ließe sich auch von einer derartien Mauer nicht aufhalten. Nun sähe man ihn nur nicht mehr kommen. Wir haben das Buch zur Ausstellung von ihnen geschenkt bekommen und Ihen war wichtig, dass wir diese Informationen auch in Deutschland und sonstwo verbreiten. Wir versprachen in Kontakt zu bleiben.
Am Abend hielt noch ein weiterer junger Mann einen Vortag über sein Projekt „Payforward coffee“. Wenn man etwas von jemandem erhält, was einem Freude macht, gibt man an anderer Stelle jemanden etwas zurück, um den zu erfreuen. In diesem Fall geht es darum, dass man mit einem eigenen Kaffee einen zweiten finanziert, den dann jemand bekommt, der ihn sich sonst nicht leisten könnte. Es gab an dem Abend noch Essen und Musik und jeder hatte die Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen und Ideen über für eine bessere Welt weiterzugeben. Es war ein sehr inspirierender Abend.

27.09.2019

Samstag, den 28.9.19

Der Tag begann mit einem japanischen Frühstück. Die Misosuppe und der Salat waren ganz ok, aber es gab noch irgendein Seetanggericht, das wie durchsichtige Nudeln in kalter Suppe aussah und uns beiden zu japanisch war. Wie Glibbernudeln in Seewasser. Aber man sollte ja wenigstens mal probieren. Danach besuchten wir mit Noriko, Masahiko und der kleinen Tsumugi eine Art Kunsthandwerkermarkt mit Musik und Essen. In zwei Häusern und im Garten stellten vornehmlich Töpfer ihre Produkte aus, boten Chiropraktiker einen Körpercheck mit kurzer Behandlung an und es gab Tee und Suppe. Da letztere mit Fleisch war, sagte Noriko ihrer Freundin, die Veranstalterin war, dass wir Vegetarier wären. Ehe wir uns versahen, bekamen wir Reis mit sauren Pflaumen und eine weitere Soße, sowie Trauben in die Hand gedrückt. Stefan bekam ein dickes Lob von einer älteren Japanerin für seine Fähigkeiten, mit Stäbchen zu essen und sie machte sogar ein Foto von ihm! Es war unglaublich, wie wir überall versorgt wurden und sich jeder um uns bemühte. Ein Musiker spielte auf alten japanischen Instrumenten, Shamisen, einem Saiteninstrument und einer besonderen Trompete. Zum Abschluss durfte sich jeder noch ein Töpferstück aussuchen. Wie würden wir nur alle Dinge nach Hause bringen, wenn das Beschenken so weiterging? Wir selber hatten unseren Gastgebern einen Salz- und Pfefferstreuer von WMF mitgebracht, der ganz niedlich ist und den wir für den japanischen Geschmack passend fanden. Außerdem lasen wir, dass WMF als deutsche Firma beliebt ist in Japan. Für diese Gastgeber hatten wir darüber hinaus Babycreme von Weleda mit, was auf große Freude stieß.
Nach der guten Versorgung auf dem Handwerkermarkt war ich bereits völlig satt, aber unsere Freunde hatten Hunger und führten uns in ein typisch japanisches Restaurant. Wir hätten von außen wohl noch nicht einmal herausgefunden, dass es sich um ein solches handelt. Ein typisches historisches Haus mit zwei Räumen, einen mit Tatamimatten und niedrigen Tischen, der zweite mit normalem Tisch und Stühlen eingerichtet. An den Wänden hingen wunderbare Pachworkhandarbeiten und alte Möbel konnten wir bewundern. Das Restaurant war spezialisiert auf Sobanudeln, die aus Buchweizen hergestellt werden, mit Beilagen wie Wasabi und Tempura und ich hatte einen Pudding, da ich eh schon satt war. Ich bekam kostenlos einen Kaffee dazu. Das auf dem Boden sitzen beim Essen war für uns nicht ganz so entspannend, aber es war ok. Gestärkt fuhren wir in den Bandai-Asahi Nationalpark und liefen einen Stufenweg zum Krater des Mt Azuma-Kofiji hinauf. Die Landschaft rundherum bestand aus weiteren Vulkanen, es rauchte und der typische Schwefelgeruch wehte hinüber. Eine faszinierende Landschaft. Unsere Männer entschieden sich, einmal um den Krater zu laufen, Noriko und ich gingen mit dem Baby hinunter zum Nationalparkhaus und schützten uns vor dem einsetzenden Regen. Danach stand uns noch ein aufregendes Ereignis bevor, wir gingen in einen Onsen, einen der vielen heißen Quellen in Japan. Da männliche und weibliche Gäste hier getrennt baden und ich zuvor gehört hatte, dass das Wasser bis 45Grad heiß sein kann, war ich froh, mit Noriko meine ersten Erfahrungen machen zu können. Für Japaner ist der Onsen das zweite Zuhause und es gibt feste Regeln, wie man sich zu verhalten hat. Beim Eingang stellten wir unsere Schuhe ins Regal, schlossen Wertgegenstände ins Schließfach und ab hier ging es in Socken oder barfuß weiter. Wir zahlten und ab dann trennten sich die Wege von Frauen und Männern. In einem kleinen Umkleideraum mit angeschlossener Toilette standen im Regal Körbe bereit für die Wäsche. Wir zogen uns komplett aus, legten unsere Sachen in einen Korb und stellten ihn ins Regal. Wir verließen den Raum nach draußen. Vor der heißen Quelle befanden sich Wasserhähne mit Waschschüsseln und Hockern. Hier wurde sich gründlich mit Seife und Shampoo gereinigt und erst dann durfte man ins Becken, ganz so wie in den privaten Badezimmern. Hier hatte das Wasser 42Grad und in diesem Fall eine leicht weiße Farbe. Je nach Mineralien ändert sich Farbe und Heilwirkung. Man blieb solange im Wasser sitzen, wie es einem gut ging, konnte sich zwischendrin mal an der Luft oder am Wasserhahn abkühlen und nach spätestens einer Stunde sollte man das Bad verlassen, gut aufgewärmt und entspannt. Wir fuhren danach nach Hause und diesmal kochte Stefan. Noriko wollte gerne was kochen lernen, was wir zuhause so essen, also gab es Nudeln mit selbstgemachter Käsesoße und Salat. Wir unterhielten uns noch eine Weile, bevor wir alle zu Bett gingen.

28.09.2019

Sonntag, den 29.9.19

Noriko machte eine Ausbildung als Geschichtenerzählerin und musste an diesem Tag zur Fortbildung, daher verbrachten wir den Tag mit Masahiko und der kleinen Tsumugi. Bevor sie losfuhr, wollte sie aber noch Bento (Lunch) für uns zubereiten, bzw. uns beibringen, dieses zu tun. Unsere Aufgabe bestand darin, Onigiri zu formen. Da ich aber nicht ganz verstanden hatten, was sie mir beibringen wollte, dass ich den Reis in Dreiecke formen sollte, stellte ich mich reichlich ungeschickt an. Es war aber lustig. Da das Wetter unbeständig war, besuchten wir einen Schrein in der Umgebung, die Uesugi Memorial Hall, die 1896 als Residenz von Mochinori Uesugi auf den Ruinen der alten Burg von Yonezawa errichtet wurde. Nach einem großen Brand wurde es 1925 wiedererrichtet und bekam einen großen japanischen Garten dazu. Seit 1997 ist es Kulturdenkmal und Besucher können die Anlage besuchen und traditionelle Küche genießen. An diesem Sonntag war ein Fest dort mit vielen Essständen, Tanzdarbietungen und Menschen in historischen Verkleidungen. Es war sehr gut besucht, dennoch konnten wir unser mitgebrachtes „Bento“ (Lunchpaket) und den Park gut genießen. Danach lernten wir bei einem weiteren Fest einen alternativen Kindergarten kennen, in den Tsumugi ggf mal gehen soll. Er wurde vor Jahren in Fukushima selbst gegründet, aber 2011 von dem verheerenden Erdbeben vernichtet. Seitdem wird er weit außerhalb von Fukushima weitergeführt und ein kostenloser Bus bringt die Kinder dorthin. Wie wir erkennen konnten, arbeitet er sehr naturnah. Es wird gepflanzt und mit der Natur experimentiert, es gab ein Außengelände mit großem Spiel- und Klettergerüst, wo ich ehrlicherweise mein Kleinkind nicht alleine darauflassen würde, weil es absolut nicht abgesichert war. Bei dem Fest wurde im Gebäude einen Kindersachenflohmarkt veranstaltet, außen waren Stände mit Gemüse, selbstgepflanzten Blumen, ein Kaffeestand mit fairem Kaffee, der mit Liebe und Geduld Tasse für Tasse zubereitet wurde, sowie Musik. Auf dem Weg nach Hause hielt Masahiko noch bei einer Markthalle an, um ein Besuchsgeschenk zu besorgen. Wir waren gemeinsam am Abend bei der zweiten Servasgastgeberfamilie in Fukushima zum Essen eingeladen und in Japan läuft nichts ohne kleines Geschenk. Wir kauften zusammen Weintrauben ein, ein beliebtes Mitbringsel. Man muss dazu sagen, dass bei Obst in Japan extrem auf das Aussehen geachtet wird, Regionen für bestimmte Obstarten typisch sind und es häufig als Geschenk verpackt angeboten wird. Es ist immer sehr teuer und Trauben insbesondere. Man kann bei vielem sagen, dass der Kilopreis bei uns dem Stückpreis in Japan gleichkommt. Nach dem Einkauf ging es nach Hause. Gegen 19Uhr fuhren wir gemeinsam mit Noriko zu den anderen Servasgastgebern, einem alten Ehepaar, dass typisch japanisch wirkte. Er der Gastgeber, die Frau in der Küche. Er hatte ihr nicht gesagt, dass wir Vegetarier sind und Reis und Fleisch waren schon auf unseren Tellern. Noriko rettete uns, sodass wir unser Fleisch ihr und Masahiko geben konnten, ohne dass jemand sein Gesicht verloren hätte. Es gab noch Auberginen, Ei und Obst und alles war köstlich. Wir unterhielten uns viel über den Tsunami und das Atomkraftwerk und dass die Menschen der Region nun alle Atomkraftgegner sind. Der deutsche Ausstiegsbeschluss erntete hier große Anerkennung. „Terri“, der Gastgeber erklärte uns viel über die Bemühungen der Entsorgung des Atommülls und dass außer im Sperrgebiet die Strahlung niedriger sei, als z.B. in Südkorea. Letztere würden sie aber in aller Welt anklagen, obwohl sie selbst ihre Nuklearabfälle einfach ins Meer entsorgten. Das Verhältnis zu Südkorea kam immer wieder ins Gespräch, da die koreanische Regierung anscheinend das Volk versucht gegen die Japaner aufzuhetzen. Es geht dabei auch noch um Ausgleichszahlungen für Zwangsarbeit im 2.Weltkrieg. Egal, wen man traf, Südkorea war im Gespräch. Häufig hatten unsere Gesprächspartner gute Freunde in Südkorea und sahen sich nun diesen Anfeindungen des Staates ausgesetzt und bangten um ihre Freundschaften.
Wir verbrachten einen interessanten Abend und kehrten gegen 21Uhr zurück zum traditionellen Bad am Abend bei Noriko und Masahiko, wo auch die Gäste mit eingeschlossen wurden. Wir durften, ganz nach japanischer Sitte, zuerst in die Wanne, bevor unsere Gastgeber im selben Wasser badeten. Ich war tunlichst darauf bedacht, wirklich alles Shampoo und Duschmittel gut vom Körper abgespült zu haben, um das Wasser nicht damit zu beschmutzen.

29.09.2019

Montag, den 30.9.19

Wir mussten uns von unseren lieben Servasgastgebern verabschieden, denn unsere Reise ging weiter. Wir wurden eingeladen, wenn wir Ende November unser Auto wieder in Sendal würden abgeben müssen, nochmal bei ihnen zu übernachten. Ich glaube, Noriko fiel der Abschied genau so schwer wie uns, wenn es auch schön ist, wieder mal selbstbestimmt zu zweit weiterzureisen. Es ist immer total interessant, sich für eine Weile ganz auf eine neue Kultur einzulassen, aber es ist auch anstrengend. Noriko konnte Stefan mit den unterschiedlichen japanischen Speisen begeistern und er überlegte sicher schon, ob wir uns fürs Frühstück demnächst einen Reiskocher zulegen sollten. Mir fehlte aber hier zumindest zum Frühstück mal Brot zu essen und meine süßen Gelüste zu stillen. Die Geschmackrichtungen Alge und Soya waren nicht so meine. Was ich aber lieben gelernt habe, war die rote Bohnenpaste, die auf Brötchen allemal mit Nutella mithalten kann und noch dazu schätzungsweise gesünder ist je nach Zuckergehalt.
Wir verließen also gegen 9Uhr mit unseren Gastgebern das Haus und machten uns auf den Weg zum Mont Ryozen, den Noriko uns am Vorabend noch empfohlen hatte. Sie und Masahiko hatten uns noch eine ganze Liste an Tipps für schöne und interessante Orte mitgegeben. Wir hätten wahrscheinlich einen ganzen Monat in der Region Tohoku (jap. für Nordosten) bleiben können, ohne uns zu langweilen.
Der Berg Ryozen war auf jeden Fall ein schönes Erlebnis, auch wenn Stefan meinte, unterwegs Besuch von einem Vampir namens Blutegel bekommen zu haben. Er hatte es aber nur auf die Hose geschafft, Stefan war geizig mit seinem Blut. Im Nachhinein stellte sich, beim näheren Besehen des Fotos, durch unseren nächsten Servashost heraus, dass es eine harmlose Raupe war. Wir fuhren dann weiter Richtung Norden und kamen wieder nach Sendai, wo wir auf einem Parkplatz in der Nähe der Küste übernachteten . Am kommenden Tag hatten wir den nächsten Servasgastgeber in Kami im Landesinneren. Wir wollten aber vorher noch dem Tsunamigebiet von 2011 einen Besuch abstatten. Es sollte hier in der Nähe ein Informationszentrum geben.

30.09.2019

Sendai „Park for Hope“ und Tsunamiregion

Dienstag, den 1.10.19

Wir erwachten im „Park for Hope“ in Sendai, das hatten wir im Dunkeln am Abend zuvor gar nicht so wahrgenommen. Der Park wurde zur Erinnerung an das grauenhafte Erdbeben und dem Tsunamis am 11.3.2011, die hier und entlang der ganzen Küste alles zerstört hatten und fast 16000Menschenleben gekostet hatte, errichtet. Die Erinnerung sitzt tief in allen Seelen, auch derer, die im Landesinneren leben und nicht direkt betroffen waren. Im Park ist ein altes Warenhaus erhalten geblieben, das als Zeuge des Geschehens unter Denkmalschutz steht. Ein Zeichen in Höhe der dritten Etage zeigt die Höhe der Tsunamiwelle an. Von hier konnten wir das Meer überhaupt noch nicht sehen! Wie muss das sein, wenn man nichtsahnend plötzlich wie aus den Nichts eine riesige Wasserwand auf sich zurollen sieht?😱
Wir machten uns auf den Weg ins Innere des Landes, wo uns eine wunderschöne Schlucht mit Wasserfällen erwartete. Eine Schlange kroch neben unseren Füßen ins Grün. Wir hätten noch stundenlang dort herumwandern können, aber wir waren um 17Uhr bei unseren nächsten Gastgebern Michiko und Masao in Kami angesagt. Dieses Mal war unser neues Heim ein schönes, großes Haus im Grünen. Wir hatten wieder ein Zimmer für uns und schliefen auf den bequemen Futons auf dem Boden. Der Boden war hier aus Holz. Viele tauschen heute die empfindlichen Tatamimatten aus Reisstroh gegen die haltbareren Holzböden erzählten uns Servasgastgeber. Als erstes fuhren wir gemeinsam mit Madao in einen sehr netten Onsen. Mein erstes Mal alleine, da Männer und Frauen getrennt baden. Danach fuhren wir zurück- Es erwartete uns ein köstliches Abendessen mit frittiertem Gemüse und Tofu, Reis mit Maronen, Pilze mit einem Püree einer Art Kartoffel, Salat und Kürbispuddingkuchen (Pumkin Pie). Die Verständigung war etwas schwieriger als mit Noriko, da das Englisch unserer Gastgeber nicht ganz so gut ist, aber es reichte völlig aus, um sich interessant unterhalten zu können. Masao ist Tierarzt und hat sich spezialisiert auf Schweine. Vor Jahren sind Schweine aus den Niederlanden importiert worden und er war zu Seminaren über die Haltung und Behandlung in Deutschland. Nun ist er der Spezialist in Japan und behandelt Schweine von Hokkaido bis tief in den Süden. Seine Frau Michiko war aktiv für die Schulbehörde. Sie erzählte uns viel von Schüleraustauschen mit der deutschen Schule in Tokio, die in den letzten Jahren leider abgebrochen waren, weil die jungen Eltern häufig keine Gastkinder mehr aufnehmen wollten. Ihr lag außerdem sehr am Herzen, dass Kinder wieder mehr Bezug zur Natur bekommen und sie organisiert Programme dafür. Unter anderem bringt sie ihnen bei, wie man selbst Soyabohnen fermentiert und das tägliche Gericht nahezu aller Japaner, Miso, daraus herstellt. Stefan hat Masao bis spät am Abend über Kanji und wie man sie im Wörterbuch findet ausgequetscht.

01.10.2019

Kami und Iwadeyama

Mittwoch, den 2.10.19

Uns erwartete ein leckeres Frühstück, das auch meine Geschmacksnerven beglückte😅. Eine Nachbarin hatte sehr schmackhaftes und auch dunkleres Brot als gewöhnlich gebacken und vorbeigebracht. Dazu gab es selbstgemachte Orangenmarmelade unserer Gastgeberin und ebenfalls selbsthergestellten Joghurt mit Honig und Nüssen und duftendem Kaffee. Ich gebe zu, beim Frühstück bin ich nicht gerade japanisiert😂. Da Masao an diesem Tag Unterricht in der Grundschule über Schweine hielt und seine Frau Michiko einen Vortrag über Fermentierung von Soya im Gemeindezentrum anhörte, fuhren wir am Morgen alleine nach Iwadeyama und besuchten eine historische Schule der ehemaligen Feudalgesellschaft. Es handelte sich um ein wunderschönes Gebäude im Park mit Blick auf einen See, ausgelegt mit Tatamimatten und den großen, typischen Papierfenstern. Wir schlenderten noch ein wenig durch den Ort, aber viele Geschäfte hatten geschlossen. Hier schien der Mittwoch häufig der Ruhetag zu sein. Unser Mittag war wieder eher Fast Food im Combini: gefüllte Teigtaschen mit Käse und Apfel, bzw. Stefan hatte Onigiri, ein gefülltes Reisbällchen in Form eines Dreiecks, was man mit der Hand essen kann (Nigri), da der klebrige Reis mit einer Alge umwickelt wird, bzw. als Streifen zum Greifen drübergelegt ist. Gefüllt häufig mit sauer/salziger Pflaume oder wiederum Algen o.ä. Außerdem hatte er ebenfalls etwas Süßes.
Um zwei Uhr waren wir mit Masao verabredet, und wir waren pünktlich wie die japanischen Züge😂 Nach einer kurzen Rast fuhr er mit uns zu einem alten, reedgedeckten Samureihaus. Das Dach muss alle drei Jahre erneuert werden, wie er sagte. Das ist wohl nicht das geeignete Material für die feuchte Luft hier. Dieses Haus wird aber als historisches Denkmal erhalten, und es finden auch Kulturveranstaltungen darin statt. Weiterhin besuchten wir gemeinsam eine Apfelfarm und durften leckere, knackig süß-saure Äpfel genießen. Letztes Ziel war ein 900Jahre alter Kirschbaum mit diversen Stützen, der aber im Frühjahr noch voller Blüten sein soll und die Menschen zum feiern unter ihm einläd. Im Baum lebt eine Eule, die dort auch brütet. Wir bekamen sie leider nicht zu Gesicht. Danach fuhren wir wieder nach Hause und versuchten mit unseren Gastgebern unsere weitere Strecke zu planen. Uns wurde klar, dass uns für Hokkaido nicht ausreichend Zeit blieb. Tohoku, also der Norden der Insel Honshu, bot noch soviel Interessantes, und wir hatten für Ende Oktober in der Kinkiregion, also südlich-westlich von Tokyo, weitere Gastgeber, die uns eingeladen hatten. Die Fähre nach Hokkaido war einfach zu teuer, um dort nur eine Woche zu verbringen. Wir würden wohl nochmal nach Japan reisen müssen😂
Am Abend hatte Mischiko ein junges Mädchen aus der Gemeinde eingeladen, das auch Sozialarbeit studiert, um ihr und uns die Gelegenheit des beruflichen Austausches zu bieten. Sie war erst sehr unsicher, aber im Laufe des Abends entwickelte sich dann doch noch ein angeregtes Gespräch zwischen uns allen. Es ging nicht nur über soziale Themen, sondern auch über unsere Reisen. Dabei genossen wir Sushi, Misosuppe, Kürbisstücke, einen leckeren Kartoffel-Maisauflauf und zum Schluss Eis mit süßer Creme von roten Bohnen. Michikos Kochkünste ließen wirklich nichts zu wünschen übrig.

02.10.2019

Donnerstag, den 3.10.19

Wieder einmal Abschied, aber zuerst noch ein gemeinsames Frühstück mit? Na klar, Miso Suppe😂 Außerdem gab es wieder Onigiri, eingelegte Gurken und Tofu, sowie Algen in Ei gerollt und gebacken. Letzteres esse ich echt gerne. Dazu gab es grünen Tee und wir lernten, dass Japaner grünen Tee auch gelegentlich essen, weil er viel Vitamin C enthält. Zum Abschluss labten wir uns wieder am leckeren Joghurt und Kaffee zum Tote erwecken. Dann brachen wir auf, nachdem uns unsere Gastgeber, besonders Michiko, immer wieder versicherten, dass wir uns unbedingt wiedersehen müssen. Sie ist sooo herzlich! Es wäre schön, wenn die zwei uns mal besuchten. Wir fuhren zum Mt.Kurikoma. Unterwegs begann es zu regnen und der Nebel verdichtete sich immer mehr, je höher wir kamen. Man konnte auf ca 1100m hochfahren, die restlichen rund 400Höhenmeter mussten zu Fuß zurückgelegt werden. Ich verzichtete auf dieses „Vergnügen“, auf glitschigen Steinen den Berg zu erklimmen, von dem aus nichts außer Nebel zu sehen war und beglückte lieber meine liebe Familie und Freunde mit meinem verspäteten Reisebericht vom Vortag. Stefan ließ sich den Walk aber nicht nehmen und fand es toll trotz null Sicht. Unser Plan, danach noch in einen Onsen zu gehen, verwarfen wir, da der Nebel immer dichter wurde. Masao hatte uns geschrieben, dass Sturm und heftiger Regen auf die Region zukommt und es wurde darüber hinaus ja immer schon so früh dunkel. Bei Dunkelheit wollten wir doch besser wieder vom Berg runter sein. Wir fuhren in Richtung unseres nächsten Zieles, dem Mōtsūji Tempel und übernachten bei einer Raststätte im Auto. Das ist in Japan sicher und die sanitären Anlagen sehr komfortabel und, im Gegensatz zu Deutschland, kostenfrei!

03.10.2019

Welterbe Mōtsūji Tempel und Chusonji Tempel in Hiraizumi

Freitag, den 4.10.19

Als wir morgens auf dem Rastplatz erwachten, hatten wir eigentlich, außer ein bisschen mehr Platz zum geradeliegen, nichts vermisst. Die Raststätten hier sind teilweise echt der Hammer! Auf dem Parkplatz waren wir bei weitem nicht die einzigen, die im Auto, Wohnmobil oder LKW schliefen. Das Gebäude war ein großer, moderner Holzbau mit Eingangshalle, Restaurant, Laden, Touristinfo und Eisladen. Man war aber nicht wie in Deutschland gezwungen, etwas zu bestellen, wenn man essen und sich hinsetzen wollte. Die Eingangshalle hatte Tische und Bänke, an denen man Selbstmitgebrachtes verzehren und sich an Computern und durch Prospekte über die Gegend informieren konnte, wenn man des Japanischen mächtig war. Ein Mann schlief des nachts auf einer der Bänke. Das Beste waren aber die sanitären Anlagen. Auf den Erwachsenentoiletten und bei den Waschbecken waren Kindersitze montiert, damit die Kleinen sicher sind, wenn Eltern die Toilette benutzten. Für die Bedürfnisse der Kinder gab es extra kleine Toiletten und ein niedriges Waschbecken. Der Wickel- und Stillraum hatte einen bequemen Sessel und außer Wickeltischen eine Babywanne und wurde automatisch auf eine angenehme Temperatur für Babies gehalten! Darüber hinaus war jedes Behinderten WC mit Wickeltisch und diversen Waschbecken, deren Funktionen mir gar nicht alle klar sind, ausgestattet. Für uns bot sich also eine gute Möglichkeit, uns selbst und auch Stefans Joggingsachen zu waschen. Auf diesen Rastplätzen dürfen sich Besucher jeweils 24Std aufhalten, soweit ich es verstanden habe.
Nachdem wir unsere Reste an Weißbrot, Käse und Bananen mit einem Becher Kaffee zum Frühstück verzehrt hatten, besuchten wir zuerst den Mōtsūji Tempel und danach den Chusonji Tempel. Beide Anlagen befinden sich in Hiraizumi, das 2011 für 5 Tempel, Gärten und achäologische Stätten den Welterbetitel erhielt. Sie bestehen aus diversen Tempeln, Gärten und Hallen, von denen von einigen nur noch die Bodenumrisse zu sehen sind. Bei Chusonji ist aber die weltweit einzige Halle „Konjikido“ aus purem Gold, noch erhalten geblieben. Die Anlagen in Hiraizumi gehören zu Japans heiligsten Stätten. Auch die Außenanlagen mit Gewässern und Wald waren sehr meditativ. Leider spielte das Wetter nicht so ganz mit, aber vor den schlimmsten Schauern konnten wir uns ins Restaurant retten und – ganz unjapanisch – Tiramisu essen. Dazu gab es jedoch typischen grünen Tee, der in der Regel immer in Restaurants kostenlos zur Selbstbedienung bereitstand. Da das Wetter nicht so attraktiv erschien, beschlossen wir in Richtung Küste zu fahren und uns mal wieder eine Unterkunft zu leisten. Wir hatten zwar die letzten Nächte bei Servas immer super Schlafstätten, aber wenig Zeit für uns, um alle Eindrücke zu verarbeiten. Wir fanden ein günstiges Hotel für rd 24€ pro Nacht inkl eigenem Bad. 8qm inkl Bad waren jetzt für zwei Nächte unser Zuhause. Wir wollten von hier aus die Mauer gegen Tsunamis besichtigen, die hier in der Nähe über 400km mit 12m Höhe an der Küste errichtet wurde. Wie bereits beschrieben, haben wir auf der Dinnerparty in Fukushima durch Katsumi, dem Fotografen, davon erfahren. Außerdem ist der Sanriku Fukkō National Park in der Nähe.

