Vom Harz nach Bonn – mit dem Wohnmobil im „mittleren Westen“ Deutschlands

Bekanntes neu entdecken, Unbekanntes kennenlernen

Am Pfingstmontag, 1.Juni 2020 brechen wir auf in Richtung Nordrhein Westfalen. Wir wollen eine Freundin im Solling und unseren Sohn in Bonn besuchen, aber nicht nur das. Wir kommen beide ursprünglich aus diesem Bundesland und wollen es auf dem Weg (neu)entdecken. Dieses Mal reisen wir nicht mit Auto und schlafen nicht in festen Unterkünften, sondern wir haben unser fahrendes Zuhause mal wieder bei uns. Unser 24 Jahre altes „Womi“ hat es mit etwas Nachbesserung nochmal durch den TÜV geschafft und bietet uns eine sichere Möglichkeit auch während der Coronapandemie zu reisen.

Im Solling erreichen wir unseren ersten Übernachtungsstopp. Wir übernachten bei der Ölmühle Solling auf einem kleinen Parkplatz für Wohnmobile. Die Ölmühle ist von einem sehr schönen Garten umgeben. Zwischenstopps machen wir in Seesen zum Tischtennis spielen 😀 und später zum Eis essen bei Uslar. Hier gibt es für uns noch nicht besonders viel zu erkunden, da es in unserer Wohnortnähe liegt und wir in den letzten Jahren häufig hier waren.

Von Dienstag Nachmittag bis Mittwochmorgen verbringen wir eine sehr schöne Zeit in Brakel-Frohnhausen bei einer Freundin. Wir werden mit leckerem Essen verwöhnt, hören den zwei Töchtern (13+15) bei ihren Erzählungen über Corona und Schule mit Interesse zu und unternehmen einen langen Spaziergang durch die Umgebung und den Ortskern, der nicht viel mehr als Kindergarten und Gemeinschaftshaus zu bieten hat. Wir lernen aber auch etwas über die Vorzüge des Dorflebens. Der Besuch des Eiswagens ist beispielsweise eine so verbindende Aktion, dass die Mädchen mit Freunden eine „Eismann-Wartebank“ gebaut haben, und das nicht nur einmal. Nachdem die erste von Nachbarn als Holzabfall ins Feuer befördert wurde, wurde zuletzt eine ganze Sitzecke mit Tisch mit Hilfe des Vaters gezimmert, an der man sich nun trifft, um auf den Eismann zu warten oder auch mal Hausaufgaben zu machen. Einmal im Jahr findet bei der Eismann Bank ein Dorffest statt, zu dem der Eismann eingeladen wird. Die Familien grillen und der Eismann spendiert Eis für die Kinder. Die Kommunikation verläuft über den Dorf-WhatsApp-Chat, über den der Eismann auch mal zu privaten Feiern eine Bestellung bekommt. Ansonsten ist es jedoch für alte oder jugendliche Bewohner ohne fahrbaren Untersatz im Dorf schon ein Problem, denn es gibt weder Geschäfte noch eine vernünftige Anbindung per öffentlichen Verkehr. Dennoch ziehen regelmäßig junge Familien nach, sodass das dörfliche Leben nicht ausstirbt.
Im Wald sieht es ähnlich bitter aus wie im Harz. Auch hier haben die Borkenkäfer zugeschlagen oder besser zugebissen, sodass große Waldstücke gefällt werden mussten.

Unsere Fahrt geht von hier aus weiter nach Warburg mit dem „Rathaus dazwischen„. Die ehemalige Altstadt und die Neustadt ( für heutige Zeiten ebenso eine Altstadt), waren einst getrennt und hatten eine eigene Verwaltung und einen eigenen Marktplatz, bis es 1436 zum Zusammenschluss kam. Um es beiden Seiten Recht zu machen, baute man ein „Rathaus dazwischen“, wie es sich jetzt nennt.
Danach geht unsere Fahrt weiter zum Diemelsee, wo wir eine kleine Wanderung unternehmen und auf einem netten Wanderparkplatz mit Blick auf den See nächtigten.