Wir machten uns abends noch vom Hotel aus auf den Weg, um etwas zu essen. Nachdem wir uns Abendessens im „Larson“ Convinient Store, oder Kombini wie die Japaner sagen, gekauft hatten, stiegen wir bei strömendem Regen ins Auto. Wir hatten gerade angefangen zu essen, als zwei Polizisten an die Scheibe klopften. Wir konnten uns gegenseitig absolut nicht verständigen, aber wir hatten Ihnen unsere Pässe zu zeigen, die sie im Regen ausführlich kontrollierten und uns dann nass zurückgaben! Sowas idiotisches! Wir passten immer so auf, dass unseren Papieren nichts zustießt! Keine Ahnung, was die Aktion sollte🙄 Wir fuhren ins Hotel und trockneten die Pässe und versuchten sie wieder zu glätten. Zum Glück waren keine Stempel verwischt.


04.10.2019

Iraisaki Nationalpark und die Folgen des Tsunamis von 2011

Samstag, den 5.10.19

Der heutige Tag war voller widersprüchlicher Gefühle. Wir besuchten den Iraisaki Nationalpark, der kurz vor Kesennuma an der Ostküste liegt. Nationalpark ist eigentlich zu hoch gegriffen, es kam eher als kleiner Park an der Küste mit netten Felsformationen und hochspritzender Gischt daher. Ein wirklich schönes Stückchen Erde, hätte hier nicht 2011 der Tsunami sein Unwesen getrieben. Direkt neben der Naturidylle konnten wir noch Reste von zerstörten Gebäuden sehen und überall Bagger und Kräne, die an der großen, 12m hohen, 400km langen Mauer gegen weitere Tsunamis arbeiteten. Es war wirklich sehr fraglich, ob das Sinn machte, sah man an dem zerstörten Gebäude die Einschlagstelle und weit im Hintergrund die Mauer, die viel niedriger wirkte. Katsumi, der Fotograf, den wir in Fukushima kennengelernt hatten, hatte uns auf diese sinnlose Naturzerstörung hingewiesen. Es war wirklich schwierig zu sagen, was hier der richtige Weg ist. Dieses Land lebt in ständiger Gefahr vor Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen und Taifunen, sodass man den Überlebenswillen der Japaner nur bewundern kann. Sie haben nicht wie die Neuseeländer noch eine zweite Insel, auf die sie flüchten können und es ist unendlich schade, wenn das Schöne, die Natur, die es lohnenswert macht dort zu bleiben, auch noch durch Mauern verunstaltet wird.


Nach dem Ausflug nach Iaerisaki fuhren wir weiter in die Stadt Kesennuma und ließen dort die Eindrücke auf uns wirken. Diese einst blühende Hafenstadt wurde durch das Erdbeben und den Tsunami nahezu zu Grunde gerichtet. Über 1200 Tote und 55% der Bevölkerung, die ihr Zuhause verloren haben, sprechen Bände. Seitdem wird versucht, Wiederaufbauarbeit zu leisten. Nähere Infos dazu findet man im oben eingefügten Link unter Kesennuma.

Was wir vorfanden war: Ein Einkaufszentrum mit Fantasiepreisen für Obst, ein Automatenspielzentrum mit ohrenbetäubenden Lärm, ein geschlossenes Haifischmuseum, das im EG einen Fischmarkt beherbergt und eine Touristinfo mit einem 3-D Film auf einem Fernseher über den Tsunami und die Aufräumarbeiten der letzten Jahre. Am Ende unserer Hafenerkundung gelangten wir zum Pier 7 mit einem gemütlichen Café „für Traveler“ wie davor stand. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und versackten dort für die nächste Stunde, bis es Zeit wurde, wieder zu unserem Auto zurückzukehren und zurück zum Hotel zu fahren.

05.10.2019

Towada Hachimantei Nationalpark

Sonntag, den 6.10.19

🎵 Fahrn, fahrn, fahrn ohne Autobahn … das war unser nächster Tag. Wir machten uns auf den Weg in den Norden der japanischen Hauptinsel Honshú. Laut Google Maps 284km 5Std 47, laut Autonavi 9Std32 bis zur Schlucht Oirase Gorge. Als wir an unserem Übernachtungsplatz noch ca 10km entfernt vom Ziel ankamen, hatten wir gut 7Std benötigt. Wir vermieden die Expressways, weil man auch auf ihnen meist nur 80fahren darf, sie häufig einspurig in jede Richtung sind und rund 20ct pro Kilometer Maut kosten. Das Geld wollten wir lieber für gelegentliche Hotelaufenthalte sparen, oder wenn es wirklich nicht anders ging. Wir waren jetzt wieder im Landesinneren in den Bergen und erwarteten eine kalte Nacht, dafür schien das Wetter hier trocken zu bleiben. Glücklicherweise hatten wir unterwegs schon Onigiris fürs Abendessen gekauft, denn hier am Towada See war es zwar sehr schön, aber hier hatte alles dicht. Es gab eh nur 5 Gebäude, wobei das eine ein Bootsanleger zu seien schien und ein anderes ein Bahnhof. Ich hatte zwar noch keine Schienen gesehen, aber es spielte ein Glockenspiel und das hatten wir in Japan, außer in großen Städten, immer für Zeichen gehalten, dass ein Zug kommt, zumindest in Nikko war dem so. Es klang immer ganz romantisch und wie aus einer anderen Welt, wirklich nett, zumindest wenn man nicht neben dem Bahnhof wohnte und nachts Züge ankamen.

06.10.2019

Montag, den 7.10.19

Als Stefan gegen 6:30Uhr zum Joggen aufbrach, erwachte ich aus einem unruhigen Schlaf. In der Nacht wurde es ganz schön kalt im Auto, sodass ich trotz zwei langer Unterhosen und 2Paar Socken im dünnen Sommerschlafsack gefroren hatte. Bei kalten Füßen half auch die Daunenjacke über der Fleecejacke oben nichts, ich konnte nicht schlafen. Hier im Norden und besonders in den Bergen würden wir wohl auf Hotels umsteigen müssen.
Der Ausblick auf den Towada See und die geheizte Klobrille bei den Toiletten an der Bushaltestelle verbesserten jedoch schnell meine Laune. Ansich fand ich es ja total bescheuert, Toilettensitze zu heizen, aber an diesem Morgen konnte ich es gut vertragen. Die Hightech-Toilettenkultur, wie auch die Badewannen, die das Badewasser warmhalten, sind in Japan nicht mehr wegzudenken. Ich hatte zwar nach dem Reaktorunglück in Fukushima gelesen, dass die Bevölkerung nun auf Stromsparen setzt und die Toilettenheizung abstellte, aber das war wohl inzwischen Geschichte. Egal ob private oder öffentliche Klos, mindestens 90% sind Hightech „Washlets“ mit diversen Bidetfunktionen, Geräuschen, um eigene Körpergeräusche zu überspielen und mit heizbarem Sitz.
Da die Toilette als „schmutziger Raum“ gilt, ist sie getrennt und es gibt privat, in Hotels und zum Teil auch in Restaurants extra Toilettenschlappen. Wehe dem, der mit seinen Hausschuhen in die Toilette latscht, oder noch schlimmer, mit den Toilettenlatschen in die anderen Zimmer läuft, das kann dann schon zu entsetzten Blicken führen.
Nun aber zu unseren Erlebnissen an diesem Tag. Wir frühstückten Müsli mit O-Saft im Auto und kochten uns dazu einen Kaffee auf unserem Kartuschenkocher. Danach fuhren wir durch die Schlucht Oirase Gorge und konnten uns gar nicht sattsehen an Wasserfällen und Wald mit sich allmählich verfärbendem Herbstlaub. Der Weg führte uns weiter durch den Towada Hachimantei zu einem Teich mit ganz besonderer Atmosphäre, dem Suirennuma Pond. Hier war der Herbst schon weiter fortgeschritten und das Laub leuchtete in bunten Farben. Ein paar Kilometer weiter stieg uns der typische Schwefelgeruch in die Nase. Hier gab es heiße Quellen, blubbernde Erde, aus der es dampfte und zwei angenehm warme Bänke, unter denen 90Grad heißes Wasser aus der Erde verlief. Hier hätte ich die letzte Nacht gerne drauf geschlafen, oder doch nicht? Hier gab es auch Bären! Wir waren mitten in schönster Vulkanlandschaft. Von hier fuhren wir zur Hakkoda Ropeway, die uns unser letzter Servasgastgeber auch empfohlen hatte. Wir entschieden uns dann aber doch dagegen, mit der Gondel auf den Berg zu fahren, weil der Himmel sich zuzog und wir vermuteten, oben keinen schönen Blick zu haben. Zum Hinunterwandern war es ebenfalls schon zu spät, weil es ab 17 Uhr immer schon dunkel war. Wir entschieden uns daher weiterzufahren zur Sannai-Maruyama Historic Site, einem archäologischen Zentrum mit Ausgrabungen 5000Jahre alter Gräber und Nachbauten von Reetgedeckten und in Grashügeln gebauten Häuser. Es erinnerte mich sehr an das archäologische Zentrum in Hitzacker mit seinen Langhäusern. Am Abend fuhren wir nach Aomorie im Norden der Insel Honshu, von wo aus Schiffe nach Hokkaido abfahren. Die würden ohne uns fahren, aber die Gegend hier wollten wir schon noch kennenlernen. Wir genossen jetzt wieder zwei Nächte Hotelluxus. Diese Nacht musste ich also nicht wieder frieren.

07.10.2019

Aomori

Dienstag, den 8.10.19

Ausgeschlafen und frisch geduscht machten wir uns auf, um Aomori, Hafenstadt mit rund 288000Einwohnern, auszukundschaften. Leider regnete es, aber im Hotel gab es kostenlos Regenschirme auszuleihen. Wir wohnten mitten im Zentrum, daher war es zum Fähranleger und dem großen Tourismus Infomationszentrum nicht weit. In diesem dreieckigen Gebäude befand sich im Erdgeschoss eine Ansammlung von Ständen, die alles verkauften, was für die Stadt und die Präfektur Aomori typisch ist. Jede Präfektur schien ein typisches Obst zu haben, so warb man in Yamagata mit Kirschen und hier in Aomori waren es Äpfel. Für uns hieß das, dass man hier Äpfel nicht kaufen konnte, weil sie unbezahlbar waren. Fakt ist nämlich, dass das typische Obst fein eingepackt als Souvenir verkauft wird, zu entsprechen Preisen. Überhaupt haben Geschenke hier einen höheren Stellenwert. Man würde nie jemanden ohne Mitbringsel besuchen und auch wir bekamen immer wieder etwas geschenkt, wie ich bereits im Bericht über unseren Servasaufenthalt in Fukushima geschrieben habe. Es gibt dafür eigens Geschäfte, die alle möglichen Dinge, meist Lebensmittel wie Fisch in Form von Trockenfisch oder eingeschweißt als Fertigessen, Meeresfrüchte, Obst, Süßwaren etc. bereits nett verpackt verkaufen, direkt zum Weiterverschenken. Solche Fertigpräsente gab es auch in diesem Tourismuscenter in Aomori zu kaufen. Weiterhin gab es eine kleine Bühne, auf der für eine halbe Stunde eine Musikerin Tsugaru Jamisen, eine für die Region typische Musik, spielte. Nachdem wir uns in der ersten Etage mit englischsprachigem Infomaterial über die Region eingedeckt hatten, was sonst immer nur schwer zu finden war, machten wir uns auf zum nächsten Ziel, dem Nebuta Museum WA-RASSE. Jedes Jahr im August findet in Aomori das Nebuta Festival statt. Aus Papier und Draht werden zu mystischen Sagen riesige Szenen mit dreidimensionalen beleuchteten Drachen und anderen Figuren gestaltet und mit Trommeln und Tanz durch die Stadt getragen. Es ist eines der größten Festivals des Landes und wohl am ehesten mit unserem Karneval vergleichbar. Die „Flöße“ wie sie hier genannt werden, sind reine Kunstwerke und benötigen immer ein ganzes Jahr für den Bau. In dem Nebuta Museum WA-RASSE sind die bestprämierten ausgestellt. Wir waren total begeistert von der Farbenpracht und dem handwerklichen Niveau dieser Kunstwerke.
Im Anschluss besorgten wir uns etwas zu essen und machten Mittagspause im Hotel. Der Nachmittag war wiederum der Kunst gewidmet. Wir besuchten das Kunstmuseum von Aomori. Ein riesiger weißer Kasten, der auf den ersten Blick eher nach einer Firma aussah, erwies sich jedoch als recht interessantes Ausstellungsgebäude. Das 2006 eröffnete Museum hat sich zum Ziel gesetzt, Künstler aus der Präfektur Aomori weltweit bekannt zu machen. Als berühmtestes Werk gilt der Aomori Hund, eine Skulptur von Yoshimoto Nara. Außer von ihm sind auch noch Zeichnungen, Holzschnitte und dreidimensionale Kunstwerke von Shiko Munakata, Shuji Terayama, und Toru Narita ausgestellt. Obwohl das Gebäude sehr verwinkelt ist, konnten wir in ihm mit Sicherheit nicht verlorengehen, denn es gab in jedem Raum mindestens zwei Mitarbeiterinnen, die auf einen aufpassten, dass man nicht vom Weg abkam und leider auch strengstens darauf achteten, dass man an etlichen Stellen nicht fotografierte. Zum Abschluss des Tages gingen wir abends noch einmal zum Fährhafen und machten ein paar Aufnahmen der Stadt bei Nachtbeleuchtung. Am kommenden Morgen wollten wir unseren Luxus wieder verlassen und unser Nomadenleben wieder aufnehmen.

08.10.2019

Hirosaki und Mount Iwaki

Mittwoch, den 9.10.19

Gegen 9:30Uhr verließen wir unsere luxuriöse Unterkunft und fuhren Richtung Südwesten nach Hirosaki. Ziel war die alte Burganlage, die in einem schönen Park liegt. Gebaut 1610-1611 von Tsugaru Tamenobu war sie für 260Jahre Regierungssitz der Region bis zur Abschaffung des Feudalsystems. Im frühen 20. Jhrd spendeten viele Bürger Kirschblütenbäume verschiedener Sorten, sodass der Park im Frühjahr ein Kirschblütenparadies sein muss. Inzwischen finden in ihm bedeutende Festivals der Region statt. Leider sind wir nun nicht gerade in der Kirschblütenzeit hier, daher hat uns am meisten beeindruckt, dass man den hübschen Turm 2015 um sage und schreibe 77,62m versetzt und dabei auch noch gedreht hat! Die ganze Altion dauerte 70Tage und war nötig, weil die Burgmauer durch das Erdbeben 2011 beschädigt wurde und dringend restauriert werden musste. Das war anscheinend nicht möglich, ohne den Turm an eine andere Stelle zu bewegen. Das wirkte echt unglaublich, wenn man den mehrstöckigen Burgturm sah.
Nach Hirosaki ging die Fahrt weiter ins Gebirge. In schier endlosen Serpentinen ging die Straße zum Sessellift des Mount Iwaki, einem noch aktiven Stratovulkan, bei dem zuletzt 1986 Rauch gesichtet wurde. Da es sehr stürmisch und oben auch nebelig war, fuhr die Bergbahn nicht. Laut Maps.me sollte der Wanderweg rund 2km betragen, also begann ich die Wanderung dick eingemummelt in Daunen- und Fleecejacke mit Stefan. Als uns jedoch immer wieder gut ausgestattete Wanderer entgegenkamen und uns vor dem Wind auf dem Berg warnten, machte ich auf dem Absatz kehrt. Mir reichte schon der Gedanke daran, auf den nassen Steinen nachher den Weg wieder runterklettern zu müssen, da brauchte ich nicht auch noch mit dem Wind kämpfen und das alles mit der Aussicht, oben keine Aussicht zu haben. Ich ging die paar hundert Meter wieder zurück und Stefan kletterte hoch. Er bestätigte mir im Nachhinein, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hätte umzukehren, da der Weg oben ziemlich unwirtlich und der Wind wirklich sehr stark dort oben war. Bei mir zog zwischenzeitlich der Nebel auf und ich konnte ein paar Fotos von der wunderschönen herbstlichen Bergwelt machen und mich dann in einen warmen Aufenthaltsraum flüchten.
Gerade noch rechtzeitig vor 17Uhr verließen wir die Serpentinenstraße, die mautpflichtig war und um 17Uhr geschlossen wurde. Wir fuhren weiter westlich bis wir an die Küste kamen. Nun führte uns der Weg entlang des Japanischen Meeres Richtung Süden. Genau als wir die Küste erreichten, ging die Sonne unter und wir schafften es in der letzten Minute noch zu fotografieren. Nun wurde es Zeit, sich einen Nachtplatz zu suchen und ich hatte auf unsere guten Erfahrungen mit „Michi-no- Ekis“, den Raststätten an Land-und Bundesstraßen, gesetzt. Wir fuhren also die Michi -no-Eki in Fukaura, einem Ort an der Küste an. Wir blieben dort, waren aber etwas enttäuscht. Natürlich gab es auch hier Toiletten und sogar Duschen, aber keinen Aufenthaltsraum. Es gab einen Laden, der aber eher das Ambiente und den Geruch eines Fischmarktes hatte und tagsüber konnte man hier auch etwas zu essen bekommen. Die Tische waren aber nicht zur Selbstverpflegung gedacht. Schade! Also blieb uns nichts übrig, als unsere Fertigsandwichs und einen Salat im Auto zu essen. Der Parkplatz wurde unser Übernachtungsplatz und wir hoffen, dass wir bei dem Wind nicht seekrank würden, weil das Auto immer leicht wackelte.

09.10.2019

Tsugaru Quasi-National Park Lake Juniko

Donnerstag, den 10.10.19

Als ich am Morgen erwachte und erfuhr, dass die Schiesserei am Vortag in unserem Heimatland Deutschland, in Halle, ein rechtsextremer Anschlag war, der eigentlich jüdischen Mitbürgern in einer Synagoge galt und zum Glück nicht in vollem Ausmaß gelang, war mir erstmal zum Heulen zumute. Wie hassverseucht ist unsere Menschheit bloß? Im krassen Gegensatz dazu stand die unglaubliche Schönheit der Natur, die uns auf unserer Fahrt an diesem Morgen begegnete. An der Küste bei Fukaura war durch eine kleine Brücke und Stufen durch einen Felsen ein Zugang zu Felsen im Meer geschaffen worden, sodass man oberhalb der Brandung im Meer stand. Der Sturm vom Vorabend hatte sich gelegt und das Wetter war perfekt für den Naturgenuss. Unser heutiges Ziel war Juniko twelve Lakes im Tsugaru Quasi-National Park Lake Juniko. Mitten in tiefen Wäldern befinden sich 33 Seen, in denen sich die bunte Herbstwelt rundherum spiegelte. Der Name 12 Lakes kommt daher, dass man vom Mt. Okuzure nur 12 Seen sehen kann. Wir wanderten bergauf, bergab und umrundeten mehrere Seen. Bei jedem hatte man das Gefühl, dass er noch ein bisschen schöner als der vorherige war. Eine wahrhaftige Traumlandschaft lag uns zu Füßen. Am Nachmittag fuhren wir entlang der Küste zu unserem Ziel für den kommenden Tag: das Namahage Museum in Oga. Da wir aber mal einen Zeltplatz ausprobieren wollten, um eine Nacht lang unsere Knochen richtig ausstrecken zu können, fuhren wir nur bis Ogata, wo auf einem Gedenkstättengelände ein kostenloser Campingplatz ist. Soweit ich das Informationsschild verstanden habe, hat man hier Land trockengelegt, um mehr Ackerfläche zu bekommen und zur Erinnerung diesen Park als Gedenkstätte mit Campingerlaubnis errichtet.

10.10.2019

Freitag, den 11.10.19

Erstaunlicherweise erwachten wir morgens kuschelig warm in unserem Zelt. Die Nacht im South Pond Settlement Memorial Park war längst nicht so kalt geworden, wie wir am Vorabend befürchtet hatten. Wir waren aber mit mehreren Hosen übereinander und Daunenjacke im Sommerschlafsack auch gut vorbereitet. Am Morgen wurde es dann richtig warm, sodass man gut im Sweatshirt draußen das Frühstück genießen konnte. Wir waren nun seit einem Monat auf Japantour und hatten überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass knapp 3 Monate eventuell zu lang werden könnten, eher zu kurz. Wir hatten uns inzwischen recht gut akklimatisiert und fanden uns immer besser zurecht. Nun stand bei uns das Namahage Museum in Oga auf dem Plan. Die Namahagetradition würde ich persönlich am ehesten mit unserem Nikolaus vergleichen. Hier in der Gegend Shinzan ziehen in der Neujahrsnacht jeweils drei Wesen von Haus zu Haus, ein Sakidachi als Helfer und zwei mit furchterregenden Masken in Stroh gekleidete Namahage. Sie besuchen alle Häuser außer denen, in denen im vergangenen Jahr ein Kind geboren wurde oder ein Todesfall war. Mit 7x Stampfen und Klopfen fordern sie Einlass und brüllen, ob irgendwelche Schreihälse oder faule Frauen im Haus sind. Der männliche „Familienvorstand“ bietet Ihnen Essen und Sake, den japanischen Reiswein, an und die Namahages stampfen wiederum, dieses Mal 5x und setzen sich zum Mahl. Sie fragen den Mann des Hauses über die Ernte und die Probleme in der Familie im letzten Jahr aus. Nach dem Essen stampfen sie 3x und suchen dann im ganzen Haus nach faulen Kindern und der Frau. Der Mann des Hauses bittet um Vergebung für deren Fehlverhalten (z.B. TV gucken statt Lernen) und bietet im Gegenzug Mochi, japanische Reiskuchen an. Die Anzahl des Aufstampfens, insgesamt 15x, ist verheißungsvoll, weil sie Vollmond bedeutet und mit dem Brüllen werden die bösen Geister aus dem Haus getrieben. Fällt Stroh aus der Verkleidung, wird es erst am Folgetag weggekehrt, denn es bedeutet, dass Gottes Geist darin wächst. Die Namahage wünschen Gesundheit und gute Kinder für das kommende Jahr und versprechen am nächsten Silvester wiederzukommen.
Wir haben einen solchen Besuch im Museum als Theater gesehen, allerdings leider auf Japanisch. Glücklicherweise bekamen wir einen groben Textablauf auf Englisch in die Hand gedrückt.
Gegen Mittag suchten wir uns einen Supermarkt, kauften Lebensmittel, Baguette (Teig eher wie Hamburgerbrötchen) mit Mais und Käse und für mich Krabbentempura. Hierbei werden Krabben oder auch Gemüse oder Fisch in einem Teigmantel aus Mehl, Ei und Eiswasser in heißem Fett ausgebacken. Nachdem man durch die Kassen des Supermarktes gegangen war, war ein Bereich abgetrennt und man konnte gemütlich wie im Restaurant seine Fertiggerichte verzehren. Wir erwärmten unsere Baguettes noch in der Mikrowelle und zogen uns eine Cola aus den allgegenwärtigen Getränkeautomaten, in denen es von diversen heißen und kalten Tees und Kaffees bis zu Erfrischungsgetränken alles zu ziehen gibt.
Im Anschluss machten wir uns auf die lange, zweistündige Fahrt zur Hokodate Terrasse Im Chōkai-Quasi-Nationalpark. Gerade noch vor dem Dunkelwerden konnten wir einige Blicke auf die umliegenden Berge und die mit buntem Herbstlaub leuchtenden Hänge werfen. Hier werden wir heute Nacht vor dem Visitorcenter die Nacht im Auto verbringen.

11.10.2019

Sakata Sankyo Soko Rice Storehouse bis Niigata

Samstag, den 12.10.19

Seit Tagen war der Taifun Hagibis in den Medien. Er wütete auf den Marianeninseln im Pazifik und nahm von dort aus Kurs auf Japan. Wir verfolgten die Entwicklung im Internet und auf japanischen Sicherheits APPs, nachdem unsere nächsten Servasgastgeber für den 21.-23.10. in Tsu in der Präfektur Mie uns ihre Befürchtungen mitteilten. Schon im Vorfeld riefen die Behörden die höchste Alarmstufe aus und aus 6Präfekturen wurden insgesamt 1,6Millionen Menschen evakuiert. Seit diesem Morgen wütete Hagibis vor der Ostküste Japans und wieder war die Region Chiba, Tokyos Nachbarprovinz betroffen, die gerade im September heftige Zerstörungen durch den Taifun Mittag erlitten hatte. Zu allem Unglück gab es dort heute Morgen auch noch ein Erdbeben der Stärke 5,7. Da wir die Meldungen am Vortage verfolgt hatten, entschieden wir uns, bis Montag, der angegebenen Gefahrenzeit, ein Hotelzimmer in Niigata an der Westküste zu mieten und taten da sicher gut daran. Hier war es auch heftig stürmisch, aber dieses Gebiet in der Mitte der Westküste schien derzeit die sicherste Ecke zu sein, obwohl die Warnungen immer nähere Gebiete betraf und letztlich auch die Präfektur Niigata betroffen war. So saßen wir also im Warmen und Trockenen und verfügten auch über Strom, der anderswo bei mehr als 7000 Haushalten ausgefallen war. Wir hofften für unsere Freunde in Tokyo und in den anderen Regionen, die mehr gefährdet waren, dass keinem etwas passierte. Noriko schickte uns aus Fukushima eine Karte per WhatsApp, auf der sie notiert hatte, wo wir uns im Notfall hinzubegeben hätten, wenn eine Evakuierung nötig würde. Die arme saß mit ihrer Familie selbst auf gepackten Taschen und erwartete, das sie evakuiert werden würden.