Seit Donnerstagmorgen regnet es mit kurzen Unterbrechungen, sodass wir weiterfahren ins Hochsauerland nach Schmallenberg, wo wir einen Stellplatz mit Strom beim Schwimmbad finden. Leider ist ja mit Schwimmen und Sauna momentan nix drin wegen Corona. Wir schlendern einmal durch den Ort und entdecken eine Tischtennisplatte, doch das Wetter ist zu mies zum spielen.

Freitag, der 5. Juni, bringt uns, nach einer Runde Tischtennis, die vom Regen beendet wird, weiter Richtung Westen, in die Trupbacher Heide, nicht weit von Siegen. Hier erwischt uns der Regen bei einer Wanderung voll. Wir wählen extra die kürzere Runde, weil es schon den ganzen Morgen immer wieder geregnet hat. Als wir aufbrechen, ist es trocken, aber nach ca 3km beginnt es zu schütten und da wir in einem Heide- und Magerrasengebiet sind, ist auch nicht viel Schutz durch Bäume zu erwarten, so kommen wir nach fast 6km klatschnass am Womi an. Wir fahren noch ein paar Kilometer bis Wenden, wo wir nun auf einem ruhigen Stellplatz direkt hinter dem Rathaus stehen und da wir hier Strom bekommen, läuft nun unser kleiner Heizer auf vollen Touren und wärmt uns und unsere nassen Sachen.
Eine kurze Regenpause nutzen wir, um uns ein wenig in dem nichtssagenden Ort umzusehen. Was hier im „Laschet Land“ im übrigen auffällt ist, dass viel mehr Leute von selbst Masken tragen, auch außerhalb von Geschäften und Restaurants.

Am kommenden Tag mit miserablem Wetter am Morgen, klärt sich der Himmel gegen Mittag auf und wir können doch noch ein wenig das nette Städtchen im Kreis Siegen-Wittgenstein bewundern. Es hat ein kleine, aber feine Altstadt mit sehr einheitlicher Fachwerkbebauung und symmetrischer Anordnung der Häuser. Nach etlichen Anläufen aufgrund von Baustellen finden wir auch den schönen Ausblick vom Kurpark auf das Fachwerkstädtchen. Eine sehr nette Dame, die uns auf unser Kennzeichen anspricht und uns mit Begeisterung von ihrem Besuch in Goslar erzählt, weist uns darauf hin und verrät uns auch die beste Eisdiele im Ort🍧.
Von dort fahren wir zum „Naturerlebnispark Panarbora“ bei Waldbröl. Es ist ein Projekt des DJH Rheinland und besteht aus Baumwipfelpfad, Aussichtsturm und Baumhäusern bzw Hütten zur Übernachtung mit Seminarangebot. Der gigantische Aussichtsturm, der von weitem ins Auge sticht und die vielen Besucher, lassen uns gleich umkehren. Es mag ja ein gutes Projekt sein, hat auch einen Preis gewonnen, aber warum muss man so ein Monstrum in die Landschaft stellen? Wir ergreifen die Flucht und wollen uns das Wasserschloss in Crottorf ansehen. Leider hat es nicht nur geschlossen, sondern ist so hinter Zäunen, Mauern und Bäumen versteckt, dass man das romantische Anwesen in dem schönen Park nur erahnen kann. Uns bleibt nichts anderes übrig, als enttäuscht Richtung Stellplatz in Nümbrecht weiterzufahren, und eine kleine Wanderung zum Schloss Homburg zu machen. Hier haben wir mehr Glück. Inzwischen begleitet uns die Sonne, sodass wir die kleine Tour rund um das Schloss genießen können.
Von Nümbrecht aus führt uns unser Weg einen Tag später zum Truppenübungsplatz bzw. Naturschutzgebiet Wahner Heide, ziemlich genau neben dem Flughafen Köln/Bonn. Auch wenn weder Flughafen noch Militärgebiet es kaum vermuten lassen, treffen wir sehr schöne Natur an. Wir fühlen uns an unsere Zeit in Bispingen erinnert, wo die englischen Panzer damals auch noch in Schneverdingen durch die Heide wühlten und wo heute in Munster noch der große Nato Truppenübungsplatz mitten in der Lüneburger Heide ist. Hier in der Wahner Heide befindet sich bereits seit 1817 ein Truppenübungsplatz, der bereits vom preußischen Militär und den Nazis und nach dem 2.Weltkrieg von der Royal Air Force, die einen Militärflughafen baute, und den Belgiern genutzt wurde. Im Sondermunitionslager Wahner Heide lagerten einst sogar Atomwaffen, von den Belgiern beschützt. Heute übt hier die Bundeswehr.
Danach wandern wir in Troisdorf noch ein wenig beim Schloss und Wildpark umher, bevor wir nach Bonn zu unserem Übernachtungsplatz beim Waldfriedhof Heiderhof fahren. Unser Sohn hat einen Tisch im Garten eines Restaurants genau zwischen seiner Wohnung und dem Friedhof bestellt und wir verbringen zwei schöne Stunden dort mit ihm. Er zeigt uns einen Rückweg durch den Wald, in dem er häufig joggt, sodass wir kurz vor dem Dunkelwerden wieder in unser Nest schlüpfen können.
Wir verabschieden uns am kommenden Morgen von Bonn und überqueren wieder den Rhein. Unser erster Stopp gilt Königswinter mit Schloss Drachenburg und dem Drachenfels. Der steile Aufstieg lohnt sich, denn man hat von dort oben einen tollen Ausblick auf den Rhein und Bonn. Weiter geht es mit einem Pizzastopp und einer Runde Tischtennis in einem kleinen Dorf, um danach das nächste Ziel, Dillenburg, in Angriff zu nehmen. Wieder wandern wir den Berg hoch zum ehemaligen Schlossplatz mit den Resten der Festungsmauern und dem Wilhelmsturm, der Ende des 19. Jahrhunderts zu Ehren von Wilhelm I. von Oranien dort errichtet wurde.
Wir überlegen, danach noch Marburg einen kurzen Besuch abzustatten, aber zum einen, dürfen wir nicht mit dem Womi in die Umweltzone fahren und zum anderen, fängt es an zu gewittern. Wir entschließen uns daher, weiterzufahren bis Rosenthal, einem kleinen hessischen Ort, mit super ausgestattetem und gemütlichem Stellplatz, wo wir zum ersten Mal auf der Tour wieder WLAN haben und das noch dazu kostenlos. Am kommenden Tag besteht uns noch ein langer und eher langweiliger Trip zurück nach Bad Harzburg bevor, da ich am Mittwoch einen Termin habe. Außerdem halten wir es für nicht sehr ratsam, am langen Wochenende mit Fronleichnam in Bundesländern zu reisen, wo die Leute frei haben. Da befürchten wir überfüllte Wanderwege, Orte und Stellplätze.

Fazit: wir haben ein paar schöne Tage mit netten Begegnungen verbracht und viele Orte gesehen, die wir bisher nicht kannten. Da wir auf kleineren Straßen unterwegs waren und große Städte bis auf Bonn, wo wir uns aber auch nur im Randgebiet aufhielten, vermieden haben, hatten wir weder Probleme, einen Stellplatz zu finden, noch mussten wir Angst haben, das große Touristenscharen eine große Ansteckungsgefahr bedeuteten. So wollen wir weitere Gegenden Deutschlands erkunden und das nächste Ziel steht bereits fest: der hohe Norden, denn Schleswig Holstein lässt uns inzwischen auch wieder rein!

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