Wir verbrachten ja die Nacht zuvor im Auto im Gebirge im Chõkai-Quasi-Nationalpark und brachen am Morgen bereits gegen 6:30Uhr auf, um auf dem Weg nach Niigata noch ein paar interessante Dinge angucken zu können. Es regnete, daher fuhren wir zum Frühstück zum nächsten Rasthaus an der Küste und kochten uns dort auf einem geschützten Picknickplatz unseren Kaffee und aßen unser Müsli. Ja, wenn wir alleine waren, wurden wir wieder rückfällig, was die Ernährung anging😀
Im Ort Sakata besuchten wir das Sankyo Soko Rice Storehouse, ein Ensemble aus insgesamt 12 alten Reislagerhäusern, von denen noch 9 in Betrieb sind, der Rest für museale Zwecke und hochwertige Souvenirs genutzt wird. Die Lagerhäuser stehen in einer Reihe gegenüber von Zelkova Bäumen und sind der Stolz der Gemeinde, da sie ihren Wohlstand deutlich macht. In Sakata Yume no Kura, einer Mischung aus Museum und Souvenirshop, sind Szenen des früheren Landlebens durch künstlerisch herzallerliebste Puppen dargestellt, in die ich mich gleich verliebte. Wäre davon eine zu kaufen gewesen, müsste leider irgendwas anderes aus meinem Rucksack in Japan bleiben. Sie waren aber nur zu besichtigen und in Form von Fotos mitzunehmen.
Nach Sakata machten wir einen kleinen Umweg ins Landesinnere zu den „Drei Bergen von Dewa“. Es handelt sich dabei um drei heilige Berge im Bandai-Asahi-Nationalpark, zu deren drei Schreinen und gemeinsamer Kapelle jährlich viele Pilger kommen. Wir sahen uns nur kurz um und machten uns dann zügig auf die gut zweistündige Fahrt nach Niigata, denn gegen Abend wurden die Auswirkungen des Taifuns auf ganz Japan erwartet. Das hieß, auch in unserer Region waren starke Stürme angesagt und es war nicht mehr ratsam, unterwegs zu sein. Wir erreichten Niigata gegen 15Uhr, fanden aber erst das Hotel nicht und mussten auch noch einen Parkplatz suchen. Eine halbe Stunde später saßen wir dann gemütlich in unserem kleinen Zimmerchen und genossen unseren Mikrowellenreis mit Mais bzw. Thunfisch. Jetzt mussten wir abwarten, wie sich die Wetterlage da draußen entwickelte. Im Hochwasser ertrinken würden wir nicht, wir waren im 8.Stock.




12.10.2019

Sonntag, den 13.10.19

Wir haben den Hagibis unbeschadet überlebt. Anscheinend hatten wir ein riesiges Glück, dass gerade hier in der Stadt Niigata ein Hotel unserer Preisvorstellung entsprach, denn wenn man gestern die Fernsehmeldungen verfolgte, waren rundherum nur Katastrophenmeldungen und auch unsere Präfektur hatte Warnstufe 5, d.h. es musste mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Unsere Freunde in Fukushima saßen bereit zur Evakuierung in ihrer Wohnung, die aus Tokyo waren auch auf alles vorbereitet, die Gastgeber in Sendai hatten den Taifun zum Glück auch gut überstanden, aus Kami hatten wir noch nichts gehört. Hier hatte es zwar heftig geregnet und gestürmt, aber als wir jetzt am Folgetag an der Uferpromenade, in der Innenstadt und am Fluss waren, war zum Glück alles unbeschadet. Wir planten am kommenden Tag unsere Tour fortzusetzen und erwarteten ab jetzt einige Umwege fahren zu müssen, bzw. eventuell manche Ziele gar nicht erreichen zu können auf Grund von Straßensperren und Aufräumarbeiten. Das war nicht schön, aber überhaupt nicht zu vergleichen mit den Problemen der Menschen, die alles verloren hatten oder ihr Hab und Gut aus dem Schlamm ausbuddeln mussten.
Unser Tag begann mit Sonnenschein und einem „Frühstück“, das beim Hotelpreis inklusive war. Die Anführungszeichen schreibe ich deshalb, weil man eigentlich nicht von einem Frühstück reden konnte. Es stand ein Tablett mit kleinen runden Minikuchen oder Brötchen oder wie immer man sie nennen soll und eines mit Kakaodurchzogenen Kuchenscheiben auf dem Buffet, natürlich jedes einzelne Stück in Plastik eingepackt. Daneben ein Kaffeeautomat, der auch Tee und Kakao hatte, Leitungswasser und Eiswürfel, sowie Einwegpackungen Kaffeesahne und in Plastik eingepackte Löffelchen zum Umrühren. Greta Thunberg wäre verzweifelt bei diesem Plastikmüllaufkommen, uns ging es ähnlich. Da wir aber eigentlich gar nicht mit Frühstück gerechnet hatten, da laut Booking.com keine Mahlzeit im Preis enthalten war, hielten wir unseren Mund.
Wie schon erwähnt, machten wir am Morgen einen Spaziergang an die Uferpromenade und sahen mit gemischten Gefühlen die mächtigen Wellen ans Ufer krachen. Zugleich fasziniert von diesen Naturgewalten musste ich aber immer auch an die Menschen denken, die den Fluten und Überschwemmungen am Tag zuvor an anderer Stelle zum Opfer gefallen waren. Unser Weg führte uns weiter zum Niiagata Aquarium, das uns hervorragende Motive zum Filmen und Fotografieren bot. Danach trieb uns unser Hunger von Combini zu Combini, aber erst ein indisch-nepalesisches Restaurant fand bei uns Gefallen. Die immer gleichen Onigiris, gefüllten Industriebackwaren und wenigen fleischfreien Salate hingen uns schon manchmal aus dem Hals raus, da kam uns ein leckerer Dal mit Naan und Salat doch wie gerufen. Ich liebe indische Gerichte😍. Wir besorgten uns noch ein Teilchen und machten Kaffeepause im Hotel. Gegen Abend besuchten wir das „Mangahaus“, eine Art Mangacomicladen mit einer Ausstellung über Mangas und Möglichkeiten für Selfies. Zum Abschluss unternahmen wir einen Abendspaziergang zum Flussufer, um ein paar Nachtfotos zu schießen, bevor wir uns zum Abendessen Joghurt und Stefan ein Onigiri kauften und im Hotel aßen. Dann folgte unsere tägliche Arbeit: Film erstellen und Reisebericht schreiben und an unsere liebe Familie und Freunde schicken, dann ab ins Bett. Gute Nacht 💤😴

13.10.2019

Über Yahiko zum Myoko-Togakushi Renzan National Park

Montag, den 14.10.19

Wieder mal war die angenehme Zeit im Hotel vorbei und der Roadtrip ging weiter. Trotz Regen war unser erstes Ziel der Park in Yahiko, nur eine knappe Dreiviertelstunde von Niiagata entfernt. Yahiko ist ein Dorf mit mehreren Onsen, der Möglichkeit, am Ortskern kostenlos ein heißes Fußbad oder Armbad zu nehmen und dem Angebot therapeutischer Anwendungen nebenan, natürlich gegen Bezahlung. Darüber hinaus hat der kleine Ort einen sehr schönen Park, der sich die Hügel hochzieht und oben einen Schrein bietet. Ein kleiner Seerosenteich, Spiel- und Picknickplätze und eine sehr abwechslungsreiche Bepflanzung machen den Park zum Anziehungspunkt. Leider spielte bei uns das Wetter nicht so mit, aber wir haben es dennoch nicht bereut, hingefahren zu sein. Ein heißes Fußbad haben wir auch genossen. Dann habe ich eine Internetseite gefunden, die kostenfreie Onsen, Campingplätze und Michi-no-Ekis (Raststätten) auf Google Maps anzeigt. Noch dazu fanden wir heraus, dass im Myoko-Togakushi Renzan National Park, den wir eh als nächste Etappe ins Auge gefasst hatten, eine kostenlose heiße Quelle sein sollte, also nix wie hin! Es war eine recht lange Fahrt von mehr als 3Stunden und wir befürchteten, evtl in Straßensperren zu geraten aufgrund der Taifunfolgen. Wir hatten Glück und kamen durch keine Überschwemmungsgebiete und erreichten den Nationalpark gerade noch im Hellen gegen 17Uhr. Er liegt wieder mal in den Bergen und es wurde zum Schluss sehr neblig, aber wir wurden fündig! Es gibt hier zwei heiße Quellen, von denen wir am Abend nur eine gefunden und sie zum Glück nicht gleich ausprobiert haben. Als wir zum Auto kamen, fanden wir ein liebevoll gestaltetes Plakat, das zwei Onsen in der freien Natur zeigte und, wie sollte es anders sein in Japan, natürlich getrennt nach Männlein und Weiblein🙄 Wir planten, uns am kommenden Tag bei Hellem mal genauer umzusehen. Es sollte auch noch einen Wasserfall und ein Museum im Park geben. Wäre schön, wenn am kommenden Tag das Wetter wanderfreundlicher wäre. Den Abend verbrachten wir im Auto auf dem Wanderparkplatz und sahen uns gemütlich den Film „Berlin Calling“ an. Hier verbrachten wir auch die folgende Nacht.

14.10.2019

Richtung Süden bis Namerikawa

Dienstag, den 15.10.19

Der Tag war etwas enttäuschend. Wir wachten früh auf und es regnete in Strömen. Die Berge rund um uns waren nicht mal zu erahnen. Ich konnte mir das kuschelige Bad in der heißen Quelle, das mir nach der kalten Nacht gut gefallen hätte, also abschminken. Wir verließen unser Domizil ohne Wanderung und Bad, da der Wetterbericht für den ganzen Tag Regen voraussagte. Echt schade! Wir machten uns auf die Suche nach einem überdachten Picknickplatz oder besser noch, einem Aufenthaltsraum und fuhren dafür zur nächsten Michi no Eki, um dann letztlich doch im Auto zu frühstücken. Den Kaffee gab es heiß in der Flasche aus dem Automaten, da bei dem Wetter an Kaffeekochen nicht zu denken war. Nach dem Frühstück kam plötzlich die Sonne raus und wir hofften, doch noch die heißen Quellen und den Wasserfall besuchen zu können, aber sobald wir auf der Straße Richtung Berg ankamen, begann es wieder zu regnen. Wir guckten uns als neues Ziel Jigokudani Yaen Kōen aus, die bekannte Stelle in den Bergen, wo die Schneeaffen bzw Makaken im Onsen baden. Also fuhren wir ca eine halbe Stunde und wunderten uns auf dem Parkplatz schon, dass das Kassenhäuschen nicht besetzt war. Grund: alles gesperrt zum Einen, weil es wohl Erdrutsche durch dem Taifun auf dem Wanderweg gab, zum Anderen wies ein Schild daraufhin, dass die Affen Paarungszeit hätten. Stefan fand heraus, dass es noch einen zweiten Zugang zum Naturschutzgebiet gab, also versuchten wir es dort noch einmal. Hier stand deutlich angeschlagen, dass die Affen derzeit nicht im Gebiet auftauchten, weil sie die Paarungszeit noch nicht beendet hätten. Frustriert gingen wir ins Café und tranken Kakao und aßen Eis. Wir entschieden uns, das Gebiet zu verlassenen und in Richtung der Halbinsel Ischikawa zu fahren. Wir schafften es mit Mittagpause bis nach Namerikawa, wo wir wieder bei einer Michi no Eki direkt am Meer übernachteten. Die Raststätte bestand aus einem riesigen Betonklotz und daneben war ein Kasten, in dem sich ein Hotaroika Museum befinden sollte. Ich war mir nicht ganz sicher, was das war, schien sich aber um Essen zu handeln. Am kommenden Morgen würden wir klüger sein.

15.10.2019

Kaiwo Maru, Hakui und die Halbinsel Ischikawa

Mittwoch, den 16.10.19

Wir kamen in Hakui auf der Halbinsel Ischikawa an. Nach zwei Nächten im Auto standen uns wieder zwei im Hotel bevor. Leider hatten wir dieses Mal eine ziemliche Bruchbude erwischt, aber für 5700Yen (47,53€) für zwei Nächte im Zweibettzimmer mit Bad kann man halt nicht viel erwarten. Die Betten, dieses Mal zwei, so brauchten wir uns nicht um die immer zu schmale Decke streiten, schienen sauber zu sein, aber im Zimmer wurde geraucht und alles war schon sehr abgewohnt. Was aber hatten wir erlebt, bevor wir hier ankamen? Gegen 7Uhr kitzelte die Sonne mir in der Nase. Stefan schlief noch neben mir im Auto, sodass ich versuchte, leise auszusteigen und mich zu waschen. Als ich zurück zum Auto kam, stand er schon in Joggingklamotten in den Startlöchern, sodass unser Morgenritual beginnen konnte. Er lief, ich machte Ordnung im Auto und lernte Spanisch. Ich versuchte außerdem herauszufinden, was das für ein Museum neben der Raststätte war, aber es hatte geschlossen. Ich fand jedoch heraus, dass ein Wellenbad nebenan zu sein schien. Alles hatte aber frühestens ab 9 Uhr geöffnet und da würden wir längst weg sein. Als Stefan zurückkam, frühstückten wir auf der Ufermauer hinter der Raststätte, danach machten wir uns auf den Weg Richtung Kaiwo Maru. Dabei handelte es sich um eine schöne Uferterrasse mit Blick auf einen Viermaster mit gleichem Namen, ein super Spielplatz, ein kleines Restaurant und Souvenirlädchen. Von hier bot sich die Aussicht auf den Fushiki Toyama Port, einem entscheidenden Hafen für den Im- und Export in viele asiatische Länder. Wir genossen in der Sonne sitzend seit langem mal wieder Toast mit Tomate und Salatblättern zum Mittagessen. Der Normalpreis ist für Tomaten mit ca 2€ für zwei Stück und für Salat, wo ebenfalls ein paar Blättchen um die 2€ kosten, einfach zu teuer. Wir hatten jedoch Glück gehabt und auf dem Tisch mit Gemüse und Obst, was weg musste und runtergesetzt war, etwas erschwingliches ergattert. Wir haben das wirklich genossen.
Unsere Reise führte dann direkt nach Hakui, jedoch schauten wir uns vor dem Einzug ins Hotel noch etwas um. Wir besuchten den Chirihama Nagisa Driveway, einen schönen Sandstrand, auf dem mit Autos rumgefahren werden darf, was ich persönlich blöd fand. Danach fanden wir den Myojoli Tempel, eine buddhistische Tempelanlage, die auf einer hügelig grünen Fläche mit alten Bäumen eine ruhige, entspannende und meditative Atmosphäre bot. Am späten Nachmittag checkten wir dann in unserem Hotel ein.

16.10.2019

Donnerstag, den 17.10.19

Wir nutzten den Tag, um kreuz und quer die Halbinsel Ischikawa zu erkunden. Den Anfang machte der Morning Market in Wajima. In der Einkaufsstraße hatten dafür vorwiegend ältere Frauen ihre Stände aufgebaut. Zumeist wurden Fisch, Algen und was die Japaner sonst noch alles aus dem Meer als Lebensmittel nutzen, angeboten. Darüber hinaus gab es vereinzelt Gemüse zu kaufen und alles, was man zum Essen benötigt, sprich Stäbchen und Reisschüsseln. In kleinen Geschäften wurden außerdem noch Souvenirs angeboten. Wie überall handelte es sich dabei auch hier häufig um als Geschenk eingepackte Süßwaren, Pickles, Trockenfisch und ähnliches. Essen spielt in Japan wirklich eine außerordentlich wichtige Rolle. Nach dem Markt fuhren wir weiter entlang der Küste zu den Shiroyone Senmaida Rice Terraces. An den Hängen oberhalb der Küste hat man Reisterrassen angelegt, durch die man auf Wegen zum Meer runter wandern kann. Dutzende Männer waren dabei mit Motorsensen die riesigen Flächen zu mähen. Was für eine Sisyphusarbeit! Aber die 1004 Reisbeete auf 3,8Hektar in Terrassenlage lassen sich nur in Handarbeit pflegen, nicht maschinell wie normale Reisfelder in der Ebene. Der Anblick war es aber auch wirklich wert. Nicht umsonst zählt dieser Ort in Japan als „Special Place of Scenic Beauty“.
Entlang der Wege hatte man Lichtschläuche gelegt, die im Winterhalbjahr nachts mit Farbwechsel beleuchtet werden sollten. Das wollten wir uns abends auch noch ansehen und dafür noch einmal wiederkommen. Erst einmal ging die Fahrt weiter auf der Küstenstraße vorbei am Leuchtturm, an Stellen zur Salzgewinnung bis zum Aerial observatory Sky Bird, wo Touristen oberhalb eines Abhanges Vögel beobachten und in eine Höhle klettern können. Rund 40€ war uns das Vergnügen aber nicht wert.
Wir fuhren weiter bis Suzu, wo wir vergeblich ein geöffnetes Café suchten, sodass wir von dort wieder zurück, einmal quer über die Halbinsel, zu den Reisterrassen fuhren, um die Beleuchtung zu sehen. Wir kamen gegen 17:30Uhr an und es war nach Sonnenuntergang, aber leider war keine Beleuchtung eingeschaltet. Wir warteten noch eine Weile, bevor wir etwas enttäuscht den Heimweg zum Hotel antraten. Auch wenn nicht alles 100% geklappt hatte, war es dennoch ein schöner sonniger Tag in wunderschöner Natur.

17.10.2019

Kenroku-en und Kanazawa Castle

Freitag, den 18.10.19

Wir verließen heute die Halbinsel Ischikawa und damit auch unser heruntergekommenes Hotel und fuhren südöstlich nach Kanazawa, um den berühmten Garten Kenroku-en und das Kanazawa Castle anzusehen. Es war gleich zu merken, dass es sich hier um eine Touristenattraktion handeltr, denn das Parken direkt bei den Gärten war nicht möglich und alle anderen Parkplätze kosteten ab rund 1€ pro 30Minuten, was bei so einer Anlage natürlich nie ausreicht. Wir fanden nach langem Suchen einen Platz und zahlten letztlich 900yen (7,42€) für etwa 2Std. Die Parkplätze in Japan sind meist so gebaut, dass man über eine Klappe fährt wenn man einparkt, die sich dann unterm Auto hochklappt. Der Parkplatz ist nummeriert. Diese Nummer tippt man vorne in einen Automaten und zahlt den angegebenen Betrag. Danach fährt die Klappe wieder runter und man kann rüberfahren und den Platz verlassen. In der Regel gibt es immer unterschiedliche Preise für 9-18Uhr und 18-9Uhr. Nachts ist deutlich billiger. Am Tag sind die Preise für 30Min, 60Min oder 24Stunden angegeben. Wie man das allerdings umstellt auf 24Std, was in der Regel billiger ist als z.B. 4Std, hatten wir noch nicht rausgefunden, da die Automaten immer nur auf Japanisch beschriftet waren.
Wir besuchten also den Garten Kenroku-en, der mit dem Kairoku-en, den wir in Mito besucht hatten und dem Kōraku-en in Okayama zu den drei berühmtesten japanischen Gärten gehört. Exakt geschnittene Bäume aller Größen, Teiche und fließende Gewässer mit kleinen Brücken und ein Teehaus, alles auf einer lieblich hügeligen Fläche, also alles was einen japanischen Garten ausmacht. Außer uns bewunderten Besucher verschiedener Nationen die Gartenbaukunst und einige ließen sich sogar durch den Garten führen. Eine Schulklasse war mit Zettel und Stift unterwegs. Das sah sehr nach einer kommenden Hausaufgabe oder einer Klassenarbeit aus 😱. Noch hatten die Kids aber ihren Spaß, besonders später im Kanazawa Castle, als sie auf Socken über den glatten Holzboden schlitterten. Auch wir besuchten die rekonstruierte Burg, die aus prächtigen Holzstämmen nach alter Tradition im Zapfverfahren zusammengebaut war. Auch wir trugen unsere Schuhe brav in einer Plastiktüte, rutschten aber eher unfreiwillig auf dem polierten Holz. Interessant fand ich an der Bauweise, dass zu jeder Seite Vorsprünge wie eine Art Erker gebaut wurden, wobei sie dafür gedacht waren, mögliche Feinde, denen es vielleicht doch gelungen war, über den Burggraben zur Burg vorzudringen, von oben Steine auf den Kopf zu donnern. Nix für mich Pazifistin, aber besser als heute, wo Menschen völlig anonym per Drone abgeschossen werden, egal, ob sie feindliche Taten planen oder nicht. Diejenigen, die die Burg überfielen, hatten eindeutig vor zu kämpfen.
Gerade, als wir beide Orte besucht hatten und zum Auto zurückgingen, schlug das Wetter um und es begann wieder zu regnen. Glück gehabt! Nur unsere weitere Planung war erstmal wieder ins Wasser gefallen. Weder eine bizarre Steilküste, noch ein Berg im Nationalpark, mal wieder mit kostenlosem Onsen😳, eignten sich bei strömendem Regen zu besuchen. Wir suchten uns erstmal eine angenehme Raststätte mit warmem Aufenthaltsraum, wo wir unsere nächste Nacht im Auto übernachten konnten. Nebendran war ein gigantischer Laden mit Baumarkt, Kleidung und Lebensmitteln, den wir gleich mal unsicher gemacht haben. Ich habe mir eine flauschige Jogginghose und Kuschelsocken für kalte Nächte gekauft und wir besorgten uns noch ein paar nette Zutaten für ein fürstliches Abendessen in der Raststätte. Ich fand gebackenen Fisch in der Kühltruhe, so gab es für mich an diesem Abend Weißbrot mit Fisch, Salatblatt, die und Tomatenscheibe und als Nachtisch Joghurt mit Müsli und Orangensaft. Stefan kaufte einen Rettich, den er mit viel Mayonnaise, Salat und Tomate auf dem Brot aß. Mensch ging es uns gut😂


18.10.2019

Über Tōjimbō bis zum Biwa See

Samstag, den 19.10.19

Eigentlich war für den ganzen Tag Regen angesagt, sodass wir schon hin- und her überlegt hatten, was wir mit dem Tag anfangen könnten. Weder auf Felsen an der Küste herumzuklettern, noch auf einer mautpflichtigen Panoramastraße durchs Gebirge eines Nationalparks zu fahren, erschien sinnvoll. Doch als wir am Morgen aufwachten, war es trocken und nur etwas bewölkt. Voller Freude fuhren wir nach dem Frühstück zur Küste nach Tōjimbō. Nachdem wir 500yen für das Parken bezahlt hatten, führte uns der Weg zu den beeindruckenden Felsformationen an der Küste durch einen mit Eis-, Essens- und Souvenirständen gesäumten Weg. Es war gleich klar: hier war Touristenhotspot. Das bunte, etwas an Kirmes erinnernde Geschehen passte nicht so recht zu der rauhen Schönheit der Natur, aber was sollte es, Fotografieren und durch! Als wir die Treppe zu den Felsen hinuntergingen, sahen wir von weitem Blitze über der Halbinsel Ischikawa aufleuchten. Auch der Donner war bereits zu hören, aber das Gewitter war noch weit genug weg, um ungestört auf den Felsen rumklettern zu können. Das dauerte aber nicht lange. Wir hatten uns gerade auf den Rückweg gemacht, als die ersten Tropfen fielen. Nun waren wir froh über die Essens- und Souvenirbuden. Wir konnten uns gerade noch in eine retten, als es zu schütten begann. Wir ließen uns im Trocknen nieder bei einem Eis für Stefan und einem Kaffee für mich. Ich hatte gerade meinen Kaffee, als der Sturm ein Fenter aufriss und ein Gefäß mit Essstäbchen quer durch den Raum flog. Schnell verschlossen die Mitarbeiterinnen die Fenster und sperrten das Unwetter aus. Einmal gab es jedoch einen so heftigen Donnerschlag, sodass alle Fenster bebten. Das Gewitter musste direkt über uns sein. Als nach ca. einer halben Stunde der Regen etwas nachließ und Blitz und Donner weitergezogen waren, liefen wir von Markise zu Markise zurück zum Auto. Von nun an schüttete es aus allen Löchern und wir entschlossen uns, ins Landesinnere, in Richtung unserer nächsten Servasgastgeber zu fahren, Richtung Nagoya. Als wir bei Fukui waren, regnete es so stark, dass das das Wasser kaum noch ablaufen konnte. Wir beeilten uns, schnell aus diesem Gebiet zu verschwinden. Als wir über die Berge kamen, hörte es auf zu regnen und wir konnten noch einen kleinen Spaziergang durch einen Ortsteil von Nagahama machen. Er wirkte wie ein sehr ursprüngliches kleines Dorf. Hier fanden wir noch die herkömmliche Bauweise der Häuser mit den verschachtelten, glänzenden Dächern. Die Häuser waren aus Holz, Metall oder anderen Materialien, aber nicht so ein beliebig zusammengewürfeltes Gemisch aus Betonbauten, Firmengebäuden, dazwischen mal ein traditionelles Holzhaus, dann wieder irgendein Bretterverschlag, Autohäuser, ein Hochhaus, Tankstellen, und wenn’s hochkommt, mittendrin ein Friedhof und irgendwo ein Schrein und/ oder Tempel neben einem seven eleven, sowie die meisten Städte hier aussehen. Hier waren nur kleine 1-2stöckige Häuser, zum Teil kleine ursprüngliche Geschäftchen und Restaurants und auf alt gemachte Straßenlaternen, die dem ganzen Ambiente Gemütlichkeit verliehen. Im nächsten Supermarkt kauften wir noch etwas fürs Abendessen ein und fuhren dann zur Raststätte Omihahanosato am Biwa See und Sekura Park. Am kommenden Tag war Nagoya geplant und am Montagabend waren wir in Tsu in der Präfektur Mie bei unseren nächsten Servasgastgebern eingeladen.

19.10.2019

Blumenhügel, Zuisekizan Eigen-ji Tempel, kostenfreier Onsen Komodo

Sonntag, den 20.10.19

Heute Morgen hatten wir eine schwierige Mission zu erfüllen, Stefan brauchte, wie auf jeder Reise, neue Laufschuhe. Nur war es z.B. In Neuseeland kein so ein großes Problem, aber die Asiaten sind nun mal kleiner und leben nicht auf so großen Füßen. Umgerechnet auf asiatische Maße benötigt er Größe 30. Das entspricht der Fußlänge in cm. Wo immer wir hier bisher Schuhe gesehen hatten, gingen sie bis Größe 28! Da seit dem Vortag eine Sohle ganz hin war, nahmen wir die Angelegenheit an diesem Morgen ganz systematisch in Angriff. Wir suchten Sportgeschäfte in der Nähe heraus und machten uns auf den Weg. Das erste Geschäft hatte eine riesige Auswahl, aber ein Paar der Größe 29 war das einzige, was sie uns anbieten konnten. Da wir mit Stefans Füßen nicht Aschenputtel spielen und sie passend schneiden wollten, half uns das nicht weiter. Ein paar Straßen weiter war ein weiteres, gigantisches Sport-und Outdoorgeschäft. Wir liefen die Reihen entlang, unsere Augen gebannt auf die Größenangaben geheftet, aber auch hier war nichts zu finden. Die Verkäuferin vermittelte uns, ganz entgegen sonstiger japanischer Zuvorkommenheit, dass man sie doch bitte nicht ansprechen sollte, weil sie mit ihren Fingernägeln beschäftigt war. Es half ihr nichts, wir fragten sie doch, aber sie hatte überhaupt keinen Plan. Erst als noch eine weitere Verkäuferin und ein Verkäufer sich der Sache annahmen, förderten sie den einzigen Schuh in Größe 30 im ganzen Laden zu Tage und das war sogar noch ein ASICS, mit dem Stefan gut klarkommt. Das war also ein voller Erfolg, sodass wir uns nun der weiteren Tagesgestaltung widmen konnten. Wir kamen an einer weiteren Raststätte vorbei, wo Jubel und Trubel herrschte. Er schien eine Art Erntefest zu sein und klar dass heute viel los war, der Sonntag scheint in Japan ja immer den Familienaktivitätwn gewidmet zu sein, das hatten wir ja auch bei Servas in Fukushima festgestellt. Bei der Raststätte fand ein bunter Gemüse- und Obstmarkt statt, es gab eine Bühne, Kinder konnten auf dem Traktor mitfahren und versuchen eine Kuh zu melken. Außerdem gab es ein großes Blumenfeld zum Pflücken. Und es gab natürlich diverse Essensangebote, wie immer in Japan. Für Vegetarier ist da aber in der Regel nichts dabei.
Weiter ging die Fahrt zum „Hill of Blume“ bzw „Blumenhügel“!. Ja, da müssen die Deutschen, in diesem Fall die Bayern ihre Hand mit im Spiel gehabt haben, denn in fetten Lettern stand ein Grüß Gott dort geschrieben. Ja, es gab auch große Blumenbeete, wie der Name der Anlage vermuten ließ, aber ansich handelte es sich um eine Art Vergnügungspark. Es gab keine Karussells, sondern einen wirklich nett gemachten Kletterpark, wo man z.B. in luftigen Höhen ein Stück mit einem Rad über ein Seil fuhr, durch Schwimmringe kriechen , oder über ein wackliges Boot klettern musste. Eltern und Kinder konnten Quad fahren, Segway ausprobieren, eine riesige Hüpfburg wurde gerade neueröffnet, Tiere im Streichelzoo berührt, Selfies in Blumenbeeten geschossen werden und vieles mehr. Ansich ein wirklich himmlischer Platz für Eltern mit Kindern allen Alters, wenn der Preis nicht wäre. Nicht nur, dass der Eintrtt mit 1000Yen zu Buche schlug, jede einzelne Aktion musste extra noch teuer bezahlt werden. Wenn eine Familie mit Kind da einen wirklich vergnügten Tag verbringen will, sind da schnell mal ein paar Hundert Euro futsch. Essen und Trinken und Souvenirs gab es natürlich auch noch. Was uns ziemlich merkwürdig anmutete, war das Verhältnis mancher Japaner zu ihren Hunden. Es gab zahlreiche Einzelpersonen und Paare, die nicht ihre Kinder, sondern ihre Hunde hier ausführten! Das sah dann beispielsweise so aus, dass Frauchen mit einem Hund im mit Spitzen besetzten Buggy am Rande eines Blumenbeetes Fotos schoss von einem zweiten schmucken Hündchen im Blumenbeet, das gerade von ihrem Partner in Modelposition gebracht wurde. Oder eine Dame saß mit ihrem Hund im speziellen Restaurant für Tierbesitzer und ihre Lieblinge und fütterte ihn löffelweise mit Eiscreme🤣
Nach diesen Einblicken in die bunte Wochenendwelt der Japaner, begaben wir uns zum Zuisekizan Eigen-ji Tempel, der sich schön eingebettet am Hang eines Flusstales befindet. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einer kleinen Straße durch landwirtschaftliches Gebiet an naturgetreu gestalteten, lebensgroßen Puppen vorbei. So „warteten z.B. mehrere „Personen“ an einer Bushaltestelle, eine Figur saß auf dem Fahrrad, eine andere schob einen Buggy etc. Die Figuren waren nicht nur ein netter Hingucker, sondern hielten sicher auch Autofahrer davon ab, hier zu schnell durchzufahren. Später lasen wir einen Artikel vom Weltspiegel, dass es im Dorf Nagoro in der Präfektur Tokushima ein ganzes Dorf voller Puppen gegen die Einsamkeit gibt, weil soviele Menschen dort weggezogen sind.

Als sich der Abend näherte fuhren wir nach Komono, wo auf unserer Karte ein kostenloser Onsen eingezeichnet war. Tatsächlich befindet sich hinter Rathaus und Bücherei ein Park mit heißem Fußbad und etwas weiter ein frei zugänglicher Onsen, der auf Grund seiner Lage mit Badezeug zu benutzen ist. Leider kamen wir eine halbe Stunde nach der offiziellen Badezeit und es wurde auch schon dunkel, aber da wollten wir am kommenden Morgen unbedingt ein heißes Bad nehmen, auch wenn das offiziell erst ab 12Uhr geöffnet wäre. Wir waren der japanischen Schrift und Sprache nicht mächtig und mussten das ja nicht unbedingt aus den Angaben herausgelesen haben. Ich nahm mir vor, einfach so früh zu gehen, dass da wohl noch keine Menschenseele rumwanderte. Wir nahmen an diesem Abend schon vor dem Onsen auf einer steinernen Sitzgruppe unser Abendessen ein und planten in der Nacht hier im Auto zu übernachten.

20.10.2019

Mount Gozaisho und Servas in Tsu

Montag, den 21.10.19

Wir saßen in unserem warmen, trockenen Zimmer, vollgefuttert mit leckerstem Essen und draußen goss es in Ströhmen. Bevor wir pünktlich wie vereinbart um 17Uhr hier ankamen, waren wir an diesem Morgen auf dem Berg Gozasho, nachdem ich meinen Frust runtereschluckt hatte, dass es mit dem frühen Bad nicht geklappt hatte. Die hatten doch glatt das Wasser abgelassen🙁! Nunja, wir fuhren also zu dem Berg und Stefan ist hochgewandert, ich mit der Gondel gefahren, weil ich die Strecke meinen Knien nicht zumuten wollte und mit Behindertenausweis ermäßigt fahren durfte. Von der Bergstation musste ich noch weitere zwei Skihänge hochwandern bis zur Bergspitze. Die Gondelbahn war ziemlich luxuriös. Pärchen, Familien und Einzelperson bekamen jeweils eine Gondel für sich alleine, das hieß, ich hatte auf beiden Strecken eine Gondel für mich. Das war echt klasse, weil bei der Hinfahrt im Fußboden zwei Glascheiben angebracht waren, sodass man die Bäume und Felsen unter sich durchziehen sehen konnte. Ich konnte somit ohne Probleme meine Kamera auf den Boden legen, ohne dass jemand drauftrat.
Auf dem Berg war es dann erst verwirrend, da wir keinen Platz für ein Treffen verabredet hatten und die Gondelbahn weder zum Gipfel, noch zum Ende des Wanderweges fuhr. Ich musste mich erst mal orientieren und schickte Stefan Bilder und Ortsangaben per WhatsApp, die aber nicht ankamen. Es war eher meiner leuchtend blauen Jacke und Stefans Suchkünsten zu verdanken, dass wir uns auf dem großen Areal dort oben wiederfanden. Als wir uns später unten im Tal wiedertrafen, lief vor uns ein ganzes Rudel Affen über die Straße.
Nach der Bergtour besuchten wir eine Stelle, die auf Google Maps für sehenswert angegeben war, eigentlich war es aber eher die Fahrt dorthin über eine schmale Straße durch dichten Wald. Der Fluss am Ende war ganz nett, der Campingplatz mit sogenannten „Bungalows“ dagegen war mehr als ursprünglich und wird hoffentlich in diesem Zustand nicht mehr vermietet. Dann machten wir uns auf den Weg zu unseren Gastgebern. Für die eh schon unter Wasser stehenden und zerstörten Gegenden war mit weiteren Problemen zu rechnen, weil die Wassermassen nicht wussten wohin. Als wir mit unseren nächsten Gastgebern darüber sprachen, war sich Suwako sicher, dass die immer schlimmer werdenden Taifune eine deutliche Folge des Klimawandels sind. Sie war die erste Japanerin die wir kennenlernten, die von Greta und Friday’s for future gehört hatte und das weltweite Engagement für absolut notwendig ansah. Sie und ihr Mann Hirofumi haben eine Farm zur Selbstversorgung, die sie ökologisch bewirtschaften. Dementsprechend war das Essen auch ein besonderer Genuss. Tempura aus Pilzen, Kürbis und Möhrengrün, die in die Brühe mit Sobanudeln (Buchweizennudeln) eingetaucht gegessen werden. Dazu Reis mit Maronen und Salat mit Kürbismus und zum Nachtisch eine eigene Melone aus dem Garten und eigene, selbstgeröstete Erdnüsse, die noch etwas warm waren. Die Beiden haben bis 2014 4Jahre in Kenia gelebt und dort Ökolandbau gelehrt. Ihr Mann ist auf einer Farm aufgewachsen, gibt jetzt aber schon lange Mathenachhilfe. Suwako arbeitete ursprünglich als Englischlehrerin. Beide sind offiziell in Rente, geben aber zuhause noch Nachhilfeunterricht.

21.10.2019

Dienstag, den 22.10.19

Am Morgen erwartete uns Sonnenschein und Temperaturen über 23Grad. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Nach dem Frühstück aus gebratenem Spinat mit Ei, Misosuppe und Toast, Erdnussbutter und Honig, sowie Apfel und Kaki machten wir einen Spaziergang mit Suwako zu ihrer Farm. Eigentlich handelt es sich um drei Gärten mit unterschiedlichstem Obst und Gemüse, alles biologisch angebaut. Alle drei Flächen sind von unterschiedlichen Besitzern und dürfen von Suwako und Hirofumi kostenfrei genutzt werden gegen einen kleinen Obolus in Naturalien. Eine Besitzerin haben wir an diesem Morgen besucht. Sie ist schon über 80 und kann ihre Flächen nicht mehr alle selber bepflanzen und abernten und ist daher froh, wenn jemand anderes sie nutzt. Sie ist mit Suwako befreundet und es wurde verabredet, dass sie am kommenden Abend zu Suwako zum Abendessen kommen und selbstgemachten Reis mitbringen sollte. Reis in Japan richtig zu kochen ist eine Wissenschaft und hat mit Onkel Ben‘s Reis nichts gemein. Sie schenkte uns eine ganze Tüte Kaki von ihrem Baum, die sie trotz kaputter Hüfte noch geschickt mit einer Art Greifzange mit langer Stange, wie es sie bei uns für Müll gibt, vom Baum pflückte. Am Nachmittag waren wir mit beiden Gastgebern bei einer Talsperre, wo wir gepicknickt haben. Danach fuhren wir Einkaufen, denn an diesem Abend wollten wir kochen. Unterwegs besuchten wir eine Ausstellung von nachgemachten Statuen anderer Länder wie der Venus von Milo, der Freiheitsstatue und ähnlichen und gingen danach zusammen in einen Onsen. Ich hatte mich schon immer gefragt, warum man zwei Handtücher mitnehmen sollte, heute wurde mir dann klar, dass sich einige Frauen eines vor den Körper halten aus Scham, bevor sie ins heiße Becken steigen. Und das, obwohl in den Onsen bisher immer strenge Trennung nach Geschlechtern war.
Zum Abendessen kochten wir Vollkornspaghetti mit Käsesoße, bunten Salat und Weinschaumcreme zum Nachtisch. Da Suwako am Abend Englischnachhilfe bei vier 14-jährigen Jungen gab, lud sie uns ein teilzunehmen, um die Jungs etwas herauszufordern ihr Englisch im Frage-und Antwortspiel mit uns anzuwenden. Dafür, dass manche bereits 6 Jahre Englisch hatten, erschienen uns die Kenntnisse sehr dürftig, sie waren aber auch sehr scheu. Einer der Jungen gab uns dann noch eine kleine Kostprobe seiner Klavierkünste. Nachdem wir uns im Anschluss über Reisen und unsere gemeinsame grausige Geschichte im zweiten Weltkrieg unterhalten hatten, gingen wir schlafen.

22.10.2019

Besuch beim Ise Schrein

Mittwoch, den 23.10.19

Wir waren pilgern bzw. auf dem Weg der Pilger. Wir besuchten den Ise Schrein, wo vor 3 Jahren der G7 Gipfel stattfand. Der Ise Schrein ist von seiner Bedeutung her so in etwa das Mekka von Japan . Er gilt als die Seele Japans und wird von Nationalisten auch gerne benutzt, um den Patriotismus zu fördern. Hier soll laut Shintoismus die Sonnengöttin vom Himmel gestiegen sein, erklärte uns Suwako und heute den Wohlstand der kaiserlichen Familie, den Frieden der Welt und gute Ernte bescheren. Es handelt sich um einen riesigen Tempelkomplex, von dem nur ein winziger Teil der Öffentlichkeit zugänglich ist. Im abgeschlossen Teil betet auch die kaiserliche Familie. Die Tempel sind sehr schlicht gehalten, werden aber mit den besten Materialien regelmäßig auf dem besten Stand gehalten, so auch das mindestens 30cm dicke Reetdach. Das für diesen Tempel nicht mehr gut genug erscheinende Material wird dann für andere Schreine im Land verwendet. Da Fähigkeiten und Materialien zum Bau neuer Reetdächer in Japan heute fehlen, versucht man mit Eisen die Form nachzugestalten.
Die Tempelanlage ist sehr schön im Wald mit wuchtigen alten Bäumen gelegen und sehr spirituell, sodass Gläubige auch andächtig die dicken Baumstämme berühren und ihre Gebete zu den Göttern senden .
Der Ort wird stark von Touristen bzw Pilgern aus Asien frequentiert, aber sie wirkte dennoch nicht überlaufen als wir dort waren. Vor den Toren befindet sich eine touristische Meile mit Souvenirläden und Restaurants. Auch wir gingen essen. Suwako kannte ein etwas zurückgelegenes Udon-Restaurant, das preislich nicht ganz so teuer war. Udon sind etwas dickere Nudeln in Spaghettilänge aus Weizenmehlteig, der gekocht wird als Suppe mit Sojasauce und, in unserem Fall, Frühlingszwiebeln. Da auch bei dieser Suppe Dashi, also Fischflocken als Grundlage der Suppe verwendet wurde, aß Stefan nichts davon. Die Nudeln werden entgegen der sonstigen stillen und zurückhaltenden Essweise der Japaner geschlürft, was uns auch stets von unseren Gastgebern entschuldigend erklärt wurde. Sie befürchteten wohl, wir hielten ihr Verhalten für ungehobelt.
Abends war gemeinsames Abendessen mit Suwakos Freundin und Besitzerin des Gartengeländes angesagt. Sie heißt Tsujako und ist 84 Jahre alt und bis auf ihre Hüftreparatur noch sehr rege, wie ich bereits beschrieben habe. Sie hatte Reis mit Pilzen vorbereitet, Suwako briet Tofu mit Pilzen in süßem Sake und wir hatten Eis zum Nachtisch gekauft. Dazu stellte Stefan eine Creme aus gehackten Nüssen und süßem Bohnenmus her. Nach dem Essen kam der Höhepunkt: Suwako und Tsujako kleideten mich in einen Kimono, den sie mir danach schenkten!!! Dazu wurde ich von Tsujako überschüttet mit Komplimenten für meine Haut und meine hübsche Nase. Sie brauchte sicher eine neue Brille🤣 Welch ein Tag! Am kommenden Tag würde unsere Reise dann weitergehen und einen Tag später waren wir bei einem Servashost im Vorort von Kyoto angemeldet Welche Abenteuer würden wir dort erleben? Reisen ist stets voller Überraschungen und super spannend!

23.10.2019

Nara

Donnerstag, den 24.10.19

Der Regen hatte uns wieder gefunden, daher hatten wir am Vorabend schnell noch ein Hotel in Nara gebucht, etwa auf halber Strecke nach Kyoto, wo wir am kommenden Abend bei unserer nächsten Servasfamilie eingeladen waren. Obwohl es den ganzen Tag regnete, schlenderten wir mittags in Regensachen gehüllt im Narapark umher, in dem zahme Rehe zwischen Schreinen, Menschen und Teichen unter Bäumen grasen. Der Park ist wirklich schön. Wie schön wäre es dort erst gewesen, wenn die Sonne auf die sich allmählich bunt färbenden Blätter der Bäume und Büsche geschienen hätte? Nunja, wir konnten nicht meckern, wir hatten schon so viele herrliche Tage gehabt, da konnte uns ein Regentag auch nicht erschüttern. Japan ist halt eine Insel. Nach einer guten Stunde gingen wir zurück zum Auto, das wir nicht ganz korrekt bei einem Convenient Store abgestellt hatten. Wir hatten nach langer Parkplatzsuche die Nase voll. Die Stadt ist eng und viel Verkehr, dementsprechend die Parkgebühren heftig, wenn man überhaupt freie Plätze findet.
Gegen 17 Uhr machten wir uns auf zu unserem Hotel. Das Besondere daran war, dass es ein sich um ein Lovehotel handelte. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es sich bei Stundenhotels eher um dubiose Unterkünfte im Rotlichviertel handelt, gehen in Japan, unseres Wissens nach, ganz normale Paare hierhin, die der Enge ihrer häufig kleinen Wohnungen mit dünnen Wänden entfliehen wollen. Man kann sie für ein paar Stunden oder auch, wie wir, für eine ganze Nacht mit Frühstück buchen. Obwohl der Preis, zumindest bei diesem Hotel, nicht teurer war als bei unseren vorherigen, war das Ambiente schon netter. Wir hatten vor dem Zimmer einen kleinen Flur in dem ein Schrank Platz fand. Vom Flur ging das Bad ab. Im Zimmer befanden sich gemütliche Sessel mit Tisch und eine Schminkecke, die wir weniger brauchten. Das Bett hatte eine verstellbare Matratze und eine vernünftige Breite, ebenso wie der Schreibtisch. Neben dem obligatorischen Kühlschrank, Wasserkocher mit Tee/Kaffeebeuteln und den japanischen Standardschlappen und Bademänteln, gab es hier neben Shampoo und Duschmittel auch Badeschaum (sehr ungewöhnlich für Japan), Pflegeprodukte für die Haut und ein paar Specials, die die Art des Hotels erkennen ließen: ein Kondomautomat im Zimmer, die Möglichkeit, Verkleidungen auszuleihen 😅 und morgens das Frühstück mit Zimmerservice. Noch dazu war die Check-out Zeit mit 12Uhr angenehmer als bei vielen anderen Unterkünften. Na, dann wollten wir es uns mal gutgehen lassen, auch ohne Verkleidung 🤣. Ah, nicht zu vergessen, es gab eine Speisekarte mit Pizzen, die man aufs Zimmer bestellen konnte, und dabei war sogar eine bezahlbare vegetarische Variante in sattmachender Größe. Das mussten wir ausnutzen!

24.10.2019

Freitag, den 25.11.19

Wir bekamen ein wunderbares Frühstück mit Ei, Toast, Marmelade, Kartoffelchips, Butter und Kaffee auf unser Hotelzimmer gebracht, obwohl das laut Buchung bei Booking.com nicht inklusive war. Wir bekamen es aber dennoch gratis👍 evtl weil es ein genius Angebot war. Draußen goss es weiterhin in Strömen, dennoch machten wir uns auf den Weg zum Hōryū-ji, einer weiteren Tempelanlage in Nara. Es handelt sich hierbei wiederum um ein Weltkulturerbe und um die ältesten Holzgebäude der Welt. Eingepackt in Regensachen plus Schirm erkundeten wir die Anlage mit mehreren Schreinen aus verschiedenen Dynastien und einer Pagode. Danach genossen wir in einem ursprünglichen japanischen Café leckere Teilchen mit Kaffee, sitzend auf Tatamimatten an niedrigen Tischen. Da das Wetter etwas trockener wurde, planten wir in Kyoto noch einen Tempel zu besuchen, aber letztlich lohnte es sich von der Zeit nicht mehr, da er bereits um 16:30Uhr schloss. Da wir unsere Gastgeber Takao und Kiyomi in Kyoto erst ab 18:30Uhr aufsuchen konnten, da sie selbst unterwegs waren, blieb uns noch gut eine Stunde, also besuchten wir ein großes Einkaufszentrum. Wir besorgten uns ein neues Audiokabel, waren wieder mal erstaunt über die hohen Preise für Elektronik und beobachteten zum Schluss noch mehrere Japaner unterschiedlichen Alters in der Spielhalle im obersten Geschoss. Eine Mischung aus Geldspiel- und Computerspielautomaten (Pachinko) sind hier sehr beliebt im Land und besonders ältere Leute zocken dort. Außerdem gab es unterschiedliche Geräte, wo man nach Kuscheltieren oder auch Eis baggern konnte und verschiedenste andere Geldspielgeräte zogen Groß und Klein das Geld aus den Taschen. Dann war es soweit, wir konnten zu unserem nächsten Servaszuhause fahren und wurden nett begrüßt. Wir schliefen wieder japanisch auf Futons und Reismatten. Außer uns war noch eine 25jährige Amerikanerin aus North Carolina zu Gast im Zimmer nebenan. Bei leckerem Abendessen unterhielten wir uns über Sozialsysteme, Politik und Arbeit in unseren Ländern und bekamen noch etwas zur japanischen Sprache erklärt. Ab em nächsten Tag würde an der Stelle der Amerikanerin ein englisches Pärchen mit uns hier sein. Es war unglaublich. Unsere Gastgeber haben um die 50Gäste jährlich! Man merkte Ihnen auch an, dass sie sehr erfahren waren. Im Bad waren z.B. Erklärungen in Englisch angebracht, ebenso an Lichtschaltern.

25.10.2019

Freud und Leid in Kyoto

Samstag, den 26.10.19

Unser Frühstück war bereits um 7Uhr. Es war sehr lecker, mit japanischer Marmelade aus einer uns unbekannten Frucht, schien sich aber um Zitrusfrucht zu handeln und Holunderblütengelee von einem vorherigen deutschen Gast😀, Brot, Salat und Ei. Kiyomi schenkte jedem von uns Dreien ein paar typische Socken, bei denen die Zehen einzeln gestrickt waren! Die Großherzigkeit hier in Japan nahm überhaupt kein Ende. Es war ja schön, so verwöhnt zu werden, aber manchmal fragte ich mich, ob es vielleicht besser wäre, brächten wir keine kleinen Mitbringsel mit. Japaner fühlen sich dann, soweit wir gelesen haben, im Zugzwang, auch etwas zu schenken. Wenn man so viele Gäste hat wie Takao und Kiyomi, halte ich das aber für eine ganz schöne Herausforderung für Gastgeber. Total lieb ist es aber dennoch 😍.
Nach dem Frühstück machten wir uns mit der Amerikanerin Elsa auf den Weg in Kyotos Innenstadt. Wir ließen das Auto stehen und nahmen Bus und Bahn. Kyoto ist seit längerem mal wieder eine richtig große Stadt mit rund 1 1/2Mio Einwohnern. Autofahren und erst recht parken ist ein Albtraum und letzteres ggf gleich teuer wie der öffentliche Verkehr, wenn nicht teurer. Wir besuchten gemeinsam den Nishiki Market, dabei handelt es sich eher um eine überdachte Zeile kleiner Geschäfte mit allem Besonderen an Essen und Souvenirs, was die Region zu bieten hat. Eine nette, farbenfrohe Attraktion zum Fotografieren. Auf der Suche nach einem Tofurestaurant, das vegane Speisen haben sollte, scheiterten wir wieder an Fischflocken in der Soße, also machten wir uns auf den Weg, zum Jidai Matsuri, dem Festival der Zeitalter. Es handelt sich hierbei um eines der großen jährlichen Festivals Kyotos und besteht aus einer Parade historisch verkleideter Teilnehmer, die das Leben der verschiedenen Epochen Japans darstellen. Es war farbenfroh, interessant, aber nicht sehr mitreißend. Gegen 14Uhr verabschiedete sich Elsa von uns. Sie musste am kommenden Tag zurückfliegen nach North Carolina. Wir liefen weiter Richtung kaiserlichem Palast, nicht wissend, dass wir hätten in Voraus buchen müssen und an diesem Tag aufgrund des Festes eh kein Einlass war. Bei mir hatten sich zwischenzeitlich Magenschmerzen, die sich bereits morgens ankündeten, verstärkt, sodass wir uns auf den rund einstündigen Weg zurück zu unseren Gastgebern begaben. Am Flussufer beobachteten wir eine Gruppe junger Leute, die einen Tanz oder ähnliches einübten. Kurz darauf kamen unsere neuen „Mitgäste“ aus England Jay und Maeve, die ein ganzes Jahr unterwegs sind und bereits China und Indien hinter sich hatten, an. Ich verzichtete auf das Abendessen, um meinen Magen zur Ruhe kommen zu lassen, aber am Erfahrungsaustausch beteiligte ich mich ausgiebig. Sie waren sehr nett und ihre Berichte hoch interessant für uns. Wir versprachen uns, in Kontakt zu bleiben und tauschten unsere WhatsApp Adressen aus.

26.10.2019

Krank in Kyoto

Sonntag, den 27.10.19

Diesen Tag würde ich gerne aus dem Kalender streichen. Ich hatte seit dem vorigen Nachmittag Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Ich dachte an Lebensmittelunverträglichkeit, aber in der Nacht zog der Schmerz in die rechte Leiste und ich übergab mich mehrfach. Am Morgen war ich dann ziemlich fertig und da Sonntag war, kein Arzt erreichbar. Das würde auch für den Folgetag gelten, den es stand die Krönung des neuen Kaiserpaares bevor und das war selbstverständlich ein nationaler Feiertag. Eigentlich wäre an diesem Tag auch unsere Abreise zu einer weiteren Servasfamilie in Otsu gewesen. Takao erklärte sich bereit, mich zum Krankenhaus zu bringen und war damit unsere absolute Rettung. Wir hätten nicht einmal ein Krankenhaus gefunden, das internationale Patienten behandelt und dann noch am Wochenende. An der riesigen Anmeldung mit Nummernautomat sprach niemand Englisch und sogar der Patientenbogen musste auf Japanisch ausgefüllt werden. Er übersetzte also meinen Namen und alles weitere auf Katakana, der Schrift, die für ausländische Wörter genutzt wird. Ich bekam eine Untersuchung, CT, Ultraschall, Blut- und Urinprobe und dabei wurde eine Blindarmentzündung festgestellt. Danach kam ein Gespräch mit dem Chirurgen, der in meinem Fall noch eine Antibiotikatherapie für angemessen hielt. Nun musste ich an drei Folgetagen ins Krankenhaus zum Antibiotikatropf und nahm noch Tabletten in der Hoffnung, um eine OP herumzukommen. Unsere Gastgeber luden uns wie selbstverständlich ein, diese Tage weiter bei Ihnen zu wohnen und Takao versprach mir, uns am kommenden Tag wieder mit zum Krankenhaus zu nehmen, da er eh seine 90jährige Mutter hinfahren musste. Was hätten wir bloß ohne Servas gemacht? Unseren nächsten Gastgebern in Otsu mussten wir absagen, aber Takao und Kiyomi sind befreundet mit ihnen, so überraschten die neuen Gastgeber uns am Nachmittag hier in Kyoto! Sie haben eine Bäckerei und Ihre Spezialität ist deutsches Brot!!! Nicht dieses ewige Toastbrot, das die Japaner sonst essen. Sie brachten eine ganze Mischung von dunklem Brot und auch süßem Schokoladenbrot mit und es war wirklich fantastisch. Sie können mit Recht stolz darauf sein und sie freuten sich, dass wir begeistert waren. Ihr Besuch war auch in anderer Hinsicht interessant, denn sie begrüßten Takaos 90jährige Mutter auf den Knien sitzend und sich immer wieder verbeugend und tauschten Begrüßungsfloskeln aus. Es war auf jeden Fall eine ganze Menge „arigato“, „Danke“ darunter. Beim Abschied das gleiche und ich konnte sehen, dass auch die alte Dame auf den Knien saß und sich immer wieder verbeugte. Für uns ein sehr ungewöhnlicher Anblick. Als ich später Takao darauf ansprach, erklärte er mir, dass es früher ein ganz normales Begrüßungsritual für ältere Menschen gewesen wäre, um ihnen Ehre zu erweisen. Manche Japaner würden es auch heute noch praktizieren und auch ihre Freunde aus Südkorea. Es würde seine Mutter sehr erfreuen.
Am Abend haben wir gemeinsam mit Takao und Kiyomi und den zwei Britten gegessen, danach war Halbfinale der Rugby WM und Wales spielte gegen Südafrika. Da Jay aus Wales stammt, haben wir zusammen Daumen gedrückt, auch wenn ich Rugby weder verstehe, noch ihm etwas abgewinnen kann. Leider haben die Waliser verloren.
Im Anschluss unterhielten wir uns über Brexit, Gesundheitssystem und Angepasstheit der jungen japanischen Generation, die Regeln überhaupt nicht mehr hinterfragt. Takao erzählte uns, dass er als Student noch rebelliert hätte und anscheinend auch als er schon Lehrer war, sich nicht alles hat vorschreiben lassen.
Über das Gesundheitssystem erfuhren wir mit Schrecken, dass die Japaner immer 30% der Arzt- bzw Krankenkosten aus eigener Tasche bezahlen müssen. Ausnahmen sind nur sehr alte und chronisch Kranke, die zahlen 10% was immer noch unglaublich viel sein kann. Wir haben echt unseren Ohren nicht trauen können als wir das hörten.

27.10.2019

Uji – Krankenhaus und Tempel

Montag, den 28.10

Ich bekam meine zweite Tropfladung Antibiotika. Wir fuhren mit Takao, Kiyomi und der Oma zum Krankenhaus Kyoto Uji Tokushukai Medical Center in Uji, Präfektur Kyoto. Takao kümmerte sich um uns, Kiyomi um die alte Dame. Als wir ca 1 1/2Std später das Krankenhaus verließen, fuhr Takao uns noch zu einer Straße, in der alle möglichen Dinge aus Matchatee produziert und in kleinen Läden und Restaurants angeboten werden. Wir besuchten eine Eisdiele mit einem Tisch davor und ich bestellte etwas mit Banane und meiner Meinung nach Vanilleeis, Stefan ein Matschaeis mit der süßen Bohnenpaste. Beides sah sehr lecker aus, hatte aber wenig mit Eis zu tun. Meines war ein in ein Hörnchen gefalteter Crêpes mit Bananenscheiben und einer extrem süßen Creme, kein Eis. Stefans vermeintliches Matchaeis war von der Konsistenz her eher ein fester Slush mit Bohnenpaste, auch sehr süß. Eine kleine Enttäuschung, aber man muss ja auch mal was ausprobieren und ich brauchte etwas in den Magen für meine nächste Tablette. Wir liefen ganz langsam zum Byodo-in Tempel und genossen den Anblick des rötlichen Tempels vor dem grünen Wasser und die entspannte Atmosphäre im Park rundherum. Danach wollten wir zum Ujigami Schrein 700m entfernt auf der anderen Flussseite. Wir schafften es auch bis dahin, aber ich fühlte mich so erschöpft wie im 9.Monat schwanger mit Druck im Unterleib und stand irgendwie total neben mir. Der Schrein war nicht der hübscheste den wir bisher gesehen hatten, aber er soll der älteste Japans sein. Danach machten wir uns auf die Suche nach der nächsten Bushaltestelle, was wir mit Hilfe des perfekten Plans von Takao und Google Maps auch fanden und fuhren die 13 Stationen zu unserem derzeitigen Zuhause. Ich war total kaputt. Mein Körper hatte wohl ziemlich zu kämpfen mit der Medizin und der Entzündung. Ich legte mich ins Bett und schlief fast 4Std am Stück. Ich würde daraus lernen, dass ich mir nach der Infusion nichts zumuten durfte. Das Abendessen war ein internationales Gemeinschaftsevent. Stefan, Jay und Maeve unterstützten Kiyomi beim Kochen und produzierten Bällchen aus Lauchzwiebeln, Kohl, Mehl, Wasser, Ingwer, die in einem speziellen Gerät, was es nur in dieser Region gibt, leicht in Öl gebräunt wurde, so dass es innen sehr locker war. Dazu gemischten Salat, dünn geschnittenen Rettich und Nudeln mit einer speziellen Soyasoße. Wir genossen das gemeinsame Mahl und hatten einen lebhaften Austausch über Servas und Reisen im Allgemeinen. Schade, dass uns Jay und Maeve am kommenden Tag würden verlassen müssen, denn ein Servasbesuch ist eigentlich nur für zwei Nächte vorgesehen, außer der Gastgeber läd für länger ein. Die Beiden sind ein Jahr unterwegs und wir haben soviel gemeinsam in unserer Reiseverücktheit😅 Den Abend über war ich ziemlich fit und hoffte, dass ich die Nacht noch schlafen konnte nach meinem langen Erholungsschlaf am Nachmittag.

Mittwoch, den 30.10.19

Tja, ein Tag fehlt in meinen Berichten und Schuld war so ein kleiner, elendiger Wurmfortsatz in meinem Bauch, der sich erlaubt hatte sich so zu entzünden, dass er doch noch rausmusste. Dienstag Morgen entschied der Arzt, dass ich zweimal am Tag einen Antibiotikatropf bekommen sollte, weil ich am Abend zuvor erhöhte Temperatur hatte. Als ich dann abends zum zweiten Tropf ins Krankenhaus kam, war die Temperatur noch höher und der Bluttest ergab, dass es eher schlechter als besser wurde mit der Entzündung. Da half nichts mehr, er musste raus. Es wurden noch einige Untersuchungen wie Röntgen und Ultraschall gemacht, besonders auch aufgrund meines Herzfehlers, dann kam ich auf Station. Mir graute es etwas, weil ohne Zuzahlung nur ein Vierbettzimmer möglich war, aber das war kein Problem. Das Zimmer war größer als bei uns und zwischen den Betten und zum Gang hin Gardinen. Man hatte sozusagen sein eigenes Abteil mit zwei eigenen, verschiebbaren Kommoden mit Fernseher und Kühlschrank, einem Stuhl und einem Bettisch, die beim Umzug in ein anderes Zimmer einfach mit rübergerollt werden. Das Zimmer hatte kein Bad, nur ein nicht abgetrenntes Waschbecken. Ich habe bis zum Schluss nicht rausgefunden, wo man sich dort waschen konnte. Duschen war in den nächsten Tagen eh bei mir nicht erlaubt. Keine Ahnung, ob japanische Stationen irgendwo einen Onsen versteckt haben😂
Mein Pfleger für die Nacht war sehr nett und kommunizierte per Sprachassistent mit mir und verbeugte sich jedesmal wenn er ging. Es war also in dieser Hinsicht nicht so schlimm, alleine in der fremden Umgebung zu sein. Die wichtigsten Infos über den Stationsablauf hatte mir Takao, bevor er und Stefan um 21Uhr das Krankenhaus verlassen mussten, noch übersetzt. 8/12/18 Uhr Mahlzeiten, bis einen Tag nach der OP nichts essen, 21Uhr geht das Licht aus. Die Nacht war von der Station her ruhiger als ich es sonst gewohnt war, aber mein Fieber bescherte mir Kopfschmerzen und das heiße Blut lockte noch dazu Moskitos an, sodass ich ziemlich mies schlief. Am OP-Morgen durfte ich dann ab 9Uhr nichts mehr trinken. Die OP würde minimalinvasiv als Laparaskopie durchgeführt. Ich würde also keine großen Probleme mit der Heilung einer längeren Narbe haben. Gemeinsam mit Stefan und Takao hatte ich mein OP-Vorgespräch. Der Arzt sprach brockenweise Deutsch und ein ziemlich schwer verständliches Englisch, aber er war sehr nett. Da ich einige Fachbegriffe bzgl. meines Herzens, die aus dem lateinischen kommen und allgemein für Untersuchungen verstand, kamen wir ganz gut klar. Wenn was nicht verständlich war, versuchte Takao es ins Englische zu übersetzen. Für ihn war das eine echte Aufgabe, denn obwohl er gut Englisch spricht, handelte es sich ja um sehr spezielle Begriffe. Ich hatte glücklicherweise meinen letzten Arztbericht aus der Uniklinik Göttingen mitgenommen, sodass der Arzt ein paar Daten auch daraus entnehmen konnte. Nach dem Gespräch begann das Warten. OP Termin war zwischen 14 und 15Uhr geplant und so kam es auch. Mit blauem Hemdchen, Haarnetz und Trombosestrümpfen wurde ich zu Fuß! in Straßenschuhen bis an den OP-Tisch geführt. Sehr merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Japaner zuhause, im Tempel und häufig auch in Restaurants niemals Schuhe tragen würden.
Die OP verlief erfolgreich per Lapraskopie und drei Stunden später konnte ich das erste Mal aufstehen und auf Toilette gehen. Wir hofften, dass die Heilung weiter so gut verlaufen würde. Kiyomi und Takao kümmerten sich auch weiterhin ganz lieb um uns und Stefan konnte auch weiter dort wohnen. Ich hatte nach der OP ein Einzelzimmer bekommen mit eigener Toilette und Waschbecken und einem interessanten Blick auf die Stadt, besonders nachts.

29. u 30.10.2019

Donnerstag, den 31.10.19

Was schreibt man über einen Tag im Krankenhaus? Dass mich die Nacht nach der OP die Alarmtöne der Monitore oder Beatmungsgeräte in den anderen Zimmern fast zum Wahnsinn getrieben haben, weil mein Zimmer nun genau gegenüber dem Überwachungstresen der Station lag? Vielleicht auch, dass die erste Schwester am Morgen das Weite gesucht hatte, als sie meine Venen sah oder besser: nicht sah. Ihre Kollegin, meine Nachtschwester, brauchte zwei Anläufe, bis ich ihr mein wertvolles Blut in die Kanüle tropfte. Danach sollte ich mich waschen, brauchte aber noch einen Schlafanzug von hier. Sie ging los und ward nicht mehr gesehen. Sie hatte mich total vergessen, als ich nochmal nach ihr klingelte. Dann bekam ich drei feuchte heiße Tücher zum Waschen und konnte wieder mein OP Hemd loswerden.
Jetzt durfte ich auch wieder frühstückten. Ich bekam Maissuppe, die lecker war, eine Scheibe bräunliches, süßliches Brot in der Konsistenz von Toast, einen übersüßten Kaffeepudding, den Stefan gerne mochte, und Tee. Ich aß erstmal sehr vorsichtig, aber es ging gut und wurde auch gut verdaut. Ich hatte in der Nacht schon den Albtraum, dass ich Reis mit Algen bekäme, sodass mir vorher schon schlecht war Ich war dann aber vom Frühstück positiv überrascht. Danach plätscherte der Tag so dahin. Stefan und ich spielten 10000 und guckten einen bescheuerten Tatort. Nachmittags kamen Takao und Kiyomi vorbei. Ich hatte morgens 37,5 Fieber und Kopfschmerzen, was über Tag schlimmer wurde, sodass ich am Nachmittag doch zu all den Antibiotika und meinen eigenen Tabletten Schmerz- und fiebersenkende Pillen nehmen musste. Danach schlief ich eine Stunde, dann ging es besser und ich konnte meinen Bratfisch zum Abendessen genießen. Mit Schonkost hatte das Essen hier wahrlich nichts zu tun. Zu Mittag gab es Suppe mit Kohl, der ja nun wirklich bläht. Ich trank die Suppe, Stefan aß den Kohl. Auch die Krabben in einer Art Reis-Gemüse-Brei schmeckten lecker, aber ich bekam sie noch nicht runter. Nun stand mir eine weitere Nacht mit Monitorlärm bevor, viel lauter als ich es vom Unikrankenhaus Göttingen gwohnt war. Ich erinnerte mich aber an meine Ohropax, die mir hoffentlich eine ruhigere Nacht bescherten. Ich fühlte mich zugedröhnt, aber meine Kopfschmerzen waren weg und meinem Bauch ging es gut.

31.10.2019

Freitag, den 1.11.19

Nach einer weitaus besseren Nacht dank Fiebertabletten und Ohropax, erwachte ich am Morgen gegen 6Uhr. Ich traute mich nicht mehr einzuschlafen, weil normalerweise ab 6Uhr die Schwestern die Vitalfunktionen maßen. Bis 8:10Uhr kam niemand und ich befürchtete schon, sie hätten mich ganz vergessen, aber dann öffnete sich die Tür mit meinem Frühstück. Währenddessen kam auch schon Dr. Shimomatsu, mein Chirurg und regelmäßiger Betreuer. Das ist hier ganz anders als bei uns mit der „heiligen“ Visite, wo man zwar eine Menge Ärzte und die Stationsschwester am Bett hat, aber meist nur über, nicht mit dem Patienten geredet wird. Mein Arzt hier kam täglich mindestens 2-3 Mal am Tag zu mir, um mich zu fragen wie es mir ginge und ggf zu untersuchen. Dieses Mal wollte er wissen, wie mir das Brot schmeckt 😀 und ich gab ihm zur Antwort, dass es mit Marmelade ok sei, weil es leicht süß schmecke. Am Abend zuvor fragte er mich schon, und ich hatte ihm gesagt, was ich an dem Essen lecker fand und was weniger. Kohlsuppe und Salat teilte ich ihm mit, fand ich weniger passend nach einer OP. Brot ist einfach zu labbrig hier in Japan außer von dem genialen Servasgastgeber, der Bäcker in Ōtsu ist, aber das sagte ich ihm nicht so. Ich bemerkte nur, dass meiner Meinung nach dunkleres und festeres Brot als das was es in der Regel in Japan gab, gesünder wäre. Ich unterhielt mich noch eine Weile mit dem Arzt und sein Englisch war jetzt ganz passabel. Ich fragte ihn, ob er Fotos vom Inneren meines Bauches gemacht hätte und ob ich die für meine Ärzte zuhause haben könnte. Er hätte ein Video und würde eine Kopie auf DVD brennen für mich versprach er. Wir unterhielten uns des Weiteren über Organspenden und ich erfuhr, dass in Japan Menschen auch nach dem Hirntod noch als lebendig gelten und daher nur Lebendspenden möglich wären. Es herrscht ein großer Mangel an Spendern vor und in der Regel sind diese innerhalb der Familie. Japan hat seit 1956 (laut Internet) begonnen mit Lebendspenden von Nieren und führt heute erfolgreich Halbierung von Lebern durch. Die Teile wachsen dann anscheinend in Spender und Empfänger wieder nach, bzw. auch ein Teil der Leber reicht zum Leben. Alle Achtung! Es finden aber nur sehr wenig Transplantationen insgesamt jährlich in Japan statt. Man sah ihm an, wie gut er es fand, dass bei uns Organe auch Europaweit weitervermittelt werden.
Nach dem Frühstück kam Stefan zu Besuch und die Schwester kam zur morgendlichen Routine. Leider hatte ich immer noch über 37Grad Temperatur und damit schwand unsere Hoffnung auf Entlassung am morgigen Tag. Die Zeit plätscherte vor sich hin, man gab mir einen Antibiotikatropf mit der Medizin, die mir meine EMAH Ärztin aus Göttingen per E-Mail geraten hatte zur Endokarditis Prophylaxe VOR Operationen 🤷‍♀️. Immerhin bekam ich sie überhaupt und ich war eh schon so zugedröhnt mit Antibiotika, dass meinem armen Herzen hoffentlich nix passiert war. Dann wurden die Pflaster entfernt und mein Bauchnabel auch noch von einem anderen Arzt für gut befunden. Durch ihn hatte man den Blindarm entfernt. Die Heilung schien sehr erfolgreich zu verlaufen. Man entfernte den Zugang auf meiner Hand und ich konnte endlich wieder vernünftig Händewaschen. Antibiotikagabe war nun per Tabletten.
Zum Mittagessen gab es wieder Fisch, dieses Mal gekocht und auch lecker mit Möhren und Kartoffeln, dazu Paprikasalat, Toast und Marmelade und Joghurt, den ich für Pudding gehalten habe. Insgesamt alles gut essbar, und ich begann schon Hunger auf die nächste Mahlzeit zu bekommen. Stefan holte sich Lebensmittel aus dem Supermarkt, und ich aß einen Teil seines Joghurts. Das kann nur gut sein, um meine Darmflora gegen den Angriff all der Antibiotika etwas zu unterstützen. Außerdem wagte ich drei Schokomandeln, pssst! Ich vertrug sie aber gut und all die blähende Nahrung hier war ja auch keine Schonkost.
Den Nachmittag verbrachten wir damit, das Hörbuch eines Spiegelreporters zu hören über seine dramatische Drogenkarriere bis zu dem Tag, als er endlich clean wurde. Eine hörenswerte Geschicht, allerdings nichts, was einen in eine positive Stimmung versetzt, wie man sich bei dem Thema denken kann. Der Autor schreibt aber sehr gut und ehrlich.
Am späten Nachmittag war dann meine Temperatur auf 36,4 Grad gesunken und kurz darauf erfuhren wir von der Schwester, dass ich am kommenden Tag bzw bald – Übersetzung unklar – entlassen würde. Abends kam dann mein Arzt, guckte sich meinen Bauch nochmal an und teilte uns mit, dass die Entlassung am kommenden Morgen ab 10Uhr ist. Wir unterhielten uns noch etwas über den Ablauf, jetzt brauchte ich nur noch keine erhöhte Temperatur mehr zu bekommen. Also Daumen drücken war erwünscht bei Familie und Freunden in Deutschland und Japan, ich schlief ja nachts, da konnte ich das nicht selber 😂 Mein Abendessen war dieses Mal mäßig. Eine Suppe mit Einlage, die nach Ei, Mais und Zwiebeln oder ähnlichem aussah, die ganz ok war. Dazu ein Salat aus wahrscheinlich Rettich und Thunfisch. Er schmeckte merkwürdig und ich war mir auch nicht sicher beim Inhalt. Ich lies ihn größtenteils stehen. Und wie immer gab es eine Scheibe Toast mit Erdbeermarmelade. Das Brot wurde immer in der Plastik aufgewärmt, voraussichtlich in der Mikrowelle, und ich fand, es hat immer Plastikbeigeschmack.
VERDAMMT, als wieder Fieber gemessen wurde, war es wieder bei 37,7😩. Die Schwester meinte, sie wollten das Ergebnis am kommenden Morgen abwarten, bis sie entschieden, ob das etwas an der Entlassung änderte😳

Samstag, den 2.11.19

Obwohl ich in der Nacht Fieber hatte, durfte ich am Morgen doch aus dem Krankenhaus, weil die Blutwerte schon fast wieder normal waren.
Am Donnerstag sollte ich nochmal zur Nachuntersuchung kommen, danach hätte ich den Mist hoffentlich hinter mir. Wir sollten bis dahin weiter bei unseren Servasgastgebern wohnen, auch wenn wir ins Hotel hätten wechseln können. Sie nahmen das gleich für selbstverständlich an, sodass wir gar nicht zu fragen wagten, ohne Angst zu haben, sie vor den Kopf zu stoßen. Wir waren in der Zwickmühle, dass wir einerseits unendlich dankbar für all die Hilfe und Unterstützung waren und sie ja auch total liebe Menschen waren, auf der anderen Seite aber manchmal auch genervt, denn die Gespräche mit den Ärzten wurden teils nur sehr bruchstückhaft übersetzt und wenn man das Gefühl hat, über einen wird geredet, ggf. auch etwas sehr wichtiges, verunsichert das natürlich. Ärzte, die eigentlich ganz passabel Englisch redeten, sprachen dann nur noch Japanisch mit Takao und wir bekamen gar nichts mehr mit. Außerdem fühlten wir uns immer mehr in ihrer Schuld, aber Geld anzubieten in Japan ist ziemlich unmöglich ohne Ehrverletzung. Für diesen Abend kaufte Stefan ein und wir – ich sollte wohl eher sagen, er – kochte für alle. Vielleicht könnten wir das ab jetzt im Wechsel immer machen, wenn es gut ankam. Wir würden das Pferd schon schaukeln.

Nachdem ich morgens erstaunlicherweise entlassen wurde, habe ich bei unseren Gastgebern viel geschlafen und das erste Mal geduscht nach der OP. Takao und Kiyomi waren am Nachmittag in der Stadthalle zum Kulturfest. Es musste sich um eine Art Volkshochschule handeln, wo beide noch eine Englischkonversationsgruppe besuchten. An diesem und dem vorigen Tag hatten sich alle Kurse in Form von Vorführungen oder Infotischen vorgestellt, wie Takao erzählte.

Während ich schlief, bereitete Stefan Spaghetti mit Pilzsahnesoße, eine gemischte Gemüseplatte und Weinschaumcreme zum Abendessen vor. Überraschenderweise kamen noch einmal das Bäckerehepaar aus Otsu mit zweijährigem Enkel vorbei und wollten mir zur Genesung gratulieren. Sie brachten wieder eine Ladun leckeres Brot mit. Wir hatten ein nettes, gemeinsames Abendessen, danach verließen sie Kyoto wieder. Da das WM-Finale im Rugby stattfand, guckten Stefan, Kiyomi und Takao das Spiel im Fernsehen und ich zog mich wieder zurück. Ich wollte es ganz langsam angehen lassen und auf keinen Fall einen Rückfall riskieren, also „Gute Nacht“.

01. u. 02.11.2019

Zurück ins Leben – Rundfahrt zum Amagase Dam, der Yoimachi Bridge und dem Miho Museum

Sonntag, den 3.11.19

Langsam begab ich mich zurück ins Leben. Unser erster Weg am Morgen war zum Waschsalon. Jetzt wurden aus kleinen Stinkern wieder duftende Reisende. Wir hatten uns für vorgenommen, erst einmal langsam wieder etwas zu unternehmen, ohne dass ich viel laufen musste. Ich wollte mich auf jeden Fall schonen und fühlte mich auch durch die Antibiotika noch immer etwas wie auf Wolken. Zum Glück konnte ich am kommenden Morgen meine letzte nehmen. Wir unternahmen eine Autofahrt auf kurvig engen Straßen an Flüssen entlang und besuchten Amagase Dam, Yoimachi Bridge und das Miho Museum mit Fundstücken aus dem alten Ägypten, Persien, Griechenland, Rom, China und Südasien. Am meisten hat uns jedoch die Architektur des Gebäudes und des Tunnels, der zum Museum führt, beeindruckt. Es gelang uns also, einiges zu sehen, ohne dass ich mich überanstrengen musste. Unsere Gastgeber waren zu Veranstaltungen und wir hatten versprochen, wieder das Abendessen zuzubereiten. Dieses Mal hatten wir Bratkartoffeln als typisch deutsches Essen, Ratatuille als italienischen Leckerhappen und dazu einen bunten Eisbergsalat und zum Nachtisch einen Obstsalat geplant. Da wir unterwegs teilweise nur langsam voran kamen, wurde es letztendlich zeitlich ganz schön knapp bis 18:30Uhr wie verabredet fertig zu werden, aber wir waren pünktlich wie ein Shinkansen. Auf die Minute war das Essen fertig. Typisch deutsch halt!😂
Auch am nächsten Tag planten wir wieder zu kochen und allmählich gingen uns die Idee aus. Entweder gab es Zutaten wie z.B. Rotkohl nicht zu kaufen zu selbstgemachten Knödeln, oder es fehlten die Handwerkzeuge wie Auflaufschale oder ein entsprechend großer Backofen für Aufläufe. Echt schwierig! Backöfen haben die Küchen in Japan in der Regel gar nicht. evtl. mal so einen kleinen Extrabackofen, in den man aber auch kaum etwas hineinbekommt. Süße Speisen wie z.B. Kaiserschmarrn oder ähnliches gelten in Japan sicher nicht als vollwertiges Abendessen. Wir baten also Freunde und Familie um unkomplizierte Ideen und Rezepte und erinnerten noch einmal dran, dass wir ja auch noch Vegetarier waren, was es erst recht schwierig machte.

03.11.2019

Mount Hiei

Montag, den 4.11.19

Wunderschönes Wetter lockte uns heraus ins Grüne. Da am Sonntag, „Tag der Kultur“, ein Nationalfeiertag war, hatten die Japaner am Montag noch frei. Wir fürchteten, dass bei allen Tempeln und Sehenswürdigkeiten innerhalb Kyoto’s der Teufel los sein könnte. Deshalb wählten wir den Mount Hiei und besuchten den Geburtsplatz des japanischen Buddhismus, den Tempel Enryakuji. Die Grundidee des buddhistischen Mönchs Saichó war, daß, wenn Jede/r zu jeder Zeit und an jedem Ort sein Bestes gibt, alle Menschen auf der Welt in Freude und Erfüllung leben könnten. Die Idee wurde zum Zentrum der Lehre und es entstanden Klöster, wo Mönche ihr Wissen verbreiteten und neue Sekten gründeten. Als Symbol der Idee brennt eine ewige Flamme seit über 1200Jahren in der Enryakuji‘s Konchonpudo Hall. Seit dem ersten Treffen der religiösen Führer aller 7 großen Religionen der Welt bietet die Tempelanlage in jedem Jahr im August religiöse Gipfeltreffen an, um für den Weltfrieden zu beten über alle politischen Grenzen hinweg.

Wir fuhren die bergige Zollstraße hinauf, für die wir erstaunlicherweise aufgrund meines Behindertenausweises nur etwa die Hälfte zahlen mussten, und wanderten durch die wunderschöne, mit Bäumen gesäumte Landschaft von Tempel zu Tempel. Immer wieder boten sich fantastische Blicke über Kyoto oder zur anderen Seite auf den Biwa Lake und weit darüber hinaus auf die Bergwelt. Wir hatten sicher an die 100m Fernblick, einfach der Wahnsinn! Allmählich verfärbten sich auch die Blätter einiger Bäume und Sträucher von hellem Gelb bishin zu tiefem Rot, was einen wunderschönen Kontrast gegen den blauen Himmel ergab. Es war ein wunderbarer Tag und da wir die Steigerung bis auf den Berg ja mit Auto erledigen konnten, musste ich mich auch nicht verausgaben. Mir ging es prima. Nur gelegentliches Ziehen des Wundschmerzes und schlabbrige Muskeln mussten noch überwunden werden.
Abends haben wir dann wieder gekocht und es war wirklich immer ein Abenteuer. Dank der Tipps unserer lieben Freunde und Stefan’s Mutter hatten wir jetzt einen kleinen Ideenspeicher für mögliche Gerichte. Es war aber absolut kompliziert bzw. unmöglich etliche der Zutaten zu bekommen. Was uns an dem Abend gelang, war eine Kürbis-Möhren-Ingwersuppe. Wir hatten jedoch das Problem, einen Hokkaido Kürbis zu finden. Zum einen heißt er hier Kambodscha Kürbis, weil er laut der Japaner aus Kambodscha kommt. und außerdem sieht er grün und nicht orange aus. Als wir drei so kleine Dinger in Größe von Zierkürbissen näher besehen und übersetzt hatten, wussten wir, dass es sich um Hokkaido handelte. Blieb nur die Frage, ob er gleich schmeckte. Wir hatten Glück und die Suppe war zwar grün, aber hatte denselben, leckeren Geschmack. Dazu wollten wir Knobibaguette selbst machen, fanden aber kein Baguette. Dafür fanden wir französisches, leicht gebuttertes und gesalzenes Brot, dass sich mit selbstgemachter Knobibutter überbacken im Toaster (ähnlich Minibackofen) hervorragend eignete. Dazu ein Salat aus Möhren, Gurken, Tomaten und etwas Eisbergsalat kam gut an. Zum Nachtisch kochte ich frisches Apfelmus mit ein paar Walnüssen obendrauf. Es schien uns wieder gelungen zu sein, unsere Gastgeber zu beglücken.
Man kann sich gar nicht vorstellen, was wir alles nicht finden konnten, selbst in großen Supermärkten. Es gab zum Beispiel kein gefrorenes Gemüse oder Obst. Ebenso gingen uns außer Sojabohnen bisher alle Hülsenfrüchte ab. Unser Gastgeber meinte, er hätte mal Linsen gegessen, ebenfalls Hummus bzw. Kichererbsen, da sie Gäste aus Israel hatten, die sie einluden, aber das wären völlig unbekannte Zutaten in der japanischen Küche. Gleiches galt für viele Gewürze. Und Käse war ein Drama. Wenn wir mal Käse aus Europa fanden, kosteten 100gr fast das 5-fache vom deutschen Preis. Der japanische Versuch eines Goudas war schlechter als bei uns Scheibletten. Geriebener Käse war einigermaßen bezahlbar und für Soßen und zum Überbacken ok. Im Allgemeinen sind die Japaner eher zurückhaltend mit Fett und kämen wohl nie auf die Idee, Käse des Käse Willens zu essen. Man findet in Japan ellenlange Regale mit Algen jeder Art, fertig eingeschweißtem Reis, Süßwaren und alle möglichen Fischprodukte, Soyaprodukte, sowohl in der Kühltruhe als auch in Dosen oder Gläsern. Nie fehlen werden Regale mit Fertigsuppen aller Art, aber fast ausschließlich mit Fleisch oder Fischanteilen. Daneben sind mindestens immer zwei Kühlregale mit fertigen Essen von Sushi über Onigiri (gefüllter Reis mit salzig-saurer Pflaume, Alge, Thunfisch +Mayo und Krabbe oder Lachs mit Mayo, umwickelt mit Alge zum besseren Anfassen, in Dreieckform in Handgröße). Aber auch Salate, fertige Essen mit Fleisch, Geflügel oder Fisch etc. Viele Läden haben vor dem Ausgang eine Sitzecke mit Mikrowelle wie auch in den Combinis und einem Wasserkocher für die Fertigsuppen. Seit dem 1.Oktober 19 wurde eine Erhöhung der Mehrwertsteuer eingeführt, wobei wie bei uns jetzt unterschieden wird zwischen Lebensmitteln, die im Laden konsumiert werden 10) oder die mitgenommen werden (8%). Sie Steuererhöhung wurde nötig, um die Sozialausgaben dier überalterten Gesellschaft noch zahlen zu können. Viele Japaner essen in diesen Supermärkten oder Convenience Shops. Die arbeitende Bevölkerung scheint kaum noch Zeit zum kochen zu haben. Bisher waren wir, außer in Fukushima, immer bei Rentnern, daher durften wir die gute eigene Küche kosten.

04.11.2019

Arashiyama Bambuswald

Dienstag, den 5.11.19

Wir waren wieder mit Auto unterwegs und haben den weltberühmten Arashiyama Bambuswald besucht. Von dort aus wanderten wir zum Temple Tenrÿo-ji und schlenderten durch den Kameyama Park. Diese Sehenswürdigkeiten bieten meist auch Kimonoverleihe und Damen aus aller Welt können sich mal als traditionelle Japanerin fühlen. Auch für junge Japanerinnen bieten sich diese Orte an, um ihren Kimono auszuführen und sich richtig schön für Selfies zu machen. Ehrlich gesagt ein etwas zweifelhaftes Vergnügen, denn sie sind recht eng und man trägt dazu sehr schmale Schuhe in Flipflop Art. Diese sind aber aber entweder aus Stoff mit Holzsohle oder aus glänzendem Kunststoff. Besonders letztere sind so schmal, dass selbst die zierlichen japanischen Frauenfüße seitlich übertreten und der Kunststoffbalken zwischen den Zehen in nullkommanix die Haut durchscheuert. Meine Oma hätte dazu gesagt: „Wer schön sein will muss leiden“🤷‍♀️
Am Abend kochten wieder unsere Gastgeber und es gab Gemüseteriyaki, eine Pilzsuppe, Gemüsebällchen, Reis mit Maronen und Krautsalat. Als Dessert ließen uns Takao und Kiyomi immer irgendeine japanische Süßigkeit testen. Dieses Mal war es ein Gebäck mit süßem Kürbis, sehr lecker!
Den Abend verbrachten wir mit der Planung unserer weiteren Reise. Wir wollten doch noch weiter Richtung Hiroshima fahren und buchten dafür Hotels vor. Unsere Servasgastgeberin, die wir für den vormals geplanten Termin in Kure in der Nähe von Hiroshima hatten, hatte am kommenden Wochenende leider keine Zeit. Wir buchten also in Kure ein Ryokan, ein traditionelles japanisches Hotel.

05.11.2019

Durch viele 1000 Tore auf den Berg Inari

Mittwoch, den 6.11.19

Dank Talao hatten wir heute Morgen einen Sechser im Lotto, sprich einen kostenlosen Parkplatz mitten in Kyoto vorm Fushimi Inari Taisha Shrine Senbontorii. Er hatte uns gesagt, dass wir aber möglichst bis 8Uhr dort sein sollten, weil wir sonst in einer langen Schlange warten müssten. Wir hatten Glück und konnten uns sogar noch einen Platz aussuchen. Früh aufstehen lohnte sich und fiel auch nicht schwer, weil bei Kiyomi sowieso immer das Frühstück um 7Uhr auf dem Tisch stand.
Fushimi Inari Taisha Shrine Senbontorii ist ein Shrine am Fuße des gleichnamigen Berges Inari (233m). Der Shrine war ursprünglich dem Gott des Reises, Inari, gewidmet. Aber auch Geschäftsleute beten hier in Hoffnung auf gute Geschäfte. Das Besondere für Nicht-Shintoisten sind aber wohl die Tausende von Toris. Orang-rot leuchtende Tore, die dicht an dicht einen Rundweg mit mehreren Nebenwegen und Shrinen den Berg hoch und runterführen. Dieser Torweg erinnerte mich an einem Tunnel mit kleinen Unterbrechungen. Er befindet sich in einer Urwaldlandschaft mit Affen und Wildschweinen, die sich aber heute nicht haben blicken lassen. Das leuchtende Orange in dem Grün des Waldes war ein absoluter Hingucker und die Belohnung für die Mühe, diesen recht anstrengenden Weg, der nicht nur Tausende von Toren, sondern auch gefühlt genauso viele Stufen hat, gelaufen zu sein. An mehreren Stellen bieten sich beeindruckende Ausblicke über Kyoto. Neben den Toren, durch die man geht, sind noch zahlreiche kleinere Tore entlang des Weges. Alle wurden von Firmen und Geschäftsleuten gespendet, deren Name und Spendendatum auf jeder Torrückseite vermerkt ist. Ab 400000Yen kann man einen Tori erwerben und dort aufstellen, bis zu mehreren Millionen Yen für große Torbögen. Wir genossen die rund 4km Rundtour und zumindest zu Beginn war es auch noch nicht zu voll. Später liefen ganze Scharen von Touristen am Schrein herum, als wir unser Auto holten, was auf der anderen Seite auch interessante, bunte Anblicke bot. Es promenierten zahlreiche Frauen in bunten Leihkimonos, aber auch manche junge Männer zeigten sich in historischer Bekleidung. Einen Kimono zu leihen kostete rund 30€. Ließ man sich dann noch passend schminken und frisieren, war schnell ein Fünfziger weg.
Nach den Toren liefen wir zur Tofukuji Tempelanlage mit einem Gebäude mit sehr beeindruckenden Interior und dem Tenryuji, einem buddhistischen Tempel. Leider durfte man, wie in den meisten religiösen Gebäuden, nicht fotografieren. Etwas erschöpft machten wir uns auf die Suche nach einem Café und landeten im Bread and Coffee Hirarinn, einem sehr gemütlichen Café, das auch Pizzen anbot. Stefan genoss eine Käsepizza und ich ließ mir ein Stück Walnuss-Maronen-Tart mit einem Lemon-Ginger-Sqash auf der Zunge zergehen. Gestärkt liefen wir zurück zum Auto und kamen durch eine sehr touristische Straße, die aber nichtsdestotrotz sehr sehenswert war. Kleine Geschäftchen mit Kimonos, Fächern, Essbarem und alles sehr farbenfroh, inklusive der Besucher. Leider scheinen die Japaner autofreie Straßen noch nicht erfunden zu haben, sonst wäre das Bummeln und Bestaunen noch angenehmer gewesen. Auf dem Rückweg fuhren wir abermals Einkaufen, denn wir hatten wieder versprochen, bis 17Uhr ein Abendessen zu zaubern, da unsere Gastgeber um 18Uhr zum Englischkurs wollten. Diesmal machten wir Veggieburger mit gebratenen Austernpilzen und Auberginenscheiben, Tomaten und einer Ketchup/Mayosoße. Dazu gab es Gurken-Tomatensalat und als Dessert Arme Ritter. Wir wurden immer erfinderischer. Auch dieses Mal wurde alles gegessen und das Essen als „Oshi“ – lecker bezeichnet. Was daran auch immer Höflichkeit war, oder wirklich Wahrheit, sei dahingestellt, aber sie waren auf jeden Fall immer sehr angetan, wenn wir fragten, ob wir wieder kochen sollten.

06.11.2019

Letzter Tag Kyoto, wieder gesund

Donnerstag, den 7.11.19

Geschafft, der Arzt hatte mich für gesund erklärt! Meine Blutwerte waren normal und mein Bauch unauffällig, also stand einer Weiterreise nichts mehr im Wege😍. Am Nachmittag durfte ich mich noch einmal als Japanerin fühlen und wurde von Kiyomi mit ihrem Kimono eingekleidet. Diesmal kam auch Stefan in den Genuss. Er konnte Takaos Kimono tragen. Bei Männern ist das total einfach. Kimono überziehen, Tuch um die Taille binden, fertig, während Frauen ein Jahr dazu benötigen, zu lernen, wie sie einen Kimono vorschriftsmäßig binden. Spezielle Unterwäsche, Kimono in Passform bringen und mit Kordeln und Bändern um den Bauch fixieren. Dann kommt das Schwierigste, das gestickte Gürtelband, das in bestimmter Weise um die Taille geschschlungen und auf dem Rücken gefaltet werden muss. Es ist mir ein Rätsel, wie Frauen das alleine hinbekommen. Beim leichten Sommerkimono aus Baumwolle geht das evtl. noch, aber die Seidenkimonos haben richtiges Gewicht und die wunderschönen Gürtel sind sehr sperrig zu binden. Kiyomi hatte mich aber gut verpackt 😅. Es hatte Spaß gemacht.
Am Abend hatten wir unser großes Essen. Takao und Kiyomi hatten ihren Englischkonservationskurs zum Essen eingeladen und wir sollten wieder Bratkartoffeln und Ratatuille kochen, aber es war gar nicht so wild. Es kamen nur die Englischlehrerin, eine junge Australierin, und zwei ältere japanische Damen aus dem Kurs, somit war das Essen nur für acht Personen. Mit der Australierin gab es einen regen Austausch, die Kursteilnehmerinnen waren sehr schüchtern, wohl auch, weil sie anscheinend noch sehr geringe Englischkenntnisse hatten. Das Essen kam gut an, besonders die Bratkartoffeln und der Obstsalat. Im Gespräch kamen wir dann auf die Weinschaumcreme vom ersten Kochabend und alle waren so interessiert, dass Stefan sie kurzerhand noch einmal produzierte, mit großem Erfolg. Dies war nun der letzte Abend mit diesen wunderbaren Gastgebern. Auch wenn wir uns auf unsere Zweisamkeit freuten und darauf, wieder frei reisen zu können, würden sie und dieses wunderbare Haus uns sicher fehlen.

07.11.2019

Himeji

Freitag, den 8.11.19

Jetzt war es soweit, der Abschied war gekommen und so sehr wir uns freuten, wieder reisen zu können, so schwer fiel aber auch der Abschied. Ganze zwei Wochen hatten wir zusammen verbracht, gelacht, uns um meine Gesundheit gesorgt, diskutiert, von einander gelernt, miteinander und füreinander gekocht. Da lief bei mir dann schon mal beim Abschied die ein oder andere Träne. Ich plante zuhause einen ausführlichen Reisebericht über unsere herausragenden Erlebnisse mit Servas in Japan schreiben und an Servas Deutschland und Servas Japan zu schicken. Vielleicht veröffentlichen Sie ihn ja im nächsten Newsletter. Ich glaube, das wäre für Takao und Kiyomi das schönste Dankeschön und würde sie sehr stolz machen. Außerdem planten wir, Ihnen von Deutschland aus ein Päckchen mit Leckereien und anderen Kleinigkeiten aus unserer Region zu schicken.
Nach unserer Abreise ging es nach Himeji. Obwohl die Strecke nur ca 120 km lang war, fuhren wir fast 4 Stunden! Es war eine endlose Aneinandereiung von Städten. Man wusste eigentlich nie so genau, in welcher man gerade war. Ein Stopp and Go ohne Ende. Nunja, so bescheiden die Fahrerei auch war, zeitmäßig kamen wir eigentlich ganz passend in Himeji an. Wir besuchten das Azuki Museum. Eigentlich ist es die Firma, die die leckere süße Bohnenpaste herstellt. Das Museum selbst ließen wir aus, weil uns der Eintritt mit 1200Yen zu teuer war, aber im Café genossen wir zwei runde Küchlein, die frisch gebacken und mit heißer Bohnenpaste gefüllt wurden. Mmh 😋! Danach wurde das Sonnenlicht genau richtig, um die schöne weiße Burg Himeji auf dem Hügel zu fotografieren. Die Sonnenstrahlen fielen mit warmem Licht auf Burg und sich bunt verfärbende Blätter und hoben die Schönheit des Bauwerks besonders heraus. Es ist die größte und sicher auch prächtigste Burg Japans und zu Recht Weltkulturerbe. Im Anschluss bummelten wir noch durch Einkaufsstraßen und Geschäfte, bis wir beim Hotel einchecken konnten.

08.11.2019

Ankunft Kami-kamagan

Samstag, den 9.11.19

Reif für die Insel. Wir verließen Himeji am Morgen wieder und unser Plan war eigentlich, in Kure zu übernachten und von hier aus am kommenden Tag Hiroshima zu besuchen. Als wir uns allerdings am Vorabend im Hotel die Lage unserer Unterkunft genauer auf der Karte ansahen, stellten wir fest, dass sie auf einer Insel vor Kure lag, die nur über eine mautpflichtige Brücke zu erreichen war. Hiroshima war von dort ca 1 1/4Std Fahrtweg entfernt und kostete jedesmal Brückenmaut. Da wir am Vortag stundenlang Auto gefahren waren und uns dies bei der Fahrt zur Insel auch wieder so war, entschieden wir uns, Hiroshima zu streichen für diese Reise und dafür am Sonntag einen total relaxten Tag auf unserer Insel Kami-kamagan zu verbringen. Als wir ankamen waren wir sehr gespannt, wie es hier bei Hellem aussah, denn es war schon dunkel als wir auf die Insel fuhren. Sie versprach aber wunderschön ruhig und natürlich zu sein. Wir wohnten in der ersten Etage eines typischen japanischen Gästehauses, in einem Zimmer mit Tatamimatten und Futon und eigener Terrasse. Im Erdgeschoss war eine richtige Gastronomieküche zum Selberkochen. Vielleicht war es mal ein Restaurant zuvor gewesen. Außer uns war noch ein Paar aus Australien hier, das zuhause alles verkauft hatte und nun in der Welt rumreist. Wir hatten einen netten Abend zusammen.

09.11.2019

Kami-Kamagan – Eine Rundfahrt

Sonntag, den 10.11.19

Unsere Insel Kami Kamagan stellte sich als Teil einer Inselkette aus sieben Inseln, die mit Brücken verbunden sind, heraus. Will man noch weiter fahren, muss man auf eine Fähre zurückgreifen. Nach ausgiebigem Frühstück und Austausch mit den australischen Gästen, folgten wir dem Song der Gruppe Karat „Über sieben Brücken musst Du geh‘n“, allerdings wählten wir das Auto, denn über alle Inseln fuhr man mindestens 1Std auf kürzester Strecke. Die nahmen wir natürlich nicht, sondern fuhren um alle Inseln herum und auch mal die Hänge hoch, die von Mandarinenplantagen gesäumt waren. Es war unglaublich ruhig und kaum Menschen zu sehen. Das mochte zum Teil am Sonntag liegen, aber es sah auch nicht so aus, als herrsche hier sonst lebhaftes Treiben. Fischerboote schaukelten gemütlich im Hafen vor sich hin, die einzige Tankstelle schien geschlossen und die Aufzüge zum Transport der Mandarinen von den Hängen ins Tal standen verlassen still. Wir fanden auf keiner der Inseln einen Lebensmittelladen Wir hatten das vorab in den Rezensionen für unser Ryokan bereits gelesen, konnten es aber kaum glauben. Alles was wir an Lebensmitteln gesehen haben, war ein Stand mit Lauchzwiebeln, Möhren und Mandarinen und die typischen Getränkeautomaten. Wir hatten vorsorglich bereits auf dem Festland eingekauft, aber was machten bloß die Einheimischen? Mussten sie jedesmal 730Yen Maut per Brückenüberquerung nach Kure zahlen?
Die Menschen schienen hier vornehmlich von Fischfang und der Mandarinenplantage zu leben.
Für uns war es hier traumhaft, um für einen Tag Abstand von Großstädten und Verkehr zu genießen. Sonne über den sich leicht wiegenden Wellen, deren leises Plätschern uns als erstes Geräusch am Morgen begrüßte. Die Möglichkeit, uns ein Frühstück nach unseren Wünschen zu machen und gemütlich auf Tatamimatten sitzend an flachen Tischen zu genießen. Dabei ein Blick auf Wasser und Inselwelt durch die große Fensterfront des wunderschönen typisch japanischen Gemeinschaftsraums. Nebenbei die Möglichkeit zu haben, sich mit netten anderen Reisenden zu unterhalten, das findet man in normalen Hotels nicht. Allerdings hatten wir am zweiten Abend eine etwas unschönere Begegnung mit einem Japaner, der ziemlich viel Alkohol trank und dann anfing, erst die Australierin und dann mich vor seiner Frau anzubaggern. Wir zogen uns dann recht schnell aus dem Gemeinschaftsraum zurück in unser Zimmer.

Dieser Wechsel von Servas, Hotels und den eher als Hostel geführten Ryokan war eine wirklich gute Mischung für eine rundherum erfüllende Reiseerfahrung. Leider mussten wir dieses Idyll am folgenden Tag schon wieder verlassen. Wir mussten jetzt zusehen, dass wir die ca 1200 km zurück nach Sendai in erträglichen Tagesetappen bewältigen und dennoch zwischendrin auch mal etwas angucken konnten. Am 25.11. morgens mussten wir den Wagen wieder abgeben. Wenn man bedachte, dass 200 km manchmal locker 6Std Fahrt bedeuten konnten, wurde es also Zeit für die Rückfahrt, deren Strecke wir zuhause gut in zwei Tagen erledigen könnten. Es war Wendepunkt unserer Reise angesagt, so leid uns dies tat. Den weiteren Südwesten von Japan mussten wir auf eine nächste Reise verschieben. Keine Ahnung, wie Leute auf die Idee kommen können, dass 3 Monate für Japan zum Reisen zu lang sein könnten.

10.11.2019

Onimichi und Okayama

Montag, den 11.11.19

Während daheim die 5.Jahreszeit anbrach, zumindest in der Karnevalregion, fuhren wir weiter Richtung Nordosten. In Onomichi legten wir einen Zwischenstopp ein und statteten einem Café einen Besuch ab. Ich „genoss“ einen lauwarmen Eiskakao mit Wassereiswürfeln, Stefan ein nicht besser gelungenes Eis. Da aber unser Ziel war, uns damit einen kostenlosen Parkplatz für eine kleine Erkundungstour zu ergattern, war das nicht ganz so tragisch. Den Preis hätten wir sonst locker für über eine Stunde Parken hingeblättert und wir hatten die Erlaubnis auf dem sicheren Parkplatz nach Cafébesuch stehenzubleiben. Wir schlenderten durch die Einkaufszone, in der fast die Hälfte der Geschäfte aus unerklärlichen Gründen geschlossen hatte. Wir sahen eine Gondelbahn einen Hügel hinauffahren, also musste doch sicher auch ein Fußweg zu dem Tempel Senkoji hochführen und genauso war es. Wir stiegen wieder zahlreiche Stufen aufwärts, aber der Blick über den Fluss und die Brücke lohnte die Anstrengung. Besonders, weil entgegen der Wettervoraussage wieder die Sonne schien. In der Nacht zuvor hatte es gewittert und gestürmt auf unserer Insel, nun hatten sich die Wolken wieder verzogen. Bis Onimichi war die Strecke auch recht nett. Sie führte uns entlang der Küste, an hügeliger Landschaft und Orten mit Häusern in typischer japanischer Bauweise vorbei. Leider hatte das bald nach Onimichi ein Ende und es folgte wieder das endlose Gequäle durch Stadtverkehr bis Okayama. Wir erreichten aber wiederum die Stadt rechtzeitig, um schöne Bilder von der Burg im Abendsonnenlicht zu machen. Danach machten wir einen gemütlichen Spaziergang entlang des Flusses und konnten die Burg noch bei Dunkelheit in grünem Licht bewundern. Da wir wieder ein Lovehotel gebucht hatten, konnten wir leider erst ab 20Uhr einchecken. Das ist aber auch bisher der einzige Nachteil dieser Unterkünfte geblieben. Ansonsten boten sie für dasselbe oder weniger Geld als andere Hotels oder Pensionen viel geräumigere Zimmer, wo auch noch Sofa oder gemütliche Sessel Platz drin fanden, die Bäder und Betten waren größer und Frühstück mit Zimmerservice war häufig inklusive . Ausschlafen konnte man auch, denn Check-out war bisher immer um 12Uhr. Das späte Check-in war allerdings schon nervig.

11.11.2019

Fahrt bis Fukuchyama

Dienstag, den 12.11.19

Unsere Weiterfahrt brachte uns bis Fukuchyama. Wir waren jetzt also weg von der Küste und wieder in der Präfektur Kyoto im Inland. Unterwegs kamen wir an einem Hügel mit historischen Gräbern vorbei. Hier war die Verfärbung der Blätter schon weiter fortgeschritten, sodass wir Sträucher mit wunderschön roten Blättern fotografieren konnten. Gegen frühen Nachmittag hatten wir unser Hotel erreicht und unternahmen noch einen Ausflug zum Sandanike Park, der sich als in einen Park eingebettetes großes Sportgelände herausstellte. Nicht aufregend, aber gut, um sich wenigstens etwas die Beine vertreten zu können nach der Fahrerei. Die Landschaft, durch die wir gefahren waren, war zwar ganz nett und viel besser als das Stopp&Go durch die großen Städte, dafür waren wir eine Weile im Stau aufgrund eines Unfalls. Ein LKW war mit einem Pkw zusammengestoßen. Der Pkw sah ziemlich zerknautscht aus.
Abends „kochten“ wir uns Suppe und Nudeln mit Fertigsoße in der Mikrowelle in unserem Hotelzimmer und sahen uns dazu einen Film aus der ARD Mediathek an.

Ich hatte mich gefreut, dass dieses Lovehotel mal ein Fenster zum öffnen und rausgucken und nicht nur eine Aircondition hatte, also öffneten wir es bevor wir spazierengingen. Wir waren in einem oberen Stockwerk, wo es keine Gefahr gab, dass jemand reinstieg. Als wir wiederkamen flog ein großes Insekt in unserem Zimmer herum. Ich schloss sofort das Fenster und stellte dann fest, dass darauf etwas geschrieben stand, natürlich in japanisch und dass die andere Fensterhälfte ein Insektengitter davor hatte. Stefan versuchte das Vieh einzufangen und entsorgte es.. Ich versuchte das Geschriebene per Handy zu übersetzen und las etwas von „Stink bugs“, was soviel wie Stinkwanzen bedeutete, die in der kälteren Jahreszeit gerne in die Häuser flüchteten, wie wir aus dem Internet erfuhren. Wir waren uns danach nicht mehr so sicher, ob das nun solch eine Wanze war, denn gestunken hatte sie nicht. Auf jeden Fall blieb ab jetzt das Fenster geschlossen.

12.11.2019

Weiterfahrt bis Ogaki

Mittwoch, den 13.11.19

Die Fahrerei nervte ganz schön, aber an diesem Tag hatten wir wenigstens eine schöne Landschaft. Wir hielten zum Mittagessen bei einem Park am Westufer des Biwa-Sees und brutzelten uns Auberginen mit Zwiebeln auf der Parkbank. In der Sonne kamen noch bis zu 20Grad zustande, nachts wurde es aber schon ganz schön frisch.
Als wir von unserem Mittagsplatz aufbrachen, lief vor uns eine ganze Affenfamilie über die Straße zum See hinunter und zurück. Ich glaube, wir konnten von Glück sagen, dass sie uns nicht beim Essen besucht hatten. Am Nachmittag erreichten wir Ogaki, wo wir die nächsteNacht in einem Businesshotel verbrachten. Ich hätte mir bei der Ankunft im Hotel echt in den Hintern beißen können. Ich hatte bei der Buchung vergessen anzugeben, dass wir ein Nichtraucherzimmer wollten und hatte ebenfalls übersehen, dass das Parken beim Hotel 1000Yen/ 8,34€ pro Nacht kostete. Wir fanden noch einen kostenlosen Parkplatz in der Nähe, aber mit dem Rauchgeruch mussten wir nun leben und lüfteten so gut wie möglich.

Dass es immer noch Raucherzimmer gibt, ist echt eine Schande. Einen leichten Hauch haben die Zimmer fast immer, egal ob Raucher- oder Nichtraucherzimmer oder er wird mit chemischer Keule überdeckt, was fast noch ätzender ist. Davor ist man hier eigentlich nur im Ryokan sicher, denn auf den Tatamimatten lässt kein Besitzer Rauchen zu.

13.11.2019

Fahrt nach Azumino

Donnerstag, den 14.11.19

Am Morgen erwachte ich mit Kratzen im Hals. Ich dachte, ich hätte eine beginnende Erkältung abgewehrt mit Manukahonig-Ingwer-Bonbons und Halstabletten, aber die Nacht im abgestandenen Rauch hatte einen Rückschlag verursacht. Apropos Halsschmerzen. Als vor einigen Tagen das Kratzen schon einmal da war, hatte ich versucht, japanisches Heilpflanzenöl zu bekommen, aber Fehlanzeige. Niemand im Drugstore, was hier zugleich Drogeriemarkt und Apotheke ist, kannte es! Ich hatte gegen alle möglichen leichten Erkrankungen von Verbrennungen über Wunden, Verstauchungen bis zum Harnweginfekt Salben oder Pillen mitgenommen, aber bei Heilpflanzenöl dachte ich, das wäre wie Reis nach Japan schleppen, aber denkste! Gleiches galt für jegliche Kräutertees. Ich fand nur grünen oder schwarzen Tee in allen Läden, in denen wir bisher waren. Vielleicht guckte ich auch an der falschen Stelle und die Japaner ordnen das nicht dem Tee zu? Was ich am Vortag hatte auftreiben können, war lösliches Ingwer-Zitronengetränk, allerdings mit viel Zucker. Vor einiger Zeit hatten wir uns rohen Ingwer gekauft und mit kochendem Wasser aufgebrüht. Das war immer am Besten. Unsere letzten vermeintlichen Ingwerknollen stellten sich jedoch als irgendeine Art Wurzel oder merkwürdige Kartoffel heraus, zumindest war der Geruch dementsprechend. Ingwer war es definitiv nicht, auch wenn es genauso aussah.
Als Stefan an diesem Morgen vom Joggen zurück kam, war er nass vom Regen. In der Ferne konnte man aber schon die Sonne über die Berge ziehen sehen und als wir auscheckten, war das Wetter wieder gut. Die Strecke, die vor uns lag, war zwar lang, aber dafür meistens wirklich schön. Wir kamen den japanischen Alpen immer näher, konnten in der Ferne bereits erste verschneite Bergspitzen erkennen und entlang der Strecke wurden die Verfärbungen der Blätter immer bunter und schöner. Abends kamen wir in einem wirklich rauchfreien Hotelzimmer in Azumino an und im Hintergrund zog sich die Bergkette der japanischen Alpen entlang. Am kommenden Tag war noch einmal Fahrerei angesagt, aber danach planten wir für zwei Nächte in Maebashi zu bleiben und würden hoffentlich mal ein bisschen Zeit haben, um die Natur zu genießen. Der Weg dorthin versprach aber auch schon sehr schön zu werden und auch, wenn die Temperaturen in der Nacht um den Gefrierpunkt fallen sollten, erwarteten wir für den kommenden Tag Sonne bis 14Grad.


14.11.2019

Entlang der Japanischen Alpen nach Maebashi

Freitag, den 15.11.19

In der letzten Nacht war knackig kalt und Stefan hatte sich morgens beim Laufen einen abgefroren, dabei hätte er sogar Mütze und Handschuhe im Auto gehabt 🙄. Es empfing ihn aber ein traumhaftes Bild. Unter stahlblauem Himmel zog sich die verschneite Bergkette hinter unserem Hotel her. So blieb es auch nahezu die ganze Fahrt, abwechselnd mit bunt gefärbten Hügeln. Ich konnte Stefan kaum davon abhalten, für ein Foto einfach auf der Bergstraße anzuhalten. Da haben die Japaner leider kein Gefühl für die Bedürfnisse der Fotografen und bauen Haltebuchten meist immer grade dort, wo die Aussicht versperrt ist. Dennoch hatten wir unterwegs ein paar schöne Aussichten fotografieren können und ich, mit mehr oder weniger Erfolg, beim Fahren etwas gefilmt. Es war ein ziemliches Gewackel, und ich hätte mir eine Dash Cam gewünscht. Zum Mittagessen fanden wir wieder einen netten Park, in dem wir auf unserem Kocher Spaghetti kochen konnten. Für zwei Nächte wohnten wir fortan in einem schönen kleinen Airbnb Appartement im Maebashi mit Küche und sogar Waschmaschine! Abends fanden wir im Supermarkt nebenan sogar Teekanne Kamillentee und Pfefferminztee, hurra! Man sollte nie sagen, es gibt irgend etwas nicht😀 Mein Magen war von all den Medikamenten der letzten Wochen noch total empfindlich, sodass ich hoffte, dass ich ihn mit meinen Tütensuppen deutscher Herkunft, Kamillentee und Toast wieder fit bekam. Möglichst fettfrei ging am Besten. Ich freute mich auf den morgigen Tag. Wir wollten die Umgebung erkunden und möglichst wenig mit dem Auto fahren.

15.11.2019

Maebashi Ausflug Akagi Shrine und Fukiware Falls

Samstag, den 16.11.19

Welch ein wundervoller Tag! Am Morgen war es zwar nicht ganz so klar wie an den Tagen zuvor, aber dennoch schön genug, um die Bergwelt in der Umgebung zu erkunden. Nach dem Frühstück und einer Partie Wäsche in der Waschmaschine, machten wir uns auf den Weg zum Akagi Shrine, der sich auf 1300m auf dem Mt. Akagi am Lake Onuma (nicht zu verwechseln mit gleichnamigem See in Hokkaido) befindet. Oben hatte ich es mir etwas spektakulärer vorgestellt, nach der Bergkulisse der Vortage, aber dafür hätte man wohl einen der Nachbarberge erklimmen müssen. Wir waren hier am Kratersee und damit etwas tiefer gelegen. Die Weiterfahrt durch die Berge entschädigte uns dagegen um ein Vielfaches. Während oben am See die Herbstfarben schon fast dem Winter gewichen waren, fuhren wir danach durch die prächtigste bunte Blätterwelt, die ich je gesehen hatte. Noch dazu kamen wir an die Wasserfälle Fukiware Falls, die zwar nicht mit Höhe punkten konnten, dafür schienen sie aus allen Felsspalten mit einem großen Getöse zusammenzulaufen. Nicht nur das Blätterwerk rundherum, sondern auch die Felsen am und im Wasser schimmerten in unterschiedlichen Farben. Wir waren völlig begeistert. Bevor es dunkel wurde, begaben wir uns auf den Rückweg und hielten in Maebashi bei Domino‘s Pizza an. Die Kette kannten wir ja schon aus Neuseeland und wir wussten, dass sie immer ein paar Pizzen zu recht günstigen Preisen anbieten. Eine vegetarische Variante gab es leider nicht, aber man bot uns an, auf der Pizza mit Kartoffeln und Wurst, die Wurst wegzulassen. Wir hatten zuvor zwar noch nie eine Kartoffelpizza, aber sie war ok.
Danach fuhren wir zurück in unser Apartment und verlängerten den Aufenthalt um zwei Nächte. Die Strecke bis Sendai waren nur noch ca 7Std Fahrt für 340km, da konnten wir es uns leisten, noch ein wenig die Annehmlichkeiten unserer Unterkunft mit Küche und Waschmaschine auszunutzen. Die Umgebung bot noch dazu genug Ausflugsziele. Wir würden uns sicherlich nicht langweilen.

16.11.2019

Maebashi Ausflug Mount Haruna, Shrine und Lake Haruna

Sonntag, den 17.11.19

Wie unsere Bilder vermuten lassen, hatten wir wieder einen herrlich sonnigen Tag in den Bergen. Nachdem uns unsere Vermieterin morgens Schokoladenbrot und Kakifrüchte vorbeigebracht hatte zum Frühstück- wo findet man sowas sonst noch auf der Welt? – fuhren wir zum Mt. Haruna. Es handelte sich auch dieses Mal um einen Vulkanberg, und rundherum schienen noch viele kleine davon herumzustehen. Ganz niedlich die kleinen Zuckerhüte, solange sie im Tiefschlaf liegen.
Wir fuhren mit der Gondel auf den Berg, schlenderten danach am Kratersee herum, amüsierten uns über die kitschigen Plastikschwäne und Pinguine auf dem See und machten natürlich auch ein Selfie am vorgeschriebenen Platz, nur dass Stefan zu lang war und nicht in die vorgefertigte Herzsilhouette passte😂.
Danach fuhren wir zum Haruna Shrine, der in wald- und felsenreicher Umgebung auf einem Wanderweg erreichbar war. Durch mehrere Tore, vorbei an einer Pagode führte der Waldweg den Berg hoch bis zum Hauptschrein. Die Felsen, ein Fluss und die bunte Blätterwelt gaben dem Weg eine mystische Atmosphäre.
Gegen 18Uhr waren wir wieder im Apartment und Stefan kochte uns Reis, Pilze mit Zwiebeln, die Wurzel, die wir vor Tagen als Ingwer gekauft, sich aber als wahrscheinlich Topinambur herausstellte und Salat. Danach kam unsere tägliche Arbeitsphase: Stefan suchte aus unseren Fotos einige aus und erstellte daraus den Tagesvideo und ich schrieb den Tagesbericht.

17.11.2019

Von Maebashi zum Oze NP

Montag, den 18.11.19

Dieser Tag ist schnell beschrieben. Wir hatten uns vorgenommen, in den Oze Nationalpark zu fahren, was mir von Anfang an zu weit für einen Tagesausflug vorkam, besonders, weil es inzwischen um 16:30Uhr schon dunkel ist. Wir fuhren also ca 1 1/2Std nach Google Maps zum NP, um dann festzustellen, dass die Straße kurz vorm Ziel gesperrt war. Komischerweise wurde es auf Stefans Handy angezeigt, auf meinem nicht, und wir fuhren dummerweise nach meinem 🙄. Wir stellten fest, dass es weitere Sperrungen gab, obwohl noch kein Schnee lag. Letztlich fuhren wir eine kleine Straße in den Wald rein, die nach einer Weile endete und wanderten durch ein Wildschutzgebiet, das wahrscheinlich bereits zum Nationalpark gehörte. Der Weg war schön, aber so spektakulär wie wir die Natur die letzten Tage erlebt hatten, war es hier nicht. Trotzdem war es ganz gut, ein paar Kilometer zu laufen.
Am folgenden Tag würden wir unsere nette Unterkunft verlassen müssen, aber wir hatten für die nächsten fünf Tage etwas ähnliches in Kinugawa Onsen gebucht. Danach blieb dann nur noch eine Nacht im Hotel kurz vor Sendai, bis wir unser Auto am 25. wieder würden abgeben müssen. Dann hieße es wieder schleppen und Zugfahren. Ich bereute es absolut nicht, das Auto gebucht zu haben. Wir hätten so viele Stellen überhaupt nicht gesehen oder nur mit komplizierter Zug- und Buskombi und hätten statt der vielen Nächte im Auto immer Hotels buchen müssen. Da bin ich doch ganz gerne mal Flash- anstelle von Backpacker😂

18.11.2019

Fahrt nach Kinugawa mit Zwischenstopp in Nikko

Dienstag, den 19.11.19

Noch zwei Wochen Japan, dann würden wir zurück müssen ins kalte und nasse Deutschland. Nicht, dass wir in Japan nachts keine Temperaturen unter 5Grad hätten, aber am Tag ging an diesem Tag das Thermometer noch einmal hoch bis um die 19Grad und es war sonnig, sowohl bei der Abfahrt von Maebashi, als auch am Nachmittag in Nikko. Ja, es schloss sich für uns der Kreis. Wir kamen wieder in Nikko an, wo wir bereits vom 18.-20.September mit dem Zug unseren ersten Stopp nach Tokyo gemacht hatten. Unser nächstes Apartment lag noch 16km weiter nördlich in Kinugawa, aber wir waren schon gegen 13:30Uhr in Nikko und nutzten die Zeit für eine kleine Wanderung. Wir besuchten im September ja bereits den berühmten Toshogu Schrein, deshalb zeigte mir Stefan an diesem Nachmittag einen wunderschönen, wenn auch wieder aus hunderten von Stufen aus alten Findlingen errichteten Weg zu einem unscheinbareren Schrein, der aber inmitten von Felsen, buntem Blätterwald und bemoosten Steinen eine ganz eigene Atmosphäre hatte. Er war im September beim Joggen darauf gestoßen. Wir genossen und bestaunten die Farbenvielfalt der Natur auf unserem ganzen Weg von Maebashi bis nach Nikko. Erst zum Abend hin begaben wir uns zu unserer neuen Unterkunft. Dieses Mal hatten wir sogar einen Minibackofen, in dem wir uns nacheinander je eine Minipizza aus der Kühltruhe backen konnten. Außerdem konnten wir gemütlich auf einem Sofa sitzen und der Schlafraum war abteilbar durch Schiebewände. In unserem letzten Apartment hatten wir zum Sitzen nur Stühle und Sitzkissen für den Boden gehabt, bzw. das Bett. Für fünf Nächte war nun also Entspannung in schöner Natur angesagt. Hier im Umkreis gab es etliche Onsen wie der Name des Kurortes schon vermuten ließ, sowohl zum Bezahlen als wohl auch kostenlos in der Natur. Ich traute mich allerdings noch nicht so richtig in das mit 40Grad und mehr doch recht heiße Wasser. Ich hatte zwar äußerlich keine Blindarmnarbe, aber etwas Befürchtungen wegen der starken Durchblutung bzgl. der Narbe in meinem Bauch. Wenn ich einen kühleren Onsen fände, ginge ich aber sicher hinein. Laut Internet durfte ich ja auch schon wieder Sport treiben.

19.11.2019

Kunigawa Onsen

Mittwoch, den 20.11.19

Faulenzen war angesagt. Bis nach Mittag lümmelten wir uns faul auf dem Sofa rum, schrieben WhatsApps und versuchten, den Rest unserer Reise zu planen. Wir wussten, dass wir nach der Rückgabe des Autos in Sendai am 25. nochmal mit Zug nach Fukushima fahren und weitere 2Nächte bei Noriko, Masahiko und der kleinen Tsumugi verbringen wollten. Außer unsere Freunde wiederzusehen, konnte ich dann wenigstens auch mein Ladekabel für meine Fitness-Uhr und meinen Kopfhörer wieder abholen. Ich hatte beides in einem Beutel bei Ihnen bei unserem ersten Besuch vergessen. Überhaupt waren wir auf dieser Reise bisher reichlich trottelig, was Verlieren von Sachen anging. Ich hatte eine Fleecejacke auf einem Picknickplatz vergessen, Stefan irgendwo seinen Kopfhörer für sein neues Handy verbaselt, und wir hatten ein Hotel um ein Ladegerät reicher gemacht. War das das beginnende Alter?😱
Gegen 13Uhr hielt uns dann aber nichts mehr im Haus, und wir erkundeten per Auto und zu Fuß die nähere Umgebung. An manchen Stellen erinnerte mich die Bebauung und zerfallene, unbewohnte Häuser erschreckend an manche Harzorte, die in den Siebzigern vielleicht mal auf der Höhe der Zeit waren und Betonklötze als Kurhotels in die Natur gesetzt hatten, aber heute den Charme abbröckelnder Farbe und Leerstände ausstrahlen. Kinugawa Onsen liegt eigentlich wunderschön entlang des wirklich erfrischend natürlichen und an manchen Stellen richtig lebhaften Kinugawa Flusses, umgeben von Bergen. Durch die vielen heißen Quellen gibt es zahlreiche Onsen-Hotels, d.h. es ist ein Kurort. Dennoch konnten wir höchstens in den Souvenirshops rund um den Bahnhof merken, dass Touristen hier eine Zielgruppe sind. Nein, es gibt auch noch Tobu World Square. Es handelt sich dabei um eine Miniaturwelt, in der berühmte Gebäude anderer Länder und Japans in Miniaturform ausgestellt sind. Soetwas findet man ja an zahlreichen Orten der Welt. Zum einen hatten wir derartige Parks schon anderswo besucht, zum andern sahen die Plastikblumen und die Beleuchtung von außen zu kitschig für unseren Geschmack aus. Das zweite ist Edo World, wo laut Internet durch Gebäude, verkleidete Personen und Shows die Edo Periode nachempfunden werden soll. Ein Video reichte uns, um zu wissen, dass diese Ninja-Samurai-Show-World nichts für uns ist. Soetwas passt nach unserem Geschmack vielleicht in eine Großstadt, aber hier, in der wunderschönen Natur, sollte doch diese das Highlight sein. Stattdessen störten baufällige Bruchbuden, geschlossene Läden und Cafés das Bild. Etwas weiter ins Tal hinein Richtung Kawai fanden wir aber doch noch nettere Wege und wollten uns dort in den nächsten Tagen noch näher umgucken.


20.11.2019

In den Bergen rundum Kinugawa Onsen

Donnerstag, den 21.11.19

Unser morgendlicher Versuch, Wäsche zu waschen, ging erstmal daneben. Wir hatten zwar eine Waschmaschine vor der Eingangstür unseres Appartements zur freien Nutzung, aber da funktionierte das Abpumpen leider nicht. Unsere Vermieterin erteilte uns daraufhin die Genehmigung, die vor dem Nachbarappartement zu nutzen. Ihr schienen hier gleich eine ganze Reihe Unterkünfte zu gehören. Es gibt in Japan im Übrigen auch soetwas wie die GEZ, die an den Türen klingelt und nach Fernsehern fragt. Ziemlich blöd für uns, denn auch wenn wir nur Gäste waren, wussten wir natürlich, dass es hier einen Fernseher im Appartement gibt. Unsere letzte Vermieterin sagte uns, dass das NHK, der nationale Fernsehsender, gerne bei allen TV Besitzern monatlich abkassieren wolle, aber kaum jemand ihn gucke, da er langweilig sei. Soweit wir hier TV mitbekommen hatten- und natürlich nichts verstanden, es sei denn, ein Gastgeber übersetzte etwas – liefen entweder Nachrichten, Kochsendungen oder etwas Belehrendes zur Gesundheit. Auffällig war, dass immer ein Team aus Mann und Frau z.B. bei den Nachrichten sprach und der jeweils nicht sprechende ständig zustimmend nickte. Führten sie gerade ein Gespräch, z.B. mit einem Korrespondenten, kommentierten Sie das Gesagte andauernd mit „Hai“, also „Ja“, als müssten sie ihm vergewissern, dass sie noch zuhörten. Was wir ziemlich nervig fanden, besonders weil es von der Größe her aussah wie Werbung, waren die ständigen Untertitel. Eine Servasgastgeberin sagte uns aber, dass es sich um eine Hilfe für Menschen mit Hörproblemen handele. Das wäre also eigentlich positiv zu bewerten. Meist sah es aber verblüffend nach Werbetext aus und war einfach zu groß und lenkte ständig vom Bild ab.
Nachdem unsere Wäsche am Morgen munter in der Nachbarwaschmaschine herumwirbelte, machten wir uns auf den Weg ins Gebirge. Stefan hatte auf Google Maps geguckt, welche Strecke nett sein könnte und dorthin fuhren wir. Die Straßen waren teils abenteuerlich und endeten manchmal einfach so mitten in der Natur. Nicht, dass dort dann z.B. ein Wanderparkplatz gewesen wäre, nein, einfach Schranke und Schluss oder es war weiter nur noch ein unbefahrbarer Weg. Teilweise fragten wir uns, warum hier überhaupt eine Straße hingebaut wurde. Bei einem Stausee machte es für Wartungsarbeiten vielleicht noch Sinn, aber bei einer anderen Straße konnten wir keinen Grund erkennen. Allerdings waren an einigen Stellen Folgen von Unwettern zu erkennen und von den Hängen waren Teile herabgestürzt. Vielleicht gab es hier mal eine Durchgangsstraße, die infolge von Taifunen und Erdbeben heute keine mehr war und aufgegeben wurden zu Gunsten von mautpflichtigen Schnellstraßen, die in der Regel auf riesigen Betonpfählen wie ein Spinnennetz das Land durchziehen.
Bis zu diesem Tag war uns das Wetter hold und es schien herrlich die Sonne bei tiefblauem Himmel. Glaubte man jedoch dem Wetterbericht, standen uns für den restlichen Japanaufenthalt zahlreiche Tage Regen bevor. Solange wir unser kuscheliges Appartement und das Auto hatten, war das kein großes Problem. Blöde würde es allerdings, wenn wir wieder mit Rucksack und Zügen unterwegs waren und dann ständig klatschnass würden. Wir hatten uns inzwischen für die Tage zwischen Servas Fukushima und unseren letzten zwei Nächten bei den Servasgastgebern in Tokyo ein Zimmer im Hostel in der Nähe vom Mt. Fuji oder wie die Japaner sagen ‚Fujisan“ gemietet. Hinaufsteigen ist zu dieser Jahreszeit natürlich nicht möglich, aber wir woltlen diesen markanten und auf Bildern stets wunderschönen Vulkanberg, den höchsten Japans, wenigstens von unten bewundern. Das würde ein schöner Abschluss unserer Japanreise.

21.11.2019

Kinugawa Onsen im Regen

Freitag, den 22.11.19

In der Nacht gab es wieder mal ein kleines Erdbeben, das in unserer Region bemerkbar war. Ich wurde wach, weil mein Bett kurz wackelte, danach wurde es wieder ruhig und ich schlief weiter. Laut des japanischen Kontrollzentrums waren es jedes Mal Erdbeben der Stufe 3. Alle vorherigen erlebten wir in Kyoto, wobei ich zwei gar nicht bemerkte. Die Messstationen schienen sich da aber auch nicht ganz einig zu sein was die Stärke anging. Laut Google fand Stefan die Angabe 4,7. Wie auch immer, es war nicht signifikant. In Japan werden pro Monat im Schnitt 73 Beben der Stärke 4 und stärker gemessen, wobei viele auch im Meer vor den Küsten Japans stattfinden.
Während Stefan am Morgen noch bei Traumwetter gejoggt war, begann es nach dem Frühstück zu gießen und hörte nicht mehr auf. Da wir uns einer kuschelig warmen Wohnung erfreuten, machte uns das nichts und wir genossen unseren Tag mit faulenzen, kochen, essen und besonders vorlesen. Unsere Bekannten aus Wales/England, Maeve und Jay, die zur selben Zeit wie wir bei unseren Servasgastgebern in Kyoto waren und wir uns dort kennenlernten, schreiben ebenfalls einen Reiseblog im Internet. Darin begleiteten wir sie nun kreuz und quer durch Indien und es war sehr spannend! Sie begannen ihre einjährige Weltreise auf die harte Tour mit den wirklich körperlich und psychisch fordernden Ländern Indien und China, bevor wir uns im geordneten und nahezu ungefährlichen Japan über den Weg liefen. Es war sehr interessant, ihre Erlebnisse nachzulesen und wir wissen, dass wir zwar vieles gerne sehen würeden, aber auf einige gefährliche, entnervende oder erschreckende Dinge gerne verzichten können. Wir bleiben auch weiterhin in Kontakt und werden uns hoffentlich irgendwann in Deutschland oder England einmal persönlich wiedersehen. Aus unserer jetzigen Entfernung erscheint die Distanz zwischen unseren Heimatländern nur noch wie ein Katzensprung.

22.11.2019

Auto räumen und Klamotten packen

Samstag, den 23.11.19

Unsere Abfahrt rückte unerbittlich näher. Nachdem wir den verregneten Morgen genutzt hatten, um noch durch ein paar Second Hand Läden zu stöbern und wiederholt feststellten, dass sie total überteuert waren, nutzten wir den Nachmittag zum Packen. Es war total schwierig, so zu packen, dass es irgendwie Sinn machte. Wir wollten ja nicht bei unseren Gastgebern und an den Tagen im Hostel alles immer auspacken müssen, aber was würden wir noch brauchen? Was machte man mit einer fast noch vollen Campinggaskartusche? Im Hostel kann man sie anderen Reisenden anbieten, aber bei einem Mietappartement? Es war immer das Gleiche: bei der Anreise suchte man sich dumm und dämlich, um ein passendes Modell oder überhaupt Kartuschen zu finden, und am Schluss wusste man nicht wohin damit, weil sie nicht in den Flieger durften🤷‍♀️ Wir ließen sie leerbrennen und dann kam sie in den Müll, schade eigentlich. Wir taten uns ganz schön schwer damit, am übernächsten Tag unser Auto abgeben zu müssen. Es erinnerte schon fast an unsere Zeit in Neuseeland, nur handelte es sich da um unser eigenes Auto. Es würde wieder eine ziemliche Umstellung mit der Schlepperei und der Suche nach günstigen Zugverbindungen, die noch dazu möglichst nah ans Ziel führten. Wir hofften, dass in den nächsten Tagen wenigstens das Wetter wieder mitspielte. Nasse Klamotten machten nun wirklich keine Freude.

Fahrt bis Natori

Sonntag, den 24.11.19

Die Fahrt Richtung Sendai war regnerisch und lang, dennoch kamen wir früher in Natori an, als wir einchecken konnten. Von hier würden es am nächsten Tag nur noch ca 10km bis Sendai sein. Wir nutzten die Zeit, um die riesige Aeon Mall zu besuchen, ein wenig durch die Geschäfte zu schlendern und ein kleines Stofffaultier für Tsumugi zu kaufen, der eineinhalbjährigen Tochter von Noriko und Masahiko. Im Hotel beschwerten wir uns wegen des Rauchgeruchs in unserem Zimmer und bekamen ein anderes. Das war zwar auch nicht optimal, aber längst nicht so schlimm ist wie das erste. Unser Abendessen war etwas dürftig, denn unsere Reste mussten weg: 3xTütensuppe mit Maisgeschmack, ein paar Salatblätter, einen Rest von Mayonnaise und etwas Reibekäse. Dazu tranken wir Kamillentee und Kaffee und lauschten der Hörbuchtrologie „Silber-das dritte Buch der Träume“, einer Phantasie Story, die uns bereits seit einiger Zeit auf den langen Fahrten begleitet hatte.

23. u. 24.11.2019

Sendai und Wiedersehen in Fukushima

Montag, den 25.11.19

Das Wetter ließ uns dankenswerter Weise nicht im Stich. Als ich gegen 7:30Uhr aus dem 4.Stock unseres Hotelfensters guckte, sah ich in dichten Dunst und konnte kaum die Autos auf der Straße erkennen. Nur eine halbe Stunde später war der Nebel weg und wir konnten ohne Probleme unser Auto zur Vermietung nach Sendai bringen. Wieder zu Backpackern mutiert, gingen wir nebenan gemütlich frühstücken im selben Café, wie vor zwei Monaten. Wir ließen uns Zeit, weil wir für den ausgesuchten Bus nach Fukushima genügend Zeit hatten, aber als wir die Tickets kaufen wollten, wurde es doch wieder eng. Die Busgesellschaft bediente die Strecke nicht mehr und wir mussten zu einer anderen Bushaltestelle laufen und dort Tickets erwerben. Kurz nach Ticketkauf kam auch schon der Bus und brachte uns bis fast vor Norikos Haustür. Sie hatte sich schon mit dem Auto auf den Weg gemacht, um uns abzuholen. Gut, dass wir uns über WhatsApp verständigen konnten, sonst hätten wir Hase und Igel spielen können. Als sie kam, stellten wir nur kurz unsere Sachen in die Wohnung, dann fuhren wir gemeinsam zu einem Treffen bei einer Freundin. Noriko, und wohl auch ihre Freundinnen, hatten eine Fortbildung als Geschichtenerzählerinnen gemacht, und bald würde eine größere Veranstaltung stattfinden, wo sie ihr Gelerntes umsetzen sollten. Um die Phantasie der Kinder zu fördern, wollten sie ein buntes, selbstgemachtes Spielzeug einsetzen, bei dem die Kinder frei asozieren sollten, was ihnen dazu alles einfiel. Jedes Kind sollte eines bekommen. Das Treffen war nun dafür da, diese Spielzeuge zu basteln, und wir wurden mit Freude in den Bastelkreis aufgenommen. Danach hatten Stefan und ich Zeit, zwei Stunden lang das Hauptgeschäftsviertel von Fukushima zu erkunden. Für Neujahr, was hier in etwa die Bedeutung unseres Weihnachtsfestes einnimmt, mit Familienfeier und Geschenken, konnte man fertige Geschenkpackungen diverser Dinge, hauptsächlich auch Lebensmittel zu unglaublichen Preisen erwerben. So wurde ein Holzkästchen mit „Bento“, was soviel wie Lunchpaket heißt, für geschlagene 59400Yen (rd 495€!!!) verkauft, oder besonders eingepackte Nudeln für 4320Yen (36€). Die Zustellung wurde großzügiger Weise kostenlos angeboten👍. Weiß der Teufel, wer so etwas kaufte, aber es ist wohl so, dass sogar unter Geschäftspartnern die Erwartung besteht, dass am Jahresende die Dankesgeschenke eintreffen. Das ist ja auch bei uns nicht ganz unbekannt, aber ich habe es in dieser Größenordnung nie erlebt. Da ist dann das Finanzamt wohl doch zu wachsam, oder ich bin zu naiv, um mir das vorstellen zu können.
Zum Abendessen bereiteten Stefan und ich wieder Bratkartoffeln und Salat zu, dann kam der nächste Programmpunkt. Bei Noriko wurde es nie langweilig 😂 Sie nahm uns mit zu einer Art Volkshochschulkurs, wo die Teilnehmenden Angebote zur Beschäftigung mit Kindern und alten Menschen lernten. Zumeist handelte es sich um Bewegungsspiele wie Stopplaufen (wie bei uns Stopptanzen), das Reaktionsspiel „Schere, Stein, Papier“ (ohne Brunnen wie bei uns) und das in Teams, die gegeneinander antraten, Spiele mit Tüchern, Menschenknoten etc. Es war schon eine ganz schöne Herausforderung, mitzumachen, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Zum Glück kannten wir die meisten Übungen so oder ähnlich aus Deutschland und konnten durch Beobachtung dem Geschehen folgen und mitmachen. Manchmal übersetzte Noriko, wenn es nötig wurde. Es war ganz lustig und interessant zu erfahren, dass sich auch in Japan die Kinder immer weniger bewegten und Fähigkeiten wie Balance immer mehr abnahmen.
Wieder zurück in der Wohnung wurde noch etwas mit Tsumugi gespielt, dann war Bettzeit.

25.11.2019

Fukushima – Dorf der Jahreszeiten

Dienstag, den 26.11.19

Unser Tag begann ganz künstlerisch. Wir fuhren ins „Dorf der Jahreszeiten“ und bemalten in einem Workshop selber Kokeshi. Diese liebenswerten Holzfiguren wurden ursprünglich als Spielzeug für Mädchen entwickelt, heute sind sie bekannt in aller Welt als japanisches Souvenir. Sie stammen aus dem Norden Japans, der Tohokuregion. Im „Dorf der Jahreszeiten“ kann man diese aus Holz gedrechselten und mit der Hand bemalten Puppen nicht nur bewundern, denn jeder Künstler gestaltet sie etwas anders, sondern kann auch seine eigene bemalen. Das fanden wir mal eine andere und besonders reizvolle Idee für ein Souvenir und verbrachten ca 70Minuten mit der Fertigung unserer Kunstwerke. Später erzählte uns Noriko, dass eigentlich 15-20Minuten pro Workshop einkalkuliert wurden, Upps!😂 Da waren wir wohl sehr begeistert bei der Arbeit. Danach wanderten wir durch ein schönes Waldgebiet, in dem zu wärmeren Zeiten wohl häufig Picknicks veranstaltet werden. Durch das Gebiet fließt ein Fluss, der zeitweise sehr anschwellen und reißend werden kann. Man hatte zur Beherrschung des Flusses Mauern gebaut, die in kurzen Stücken ähnlich wie Flossen vom Fluss weggehen und ihn somit abbremsen und zeitweise umleiten.
Wir hatten super Wetter und genossen die restlichen bunten Blätter an und unter den Bäumen, sowie die Ausblicke auf die Vulkanberge rundherum. Ein Freilichtmuseum mit historischen Gebäuden hatte leider geschlossen, aber durch den Sportpark, der 2020 bei den Olympischen Spielen unter anderem Baseball beheimaten wird, konnte man Spazierengehen und Tsumugi konnte den Spielplatz genießen. Zum Abschluss bot sich uns von einem Hügel ein schöner Ausblick auf Fukushima. Auf dem Rückweg besuchten wir ein paar nette Kunsthandwerkergeschäfte in schönen alten Gebäuden. Zum Abendessen lernte Stefan Okonomiyaki kochen, ein sehr leckeres Pfannengericht, wo Gemüse (bzw. normalerweise auch Fleisch oder Fisch) in einem Teig auf heißer Platte gebraten wird. Darüber wird eine besondere Soße sparsam verteilt.

26.11.2019

Von Fukushima nach Fuji

Mittwoch, den 27.11.19

Endgültig Abschied von Fukushima🙁. Dieses Mal hatten wir hoffentlich nichts vergessen, denn so schnell würden wir jetzt wohl nicht wieder hierher kommen, auch wenn es sicher nicht die letzte Japanreise war. Noriko und Tsumugi begleiteten uns gegen 9Uhr zu Fuß zum Busbahnhof. Masahiko hatten wir an den zwei Tagen nur ein paar Minuten gesehen. Er ging morgens um 9Uhr zur Arbeit und kam an beiden Tagen erschöpft gegen 22:30Uhr zurück! Wie lange das gut geht, kann man nur vermuten. Er ist damit einer von Millionen typischen Japanern, die irgendwann völlig ausgebrannt sind und ggf dann ohne Familie dastehen. Er mag seine Arbeit, aber laut Noriko bedauert er auch sehr, dass er so wenig von seiner kleinen Tochter hat.
Für uns hieß es an dem Tag, ca. 8Std Bus- und Zugfahrt mit 3x umsteigen hinter uns zu bringen. Es hätte sicher auch schnellere Möglichkeiten gegeben, aber dann wäre der Preis gleich doppelt oder dreifach so hoch gewesen. Wir haben so 7730Yen (64,33€) pro Person für die Strecke Fukushima-Tokyo-Fuji bezahlt. Die Expresswaybusse waren gut mit Toilette und verstellbaren Sitzen ausgestattet, aber natürlich nicht ganz so pünktlich wie die Züge Dank Rush Hour. Zum Glück gab es in Tokyo noch eine spätere Verbindung, sonst hätten wir ein echtes Problem gehabt. Mit dem Auto waren wir es gewohnt, dass es ggf etwas stressig war, bei Dunkelheit und engen Straßen oder viel Verkehr und unübersichtlicher Straßenführung, abends unsere Unterkünfte zu finden. Ohne Auto mussten wir nun bangen, evtl nicht pünktlich zum Ziel zu kommen. 🤷‍♀️ Ideal erschien nix, aber Auto gab eindeutig mehr Sicherheit, denn im Notfall konnte man immer noch auf einer Raststätte drin schlafen.
Wir schafften es aber zu unserer Unterkunft und es stellte sich als tolles Hostel im Ryokanstil heraus. Unser Zimmer hat eine Matratze, keine Futon, auf Tatamimatten, TV, Kühlschrank und Schränke. Super Duschen und Toiletten waren auf der Etage, ein Bad im Onsenstil, aber mit Leitungswasser getrennt nach Geschlecht in den Nebengebäuden. Das würden wir uns irgendwann später einmal ansehen. Bei uns im Hauptgebäude war unten eine Bar mit kostenlosem Kaffee/Tee und alkoholfreien Erfrischungsgetränken, eine Mikrowelle zum selber Essen erwärmen, Spiele etc und auf dem Dach ein Heißwasserbecken fürs Fußbad, Hängematte, Sitzgelegenheiten und Barbecue. Das Beste war aber, dass man von hier den Fujijama (Fujisan in Japanisch) bei klarem Wetter sehen konnte. Nun hofften wir sehr, dass es in den nächsten Tagen klappte und die Wolken verschwanden. Für den kommenden Tag war Regen angesagt, aber Freitag und Samstag sah es laut Wetterapp gut aus. Das wäre ein toller Abschluss der Reise und dann hätte sich der teure Abstecher auch gelohnt. Aber auch so würden wir es hier genießen. Der Ort Fuji liegt auch am Meer. Die Umgebung wollten wir am kommenden Tag mal näher unter die Lupe nehmen.

27.11.2019

Fuji

Donnerstag, den 28. und Freitag, den 29.11.19

Für alle, die sich über die Zusammenlegung der Daten wundern: es gab einfach nichts über den Donnerstag zu berichten. Da es den ganzen Tag gegossen hat, haben wir ausschließlich gefaulenzt. Außer der großartigen Tatsache, dass wir kostenlos unsere Wäsche im Ryokan waschen und für weniger als einen Euro trocknen konnten, haben wir nichts vorzuweisen außer essen, schlafen und Filme gucken 🤷‍♀️

Am Freitag sah die Sache schon ganz anders aus. Um halb acht brach Stefan auf zum Joggen und ich schnappte mir meine Klamotten und lief aufs Dach. Wie erwartet, ließ sich an diesem Morgen bei schönster Sonne der Fujijama (Fujisan) hinter den Häusern blicken. Langsam kroch er immer mehr hinter den Wolken hervor, bis er in seiner ganzen Schönheit zu bewundern war. Er ist wirklich der perfekte Vulkan, gezuckert mit einem Häubchen aus Schnee. Genauso würden Kinder einen Vulkan malen. Er ist mit 3776 Metern Japans höchster Berg und hatte 1707 seinen letzten Ausbruch. Laut Wikipedia wurde er 2013 „als heiliger Ort und Quelle künstlerischer Inspiration“ in die Liste des UNESCO-Welterbes als Weltkulturerbe aufgenommen. Der Grund, dass er im japanischen Fujisan und in der westlichen Welt Fuji oder Fujiyama genannt wird liegt an der unterschiedlichen Möglichkeit, japanische Kanjis zu lesen.
Egal, wie man den Fuji nun nennt, er bot uns eine großartige Kulisse zum Frühstück und erfüllte uns mit seinem Anblick einen letzten Wunsch auf unserer Japanreise, bevor wir in der kommenden Woche nach Hause fliegen mussten.
Das schöne Wetter trieb uns dann auch bald aus dem Haus und wir erkundeten die Stadt zu Fuß, was mir über 20000 Schritte einbrachte bzw. über 12Kilometer. Wir versuchten noch andere Blicke auf den Fujisan zu erhaschen und gleichzeitig etwas von der Stadt zu sehen, die jedoch nicht besonders sehenswert war, wie Stefan schon beim Joggen feststellte. Wir bestaunten einen alten Zug im Shintorimachi Park, der für das Baujahr 1968 schon recht schnittig aussah. In der nach unserer Einschätzung Hauptgeschäftsstraße waren etliche Geschäfte mit Rolläden verschlossen und ein Künstler schien das zum Anlass genommen zu haben, dafür zu werben, sie mit Bildern zu verschönern. Es erinnerte mich an Initiativen bei uns, mit Bildern als Schaufensterdekoration Leerstände zu kaschieren. Immer wieder fiel uns auf, dass Japan in der Richtung recht ähnliche Probleme mit Abwanderung aus der Provinz und Geburtenrückgang zu haben scheint. Wir hörten auch immer wieder von Gastgebern der deren Bekannten, dass die Kinder in Tokyo lebten und arbeiteten und nicht mehr in den kleineren Orten der Eltern.

Wir kamen an einer sehr farbenfrohen Häuserzeile vorbei, deren Türen ebenfalls geschlossen waren, aber wohl eher, weil hier das Leben des nachts erst beginnt. Pubs, Raucherrestaurants und andere Vergnügungseinrichtungen ließen vermuten, dass das Leben in Japan auch nicht nur aus Arbeit besteht.
Unser Mittagessen bestand aus eingeschweißtem, fertigem Rührei mit Kräutern und einem Teilchen und Eis zu Nachtisch aus einem Supermarkt. Wir verursachten damit wieder eine halbe Plastiktüte voller Verpackungsmüll, echt zum Verzweifeln. Darüber hinaus ging uns in unserem Supermarkt vor der Haustür die Berieselung durch Werbung erheblich auf die Nerven. Selbst die Gefriertruhe sprach mit einem! Das ganze Gedudel und Geschnatter konnte einem wirklich das Einkaufen verleiden, aber noch schlimmer war das Fernsehen! Unser Hostel hatte eine sehr schöne Essecke, wo man sich kostenlos Getränke ziehen und Essen in der Mikrowelle erhitzen konnte, wäre da nur nicht diese Dauerbesudelung durch einen TV Werbesender, der das Programm mit Beamer an die Wand spielte! Japanisches Fernsehen dieser Art schien aus ca 95% Werbung für Essen zu bestehen. Es ist mir unerklärlich, warum die meisten Japaner ehr zu dünn als zu dick sind, denn die Begeisterung für Essbares ist unübertrefflich. Die Sendungen sind eigentlich immer ähnlich aufgebaut: Japanerinnen oder Japaner besuchen irgendeine Gegend ihres Landes, es gibt ein paar Fotos der Landschaft und dann kommen sie zu einem Markt, einem Obst- oder Gemüsestand, Restaurant oder einem dieser zahlreichen Lebensmittelsouvenirgeschäfte und probieren etwas von den Köstlichkeiten. Sie bekommen große Augen und platzen fast vor Begeisterung, so als hätten sie so etwas Gutes noch nie zu essen bekommen. Die Verkäuferin, oder z.B. der Händler bzw Produzent erklärt sehr ernst mit fast wissenschaftlicher Stimme etwas zu den Produkten bzw Speisen und mit viel Verbeugungen und Dankesbekundungen von beiden Seiten bekommen die Kunden das Obst, die Süßigkeit oder ähnliches schön eingepackt überreicht. Ständig steht in großer auffälliger Schrift Text groß über, nicht nur unter dem Bild. Alles ist so übertrieben und unnatürlich, dass wir nach dem Essen immer schnell aus der Ecke flüchteten.

28. u. 29.11.2019

Ausflug nach Fujinomiya

Samstag, den 30.11.19

Wieder meinte das Wetter es gut mit uns, und wir nahmen den Zug bzw. die Züge nach Fujinomiya. Wir wollten näher an den Fujiyama ran, und außerdem versprach die Stadt laut Google Maps interessanter als unser derzeitiger Aufenthaltsort zu sein. Wir waren sehr erfreut, dass dem auch so war. Nicht nur, dass in der Haupteinkaufsstraße mehr Leben herrschte, wir kamen auch nach ca 15 Minuten zu Fuß zum Fujisan Sengen Schrein. Viele Eltern mit Kindern in Kimonos und Babies in besonders hübscher Kleidung besuchten den Schrein für ihr Wohlergehen, und es gab für sie die Möglichkeit, Aufnahmen von sich machen zu lassen vorm Schrein und Berg. Die roten Tore und Gebäude hoben sich wunderschön vor dem schneebedeckten Vulkan und dem blauen Himmel ab, und wir hatten wieder Probleme, uns beim Fotografieren zurückzuhalten. Zuviel Fotos können auch das beste Motiv irgendwann langweilig werden lassen.
Hinter dem Schrein kamen wir zum Wakatma Pond, in dessen Wasser sich Bäume und Sträucher spiegelten und ein paar Enten munter herumschwommen. Ein Wasserlauf, der sich lebhaft aus dem See seinen Weg suchte, wurde von der leuchtend roten Kamiji Bridge überspannt. Die betonierten Seiten des Flusses waren von Rangpflanzen mit kleinen Blüten überzogen. Von hier aus folgten wir dem Weg zum UNESCO World Heritage Center. Wir waren begeistert von der beeindruckenden Architektur des Gebäudes, das die Form eines umgedrehten Kegels hat und an einen Fujiyama auf dem Kopf erinnert. Es spiegelt sich im Wasser, in dem es steht. Im Inneren dient die Form einem spiralförmig angelegten Weg, der an der Außenwand per Beamerpräsentation den Aufstieg zum Fujiyama nachempfinden lässt. Nach innen gehen Wege ab, wo weitere Informationen zur Geschichte des Berges bezüglich seiner Spiritualität, seiner Anziehungskraft auf Bergsteiger, Poeten, Künstler und Pilger gleichermaßen aufgezeigt werden. Interessant fand ich, dass die ersten Besteigungen des Fujiyama von Ausländern große Diskussionen hervorgerufen hatten, da vermutet wurde, dass sie die Götter verärgerten. Zum Schluss gab es einem Film, der den Berg von der Luft und aus verschiedenen Richtungen zu verschiedenen Jahreszeiten zeigte. Die Ausstellung war wirklich interessant und hat uns gut gefallen.
Bevor wir uns wieder auf die einstündige Fahrt zu unserem Hostel machten, besuchten wir noch das Aeon Einkaufscenter und aßen verspätet etwas zu Mittag.
Wieder in Fuji besorgten wir uns zum Abendessen zwei Fertigpackungen Käsefondue, die sich als sehr mäßig herausstellten. Von Käse haben die Japaner wirklich keine Ahnung. Auf der Suche nach etwas zu knabbern für unsere Fahrt nach Tokyo am kommenden Tag, bekamen wir wieder mal einen Verzweiflungsanfall. Da gab es doch tatsächlich im Geschäft eine Tüte Erdnüsse in Schale, bei der jede einzelne Nuss in Plastik eingepackt war! Es ist wirklich zum Verzweifeln, wenn man sowas sieht. Nicht, dass ich uns Deutsche für Umweltprofis hielte, ganz und gar nicht, aber so krank wie sie in Japan mit Platikverpackungen sind, sind wir zum Glück nicht.

30.11.2019

Wieder in Tokyo

Sonntag, den 1.12.19

Am 1.Advent mussten wir den Fujiyama verlassen und wieder zurück nach Tokyo. Unsere Zeit in Japan ging unweigerlich zu Ende. Am Morgen hatte sich unser Lieblingsberg wieder hinter Wolken versteckt, aber auf der Bahnfahrt, die über eine lange Zeit immer südlich an ihm vorbeiführte, zeigte er sich abwechselnd in seiner vollen Pracht und manchmal guckte er verschämt nur mit einer weißen Spitze aus den Wolken hervor.
Gegen frühen Nachmittag erreichten wir Tokyo, Hirashi Nagano Station und folgten der genauen Beschreibung unserer Servasgastgeberin zu ihrem Haus. Unser erster Besuch im September, als wir mit ihr den Quartierschrein durch die Straßen getragen hatten, war ja fast 3Monate her, sodass wir uns nicht mehr hundertprozentig auskannten. Wir wurden herzlich von Rosemarie und ihrer Tochter begrüßt und tranken einen Kaffee zusammen, dann machten wir uns auf den Weg in den Trubel der Stadt, um noch ein wenig einzukaufen und unsere Gastgeberin ging zum Volleyballtraining. Wir fuhren zurück zum größten und verwirrendsten Bahnhof der Welt, Shinjuku. Dieses Mal erlebte ich Tokyo so, wie ich es mir in Deutschland vorgestellt hatte: voll, laut, schrill und verrückt. Überall Menschen, werbende Verkaufsstimmen und Musik klangen aus Geschäften, vorbeifahrenden, beleuchteten Werbe-LKWs und von riesigen Animationsbildschirmen an den Hochhäusern. Verkaufspersonal warb mit piepsigen Mickymausstimmen und Werbezetteln in schrillen Lettern für alles mögliche, was wir eh weder verstanden noch brauchten. Aus Vergnügungsläden mit Spielautomaten, bei denen man mit Greifarmen allen möglichen auf süß gestylten Kitsch angeln konnte, meist aber sein Geld dabei verlor, kam ein Höllenlärm. In schmaleren Fußgängerstraßen in Kabukichu reihten sich Etablissements, die „Relaxation“ anboten. Knapp bekleidete junge Mädchengesichter mit einem auf kindlich gemachten, leicht erotischen Blick warben um ihre Kunden. Dazwischen grell leuchtende Werbung für ein Roboterrestaurant, für das man sich zuvor anmelden und einen hohen Eintrittspreis hinblättern muss. „Entrance Fee / per person : 8,500 yen//Meal Fee / per person : A:1,500yen B:1,200yen C:1,000yen“. Geboten wurde dafür eine Show während des Essens, aber grade mal rund 80€ pro Person als Eintritt für das Vergnügen auszugeben und für das Essen mindestens 8,20€, war es uns nicht Wert. Mal abgesehen davon, dass das Essen voraussichtlich eh nicht für Vegetarier tauglich gewesen wäre und schon auf der Internetseite vor grellem Flashlight und lauten Geräuschen gewarnt wurde. Insgesamt musste man die Gegend mal erlebt haben mit ihrem Zuviel an schrillen, grellen, lauten Angeboten, aber wir waren froh, nach einer Weile dieser krassen Welt entfliehen zu können. Auch in den großen Department Stores war es so überfrachtet an Angeboten, und bei jeder Abteilung warb Personal mit Zetteln und übertriebener Fröhlichkeit durchs Mikrofon für die Produkte, dass man nur Reißaus nehmen konnte. Ich sehnte mich schon bald in die geruhsame Welt der Natur zurück. So krass hatte ich Tokyo nicht in Erinnerung gehabt. Am Abend trafen wir uns mit Rosemarie in einer gemütlichen Pizzeria mit richtig nach Italien schmeckender Pizza.

01.12.2019

Tokyo und Abschied

Montag, den 2.12.19

Am Montag, dem letzten Tag in Tokyo, zeigte uns der Himmel noch einmal, wie traurig er über unsere Abreise war, oder vielleicht waren es ja auch Freudentränen, auf jeden Fall groß es wieder in Strömen. Wir erkundeten deshalb die Unterwelt Tokyos mit Rosemarie. Von Tokyo Station aus, bei der man das alte Backsteingebäude schön restauriert hatte und das auch von innen eine sehr schöne Eingangshalle hat, erkundeten wir das angesagte Nobelviertel Ginza mit großzügigen Tunneln voller Geschäfte. Wir konnten die japanischen Charakterfiguren von Snoopy bis Pikachu bewundern, und an unzähligen Bekleidungsläden vorbeigehen, wobei die Gerüche aus den natürlich auch dort zahlreichen Restaurants uns stets begleitete. Von der 38.Etage eines Hochhauses konnten wir von oben einen Blick auf den Kaisergarten und ein Stückchen des Daches des Kaiserpalastes wie auf die Regierungsgebäude werfen. Da noch für eine kurze Zeit der Aufbau der Requisiten für die Krönungszeremonie zu sehen waren, stand trotz Regen eine lange Schlange Besucher vor dem Eingang. Das schenkten wir uns und besuchten dafür das edle und älteste Kaufhaus Tokyos „Mitsukoshi“ im kaiserlichen Nobelviertel Nihonbashi, gegenüber der historischen Brücke mit demselben Namen. Hier ist die ganze Welt in mehreren Etagen angelegt. Unter dir U-und S-Bahnen, Einkaufsmeilen in unterirdischen Tunneln, auf Straßenebene Hochhäuser mit Büros, Nobelgeschäfte, Banken etc und über dir die Stadtautobahn auf Pfeilern und teilweise auch Bahnlinien wie für den Shinkansen. Am Nachmittag fuhren wir zurück zu unseren Gastgebern im Bezirk Nagano, einer ruhigen Straße, von der man aber bei freier Strecke in 10Minuten den Hauptbahnhof Shinjuku und die Party- und Einkaufsmeile rundherum erreicht. Aus diesem Grund brachte uns Rosemarie auch am Abreisetag, Dienstag, den 3.12.19 um 5:10 dorthin zum Airportshuttle.

02.12.2019

Dienstag, den 3.12.19

Rosemarie lieferte uns pünktlich gegen 4:30Uhr in der früh beim Busbahnhof Shinjuku Station ab. Wieder mal folgte ein Abschied. Wir fuhren dann die 105Minuten für 3200Yen (26,27€) im komfortablen Bus statt mit dem Zug. Uns hätte ein Zug ausgereicht, aber um die nachtschlafende Zeit mit mehrmaligem Umstieg hätten wir noch eine Stunde früher aufbrechen müssen, und das wollten wir unseren Gastgebern nicht zumuten. Es war ja so schon unheimlich lieb von Rosemarie, uns bis zum Busbahnhof zu fahren, also genossen wir den Komfort. Dann blieb uns nur noch ein paar Stunden bis zum Abflug im Narita Airport zu sitzen, unsere letzten Yen für Kaffee und Süßigkeiten zu verjubeln und zu warten, dass wir endlich in unseren Flieger steigen konnten. Wir wären gerne länger geblieben, freuten uns aber auch auf unsere Familie und Freunde zuhause und Japan läuft uns sicher nicht weg. Wir landeten nach Zwischenstopp in Warschau abends pünktlich in Hannover, bekamen am Hauptbahnhof noch unseren Zug nach Bad Harzburg und waren gegen Mitternacht zuhause in unserer Wohnung. Gute Nacht 🙋‍♀️🙋🏻‍♂️

03.12.2019

3 Kommentare zu „Japan“

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